mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge
Das Kleinkastell Visegrád-Gizellamajor war eine römische Garnison, die als spätantike Grenzfestung für die Bewachung eines Donauabschnitts des pannonischen Limes (Limes Pannonicus) zuständig war. Der Strom markierte in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Das vollständig ergrabene und sichtbar gemachte Kleinkastell liegt am Südufer des Flusses, fast genau über dem Scheitelpunkt des Donauknies. Gizellamajor ist ein westlicher Ortsteil der Gemeinde Visegrád (Plintenburg) im ungarischen Komitat Pest. Die Befestigung ist aufgrund ihrer Formgebung, Größe und inneren Struktur bisher einzigartig am pannonischen Limes.
Lage mini|Das Donauknie. Im Vordergrund die „Obere Burg“ über der Stadt Visegrád. Am rechten Ufer der Sankt-Michaels-Berg, Das Kleinkastell von Visegrád–Gizellamajor liegt unterhalb eines kleinen Steinbruchs, der genau über der Turmspitze der Burg zu sehen ist.
Die Unterhanglage des Kleinkastells am Scheitelpunkt des Donauknies, nahe der sog. Dömös-Bucht und rund 1200 Meter ostsüdöstlich der Schiffsanlegestelle von Dömös, war strategisch sehr gut gewählt. Von diesem Punkt aus konnte der Schiffsverkehr in nördlicher, nordwestlicher und nordöstlicher Richtung ohne Hindernisse eingesehen werden. Dort befanden sich mindestens sechs Burgi, turmartige Kleinfestungen, die ebenfalls in der Spätantike entlang dieses Abschnittes errichtet wurden. Sowohl mit diesen Stationen als auch mit der im Nordwesten auf einem Hügelplateau gelegenen großen Garnison Castra ad Herculem und dem im Nordosten auf einem Ausläufer des Visegráder Gebirges über der Donau errichteten Kastells Pone Navata, das im Laufe des 4. Jahrhunderts zu einem Burgus rückgebaut wurde, konnte die Besatzung von Gizellamajor optische Signale austauschen und so im Notfall Kontakt halten. Der insbesondere in der Spätantike mit großem Aufwand betriebene dichte Ausbau der Grenzanlagen in diesem Gebiet hatte seine Ursache in der ernstzunehmenden Bedrohung Pannoniens durch den am gegenüberliegenden Ufer, im sog. Barbaricum lebenden Stamm der germanischen Quaden, der oft als unerbittlicher Gegner Roms auftrat. Der an den nahen Flusssaum grenzenden Kleinfestung liegt am nördlichen Donauufer eine große Landzunge gegenüber, die als mächtiger Sporn des umliegenden Hügellandes den Sankt-Michaels-Berg trägt, den der Strom in einem weiten Bogen umfließen muss. Die südliche Uferzone der Donau wird durch das hinter dem Fundplatz ansteigende Pilisgebirge begrenzt, dessen kurze Ausläufer bis unmittelbar an den schmalen Schwemmlandstreifen des Stroms heranreichen. Aufgrund der geologischen Gegebenheiten besteht das anstehende Gesteinsmaterial am Pilisgebirge aus vulkanischem Verwitterungsschutt, feinerem und gröberen Andesittuff, der an manchen Stellen durch Lößschichten und feinkörnigen Tuff überdeckt wird.Péter Gróf, Dániel Gróh: Spätrömischer Wachtturm und Statuenfund zu Visegrád-Lepence. In: Folia Archaeologica. 47, 1999, S. 103–116; hier: S. 103.
Forschungsgeschichte mini|Der Innenhof des unzugänglichen Kleinkastells mit dem provisorischen Schutzdach (Blick nach Süden; Zustand 2012). Der in Ungarn häufiger anzutreffende Ortsname Gizellamajor erinnert an die erste ungarische Königin, Gisela von Bayern, die um 995 Stephan I. ehelichte. Eine erste Erwähnung des späteren Fundgebietes findet sich 1964 nach einer Geländebegehung des Archäologen Sándor Soproni (1926–1995). Durch das ab 1977 an der Donau projektierte Staustufensystem Gabčíkovo–Bős-Nagymaros war auch der Bereich um das Kleinkastell Visegrád–Gizellamajor aufgrund geplanter Kanalisierungs- bzw. Eindeichungsmaßnahmen von der Zerstörung bedroht.Péter Gróf, Dániel Gróh: Vorläufiger Bericht über die Freilegung der römischen Festung von Visegrád-Gizellamajor. In: Communicationes archeologicae Hungariae. 1991 (1993), S. 93. Daher wurden großflächige Rettungsgrabungen an den Uferzonen notwendig, die 1988 im Visegráder Ortsteil Gizellamajor in Angriff genommen wurden. In deren Verlauf konnten die leitenden Archäologen Dániel Gróh und Péter Gróf noch im gleichen Jahr bisher unbekannte römische Mauern aufdecken. Seit 1984 fanden auf Initiative von Umweltschützern massive Protestaktionen gegen das Stau- und Kraftwerksgroßprojekt statt, sodass schließlich 1989 die Arbeiten auf ungarischer Seite eingestellt wurden. Damit waren auch die archäologischen Bodendenkmäler am Donauknie vor der endgültigen Zerstörung bewahrt worden. Bei Gizellamajor begannen daraufhin umgehend planmäßige Ausgrabungen, die – mit kurzzeitigen Unterbrechungen – bis ins Jahr 2004 andauerten. Der nördliche Abschnitt des Kleinkastells unter der Bundesstraße 11 konnte, trotz zahlreicher Versprechungen von Seiten der Behörden, die Straße zu verlegen, bislang noch nicht untersucht werden.
Die Überreste des Kleinkastells wurden nach Abschluss der Untersuchungen konserviert und bis auf weiteres mit einem provisorischen hölzernen Schutzbau vor Witterungseinflüssen gesichert. Dieser soll später durch eine dauerhafte Konstruktion im Rahmen eines archäologischen Parks ersetzt werden. Bis dahin verhindert auch ein Maschendrahtzaun den verbotenen Zutritt zum Gelände.
Baugeschichte Mittelkaiserzeitlicher Wachturm? Als vorkastellzeitliche Fundstücke sind ein Dupondius des Vespasian oder Titus, ein Denar des Mark Aurel, ein Ziegelstempel der Cohors I Ulpia Pannoniorum und einige Mauerreste unter dem Niveau des 4. Jahrhunderts entdeckt worden. Soproni hatte bei seiner Oberflächenuntersuchung angenommen, dass diese Fundstücke zu einem früheren Wachturm gehört haben könnten.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 51.
Konzeption des spätantiken Kleinkastells mini|Ansicht der ergrabenen Anlage. mini|Das Kleinkastell Tetrapyrgium am Limes Arabicus. Die nach Aussage der Ausgräber unter Kaiser Constantius II. (337–361)Péter Gróf, Dániel Gróh: Sírépítményből átalakílott küszöbkő a Visegrád-Gizella majori későrómai erődből (Aus einem Grabbauelement umgeänderter Schwellenstein aus dem spätrömischen Kastell von Visegrád-Gizellamajor). In: Folia archaeologica 49/50, 2001/02, S. 247–261; hier: S. 261. gegründete Festung von Gizellamajor gehört zu jenem Typ spätantiker Kleinkastelle, der mit einem streng geometrisch gegliederten Aufbau noch stark an ältere militärische Bautraditionen erinnert. Anlagen wie in Visegrád-Gizellamajor sind aus den entferntesten Provinzen bekannt. So folgt beispielsweise der Grundriss des 38,2 × 37,2 MeterMichaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa. (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 115. großen Kleinkastells Tetrapyrgium an der Strata Diocletiana in Syrien einem sehr ähnlichen Aufbau.Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 2. Auflage. Band 24: Quadriburgium – Rind. de Gruyter, Berlin, New York 2003, ISBN 3-11-017575-4, S. 2. Während der Planungs- und Markierungsphase der Anlage im Gelände nutzten die römischen Ingenieure geometrische Grundformen wie das Quadrat und die daraus resultierende Diagonale. Der Festungsgrundriss wird durch eine 34,3 × 34,3 Meter große quadratische Wehrmauer mit 1,80 Meter dicken Wänden eingegrenzt, in deren durch Diagonalen gebildeten Schnittpunkt eine Groma, das Hauptvermessungsinstrument, gestanden hat. Nachberechnungen zeigen, dass diese sicherlich im Vorfeld der Erbauung festgelegten Maßvorgaben sehr genau eingehalten worden sind. Auch die Gesamtausrichtung der Befestigung im Gelände, die einer gedachten Nord-Süd- bzw. West-Ost-Achse folgt, bestätigt diese sorgfältige Planung. Alle vier Ecken der Umwehrung wurden durch einen weit über die Kurtinen hervorspringenden Fächerturm gesichert; das einzige Tor befand sich an der Prätorialfront, der dem Feind zugewandten Seite des Kleinkastells. Diese stand der Donau und dem am gegenüberliegenden Ufer angrenzenden Barbaricum gegenüber. Dort lebte in der Spätantike der germanische Stamm der Quaden.
Innenbebauung mini|Rekonstruktionsversuch der Fortifikation. mini|Die südwestliche Kastellecke. mini|Der nordwestliche Lagerbereich. mini|Nordwestausgang aus dem Raum vor dem Kastellbad. Im Inneren der Anlage wurde eine an die Kurtinen gelehnte Bebauung festgestellt, die sich um einen offenen Hof gruppierte. Ein kleines heizbares Bad war in den nordwestlichen Eckturm eingebaut worden. Die im 4. Jahrhundert errichtete Fortifikation wurde während der Regierung Kaiser Valentinians I. renoviert. Am Ende dieses Jahrhunderts siedelten barbarische Foederaten hinter den Wehrmauern, bis das Kleinkastell gegen Ende des ersten Drittels im 5. Jahrhundert endgültig verlassen wurde.
An mehreren Stellen war der römerzeitliche Laufhorizont aus einer dünnen Lehmschicht noch zu ermitteln. In der Südwestecke der Befestigung wurde dieser Lehmboden unter einer Zerstörungsschicht aus verkohlten Pfosten und Balken festgestellt. Die Grundlage dieses Bodens bildete dort eine einheitliche, schotterige und ungestörte Schicht. Der an die östliche Kurtine angebaute Ostflügel war 22,75 × 6,35 Meter groß, seine Wände rund 60 bis 70 Zentimeter stark. Während des valentinianischen Umbaus wurden hier zwei mit Lehm gebundenen Trennwände errichtet, die nur schwach fundamentiert waren. Einer der neuen Räume erhielt eine Kanalheizung, die ein unregelmäßiges L bildete.
Im südwestlichsten Raums des Südflügels befand sich ein Ofen, im – während des valentinianischen Umbaus eingerichteten – Raum daneben eine Darre. Die dort eingerichtete L-förmige Kanalheizung barg unter anderem sekundär verwendete Ziegeln mit dem Stempel der Coh(ors) I Ulp(ia) Pan(noniorum). In der Nordostecke, am dort errichteten Eckturm, konnten unter anderem 30 Zentimeter über einem angetroffenen Schwellenstein drei oder vier Balkenlöcher festgestellt werden, die möglicherweise zu einer Treppe gehört haben, über die man in das Obergeschoss des Turmes gelangte. Während der Grabungen stellte sich heraus, dass der Schwellenstein auf seiner unteren Fläche eine Reliefverzierung zeigte. Der Stein war während der valentinianischen Renovierung als Spolie eingesetzt worden und könnte ursprünglich das Stirnelement eines Architravs gewesen sein, der zu einem als Ädikula gestalteten Grabbau gehörte.
Im Westflügel wurde ein 22 × 5,5 Meter großer Raum ergraben in dem offensichtlich auch industrielle Tätigkeiten stattgefunden haben. In der dort untersuchten Planierschicht, auf der das Kastell und dieser Raum gegründet wurden, fanden sich einige wenige spätrömische Grobkeramikbruchstücke sowie ein glasiertes Keramikstück, die sich in die Epoche von Constantius II. datieren lassen.Katalin Ottományi: Veränderungen des Töpferhandwerks in der ersten Hälfte 5. Jhs. aufgrund des Keramik von Befestigung Visegrád–Gizellamajor. In: Romania Gothica II. The Frontier World Romans, Barbarians and Military Culture, Proceedings of the International Conference at the Eötvös Loránd University, Eötvös Loránd University Budapest 2015, , S. 691–740; hier; S. 691.
Die Archäologen konnten Umbaumaßnahmen am Kleinkastell beobachten. So wurde an der westlichen Außenmauer im Winkel zum Nordwestturm, in dem sich das heizbare Bad befand, ein kleiner rechteckiger Raum angebaut. Die Bebauung an der Nordmauer wurde weiter nach Süden vorgeschoben, wodurch sich die Fläche des Innenhofs verkleinerte. Zusätzlich wurde die Tordurchfahrt im Inneren durch einen sich davorschiebenden Raum wesentlich enger gestaltet.
Vicus