Als Zoroastrierverfolgung bezeichnet man eine systematische, gesellschaftliche und/oder staatliche Benachteiligung und existentielle Bedrohung von Menschen zoroastrischen Glaubens im Iran. Die bis zur islamischen Expansion im 7. Jahrhundert vorherrschende Religion des Iran hat heute –, nach Jahrhunderten der Unterdrückung und Auswanderung –, noch etwa 30.000 Gläubige, die in der Provinz Yazd, der Stadt Kerman und Teheran ansässig sind.Zoroastrier im Iran. Gesellschaft für bedrohte Völker, abgerufen am 14. September 2010.Zarathustrier im Iran: Auf dem Rückzug. Qantara.de, abgerufen am 15. September 2010.

Anfänge Die Zoroastrierunterdrückung begann nach der arabischen Eroberung des Sassanidenreichs im heutigen Iran im 7. Jahrhundert und dem Übergang der dortigen Staatsreligion vom Zoroastrismus zum Islam. Die arabische Eroberung erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte. Hormazdyar Mirza schreibt:

Die Konfiszierung des Eigentums von Feuertempeln im Gebiet des heutigen Bahrain und Irak mag neben religiösen auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben. Die breite Masse der Iraner weigerte sich zunächst, zum Islam zu konvertieren. Das Konversionsinteresse der Eroberer scheint auch rasch nachgelassen zu haben, da die Nicht-Muslime die Kopfsteuer zahlen mussten, an deren Eintreibung den islamischen Gouverneuren schon aus persönlichen Gründen gelegen war.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 1, Stuttgart 2002, S. 267f. So wird von einer Gruppe von Zoroastriern aus Chorasan berichtet, die angeblich durch einen Wanderprediger zum Islam bekehrt worden waren, dann aber verhaftet und hingerichtet wurde, nachdem beim Gouverneur eine Beschwerde eingegangen war, dass die Konvertiten lediglich deshalb Muslime geworden seien, um Steuern zu sparen.Jamsheed Chosky: conflict and cooperation. New York 1997, S. 268.

Da der Koran keine Informationen über die rechtliche Stellung der Zoroastrier als Schriftbesitzer enthält, war zunächst unklar, wie sie steuerlich einzuordnen waren. In der Zeit der Abbasiden erhielten die Zoroastrier einen Zwischenstatus zwischen den 'Heiden und Götzenverehrern' und den Schriftbesitzern. Sie mussten die Kopfsteuer bezahlen. Den Muslimen war es aber nicht erlaubt, eine Zoroastrierin zu heiraten, wohingegen keine Ehehindernisse gegen jüdische oder christliche Frauen bestanden. Die Zoroastrier erhielten erst dann den Dhimma-Status der Schutzbefohlenen wie die Christen und Juden, nachdem Zarathustra mit Abraham in Verbindung gebracht wurde, was die zoroastrische Religion zu einer abrahamitischen Religion machte, die in den Augen der Muslime eine gewisse Legitimität besaß.J. R. Russel: Our father Abraham and the Magi. In: JCOI. 54, 1987, S. 56–73.

Die systematische Benachteiligung und Vertreibung der Zoroastrier begann nach dem Auftreten der Bujiden um das Jahr 936.Johann Figel: Handbuch Religionswissenschaft. 2003, S. 385. Mit der Islamisierung der Städte wurden die Zoroastrier in eigene Stadtviertel abgedrängt. Die zoroastrischen Feuertempel wurden zerstört, an ihrer Stelle Moscheen errichtet. Gewaltsame Konflikte zwischen Muslimen und Zoroastriern wurden aus Qom, Kazerun, Schiraz und Buchara berichtet, wobei es in Buchara zu regelrechten Straßenschlachten zwischen Zoroastriern und Muslimen gekommen sein muss. So bewarfen Zoroastrier Muslime mit Steinen, die auf dem Weg zur Moschee waren, was diese wiederum mit "Gegenangriffen" beantworten.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 1, Stuttgart 2002, S. 275.

Schrittweise wurden Gesetze eingeführt, die die gesellschaftlichen und politischen Rechte der Zoroastrier einschränkten und ihre Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe beschnitten. Muslimische Frauen durften nur Muslime heiraten, während muslimische Männer auch Töchter aus zoroastrischen Familien zur Frau nehmen konnten. Kinder aus diesen Mischehen waren automatisch Muslime. Öffentliche religiöse Veranstaltungen, die Muslime stören konnten, waren verboten. Der Bau nicht-islamischer Sakralgebäude wurde untersagt. Nicht-Muslimen wurde das Reiten auf Esel und Pferd zunächst mit einem Sattel und später vollständig untersagt. Nicht-muslimische Händler bezahlten höhere Einfuhrzölle und höhere Steuern als ihre muslimischen Konkurrenten. Zeugenaussagen von Zoroastriern zählten nur die Hälfte, bei Blutgeldregelungen erhielten Zoroastrier ein Fünftel des Betrages, den Muslime erhielten.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 1, Stuttgart 2002, S. 279.

Emigration nach Indien Eine Gruppe der Zoroastrier emigrierte im 9./10. Jahrhundert von Iran nach Indien, um der weiteren Verfolgung zu entgehen. Dort nannte man die Migranten Parsen (d. h.: Perser). Erste Ansiedlungen sind im Gebiet Gujarat in Sanjan erfolgt. Parsi Communities in early History Asyl wurde gewährt, weil sie versprachen, nicht zu missionieren, sondern die Gesellschaft mit ihrem Wissen und Geschick anzureichern.Dorothee Wenner: Je weniger, desto lustiger. In: Die Zeit. Nr. 22/2002. Laut Volkszählung lebten im Jahre 2001 in Indien, vor allem in Mumbai, 69.601 Parsen.

Die Migration nach Sanjan wurde in einem eigenen Gründungsmythos der zoroastrischen Gemeinde in Indien, der Geschichte von Sanjan, festgehalten. Um ihre Religion bewahren zu können, hätten zoroastrische Priester und Gläubige Haus und Besitz aufgegeben und sind nach Kuhestan (heute: Süd-Chorasan) gezogen. Dort hätten sie sich für einen Zeitraum von 100 Jahren versteckt gehalten. Danach seien sie zur Zeit der Abbasiden über Hormus zu Schiff nach Indien begeben, sich mit Zustimmung des dortigen Herrschers, Jādi Rāna, niedergelassen und ein neues Feuerheiligtum, das Atasch Bahrām-Heiligtum, geweiht. Die Gründung dieses zentralen Feuerheiligtums (Irānshah) markiert die Konstituierung der indischen Zarathustragemeinde.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 1, Stuttgart 2002, S. 380.

Restriktion und Emanzipation im Iran Die im Iran verbleibenden Zoroastrier kehrten zwischen dem 10.–13. Jahrhundert vom Zurvanismus zum Mazdaismus zurück, der in den Gathas beschrieben, direkt auf Zarathustra selbst zurückgeht. Der Mazdaismus blieb im Iran die einzige überlebende Form des Zoroastrismus. Viele iranische Feste bergen das zarathustrische Erbe in sich und werden noch heute im schiitischen Iran, teilweise in synkretistischer Form, gefeiert. Das bedeutendste dieser Feste ist das Frühlingsfest Nouruz. "Anders als bei den Parsen ist die Erinnerung an die Diskriminierung seitens der muslimischen Bevölkerung ein zentraler Bestandteil der kulturellen Identität der iranischen Zarathustrier."Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 2, Kohlhammer, 2002, S. 153.

Kadscharen (1796–1925) Unter den Kadscharen-Schahs waren die Zoroastrier massiver Repression ausgesetzt. Eines der effizientesten Mittel der sozialen Repression war das Eintreiben der Kopfsteuer. Die Steuer wurde meist willkürlich und in unregelmäßiger Frequenz eingezogen. Da mehrere Zwischenglieder an der Steuer mit verdienen wollten, fiel der Endbetrag meist höher aus als die festgesetzte Summe.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 2, Kohlhammer, 2002, S. 163. Eine Petition an Naser ad-Din Schah führte 1882 zur steuerlichen Gleichstellung und formellen Abschaffung der Kopfsteuer. Im Jahr 1898 erließ Mozaffar ad-Din Schah ein Dekret, das alle Benachteiligungen offiziell aufhob. Napier Malcolm beschreibt allerdings in seinem Buch über Iran, dass das Dekret völlig wirkungslos sei. So mussten die Zoroastrier weiter höhere Gebühren im Basar entrichten. Auf Muslime, die bei Zoroastriern einkauften, wurde Druck ausgeübt, die Geschäfte der 'Unreinen' in Zukunft zu meiden. An Zoroastrier wurde grundsätzlich kein Mehl verkauft. Geld, das Zarathustrier Muslimen geliehen hatten, wurde in nicht wenigen Fällen nicht zurückbezahlt.H. Busse: Kerman im 19. Jahrhundert. In: Der Islam. 50, 1973, S. 307.

Die Kontakte zwischen den nach Indien ausgewanderten Zoroastriern und den im Iran zurückgebliebene Heimatgemeinden waren nie abgerissen. Da die wirtschaftliche Not der iranischen Zoroastrier ständig zunahm, leisteten die zu Wohlstand gekommen indischen Parsen den Heimatgemeinden finanzielle Hilfe. Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Idee auf, die im Iran verblieben Zoroastrier vollständig nach Bombay umzusiedeln, statt sie weiter unter "einem tyrannischen Regime zu belassen."Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 2, Kohlhammer, 2002, S. 154f. Manekij berichtete im Jahr 1865, dass die Ernährung der Zoroastrier sehr eingeschränkt sei, und dass Reis, Fleisch und Gemüse nur selten auf den Tisch kämen.Manekji Limji Hataria: Risale ejhare siate Iran. Bombay 1865, S. 13f.

Konstitutionelle Revolution (1906–1911) Die Konstitutionelle Revolution im Iran wurde von Zoroastriern durch Geldspenden und Waffenschmuggel unterstützt.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 2, Kohlhammer, 2002, S. 170. Die Auseinandersetzung um die Ausgestaltung der am 30. Dezember 1906 verabschiedeten Verfassung berührte auch die Frage der politischen Gleichstellung der religiösen Minderheiten. Das aktive und passive Wahlrecht war zunächst nur Muslimen zugestanden worden. Keikhosrow Shahrokh berichtet in seinen Erinnerungen, dass die muslimische Geistlichkeit mehrheitlich die Auffassung vertrat, dass nur Muslime im Parlament vertreten sein sollten, und dass Andersgläubige durch muslimische Geistliche mit vertreten würden.The Memoirs of Keichosrow Sharokh. o. J., S. 57. Dschamschid Bahman Dschamschidian (auch Arbab Dschamschid), der erste zoroastrische Abgeordnete im neu gewählten iranischen Parlament, soll Seyyed Abdullah Behbahani, einen der Wortführer der Konstitutionalisten aus der Gruppe der Geistlichkeit, bestochen haben, dass er sich öffentlich für die Rechte der Zoroastrier einsetzte. Dschamschidian konnte erreichen, dass die Zoroastrier einen Abgeordneten zugesprochen bekamen, den sie in einer eigenen Wahl bestimmen konnten. Die Juden und Christen, die ihren Anspruch auf eine eigene Vertretung im Parlament zunächst nicht verfolgt hatten, erhielten erst ab der zweiten Legislaturperiode einen Abgeordneten.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 2, Kohlhammer, 2002, S. 173.

An der Unterdrückung der Zoroastrier sollten die Einführung einer Verfassung und eines Parlaments zunächst nichts ändern. In einem Bericht des britischen Vizekonsuls in Yazd an den britischen Botschafter im Iran werden mehrere Formen der Diskriminierung aufgelistet:Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Band 2, Kohlhammer, 2002, S. 174f. Falsche Zeugenaussagen von Muslimen gegen Zoroastrier zu Gunsten von Mitgläubigen gelten als ehrenhaft unter Muslimen. Urteile ergehen grundsätzlich gegen Zoroastrier, wenn Muslime die Beklagten sind. Während ein Muslim straffrei ausgeht, wenn er einen Zoroastrier verprügelt, muss der Zoroastrier im umgekehrten Fall mit einem Aufstand gegen die gesamte Glaubensgemeinschaft rechnen. Leisten Zoroastrier Widerstand gegen Diskriminierung, müssen sie mit ihrer Ermordung rechnen. Ein Mord an einem Zoroastrier durch einen Muslim wird mit der Zahlung von Blutgeld gesühnt; eine weitere Strafe ist nicht vorgesehen. Ermordet ein Zoroastrier einen Muslim, wird er zum Tode verurteilt.