miniatur|John Grisham, 2008 Der Anwalt (Originaltitel: The Associate) ist ein Roman des US-amerikanischen Autors John Grisham, der 2009 bei Doubleday & Co veröffentlicht wurde. Die deutschsprachige Übersetzung stammt von Bernhard Liesen und erschien ebenfalls 2009 im Heyne Verlag.
Inhalt Kyle McAvoy ist ein zielstrebiger junger Student, der kurz vor seiner letzten juristischen Klausur an der Yale University steht. Eines Abends wird er von zwei suspekten Gestalten auf dem Heimweg von einem Basketballspiel verfolgt und kurz darauf zu einem Mann mit dem Namen Bennie Wright gebracht. Dieser gibt sich zunächst als FBI-Ermittler aus, lässt dann aber die Maske fallen und zeigt Kyle ein Videoband mit Aufnahmen aus der Zeit, in der Kyle noch an der Duquesne University studierte.
Auf diesem Video solle er zu sehen bekommen, wie eine seiner Kommilitoninnen in seiner Wohnung vergewaltigt wird. Die Sachlage ist nie geklärt worden, doch von der Existenz eines Handy-Mitschnittes war während der damaligen Ermittlungen des Öfteren die Rede gewesen. Kyle sieht sich an, wie zwei seiner Kommilitonen mit der jungen Frau anfangs im Einverständnis – später aber unter Alkohol stehend – Sex haben und in dessen Verlauf feststellen, dass diese irgendwann das Bewusstsein verliert. Der junge Kyle beobachtet diese angebliche Vergewaltigungsszene von seinem Sofa aus kurzer Distanz.
Bennie Wright erpresst ihn daraufhin. Kyle soll für ihn in der großen New Yorker Anwaltskanzlei Scully & Pershing anfangen und dort über einen großen Fall Informationen beziehen. Kyle stehen zu diesem Zeitpunkt alle Türen der Justiz offen, zwar soll seine Anwaltsprüfung noch bevorstehen, doch diese Hürde würde der brillante Student ohne Zweifel nehmen. Also heuert er bei Scully & Pershing an und sieht sich nach einem ernüchternden Start bald in der Liga der großen Prozessanwälte mit dem Fall, den Wright ihm aufgetragen hatte, vertraut. In diesem Prozess geht es um Rechte an einem vom US-Militär in Auftrag gegebenen Flugzeug. Die streitenden Parteien Trylon auf der einen und Barton auf der anderen Seite liefern sich, nachdem der Deal geplatzt war, einen unerbittlichen Kampf. Trylon ist Mandantin von S&P, womöglich ist sie sogar die wichtigste zum damaligen Zeitpunkt.
Auch Kyles damalige Kommilitonen werden von Wrights Leuten ständig überwacht. Die meisten haben den Vorfall bereits vergessen bzw. verdrängt, sodass Kyle sich einzig und allein Joey anvertraut und mit ihm einen Plan schmiedet, um mehr über seine Verfolger herauszufinden.
Als Baxter Tate (einer der angeblichen Vergewaltiger) im Rahmen eines Alkoholentzugs über seine Vergangenheit nachzudenken beginnt, beschließt dieser sich bei seinem früheren Opfer zu entschuldigen und um Vergebung zu bitten. Vermutlich folgen Wrights Männer Tate, denn noch bevor er sich mit dem früheren Opfer treffen kann, wird er ermordet.
Jetzt vertraut sich Kyle seinem Vater und einem Anwalt an und schaltet das FBI ein. Er trifft sich parallel immer noch mit Wright. Er soll die Aufgabe erhalten mithilfe technischer Vorrichtungen Dokumente aus der digitalen Datenbank der Kanzlei S&P zu stehlen.
John McAvoy, Kyles Vater, selbst Rechtsanwalt in York, verhandelt unterdessen mit dem Vergewaltigungsopfer und handelt einen Vergleich aus. Der Plan des FBIs, Wright bei der Übergabe der Unterlagen dingfest zu machen, scheitert noch, bevor Kyle diesen ein letztes Mal zu Gesicht bekommt.
Nach dem missglückten Zugriff verlässt Kyle die Kanzlei und New York und schließt sich seinem Vater als Partner in der Kanzlei McAvoy & McAvoy an.
Hintergrund
Die Geschichte basiert auf einem Fall von 2005, in dem ein Mann aus Las Vegas als Teil seines Programms bei den Anonymen Alkoholikern Entschuldigungsbriefe an jene Menschen schrieb, die er seiner Meinung nach während seiner Zeit als Alkoholiker belästigt hatte. Einer dieser Briefe ging an eine Frau,Zum darauf sich entwickelnden Briefwechsel und Inhalt: Dear Rapist. Twenty years after her assault at a college party, Liz Seccuro received a letter of apology from her attacker. The correspondence that followed led her to pursue justice at last. In: The Guardian, 30. April 2011. die 1984 behauptet hatte, dass ein unbekannter Mann sie auf einer Verbindungsfeier der University of Virginia vergewaltigt habe. Jedoch hatten damals sowohl die Verantwortlichen der Universität als auch die Polizei ihre Anschuldigungen ignoriert. Mit den heutigen Zugeständnissen des Manns in der Hand rief die Frau die Polizei an, sodass der Mann wegen der Vergewaltigung angezeigt werden konnte. Aufgrund des üblichen Feilschens während des Plädoyers zwischen Anklagevertretung und Verteidigung wurde der Mann in einem Vergleich wegen eines geringfügigeren Vergehens lediglich zu 18 Monaten verurteilt und bereits nach sechs Monaten begnadigt. Dieser Fall wurde in der Presse von Charlottesville, wo Autor Grisham lebt, ausführlich diskutiert und diente ihm als Hintergrund für seinen 21. Roman. 2011 strengte das Opfer eine zivilrechtliche Klage gegen den Täter an und gab ein eigenes BuchLiz Seccuro: Crash Into Me: A Survivor's Search for Justice. Bloomsbury 2011 über die Tat und die Folgen heraus. Rape victim forgave attacker after 20 years... then pressed charges. In: Daily Mail, 17. Februar 2011.
Rezensionen Sowohl die englisch- als auch die deutschsprachige Kritik bescheinigten dem Werk übereinstimmend zwar die gewohnten handwerklichen Fähigkeiten Grishams, bemängelten aber ebenso einhellig die Schwäche der Handlung und die fehlende Charakterzeichnung.
Janet Maslin von der New York Times vertrat folgenden Standpunkt: „Mr. Grisham so often writes similar books that the same things must be said of them. The Associate is true to form: it grabs the reader quickly, becomes impossible to put down, stays that way through most of its story, and then escalates into plotting so crazily far-fetched that it defies resolution. Kyle McAvoy is another of the two-dimensional yet terrifically likeable heroes who come to life on Mr. Grisham’s pages only to evaporate later. It’s easy to predict what choice Kyle will make at the end of the novel. It’s impossible to imagine, let alone care, what his life will be like once the improbably wild furor surrounding this one lone law-firm recruit is over.“Another Young Lawyer Is Served Up for Breakfast, The New York Times, 26. Januar 2009. („Mr. Grisham schreibt so oft ähnliche Bücher, dass man dieselben Dinge über sie sagen muss. Der Anwalt entspricht der üblichen Form: er packt den Leser schnell, unfähig das Buch wieder wegzulegen, bleibt einen Großteil der Geschichte auf diesem Weg und eskaliert dann in einer Wendung, die so verrückt und weit hergeholt ist, dass es einer Auflösung bedarf. Kyle McAvoy ist wieder einer dieser zweidimensionalen schwierig zu mögenden Helden, die nur auf Mr. Grishams Seiten zum Leben erwachen, nur um später buchstäblich zu verdunsten. Es ist leicht vorherzusagen, welche Wahl Kyle am Ende des Romans treffen wird. Es ist unmöglich sich vorzustellen, auf welche Weise sich sein Leben später gestalten wird, wenn diese wilde Rekrutierungsphase dieser einsamen Anwaltskanzlei vorbei sein wird.“)
Richard Rayner von Los Angeles Times drückte es hingegen so aus: „Nobody goes to Grisham for style, and there's a sense here of a skilled craftsman cranking it out on autopilot. Nothing much happens, and when it happens, it's pretty predictable. Grisham's Kyle is cardboard-thin (Scott Turow has a much defter hand with character), but Grisham is an effective lens through which we observe the intricacies of corporate law, an easily corruptible world governed, not by right and wrong, but by the concept of the billable hour . . . The Associate springs to angry life from time to time, but on the whole it's by the numbers, a plodding page-turner. But it's still a page-turner: Many of Grisham's legions of fans will doubtless sign up for this latest ride, eager to see how Kyle McAvoy manages to get himself out of the hole. With ideals restored, Grisham ensures, making Kyle an appealing model for our troubled new time“.The Associate' by John Grisham. In: Los Angeles Times 23. Januar 2009 („Niemand ähnelt Grisham im Stil, und man hat das Gefühl einen geübten Handwerker auf Autopilot zu erleben. Es passiert nicht viel - und wenn es passiert, ist es ziemlich vorhersehbar. Grisham's Kyle ist ein Pappkamerad (Scott Thurow hat ein viel besseres Händchen bei der Beschreibung der Charaktere), aber Grisham ist eine effektive Linse, durch die wir die Kompliziertheit des Körperschaftsrechts betrachten können, das eine leicht korrumpierbare Welt regiert, weder durch "Richtig" oder "Falsch", sondern durch das Konzept eines Zahltags … Der Anwalt wird manchmal zu einem wütenden Lebewesen, aber im ganzen gesehen ist es ein simpler Schmöker. Aber es ist dennoch ein Schmöker: Viele der Schar von Grisham-Fans werden zweifelsfrei auch diesen letzten Parforceritt kaufen, erpicht darauf zu sehen wie Kyle McAvoy selbst den Kopf aus der Schlinge zieht. Mit den übriggebliebenen Idealen sichert Grisham ab, dass man Kyle als ansprechendes Modell für unsere krisengeschüttelte neue Zeit sehen mag“.)
Patrick Anderson von der Washington Post gab zu bedenken: „Grisham has long since proved his narrative talent. His plot is highly fanciful, and he makes it easy for us to keep flipping the pages to see if Kyle can find a way out of this mess. He mostly writes clean, workmanlike prose, but I have one stylistic complaint about the novel. It's important to Grisham not only that Kyle be seen as noble, but also that his tormentor be a rat. Thus, as Bennie spits out his nefarious demands, we're variously told that he speaks 'with a sneer,' with a 'smart-ass grin,' with a 'silly smirk.' Enough already; we get it“.Past Sins, With Hell to Pay. in: Washington Post, 26. Januar 2009. („Grisham hat sein Erzähltalent seit langem bewiesen. Seine Handlung ist ziemlich phantasiervoll, und er macht es uns leicht die Seiten umzublättern, ob Kyle einen Weg aus seinen Problemen findet. Er schreibt meistens saubere, geschäftsmäßige Prosa, aber ein stilistisches Bedenken gegenüber dem Roman. Es ist wichtig für Grisham, dass man nicht nur Kyle als den edlen Ritter sieht, sondern auch, dass sein Quälgeist eine Ratte ist. Folglich, wie Bennie seine widerlichen Forderungen herausspuckt, wird uns verschiedentlich erzählt, dass er mit "einem spöttischen Lächeln", einem "Klugscheißer-Grinsen" oder mit einem "dummen, selbstgefälligen Grinsen" spricht. Genug; wir haben längst verstanden“.)
Charles Taylor von Newsday kritisierte Grisham drastisch: „You don't need to be sadistic or foul-mouthed to write a good thriller, but you need exactly what Grisham lacks: a taste for cunning, meanness and grit. He sets up a big showdown only to walk away from it, and so the tension just dribbles off. Worse, Grisham's country-mouse attitude toward the big, bad city - where apartments rent for thousands of dollars a month and you can't find a good $3.99 blue-plate special at the local diner - is a drag. Who wants to reach for a thriller and wind up with Frank Capra?“Review: 'The Associate' by John Grisham. In: Newsday, 7. Februar 2009. („Man muss nicht sadistisch sein oder unflätige Reden verbreiten um einen guten Thriller zu schreiben, aber man muss genau das haben, was man bei Grisham vermisst: Ein Gefühl für Schlauheit, Gemeinheit und Schneid. Er baut einen großen Showdown auf, um am Ende von ihm wegzulaufen. So tröpfelt die Spannung dahin. Grishams Provinzhaltung gegenüber der großen, bösen Stadt - wo die Apartments tausende von Dollars den Monat kosten und man kein gutes Menü des Tags für 3,99 Dollar im Diner bekommt - ist eine Fälschung Wer sucht einen Thriller und endet bei Frank Capra?“)