Der Pfaffe Amis (mittelhochdeutsch der pfaf/pfaff/e Amîs/Ameis/Amys/Ameys) ist der erste mittelhochdeutsche Schwankroman. Sein Autor, der Stricker, mhd. der Strickære, war vermutlich in Österreich beheimatet und schrieb den Roman um 1240.Schneider: Sozialgeschichte des Lesens. 2004, S. 91–93.Meid: Metzler Literatur Chronik. 2006, S. 50.
Die Erzählung handelt von den Betrügereien eines Geistlichen, des Pfaffen Amis, der in England lebt. Er wird als großzügiger Mensch beschrieben, der es liebt, viele Gäste in seinem Hause unterzubringen und diese mit Speis und Trank zu versorgen.
Der Pfaffe Amis ist ein satirischer und provokativer Text, da der Geistliche als ehrenhaft und lobenswert bezeichnet wird, obwohl er sich durch seine Betrügereien permanent entgegen den christlichen Werten verhält.
Der Roman lieferte die Vorlage für weitere Schwankromane des Spätmittelalters, unter anderem den Ulenspiegel, eher bekannt als Till Eulenspiegel.
Inhalt
Handlung mini|Ein illustrierter Straßburger Wiegendruck: nach dem Original in der Münchener K. Hof- und Staatsbibliothek Prolog (cpg 341, VV 1–54)
Zu Beginn der Erzählung wird ein hohes Lob auf die guten alten Zeiten ausgesprochen, in denen noch Freude und Wahrheit in der Gesellschaft vorherrschten. Nun habe sich dieses dadurch ins Gegenteil verkehrt, dass der Pfaffe Amis als erster Mensch das Lügen und Betrügen in die Welt gebracht habe.
Hauptteil (cpg 341, VV 55–2244)
In der ersten Episode muss der Pfaffe Amis eine Bewährungsprobe gegenüber einem Bischof bestehen. Dieser ist neidisch auf Amis’ Besitz und will ihm diesen streitig machen. So muss sich der Pfaffe Amis den prüfenden Fangfragen des Bischofs stellen. Der Bischof kann gegen die Antworten nichts einwenden. In einer abschließenden Aufgabe gelingt es dem Pfaffen durch geschickte Manipulation sogar, den Bischof davon zu überzeugen, dass er einem Esel das Lesen beigebracht habe. Dieses überzeugt den Bischof davon, dass der Pfaffe Amis sein Hab und Gut rechtmäßig besitzt. Kurze Zeit später stirbt der Bischof. Die finanziellen Mittel des Pfaffen werden knapp, so dass er zu überlegen beginnt, wie er nun an Reichtum gelangen kann, um seinen Haushalt aufrechterhalten zu können. Durch seinen Erfolg aus der ersten Episode ist er motiviert, seine Klugheit weiterhin zum Gelderwerb einzusetzen. Er sammelt nun alle Dinge zusammen, die Priester, Maler und Ärzte benötigen, um in deren Rollen schlüpfen zu können.
Amis geht zu einem Kirchweihfest und möchte dort das Evangelium verlesen. Er bietet dem Pfarrer dafür die Hälfte der Kollekte an. In der Predigt stellt Amis die Bedingung, dass nur diejenigen für die Kollekte spenden dürften, die noch nie fremdgegangen sind. Um nicht in Verruf zu geraten, spendeten alle Anwesenden reichlich. Dasselbe geschieht auf weiteren Kirchweihen. Amis kann so seinen Haushalt vorerst wieder retten, hält aber Ausschau nach weiteren Ertragsmöglichkeiten.
Amis reitet nach Paris und gibt sich beim dortigen König als Maler aus. Er würde dem König die Wände eines Saals derart bemalen, dass das Gemälde nur von ehelich geborenen Menschen gesehen werden könne. Nach erfolgreicher Preisverhandlung lässt sich Amis für sechs Wochen Essen bringen, tut aber nichts. Niemand darf den Saal betreten. Der König verbreitet die Kunde. Wer das Bild nicht sehe, dem würden seine Lehen entzogen. Nach Ablauf der Zeit betreten zuerst der König und später die Ritter des Königs den Saal. Sie sollen alle dem Pfaffen etwas für den Anblick der Bilder zahlen. Niemand gibt zu, dass er keine Gemälde erkennen kann, und so kann sich Amis mit seiner Beute wegstehlen. Den Ertrag schickt er umgehend nach Hause. Der Betrug fliegt erst einen Tag später auf.
Amis reitet nach Lothringen. Er gibt sich bei einem Herzog als Arzt aus. Dieses kommt dem Herzog gelegen, denn es gibt dort Kranke, die geheilt werden müssen. Amis soll sein Geld bekommen, wenn die Kranken dem Herzog ihre Heilung bestätigten. 20 Kranke werden herbeigeführt. Amis verspricht, dass sie geheilt würden, wenn sie eine Woche lang über die Art der Behandlung Stillschweigen bewahren. Nun sollen sich die Kranken darüber einigen, wer der Kränkste von allen sei. Diesen würde Amis persönlich töten, um mit dem Blut die anderen Kranken zu heilen. Nach kurzer Überlegung behaupten alle aus Angst, dass sie umgebracht werden, dass es ihnen an nichts fehle. Sie teilen es dem Herzog mit, und Amis bekommt 300 Mark Silber ausgezahlt. Amis reitet weiter nach England, erst dann klären die Kranken den Herzog über die Wahrheit auf.
Amis predigt weiter auf verschiedenen Kirchweihen. Täglich schickt er einen Gehilfen aus, um eine besonders naive Bäuerin zu finden. Als er erfolgreich ist, lässt Amis durch den Gehilfen ausrichten, dass er bei ihr übernachten möchte. Durch den guten Ruf ist die Bäuerin gewillt, ihm zu helfen. Der Gehilfe soll den Hahn des Bauernhofs beschauen, um einen gleich aussehenden Hahn zu erwerben. Dieser wird in einem Traggestell versteckt, das Amis mit zum Bauernhof nimmt. Er befiehlt der Bäuerin, ihren Hahn zu schlachten, und behauptet, dass Gott ihn ihr ersetzen wird. Amis bekommt den Hahn zur Speise aufgetischt. Nachts stellt er heimlich den gekauften Hahn an die alte Stelle des letzten Hahns. Die Bäuerin sieht den Hahn am nächsten Tag und denkt, es sei ihr alter Hahn, der nun auferstanden sei. Sie berichtet allen Leuten von diesem vermeintlichen Wunder. Amis hält eine kleine Messe und bekommt 60 Mark. Noch vor Sonnenaufgang bricht er auf.
Nun reitet Amis von Gastgeber zu Gastgeber weiter. Sein Gehilfe holt im Voraus Informationen über den Besitz und das Leben der zu besuchenden Person ein. Als Amis dann, wie ein Wahrsager, den Leuten etwas über sie erzählt, wird er mit vielen Gaben überhäuft, weil sie ihn für einen Heiligen halten.
An einem Freitag gelangt Amis an einen Bauernhof. Er hat Fische bei sich und setzt sie in den Brunnen. Daraufhin geht er zu dem einfältigen Bauern, um bei ihm zu speisen. Amis verlangt nach Fisch und sagt, er wolle nichts anderes essen. Der Bauer sagt, er habe keinen Fisch, und Amis verweist ihn auf den Brunnen. Als der Bauer die neuen Fische im Brunnen entdeckt, hält er es für ein Wunder und sagt allen Leute, dass sie dem Pfaffen spenden sollen. Amis bekommt zehn Pfund und erlässt den Anwesenden ihre Sünden. Er reitet davon und schickt das Geld nach Hause.
Amis lässt sich bei einer leichtgläubigen Rittersfrau einquartieren. Beim Abschied schenkt die Frau ihm ein wertvolles Tuch, da sie seine heilbringende Kraft zu spüren vermeint. Als ihr Mann nach Hause kommt und sie ihm vom Pfaffen erzählt, mahnt der Ritter sie wegen ihrer Dummheit und reitet Amis hinterher. Amis, der mit der Ankunft des Ritters gerechnet und das Tuch mit einem glimmenden Stück Holz präpariert hat, muss dem Ritter das Tuch zurückgeben. Dieser macht sich auf den Weg nach Hause. Doch als das Tuch zu brennen beginnt, glaubt der Ritter, dass dieses deshalb geschieht, weil es Sünde war, dem Pfaffen das Tuch zu entreißen. Sofort reitet er zurück zum Pfaffen, bittet ihn um Gnade und will ihm den Wert des Tuchs doppelt ersetzen. Zuhause verpfänden der Ritter und seine Frau ihre Kleider und geben Amis zehn Pfund. Der Ritter erzählt den Bauern von dem Vorfall, und alle lassen sich gegen Geld in die Fürbitte des Pfaffen einschließen. Amis bricht wieder auf.
Überall wird Amis wohlwollend behandelt. Er soll sich in eine Stadt begeben, um dort Geld zu bekommen. Er schickt zwei Gehilfen voraus, die sich als blind und lahm ausgeben. Durch ihn werden sie scheinbar geheilt. Die Nachricht verbreitet sich schnell, alle Einwohner geben Almosen, und Amis zieht weiter.
Die bisherigen Einkünfte erscheinen Amis als zu gering, er möchte nun seinen Haushalt für immer sichern. Somit gibt er sich als Kaufmann aus. Um wohlhabend zu wirken, kauft er sich Transportkisten, die er mit wertlosem Zeug füllt, und erwirbt dafür Lasttiere. Er reist über Griechenland nach Konstantinopel. Amis nimmt sich eine Unterkunft und geht in die Stadt zu einem Laden, in dem hochwertige Seidenstoffe verkauft werden. Da er noch keine Idee hat, wie er vorgehen soll, verlässt er zunächst den Laden wieder. Draußen sieht er einen Franken, der kein Griechisch versteht. Diesem bietet Amis an, als Ersatz für einen verstorbenen Bischof Ansehen erlangen zu können. Als dieser zusagt, trägt Amis ihm auf, dass er in den kommenden drei Tagen nur „es ist wahr“ auf Griechisch sagen solle, er bräuchte noch keine Messe abzuhalten. Sie gehen in das Seidengeschäft, und Amis fragt den Inhaber, wie viele Stoffe er besorgen könne, er wolle alle kaufen. Amis behauptet, der Maurer sei ein Bischof, der sehr vermögend sei. Sie verhandeln, und der Händler soll die Stoffe zählen. Diese werden auf ein Schiff getragen und übers Meer zum Haus des Pfaffen gebracht. Amis überlässt dem Inhaber des Ladens den vermeintlichen Bischof zum Pfand. Als der Händler ungeduldig wird und am dritten Tag seinen Ärger nicht mehr zurückhalten kann, schlägt er den Maurer blutig. Alle Bürger kommen, und unter ihnen ist einer, bei dem der Maurer gearbeitet hat. Der Schwindel fliegt dadurch auf.
Amis kehrt glücklich über seinen Erfolg nach England zurück. Doch als er darüber nachdenkt, dass man in Konstantinopel so viel Geld machen kann, entschließt er sich zu einer Rückkehr dorthin. Mit seinen Gehilfen macht er sich auf den Weg und will sich ein zweites Mal als Kaufmann ausgeben. Um nicht erkannt zu werden, verkleidet er sich. In der Stadt trifft er auf einen Edelsteinhändler und möchte ihm alle Steine abkaufen. Sie einigen sich auf einen Preis. Amis sagte, dass sein Wirt alle Steine abwiegen solle, und der Händler begleitet den Pfaffen samt allen Steinen zu dessen Unterkunft. Dort wird der Händler von Amis' Gehilfen gefesselt und geknebelt. Die Abreise mit dem Schiff wird geplant. Am Abend geht Amis zu einem Arzt und bittet um Medikamente, da er den Händler als seinen Vater ausgibt, der Wahnvorstellungen habe und glaube, von ihm bestohlen worden zu sein. Sie gehen zum aufgebrachten Händler, der immer wieder in kochend heißem Wasser baden muss, bis er schwört, dass Amis ihm nichts schuldig sei. Als ein Bote losgeschickt wird, um Amis zur Bezahlung des Arztes zu bringen, ist dieser schon abgereist.
Epilog (cpg 341, VV 2245–2288)
Als letztendlich sein Etat absolut gesichert ist, kehrt er nach England zurück und setzt sein altes Leben fort. Nach 30 Jahren begibt er sich in ein Zisterzienserkloster. Dort vermehrte er die Besitztümer zur Freude der Klosterbrüder, wird schließlich zum Abt gewählt und erlangt das ewige Leben.
Episoden
Im Folgenden sind die Episoden nach der Handschrift H (cpg 341) aufgeführt. Diese Anordnung der Episoden entspricht der Vulgatfassung, also der am meisten verbreiteten Fassung. Da in allen Handschriften keine Überschriften verwendet wurden, ist die aufgeführte Betitelung der einzelnen Episoden erdacht.
Amis und der Bischof Die Kirchweihpredigt Die unsichtbaren Bilder Die Heilung der Kranken Der auferstandene Hahn Amis als Wahrsager Die Fische im Brunnen Das brennende Tuch Wunderheilung des Blinden und Lahmen Der Maurer als Bischof Der Edelsteinhändler
Die Episoden sind, wie oben angedeutet, nicht in allen Bearbeitungen identisch. In den Handschriften R und Z gibt es einen zusätzlichen Schwank, der als Die Messe bezeichnet wird. Die Episoden 6 und 8 sind in der Riedegger Handschrift (R) miteinander vertauscht.Schilling: Der Pfaffe Amis. 1994, S. 184.Kamihara: Des Strickers ‚Pfaffe Amis‘. 1978, S. 1.
Musterkriterien eines Schwankromans Der Pfaffe Amis gilt sowohl strukturell als auch inhaltlich als Muster der Gattung Schwankroman. Im Folgenden werden die gattungstypischen MerkmaleRöcke: Schwankroman. 2003, S. 410–411.Ziegeler: Der Stricker. 1995, S. 437. des Pfaffen Amis beschrieben.