Frauenlied (auch Frauenmonolog genannt) ist eine Bezeichnung für eine Untergattung der Minnelieder innerhalb des Minnesangs. Frauenlieder sind meist Monologe, in denen das lyrische Ich eine adlige Dame (frouwe) ist. Sie handeln von Liebe und Sehnsucht zu einem Mann und den damit verbundenen emotionalen und gesellschaftlichen Problemen.
Zeitliche Einordnung
An den Adelshöfen des romanischen Sprachraumes sind Frauenlieder im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr. recht bekannt, beispielsweise in Frankreich bei den Trobadors (chanson de femme), in Spanien (canción de mujer), in Italien (canzone di donna) und in Portugal (cantiga de dona).Ingrid Kasten: Zur Poetologie der weiblichen Stimme. S. 3–18. Frühe Formen mittelhochdeutscher Frauenlieder treten erstmals gegen Mitte des 12. Jahrhunderts und somit in der frühen Phase des deutschsprachigen Minnesangs, dem donauländischen Minnesang auf.William E. Jackson: Reinmars Women. S. 314. Diese frühen Formen sind jedoch einstrophig. Die bekanntesten Verfasser dieser Formen sind Dietmar von Aist, Meinloh von Sevelingen und der Kürenberger.Günther Schweikle: Minnesang. S. 126.
Die tatsächlichen monologischen Frauenlieder, die meist drei- bis sechsstrophig sind, stehen in der Tradition des donauländischen Minnesangs. Sie sind jedoch in der Hochphase des deutschsprachigen Minnesangs anzusiedeln, also während der Phase der Hohen Minne (1170/1180 n. Chr.). Die bekanntesten Autoren von Frauenliedern dieser Phase sind Hartmann von Aue, Friedrich von Hausen, Heinrich von Morungen, Heinrich von Rugge, Heinrich von Veldeke, Walter von der Vogelweide und vor allem Reinmar der Alte.Thomas Cramer: Was ist und woran erkennt man eine Frauenstrophe?. S. 24.Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 228. Auch aus dem 13. Jahrhundert n. Chr. sind einige Frauenlieder überliefert, beispielsweise von Gottfried von Neifen.
Zentrale Motive
Die sonst in den Minneliedern vom männlichen lyrischen Ich besungene und unerreichbare Minnedame (frouwe) kommt in den Frauenliedern selbst zu Wort (monologische Rede der Minnedame) und gibt einen Einblick in ihr Gefühlsleben.Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 42. Sie wird konträr zu dem bis dahin bekannten Bild der abweisenden edlen Dame dargestellt, indem sie als Begehrende, Sehnsüchtige und Leidende gezeigt wird.Günther Schweikle: Minnesang. S. 127.
Meist geht es um ihre Liebe zu einem Mann (ritter), ihre damit verbundene Sehnsucht, ihre Zweifel, ihre Besorgnisse, ihre Hoffnungen und ihr Liebesleid, das mit der Minne zu diesem Mann zusammenhängt.Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. S. 279. Ab und an werden Neider (merkaere) und Lügner (lügenaere) und deren Missgunst bezüglich der Beziehung der Liebenden erwähnt.William E. Jackson: Reinmars Women. S. 315 und S. 334. Oft treten auch Boten (boten) in den Liedern auf.Katharina Boll: „Also redete ein vrowe schoene“. S. 464. In den Liedern wird betont, dass die Beziehung zu diesem Mann mit Problemen und Gefahren verbunden ist. Die Minnedame fürchtet sich beispielsweise vor dem Verlust ihrer tugendhaften Ehre (êre) und ihres Ansehens.William E. Jackson: Reinmars Women. S. 315. Sie befindet sich somit in einem Zwiespalt zwischen persönlichem Liebesglück und der notwendigen Rücksicht auf ihr gesellschaftliches Ansehen.Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 213. In den Frauenliedern Walters von der Vogelweide entscheidet sich die frouwe meist für ihre Minne und die Beziehung zu dem werbenden Mann.Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 58. Anders ist es in den Frauenliedern Reinmars des Alten, in denen die Minnedame die Notwendigkeit der sozialen Normen und der Sitten erkennt und sich gegen ihr privates Glück und somit für ihre gesellschaftlichen Pflichten entscheidet.Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 48.
Beispiel
MF 178, 1 „Lieber bote, nu wirp alsô“ XXVIII. aus: Kraus, Carl von: Die Lieder Reinmars des Alten. I. Teil. Die einzelnen Lieder. Verlag der bayerischen Akademie der Wissenschaften: München, 1919, S. 52f. (aus Formatierungsgründen fehlen die Zeilenangaben).
Lieber bote, nu wirp alsô
Lieber bote, nu wirp alsô, sich in schiere und sage ime daz: vert er wol und ist er vrô, ich lebe iemer deste baz. Sage ime durch den willen mîn daz er iemer solhes iht getuo dâ von wir gescheiden sîn.
II Vrâge er, wie ich mich gehabe, gich daz ich mit vröuden lebe. Swâ du mügest, dâ leit in abe daz er mich der rede begebe. Ich bin im von herzen holt und sæhe in gerner denne den liehten tac: daz ab du versîwgen solt.
III Ê daz du iemer im verjehest daz ich ime holdez herze trage, sô sich, daz dû alrêrst besehest und vernim waz ich dir sage: Mein er wol mit triuwen mich, swaz im danne muge ze vröiden komen daz mîn êre sî, daz sprich.
IV Spreche er, daz er welle her, daz ichs iemer lône dir, sô bit in, daz ers verber die rede, dier jungest sprach zuo mir, Ê daz ich in an gesehen. Wê, wes wil er dâ beswæren mich daz niemer doch an mir geschehe?
V Des er gert, daz ist der tôt und verderbet manigen lîp; bleich und eteswenne rôt alse verwet ez diu wîp. Minne heizent ez die man, únde mohte baz unminne sîn. wê ime, ders alrêst began.
VI Daz ich alsô vil dâ von gerédetè, daz ist mir leit, wande ich was vil ungewon sô getâner árbéit, Als ich tougenlîchen trage - dûn sólt im niemer niht verjehen alles, des ich dir gesage.
Neuhochdeutsche Übersetzung
Lieber Bote, nun tue folgendes
Lieber Bote, nun tue folgendes, eile sogleich zu ihm und sage ihm das: geht es ihm gut und ist er froh, lebe ich jederzeit umso besser. Sage ihm auf meinen Wunsch, dass er niemals etwas tun soll, dass uns scheiden kann.
II. Wenn er fragt, wie es mir geht, sag, dass ich in Freude lebe. Wo immer du kannst, da bringe ihn dazu, dass er mich mit seinem Reden verschone. Ich bin ihm von Herzen ergeben und würde ihn lieber sehen, als den Tag: das sollst du aber verschweigen.
III. Bevor du ihm jemals sagst, dass ich ihm von Herzen ergeben bin, so schau zu aller erst und vernehme, was ich dir sage: Wenn er meint, mich mit Treue [zu lieben], was ihm dann Freude bereiten könne, das sei meine Ehre, so sprich.
IV. Wenn er sagt, dass er herkommen will, ich werde es dir immer belohnen, dann bitte ihn, dass er [sie] unterlässt, die Rede, die er kürzlich zu mir sprach: Dann kann ich ihn ansehen. Ach, warum will er mich mit etwas belasten, was doch niemals geschehen wird?
V. Was er begehrt, das ist der Tod und verdirbt er manchen Leib; bleich und bisweilen rot so werden die Frauen davon. Minne nennen es die Männer, doch sollte es lieber Unminne sein. Weh ihm, der als erster damit begann!
VI. Dass ich so viel davon geredet habe, das ist mir ein Leid, denn ich bin es nicht gewöhnt solch eine Qual wie meine, heimlich zu ertragen - Du sollst ihm niemals etwas verraten, von dem, was ich dir gesagt habe.
II 6. unde MF. III 6. im danne bC und MF. IV 6. wê wes wes wes C, waz E, dorch wat m, wes MF. Er m, er da mite CE und MF. 7. des m, daz CE und MF. V 6. unde MF.
Überlieferungsgeschichte
Die Frauenlieder haben in der Gattung der Minnelieder eher eine Randstellung.Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 209. Sie sind zwar in diversen Handschriften überliefert, jedoch überwiegt deutlich der Anteil an Minneliedern, in denen ein männliches lyrisches Ich vorkommt. Dennoch sind Frauenlieder in der Handschrift A (Kleine Heidelberger Liederhandschrift), in Handschrift B (Weingartner Liederhandschrift), aber auch in den Handschriften C (Codex Manesse) und E (Würzburger Liederhandschrift) überliefert.Katharina Boll: „Also redete ein vrowe schoene“. S. 463. Zudem sind bruchstückhaft Teile in einem namenlosen Anhang (b) der Weingartner Liederhandschrift erhalten und auch im Möserschen Bruchstück (m) lassen sich Teile von Frauenliedern finden.Katharina Boll: „Also redete ein vrowe schoene“. S. 459.
Das hier angeführte Frauenlied „Lieber bote, nu wirp alsô“ ist teilweise überliefert in den Handschriften B, C, E und dem Möserschen Bruchstück (m), wobei aber die Strophenfolge in den Handschriften variiert.Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 214. Am plausibelsten erscheint Albrecht Hausmann die Überlieferungsgruppe Em, welche als einzige die Strophen IV und V überliefert. Handschrift B und C weisen eine gewisse Verwandtschaft auf, da die Strophenfolge des oben genannten Liedes in beiden identisch ist. Einzig und allein die Tatsache, dass in C eine zusätzliche Strophe überliefert ist, unterscheidet die beiden Handschriften diesbezüglich in der Überlieferungsreihe x2.Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 215. Laut Hausmann liegt das Lied in „zwei rezeptionswirksamen Fassungen vor, die sich im rekonstruierbaren Überlieferungsgang nicht berührt haben“.
Analyse
Form
Das Frauenlied „Lieber bote, nu wirp alsô“ hat einen einfachen metrischen Bau.Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 47. Als Stollen hat es je zwei Viertakter, als Abgesang drei Viertakter mit Waise (einzelne Verszeile, die keinen Reim hat). Die Waise der Strophe 4 reimt mit den Versen 19 und 21 der vorangegangenen Strophe 3. Es gibt „Reimwortresponsionen“, wie mich: sprich: mich (Strophe 3, V. 19, V. 25 und Strophe 4, V. 27).Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 221. Zudem gibt es weitere Reime, wie mîn: sîn (Strophe 1, V. 5 und 7) / holt: solt (Strophe 2, V.12 und 14)// gesehen: geschehen (Strophe 4, V. 26 und 28) oder leit: arebeit (Strophe 6, V. 37 und 39). „Formal sind die Strophen 1 und 2 sowie 3 und 4 paarweise mit einander verbunden“.
Inhalt
In dem angeführten Lied spricht ein weibliches lyrisches Ich innerhalb des Textes zu einem Boten. Sie erteilt ihm einen Auftrag, was in der ersten Strophe durch den Satz „Lieber bote, nu wirp alsô“ (Vers 1) und durch die Aussage „daz sprich“ (3. Strophe, V. 21) deutlich wird.Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 217.
In der ersten Strophe geht es um die Freude des lyrischen Ichs, die es aufgrund der Freude des geliebten Mannes empfindet.Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 45. Zu sehen ist dies an der Stelle „vert er wol und ist er frô, ich leb iemer deste baz“ (VV. 3f.). Auch die Aufforderung, „Sage im durch den willen mîn daz er iemer solhes iht getuo dâ von wir gescheiden sîn“ (VV. 5–7.) zeigt, dass die Dame, welche hier spricht, ihm verbunden sein möchte.Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 45f. In der zweiten Strophe erteilt sie ein erstes Redeverbot an den Boten, indem sie sagt: „daz ab du versîwgen solt“ (V.14). Dieses erteilt sie, nachdem sie ihre Liebe offenkundig gesteht mit den Sätzen: „Ich bin im von herzen holt und sæhe in gerner denne den tac“ (VV. 12f.).Erika Mergell: Die Frauenrede im deutschen Minnesang. S. 46. In Strophe 3 erklärt sie einerseits, dass sie ihm zugetan und von Herzen ergeben ist, „deich im holdez herze trage“ (V.16), dass sie jedoch gleichzeitig der Meinung ist, dass ihm ihr Ansehen und ihre Ehre auch Freude bereiten sollten. Zu erkennen ist dies an dem Ausspruch „Meine er wol mit triuwen mich, swaz dann im müge ze fröiden kommen daz mîn êre sî, […]“ (VV. 19–21). In der vierten Strophe fordert sie den Boten auf, den Mann zu bitten, sie nicht mit seinen werbenden Worten herauszufordern „sô bit in daz er verber rede dier jungest sprach ze mir“ (VV. 24f.).Albrecht Hausmann: Reinmar der Alte als Autor. S. 222. Ferner äußert sie die Frage „Wê wes wil er beswæren mich des doch nimmer mac geschehen?“ (VV. 27f.). Diese beinhaltet, dass sie die Erfüllung der Minne für unwahrscheinlich hält.