Die drei Mönche zu Kolmar ist ein Märe in 404 Versen aus dem 14.–15. Jahrhundert. Sie verwendet typische Elemente eines Schwanks und gilt als Musterbeispiel für den schwarzen Humor im Mittelalter. Ein zentraler Punkt für die Bedeutung dieses Werkes ist das Epimythion, die einer Fabel angehängte Moral oder Nutzanwendung.
Text, Autor und Entstehung Das Werk Die drei Mönche zu Kolmar ist ein anonym verfasstes Märe. Der Verfasser mystifiziert seine Autorschaft, indem er sich den Übernamen „Niemand“ zulegt.Wolfgang Spiewok, S. 776 Es umfasst 404 Verse und ist in einer Verserzählungsform geschrieben. Überliefert ist das Werk im Codex Donaueschingen 104 („Liedersaal-Handschrift“) und befindet sich heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Die „Kritische Ausgabe“ ist von Niewöhner,NGA, S. 202–207. gefolgt von De Boor mit willkürlichen und nicht gekennzeichneten ÄnderungenMittelalter, S. 1451–1456. Grubmüllers kritische Ausgabe basiert auf der Version von Niewöhner, wobei Grubmüller, wo immer es zu rechtfertigen ist, zum Wortlaut der Handschrift zurückkehrt.Grubmüller, Klaus (Hrsg.): Novellistik des Mittelalters: Märendichtung. Frankfurt am Main, Dt. Klassiker Verl. 1996 S. 1300–1301
Über Autor und Entstehung des Werkes ist nichts Genaues bekannt. Aufgrund von Eigenschaften des Reimstils und Wortschatzes wird allerdings angenommen, dass der Autor ein Ostalemanne war. Es wird generell angenommen, dass der Autor aus Kolmar stammt.Zeile 5 Man hat den Autor in den Kreisen des weltlichen Klerus vermutet, der mit den Orden um das Recht des Beichte hörens stritt.Wolfgang Spiewok, S. 776 Als Entstehungszeit wird vielerorts das späte 14. Jahrhundert angenommenGrubmüller, Novellistik des MA, S. 1301–1302. Das letzte der Klöster, die im Werk erwähnt werden, ist allerdings erst 1413 gegründet worden, weswegen die Märe auch etwas später entstanden sein könnteSchupp, S. 233. Die überlieferte Version in der Liedersaal-Handschrift stammt von 1430.
Motivgeschichte Eine Reihe anderer Werke sind thematisch ähnlich dem Werk „Die drei Mönche zu Kolmar“. Es gibt mindestens 14 Fassungen dieser Art Schupp, S. 232, größtenteils europäisch. Der Motivkomplex umspannt eine Reihe von orientalischen, altfranzösischen und italienischen Geschichten. Den Ursprung kann man auf die orientalische Geschichte von den drei Buckligen zurückführenBedíer, Les Fabliaux, S. 244. Eine Geschichte aus diesem Motivkomplex ist das französische Fabliau Estormi aus dem 13. Jahrhundert. Es steht in seinen Grundzügen und verschiedenen Einzelbezügen in enger Beziehung mit „Die drei Mönche zu Kolmar“ und hat möglicherweise als Vorlage für dieses Werk gedient. Denkbar ist auch, dass der Autor sich direkt aus dem Motivkomplex bedient hat, ohne Kenntnis des Estormi. Die Historikerin Frauke Frosch-Freiburg vertritt die Meinung, dass „Niemand“ „den Stoff selbständig und ohne Beeinflussung durch die vorliegenden frz. Fassungen aufgegriffen“ habe Frosch-Freiburg, S. 205.
Liste von Werken aus dem Motivkomplex Geschichten, die die orientalische Konstellation mit drei buckligen Liebhabern fortsetzen: das Fabliau Les trois Bocus des Durand, 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, Pikardie Nykrog, Fabliaux, Nr. 10; hg. Nouveau Recueil, Bd. 5, S. 193–207; auf Deutsch von Bahner, Französische Geschichten, S. 30–38, und Widmer, Hexameron., S. 109–115 eine Novelle des Antonfrancesco Doni (Nr. 2), um 1543 Doni, Novelle, S. 6–11 eine Novelle des Giovan Francesco Straparola aus der Mitte des 16. Jahrhunderts Straparola, Piacevoli notti V,3 [S. 227–237]; deutsch von Floerke, Straparola, S. 143–156
Geschichten, die den Stoff mit Elementen der Klerikersatire anreichern, indem sie Priester als Liebhaber einführen: das Fabliau Des IV Prestres des Haiseau, 13. Jahrhundert Nykrog, Fabliaux, Nr. 120; hg. Von Montaiglon/Raynaud, Bd. 6, S. 45–45 eine Novelle des Giovanni Sercambi vom Ende des 14. Jahrhunderts Sercambi, Novelliere, Nr. 10; Bd. 1, S. 82–89 ein Erzähllied des Jörg Graff, 1. Hälfte 16. Jahrhundert hg. Von Keller, Erzählungen, S. 345–349 die Geschichte von einem bawren und dreyen pfaffen, auch einem landtsknecht von Valentin Schumann Schumann, Nachtbüchlein, S. 60–63.
Inhalt (Zusammenfassung) Die Handlung spielt in Kolmar. Sie hat als Hauptpersonen ein dort ansässiges Ehepaar. Die Frau möchte ihre Osterbeichte ablegen und geht zu diesem Zweck in ein lokales Kloster (V. 24–30). Nach Ablegen der Beichte erlegt ihr der Mönch auf, als Buße gegen ein Entgelt von 30 Mark mit ihm zu schlafen (V. 50). Sie will auf das Angebot nicht eingehen und vertröstet ihn daher unter dem Vorwand, erst zu Hause prüfen zu müssen, ob die Zeit gut sei. Das wiederholt sich noch zweimal in zwei weiteren Klöstern, mit jeweils gesteigerten Geldbeträgen von 60 (V. 97) und 100 (V. 121) Mark. Die Frau geht daraufhin nach Hause, um ihren Mann um Rat zu fragen. Der überlegt nicht lange und ersinnt eine List, an das Geld zu kommen und die Mönche dennoch zu bestrafen (V. 161ff). Die Frau bestellt daraufhin die drei Mönche zu unterschiedlichen Nachtzeiten zu sich nach Hause unter dem Vorwand, ihr Mann habe die Stadt verlassen. Sie hält die Mönche dazu an, das Geld vorab zu übergeben. Nach der Geldübergabe schlägt ihr Mann von außen gegen die Wand, und die erschreckten Mönche springen in einen Zuber kochenden Wassers, wo sie sich zu Tode verbrühen (V. 212ff). Im Anschluss bezahlt der Mann einem zufällig vorbeikommenden, betrunkenen Wanderstudenten 4 Pfennig, den ersten Mönch zum Rhein zu tragen (V. 292ff). Als dieser wiederkommt, um seinen Lohn abzuholen, hat er ihm bereits den nächsten Mönch hingelegt und behauptet, es handele sich um denselben Mönch. Das wiederholt sich auch noch ein drittes Mal. Auf dem Rückweg läuft dem Studenten ein unbeteiligter Mönch über den Weg, den er dann auch noch in den Rhein befördert, da er ihn für den wieder aufgestandenen Toten hält, um damit seine Aufgabe endlich erfüllt zu haben (V. 339ff).
Wenn man die Geschichte bezüglich des schwarzen Humors untersucht, kann man sie im Wesentlichen in zwei Teile aufteilen: Der erste Teil hat den Hauptzweck, drei möglichst ähnliche Leichen am selben Ort zu versammeln, während der zweite Teil sich mit der Beseitigung der Leichen befasst.
Epimythion Original diz bîspel ich hie vor sage und bewaert sich alle tage und beschiht niht selten, daz der unschuldic muoz engelten des schuldigen missetât. hiemit diu rede ein ende hât. dâ von hüeten sich gelîche beide arm unde rîche vor solîcher missetât. wan ez im niht wol ergât, der versuochet ungewonlich spil und dâ von niht lâzen wil, als diese münche nun hânt getân. des sol man in den schaden lân, sît si verkêrten di bîht. daz richet got. sô Nieman spricht. (390)(395)(400)(404) Die Übertragung lautet: Dieses Beispiel dass ich hier vortrage, das jeden Tag und nicht selten geschieht, dass der Unschuldige büßen muss für die Untat eines Schuldigen. Hiermit ist die Geschichte zu Ende. Davor hüten sich zu gleichen Maßen Sowohl arm wie reich, vor einer solchen Untat, Weil es jenen nicht gut ergeht, die ein unsittliches Anliegen haben und davon nicht ablassen wollen, wie es diese Mönche getan haben. Die haben ihre Strafe verdient, Da sie die Beichte missbrauchten. Das richtet Gott. Das sagt Niemand.
Das Epimythion (V. 389–404), also der Schlussteil der Märe, ist von zentraler Bedeutung für die Bedeutung des Werkes. Hier erst wird die Märe von einer unterhaltsamen Geschichte zu einem bîspel (V. 389) erhoben. Im Fall dieses Werkes ist das Epimythion besonders interessant, da es bei genauerem Hinsehen nicht in sich schlüssig ist. Das Epimythion ist der Schwerpunkt verschiedener Untersuchungen dieses Werkes. Für Grubmüller und Haug ist diese Märe ein Beispiel des sinnlosen, eine „gnadenlose Absurdität der Welt“ Vergl. Grubmüller, S. 1304. Schnell hat seinen Ausführungen widersprochen: Dadurch, dass er nur einen Teil des Epimythons berücksichtigt habe, sei ihm der enthaltende Widerspruch entgangen. Für Schnell ist das Epimythion ein Beitrag zum Theodizee-Problem, und der Widerspruch soll den Leser auf die dem Werk zugrunde liegende Lehre aufmerksam machen Schnell, S. 381–385. Waltenberger hat in seinen Ausführungen zentral die Kontingenz untersucht. Der Kontext der Theodizeefrage sei zwar relevant für dieses Werk, aber der Text hebt sich von den theoretischen Diskursen dieses Kontextes ab Waltenberger, S. 243.
Unstimmigkeiten Zunächst ist hier eine zweifache Aufforderung, sich stets gerecht zu verhalten enthalten: Zum einen, da durch solche Untaten auch Unschuldigen Unheil droht (V. 391–397), zum anderen, weil Gott die Übeltäter bestraft (V. 398–404). Doch in diesen beiden Aufforderungen liegt bei genauerem Hinsehen ein Widerspruch: Gott bestraft die Schuldigen, ist damit also der Garant für Gerechtigkeit. Aber andererseits kann er die Unschuldigen, hier den vierten Mönch (V. 339ff), auch nicht beschützen. Damit scheidet er als Garant für universelle Gerechtigkeit gerade ausSchnell, S. 381.
Theodizeefrage In diesem Gegensatz findet sich nach Schnell das Theodizeeproblem wieder Schnell, Rüdiger, S. 382. Es ist ein in mittelalterlichen Texten häufig behandeltes Problem, in dem es um die Frage geht, warum Gott die Unschuldigen nicht beschützt und im Gegenteil die Schuldigen nicht bestraft. Ein Satz, der im Rahmen dieser Diskussion immer wieder hervorgehoben wurde, ist, dass Menschen keine Einsicht in Gottes Pläne haben. Demzufolge ist es Menschen nicht möglich, Schuld oder Unschuld zu erkennen. Im Werk wird das vom Erzähler bereits angedeutet: Das angeblich untadelige Ehepaar handelt aus egoistischen Motiven, nämlich Gewinnsucht, und auch die fromme Ehefrau hat keine Probleme damit, Beihilfe zum Mord zu leisten. Auch der Wanderstudent ist nur an Geld interessiert. Der Einzige, der frei von Schuld ist, ist der vierte Mönch. Aber im Rahmen der Theodizeefrage kann man sich auch bei ihm die Frage stellen, ob er sich nicht auch auf eine unbekannte Art und Weise schuldig gemacht hat. Die Einsicht, die der Rezipient aus diesem Werk ziehen soll, ist demzufolge die Einsicht der Beschränkung menschlicher Urteile Schnell, Rüdiger S. 385.
Diese Interpretation würde allerdings voraussetzen, dass der vierte Mönch wirklich in irgendeiner Form schuldig ist. Dafür bietet der Text jedoch keinerlei Anhaltspunkte: Der Mönch wird vom Autor als unschuldig bezeichnet, und der Mönch war gerade auf dem Weg zur Messe, um seine Sünden zu büßen (V. 339) Waltenberger, S. 240. Dadurch, dass dieses Büßen der Sünden durch den Schüler vereitelt wurde, wird der Leser wieder an das Unrecht erinnert, das die ganze Geschichte begonnen hat: die Verhinderung der Sündenreinigung.
Weltliche Verunsicherung Michael Waltenberger hat das Epimythion noch etwas eingehender untersucht. Erst im Epimythion wird die Geschichte von einer einfachen Unterhaltungsgeschichte zu einem Beispiel (V. 389) erhoben. Sie zeigt exemplarisch, dass häufig ein Unschuldiger für einen Schuldigen büßen muss. Hätte die Rede jetzt wirklich ein Ende, wie in Vers 394 behauptet, würden die Zufälligkeiten, die im Handlungsverlauf zum Tod eines Unschuldigen führen, eine paradoxe Bedeutung bekommen. Die kommentierende Rede wird allerdings noch ein Stück fortgesetzt und leitet aus dem vorherigen eine unspezifische Lehre ab (V. 395–397). Der Fokus verschiebt sich im Folgenden vom Tod eines Unschuldigen auf die Schuld der anderen drei Mönche.