Traditionelle Wirtschaftsformen durchdringen im Jemen bis heute die wichtigsten Wirtschaftszweige der Landwirtschaft, des Handels und des Handwerks. Vergleichbar mit den asiatischen Bergländern Afghanistan, Bhutan und Nepal wurde der Jemen erst sehr spät vom weltwirtschaftlichen Expansionismus der Industriestaaten erfasstMichael Hofmann Entwicklung und Entwicklungsplanung der beiden Jemen S. 421 und fristete bis Ende der 1960er Jahre ein vom Weltmarkt nahezu unberührtes Dasein; dies uneingedenk der antiken jemenitischen Wirtschaftsgeschichte im altsüdarabischen Kontext der Reiche von Saba (Staudamm von Ma'rib), Ausan, Qataban, Hadramaut und Himyar (Zisternen von Tawila, Bergwerk von ar-Radrad) ab Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. bis zur Ausbreitung des Islam ab 632 n. Chr. Himyar unterhielt ab dem späten 3. Jahrhundert nach der Konsolidierung der Arabischen Halbinsel einen schwunghaften internationalen Fernhandel mit Salz, Wein und aromatischen Harzen. In der islamischen Epoche nutzten die Rasuliden ihre bedeutenden Fernhandelsnetze mit Ägypten, Persien und China.Werner Daum JEMEN – 3000 Jahre Geschichte, Kultur und Kunst Von der Königin von Saba zu einem modernen Staatswesen S. 9–28
Erst politische Umbrüche und Ausstrahlungseffekte des Erdölbooms der arabischen Region zwangen den Jemen überhaupt in den Modernisierungsprozess einzutreten.Horst Kopp Die Landwirtschaft des Jemen – Vom Mokka zum Qat S. 365–369 Dadurch ausgelöst finden zwar einschneidende Veränderungen im Lande statt und die Weichen für die zukünftige Gestaltung einer jemenitischen Industriegesellschaft (Infrastrukturausbau, Fabrikaufbau, Importwirtschaft) scheinen gestellt, doch ist das Kompetenzgefälle gegenüber fortgeschrittenen Ländern im Entwicklungsprozess unübersehbar großMatthias Weiter Entwicklung und Entwicklungshilfe im Jemen S. 435 (siehe: Huthi-Konflikt, Militärintervention im Jemen seit 2015). Gleichwohl sterben die alten Wirtschaftstraditionen aus und gehören weitgehend der Vergangenheit an. Für das Verständnis der sozio-ökonomischen Strukturen sind sie dennoch unverzichtbar, zumal der Jemen lange ohne äußere Anstöße geblieben ist. Für Jahrhunderte verharrte er auf dem Entwicklungsniveau einer (sesshaften) Agrargesellschaft. Insgesamt verwundert es nicht, dass die sozio-ökonomische Wirklichkeit des Jemen auf althergebrachten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen beruht.
Nomadische Herdenwirtschaft und Wirtschaftsformen der Sesshaften Die beiden grundlegend unterschiedlichen Wirtschaftsformen der Nomaden und Sesshaften sind im Jemen von deren regionalen, interregionalen und organisatorischen Komponenten (auf verhältnismäßig engem Raum) bestimmt. Einige arabische Siedlungen haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund, so Ma'rib, Zafar oder das heute in Saudi-Arabien liegende Nadschran, andere nicht, wie Aden oder außerhalb des Jemen, Petra, Palmyra und Mekka. Die himyarische Wirtschaft gründet auf eine an die Bedingungen des Gebirges angepasste Form der Landwirtschaft, und nicht, auf nomadische Herdenwirtschaft. Regelmäßig wiederkehrende (Jahr-)Märkte (Aswaq al-Arab) sind in der vorislamischen Periode erstmals im frühen 7. Jahrhundert entlang der Küste des Roten Meers dokumentiert.Paul Yule, Himyar–Spätantike im Jemen/Late Antique Yemen, S. 56 ff. (s. Lit.)
Subsistenzwirtschaft der Beduinen Beduinen leben im Norden des Landes, in der Übergangszone zum östlichen Hochland. Die kleine Oasen der Rub al-Chali (Leeres Viertel) werden zur Kultivierung von Datteln genutzt. Vegetation ist äußerst spärlich.Walter Dostal: Traditionelle Wirtschaft und Gesellschaft, S. 331–365
Lebensgrundlagen mini|Rub' al Khali (Leeres Viertel) Die Grundlage nomadischer Lebensweise bildet der Viehbestand. Vornehmlich sind dies Dromedare und Ziegen, sehr selten Schafe. Die Herden sind klein und dienen der Selbstversorgung. Höchsten Prestigewert haben die Dromedare, die neben ihrer wirtschaftlich vielseitigen Nutzbarkeit (Milch, Haar- und Fleischlieferant beziehungsweise Reit- und Transportmittel), Ansehen einbringen. Die nur schwach fette Milch der Dromedare deckt Teile des täglichen Trinkbedarfs. Fetter ist Ziegenmilch; zur Konservierung wird sie zu geklärter Butter verkocht. Die anfallende Buttermilch dient der Herstellung von Trockenmilch. Aufgekocht, zu Klumpen geformt und getrocknet hilft sie, Engpässe der Milchversorgung zu überwinden, die durch die zeitliche Begrenzung der Laktationsperiode der Ziegen entstehen können.
Der am Beispiel der Milchverwertung dargestellten supplementären Wirtschaft der Beduinen kommt deshalb eine herausragende Bedeutung zu, weil klassische Primäraktivitäten wie die Jagd vollständig ausfallen. Wildtierbestände sind spärlich und Jagderfolge nicht planbare Zufallsergebnisse. Auch das (Auf-)Sammeln kulinarisch werthaltiger Boden-/ Strauch- und Baumfrüchte entfällt aufgrund widriger ökozonaler Bedingungen. Holz wird hingegen eingesammelt und auf den ländlichen Wochenmärkten verkauft. Fast versiegt ist heute der einst florierende Weihrauchhandel. Allein Beduinen des östlichen Hadramaut erzielen kleine Einnahmen mit Weihrauch. Rentierlicher ist die Verarbeitung von Schafs- und Ziegenwolle für Webteppiche (Farda und Schamla genannt) sowie Kleidungsstücke und Kopfbedeckungen. mini|Dromedare als Lasttiere Den wichtigsten Wirtschaftszweig bilden Karawanendienste. Hierbei handelt es sich um marktgebundene Dienstleistungen, die den Beduinen im Auftrag von Kaufleuten zur Durchführung anvertraut werden. Die Beduinen verantworten dabei den ordnungsgemäßen Transport, weshalb diesen Aufgaben der Charakter von Kommissionsgeschäften zukommt. Transport und Unversehrtheit des anvertrauten Gutes bei Übergabe an den Käufer stehen als Leistungsbündel der Entlohnung gegenüber.
Nomadische Wirtschaftsorganisation im Familienverbund Konstitutives Element der nomadischen Stammesgesellschaften ist das patrilineare Abstammungssystem. Den patrilinearen Regeln folgend, werden die Anordnungen des Familiengründers befolgt. Gründungsväter von Familien inkorporieren gleichsam die nachfolgenden Generationen (Söhne, Enkel). Allein sie halten die Eigentums- und damit Verfügungsrechte über die Produktionsmittel und Sachen (Vieh, technische Ausrüstungen). Ausnahmen bilden Mitgifts- oder Geburtsgeschenke. Die Arbeitsorganisation innerhalb dieses Systems folgt dem Prinzip der geschlechtsgetrennten Arbeitsaufteilung. Das System ist als Kooperative zwischen Mann und Frau zu verstehen, denn die anfallenden Belastungen hängen von den wirtschaftlichen Erfordernissen und der Größenordnung der übernommenen Verpflichtungen für den gesamten Familienverband ab. mini|Terrassenfeldbau im jemenitischen Hochland Die Frau trägt die Hauptlast im Bereich der familiären Versorgung. Ihre Bemühungen gehen dahin, die Güter reziprok im Verwandtschaftsverhältnis zirkulieren zu lassen. Diese Mechanismen minimieren Risiken, denn man glaubt auf gemeinsame Ahnen zurückzuführen zu sein, was letztlich kodexierte Beistandsverpflichtungen auslöst und den Güterkreislauf in Balance hält. Die Delegation von Arbeiten an jüngere Frauen ist üblich.
Der Mann im nomadischen Kontext besorgt die Kamelzucht, die Schur und die ärztliche Behandlung der Tiere, die Verteidigung und die Wahrung der externen Beziehungen. Die Absatzmärkte für die nomadischen Produktionsgüter funktionieren ähnlich wie die Märkte für Karawanendienste – nämlich auf Kommissionsbasis. Nomaden setzen ihre Güter nicht unmittelbar auf den Märkten ab, sondern bedienen sich des dallāl (Kommissionshändlers). Auch hierin kann man eine Risikominimierungsmaßnahme erkennen, denn in Notlagen können Güter (Hirse, Reis Datteln, Zucker) per Vorschuss durch den Kommissionär erworben werden. Ein zweiter Aspekt aber ist wichtig: Die Rechtsfähigkeit der am Handel beteiligten Personen muss gewährleistet sein. Wie bereits dargelegt, folgt jedes Verfügungsrecht über Sachgüter dem (derivativen) Erwerb vom Berechtigten; im patrilinearen Kontext also vom Gründer des jeweiligen Familienverbandes. Aus der Gemeinsamkeit der durch einen genealogischen Gründungsakt zusammengeschlossenen Gruppe wird das einzelne Geschäft mit der notwendigen gesellschaftlichen Rückverbundenheit ausgestattet und damit nach dem Verständnis der Beduinen auch rechtsverbindlich.
Ebenfalls dem Kompetenzbereich des Mannes unterliegt der Viehraub (ghazū). Nicht ökonomische, sondern prestigemehrende Interessen veranlassen dieses Verhalten. Opfer dabei sind verfeindete Stämme. Der Kamelraub verkörpert ein soziales Statussymbol und noch mehr: Er steht im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten hoher Rangordnung.
Stammeswesen Unentbehrliche Produktionsmittel, Weidegründe und Brunnen werden rechtlich als gemeinschaftliches Eigentum des Stammes ausgewiesen. Insoweit werden familiäre durch kollektive Interessen überlagert. Die Familienältesten kooperieren in diesen Fällen mit dem Muqaddam, dem gewählten Stammesführer innerhalb der tribalen Organisation. Im Gegensatz zur Autorität der Stammesältesten ist die des Muqaddam anfechtbar. Den Muqaddam schützt auch die erbliche Nachfolge des Amtsrechts nicht vor der notwendigen Bestätigung durch Wahl. Bei Unfähigkeit oder Illoyalität erfolgt die Abwahl. Die Familienväter behalten in diesem System jedweden Rechtsvorbehalt inne.
Das Bauern- und Handwerkertum im jemenitischen Hochland Die Landwirtschaft Die Wasserwirtschaft für den Terrassenfeldbau