Die SPD Hamburg, offiziell SPD Landesorganisation Hamburg, ist die Landesorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in der Freien und Hansestadt Hamburg und gilt als mitgliederstärkster Landesverband einer Partei im Stadtstaat.
Sie stellte von 1946 bis 1953, von 1957 bis 2001 sowie seit 2011 den Ersten Bürgermeister in Hamburg.
Ergebnisse bei den Bürgerschaftswahlen Ergebnisse der BürgerschaftswahlenErgebnisse der Bürgerschaftswahlen in Hamburg Jahr Spitzenkandidat Stimmen Sitze 1946 Max Brauer 43,1 % 83 1949 42,8 % 65 1953 45,2 % 58 1957 53,9 % 69 1961 Paul Nevermann 57,4 % 72 1966 Herbert Weichmann 59,0 % 74 1970 55,3 % 70 1974 Peter Schulz 45,0 % 56 1978 Hans-Ulrich Klose 51,5 % 69 Juni 1982 Klaus von Dohnanyi 42,7 % 55 Dezember 1982 51,3 % 64 1986 41,7 % 53 1987 45,0 % 55 1991 Henning Voscherau 48,0 % 61 1993 40,4 % 58 1997 36,2 % 54 2001 Ortwin Runde 36,5 % 46 2004 Thomas Mirow 30,5 % 41 2008 Michael Naumann 34,1 % 45 2011 Olaf Scholz 48,4 % 62 2015 45,6 % 58 2020 Peter Tschentscher 39,2 % 54 2025 33,5 % 45
Geschichte der SPD-Hamburg
Die Anfänge Bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 waren führend auch Hamburger beteiligt, so Theodor Yorck, Vorsitzender der Tischler und Holzarbeiter, Jakob Audorf, Verfasser der Arbeiter-Marseillaise und August Geib, Lyriker und Buchhändler, Letzterer wurde eine der zentralen Führungspersonen des ADAV und – zusammen mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht – der 1875 gegründeten Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Hamburg war schon Anfang der 1870er Jahre das wichtigste Zentrum der sozialistischen Arbeiterbewegung und Sitz der meisten Gewerkschaftsvorstände gewesen; mit 4000 vertretenen Mitgliedern stellte Hamburg bei dem Parteitag 1875 17 Prozent der Mitgliedschaft im Reich.
Der Erlass des „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, des sog. Sozialistengesetzes (1878–1890), führte trotz des im Vergleich mit Preußen liberalen Vorgehens des Hamburger Polizeisenators zu Haussuchungen, Vereinsschließungen, Prozessen gegen Partei- und Gewerkschaftsmitglieder. Partei und Gewerkschaften zogen sich in Ersatzorganisationen zurück. Auf Betreiben von Preußen wurde im Herbst 1880 der Kleine Belagerungszustand über Hamburg und Umgebung verhängt, der die Ausweisung von 300 Sozialdemokraten ermöglichte, deren Familien in Not zurückblieben.
Hamburg, die Hochburg mini|Wilhelm Metzger, Redakteur der Parteizeitung Hamburger Echo und ab 1890 einer der ersten Reichstagsabgeordneten der Hamburger SPD Durch die 1882 begonnenen Zollanschlussbauten entstand eine Sonderkonjunktur in Hamburg, die zum Aufschwung der gewerkschaftliche „Fachvereine“ führte, deren gut verdienende Mitglieder enorme Summen für die verbotene Partei aufbrachten, die damit zur finanziellen Stütze der SAP im ganzen Reich wurde. In allen drei Hamburger Wahlkreisen und dem Wahlkreis 8 Altona-Wandsbek-Stormarn nahmen bei den Reichstagswahlen die Stimmen für die SAP kontinuierlich zu, 1890 war die SAP in der „Hochburg Hamburg“ in allen drei sozialdemokratischen Wahlkreisen erfolgreich und der Wahlkreis 8 Altona wurde ebenfalls gewonnen. Für Hamburg zogen August Bebel, Johann Heinrich Wilhelm Dietz und Wilhelm Metzger in den Reichstag ein. Den Wahlkreis 8 vertrat Karl Frohme. Sie blieben bis zum Ende des Kaiserreiches in der Hand der SAP, die 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannt wurde.
Mittlerweile hatten sich Hamburger Unternehmerverbände zusammengeschlossen und als am 1. Mai 1890 die Hamburger Arbeiter für den Achtstundentag demonstrierten, wurden fast 20.000 Arbeiter monatelang ausgesperrt. Das führte innerhalb der Arbeiterorganisationen zu einem Umschlag in bisher in Hamburg unbekannte Verbitterung und Radikalität. Dennoch beteiligte sich die SPD an den Notstandskomitees während der Cholera-Epidemie 1892. Zuvor war die SPD in Hamburg am 27. August vom Hamburger Senat beauftragt worden, 250.000 Flugblätter mit Informationen zur Hygiene zu drucken und auch gegen Entgelt durch ihre Mitglieder kurzfristig zu verteilen. Keine andere Druckerei bzw. Organisation der Stadt war imstande, beides zu leisten.Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830–1910. (Originaltitel: Death in Hamburg, übersetzt von Karl A. Klewer), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1990, ISBN 3-498-01648-2, S. 400–402. Weitreichende Folgerungen hatte der Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97, der gegen die Unternehmerverbände vor Ort zusammen mit der Ruhrindustrie nicht durchzuhalten war.
Das an das Bürgerrecht und eine bestimmte Einkommenshöhe gekoppelte Wahlrecht zur Hamburgischen Bürgerschaft führte dazu, dass als erster Sozialdemokrat Otto Stolten erst 1901 in das Landesparlament gewählt wurde, 1904 waren es bereits 13 (von 160 Sitzen). Der Versuch der Bürgerschaft, das Wahlrecht daraufhin zuungunsten der Arbeiter zu ändern, führte zu einem halbtägigen Generalstreik, dem ersten politischen Massenstreik in Deutschland.
Hamburg blieb in diesem Zeitraum die Hauptstadt der Arbeiterbewegung und das Zentrum der Gewerkschaftsbewegung. Unter maßgeblichem Einfluss von Adolph von Elm kam es zur Gründung der Genossenschaft Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ eGmbH und der gewerkschaftlich-genossenschaftlichen Versicherungs-Aktiengesellschaft Volksfürsorge. Die genossenschaftlich und gemeinwirtschaftlich ausgerichteten Unternehmen setzten eine Bewegung in Gang, die als dritte Säule der Arbeiterbewegung bezeichnet wurde. Das eindrucksvolle Gewerkschaftshaus wurde 1913 von Bebel eingeweiht, der bis zu seinem Tod im selben Jahr Hamburger Reichstagsabgeordneter war. Erst während des Ersten Weltkriegs wurden Sozialdemokraten Ämter in der Hamburgischen Verwaltung und Bürgerschaft eingeräumt.
Die Parteizentrale war von 1887 bis 1956 in der Großen Theaterstraße 42–44 und ist seit 1957 in der Kurt-Schumacher-Allee 10.Hamburger Erinnerungsorte der Sozialdemokratie, SPD Landesorganisation Hamburg, Hamburg 2013, S. 30–31
In Regierungsverantwortung 1919–1933 1919 konnte sich die Mehrheitssozialdemokratie (1917–1919) in Hamburg gegen die USPD-Führung nach einer Neuwahl im Hamburger Arbeiterrat durchsetzen. Bei der Bürgerschaftswahl am 16. März 1919 errang die SPD 50,5 Prozent der Stimmen, die USPD 8,1. Mit der Deutschen Demokratischen Partei (DDP – vorher Vereinigte Liberale) bildeten die Sozialdemokraten eine Koalitionsregierung. Bei der Wahl 1921 erhielt die SPD, die in Hamburg über 72.000 Mitglieder hatte, 40,6 Prozent der Stimmen, die KPD 11 Prozent. Neben dem Zweiten Bürgermeister Otto Stolten gehörten Schulsenator Emil Krause und Polizeisenator Adolph Schönfelder zu den führenden Sozialdemokraten. Eine Vielzahl von Reformen wurde durchgesetzt, z. B. Einführung einer modernen Verwaltung, Änderung der Wohlfahrtspflege, reformorientierte Schul und Jugendpolitik, eine beispielhafte Städtebaupolitik (Fritz Schumacher).
mini|Karl Meitmann, um 1930 Die zunehmenden gewalttätigen Auseinandersetzungen führten im Februar 1924 zur Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, an der Hamburger Sozialdemokraten maßgeblich beteiligt waren. Der SPD-Vorsitzende Karl Meitmann warnte nach dem Wahlerfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1930, Hitler wolle „Macht, die ganze Macht“, die er notfalls durch „Ströme von Blut“ absichern werde.
Widerstand und Verfolgung 1933–1945 Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurden mit der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 die in der Verfassung garantierten Freiheitsrechte eingeschränkt, dazu gehörte die Pressefreiheit. Als das NS-Regime vom Hamburger Senat das Verbot der SPD-Parteizeitung „Hamburger Echo“ verlangte, traten der sozialdemokratische Bürgermeister Rudolf Ross und die SPD-Senatoren Emil Krause, Adolph Schönfelder, Paul Neumann, Heinrich Eisenbarth und John Ehrenteit am 3. März 1933 zurück. Mit der Wahl eines von Nationalsozialisten geführten Senats am 8. März 1933 begann auch in Hamburg der staatliche Terror. Systematisch schränkten die neuen Machthaber die Bewegungsfreiheit und das öffentliche Auftreten der SPD ein, erste Verhaftungen folgten.
Die drei Hamburger SPD-Abgeordneten Adolf Biedermann, Gustav Dahrendorf und Hans Staudinger gehörten zu den 94 Mitgliedern der SPD-Reichstagsfraktion, die gegen das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 stimmten.
Mit der Beschlagnahmung des Parteivermögens am 10. Mai 1933 wurde die Handlungsfähigkeit der Partei weiter eingeschränkt. Auch in Hamburg wurde die Vorbereitung auf die Illegalität und das Festhalten am Legalitätskurs diskutiert. Die Anpassungspolitik des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) führte Ende Mai 1933 zum Austritt eines Teils des Gewerkschaftsflügels aus der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Am 15. und 16. Juni 1933 kam die Hamburger SPD-Führung – der Parteivorstand, Reichstags- und Bürgerschaftsabgeordnete und die Distriktsführer – im Redaktionsgebäude des „Hamburger Echo“ zusammen, um die politische Situation zu beraten. Die über 30 Teilnehmer wurden verhaftet und von den Nationalsozialisten zum Teil schwer misshandelt. Nachdem eine Anklage wegen Vorbereitung zum Hochverrat gescheitert war, wurden alle Gefangenen nach mehrwöchiger Haft entlassen. Die Hamburger Vorgänge dienten den Nationalsozialisten auf der Reichsebene auch dazu, die SPD am 22. Juni 1933 zu verbieten.
Walter Schmedemann baute daraufhin die illegale Hamburger SPD-Führung auf, die ein breites Organisationsnetz mit einem eigenen Nachrichtendienst unterhielt. Die Widerstandsarbeit war jedoch nicht einheitlich organisiert. Zahlreiche Gruppen, die sich aus SAJlern (Sozialistische Arbeiterjugend), Jungsozialisten, Reichsbannerleuten und Arbeitersportlern rekrutierten, entwickelten eigene Aktivitäten.
Mehrmals wurde die illegale Führung der Hamburger SPD verhaftet und musste ersetzt werden. Bis zum März 1938 gelang es – zuletzt durch Walter Siering und Wilhelm Bock –, die Verbindung zum Grenzsekretariat des SPD-Exilvorstands in Kopenhagen aufrechtzuerhalten. Gustav Dahrendorf gehörte seit Ende 1942 zum engeren Kreis des sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Widerstands um Julius Leber und Wilhelm Leuschner. Er unterrichtete 1943 Adolph Schönfelder und Herbert Ruscheweyh über die Umsturzpläne.
Nachkriegszeit und Wiederaufbau Unmittelbar nach Kriegsende begannen die Sozialdemokraten unter Karl Meitmann, Walter Schmedemann und Adolph Schönfelder mit dem Wiederaufbau der Hamburger Partei. Ende 1946 hatte die SPD etwa 44.000 Mitglieder, bis 1948 stieg die Zahl der Mitglieder in der Parteiorganisation, die sich infolge des Groß-Hamburg-Gesetzes jetzt auch auf Altona, Harburg-Wilhelmsburg und Wandsbek erstreckte, auf 55.000. Mit der ersten Bürgerschaftswahl am 13. Oktober 1946 kamen die Mehrheitsverhältnisse klar zum Ausdruck: die SPD gewann die Wahl mit 43,1 % der Stimmen. Das von der Besatzungsmacht verfügte Mehrheitswahlrecht bescherte den Sozialdemokraten 83 der insgesamt 110 Parlamentssitze. Erster Bürgermeister in der schwer zerstörten Stadt wurde der frühere Altonaer Oberbürgermeister Max Brauer.
mini|Herbert Weichmann, 1971 Bei der Bürgerschaftswahl 1949 erreichte die SPD mit 42,8 % der Stimmen erneut die absolute Mehrheit in der Bürgerschaft. Vier Jahre später errang die SPD 45,2 % der Stimmen, musste sich aber dem Hamburg-Block, einem bürgerlichen Wahlbündnis, geschlagen geben und in die Opposition gehen. Mit dem Spitzenkandidaten Max Brauer errang die SPD 1957 53,9 % der Stimmen und übernahm wieder die Regierungsverantwortung. Oppositionsführer Paul Nevermann, der sich als Bausenator um den Wiederaufbau Hamburgs verdient gemacht hatte, übernahm 1960 das Bürgermeisteramt und gewann die Bürgerschaftswahl 1961 mit 57,4 %. Sein Nachfolger wurde 1965 der bereits 69-jährige Herbert Weichmann, der 1966 mit 59,0 % der Stimmen das bis heute beste Bürgerschaftswahlergebnis für die SPD erzielte.