Der Renner ist das einzige erhaltene deutschsprachige Werk Hugos von Trimberg. Das didaktische Werk setzt bei den Todsünden an, die durch Exempel, Erzählungen, Allegorien und Fabeln illustriert werden. Zitate und Berufungen auf Autoritäten dienen der Absicherung und Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Die „Birnbaumallegorie“ des Prologs strukturiert das Werk. Der „Renner“ umfasst 26.611 Verse. Hugo vollendete den „Renner“ 1300, bearbeitete ihn aber bis zum Jahre 1313. Die zahlreichen Handschriften, die aus dem späten Mittelalter erhalten sind, deuten darauf hin, dass Hugos Alterswerk im 14. und 15. Jahrhundert sehr populär war.

Aufbau des Werkes Reimschema Der „Renner“ umfasst 26.611 VerseDie maßgebliche Renner-Ausgabe ist die von Gustav Ehrismann, die von Günther Schweikle 1970 nur um einige Angaben in dem Kommentarband ergänzt wurde. und ist bis auf den Schweifreim-Prolog in vierhebigen Reimpaarversen verfasst, z. B.: In Swâben, in Düringen, in Beiern, in Franken/ In Schwaben, in Thüringen, in Bayern, in Franken/

Dâ süln tiutsche liute danken / Mîner sêle mit irm gebete, / Mit almuosen, mit andere guotête, / Daz ich vil fremder lêre in hân/ In tiutscher zungen kunt getân […] Dort sollen deutsche Leute danken/ Meiner Seele mit ihrem Gebet/ Mit Almosen, mit anderem guten Werk/ Dass ich ihnen viele unbekannte Lehre/ In deutscher Sprache dargelegt habe […]

Es kommt jedoch vor, dass die Statik der Paarreime durch die Verwendung von Vielreimen gelockert wird. Dies ist beispielsweise in den Anapherreihen der Fall, die in regelmäßigen Abständen immer wieder im Text des „Renner“ auftauchen.Weigand, Rudolf Kilian: Der „Renner“ des Hugo von Trimberg. Überlieferung, Quellenabhängigkeit und Struktur einer spätmittelalterlichen Lehrdichtung. Wissensliteratur im Mittelalter. Schriften des Sonderforschungsbereichs 226 Würzburg/Eichstätt, Band 35, Wiesbaden 2000, S. 26.

Gliederung Der „Renner“ beginnt mit einem zweiteiligen Prolog. In seinem Zentrum steht die so genannte Birnbaumallegorie. Die Struktur ihres Inhaltes entspricht dem Aufbau sowie der thematischen Gewichtung des gesamten Textes. Er besteht aus zwei Hauptteilen: aus einer Morallehre (V. 269 – 18000), in der die sieben Todsünden hôchfart, gîtikeit, frâz, unkiusche, nît, zôrn und lâzheit sowie die Personengruppen, die ihnen verfallen, in sechs so genannten Distinktionen abgehandelt werden und aus einer Heilslehre (V. 18001 – 24483), die das Thema Reue behandelt. Ein Epilog, der sich wie der Prolog aus zwei Teilen zusammensetzt, beschließt den „Renner“. Neben der Gliederung der sieben Hauptsünden in Distinktionen hat Hugo sich innerhalb dieser auch einer Ordnung in Kapitel bzw. Themenabschnitte bedient, in deren Mittelpunkt z. B. Personengruppen stehen, die für die jeweilige Sünde besonders anfällig sind, oder Verhaltensweisen, die für das Laster typisch sind. Diese beiden Gliederungsprinzipien sind einander nebengeordnet und überschneiden sich. Hinzu kommen drei größere Exkurse, die sich der zweiten, vierten und fünften Distinktion anschließen.Weigand, S. 346 ff.

Erzähler Hugo bleibt als Autor während des ganzen Werkes präsent. Da es sich beim „Renner“ nicht um ein episches, sondern didaktisch und theologisch geprägtes Werk handelt, fungiert Hugo selbst als Erzähler seines Stoffes. Er teilt dem Publikum seine eigenen Ansichten mit, statt eine Erzählerstimme für sich zu vereinnahmen. Wichtige Passagen, wie z. B.: die Eingänge der Distinktionen, sind durch so genannten „Ich“- Aussagen gekennzeichnet. Die Forschung sieht in dieser empathischen Haltung „ein Charakteristikum der didaktischen Literatur in der Volkssprache“,Palmer, Nigel F.: Kapitel und Buch. Zu den Gliederungsprinzipien mittelalterlicher Bücher, in: Frühmittelalterliche Studien 23, 1989, S. 67 ff. da durch diese die dichterischen und moralischen Ansprüche des Autors auf eindringliche Weise vermittelt werden.Vgl. Cuadra, Inés de la: Der „Renner“ Hugos von Trimberg: allegorische Denkformen und literarische Traditionen, Hildesheim 1999, S. 122. Lediglich in den Fabeln und Erzählungen, die Hugo in den „Renner“ eingearbeitet hat, treten epische Erzähler in Erscheinung. Auch im Prolog hat er sich offenbar einer Erzählerstimme bedient, da anzunehmen ist, dass sein Inhalt auf Fiktion und nicht auf Hugos eigenen Erlebnissen beruht. Aufgrund der belehrenden Absicht, die Hugo mit seinem Werk verfolgt, wendet er sich häufig direkt an den Leser, um sich seine Aufmerksamkeit zu sichern.

Inhalt Im Folgenden werden die Inhalte sowie formalen Gestaltungen der einzelnen Abschnitte des „Renner“ erläutert.Vgl. Weigand.

Prolog (V. 1 – 268) Die Literaturforschung bezeichnet den Teil des „Renner“ als Prolog, der vor der Abhandlung über die erste Hauptsünde, der hôchfart, steht. Er setzt sich aus einem so genannten Prologus praeter rem und einem Prologus ante rem zusammen. Nach Erkenntnissen der Forschung präsentiert ein Dichter im Prologus praeter rem die Intention seines Werkes, während er im Prologus ante rem den Leser in die Werkthematik einführt.Vgl. Henning Brinkmann: Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung. Bau und Aussage. In: WW 14 (1964), S. 1–21. Alle Zitate aus dem „Renner“ entstammen dieser Ausgabe. Dies ist auch im „Renner“ Hugo von Trimbergs der Fall.

Der Prologus praeter rem (V. 1 – 36) Aufbau Der Prologus praeter rem besteht aus drei Strophen zu je zwölf Zeilen. Jede Strophe hat ein eigenes Reimschema. Die Reimschemata verleihen jeder Strophe ihren individuellen Charakter, durch Wiederaufnahmen und Abwandlungen der Reime bzw. Reimfolgen werden sie jedoch auch miteinander verknüpft und so als zusammengehörig gekennzeichnet.Vgl. Weigand, S. 289 f.

Inhalt Auch thematisch heben sich die drei Strophen des Prologus praeter rem voneinander ab: In der ersten Strophe (V. 1-12) stellt Hugo sich als Dichter des Werkes vor und beschreibt sich als alten Mann, der schon länger unter Beschwerden wie Kopfbrummen und Ohrensausen leidet, wegen der er schon erwogen hat, das Dichten aufzugeben.

In der zweiten Strophe (V. 13- 24) teilt er den Lesern die Intention mit, die er mit dem Verfassen des „Renner“ verfolgt: Hugo möchte seinen „guoten friunden [ein büechelin] tihten“ – „guten Freunden [ein Büchlein] dichten“ (V. 16), damit sie ihm beim Lesen seines Werkes „gedenken“. Hiermit leistet er eine Fürbitte für sein Seelenheil. Weiterhin soll der „Renner“ ihm und anderen Menschen als Bußleistung dienen.

In der dritten Strophe (V. 25- 36) gibt Hugo an, er habe „siben büechelin/ In tiutsch […], und in lâtin fünftehalbes“ – „sieben Büchlein/ Auf Deutsch […], und auf Latein fünf halbe“ (26 f.) geschrieben: Der „Renner“ ist das einzige der fünf deutschsprachigen Werke Hugo von Trimbergs, das erhalten geblieben ist. Er ist weiterhin die einzige Arbeit, die Hugo „bewusst als rein deutsches Werk“Weigand, S. 26. konzipiert hat, um seine Inhalte dem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Mit dem halben „büchelin“ meint Hugo den „Samener“, den er nicht vollenden konnte, da er Bögen des Werkes verlor. Seinen Inhalt hat er jedoch im „Renner“ in den Versen 24588 – 24605 integriert. Weiterhin erbittet Hugo in der dritten Strophe den Beistand Gottes, damit sein Werk gelingen kann. Dies ist für geistliche Werke des Mittelalters typisch.Vgl. Weigand, S. 291 f. Hugo erhofft sich jedoch nicht nur, dass Gott ihm den „rechten“ Weg für seine Dichtung aufzeigt, sondern vor allem, dass dieser ihm die Kraft gibt, sein Werk vor seinem Tode zu vollenden. Der Prologus prater rem endet mit einem Aufruf zum Gebet (Vgl. V. 33- 36). Dies verweist noch einmal darauf, dass Hugo den „Renner“ als ein vorwiegend geistliches Lehrwerk betrachtet.Vgl. Weigand, S. 291.

Der Prologus ante rem (V. 37 – 268) Aufbau Schon in formaler Hinsicht lässt sich der Prologus ante rem von dem ihm vorhergegangenen Prologus praeter rem unterscheiden: Er ist anders als sein Vorgänger nicht in Strophen aufgebaut, sondern durch die für den „Renner“ typischen „fortlaufende Reimpaarverse“Cuadra, S. 292. gekennzeichnet. Größtenteils tauchen diese in Form des Paarreimes auf, z. B. V. 49 ff.: Ûf einem grüenen reine, / Gesundert alterseine, / Der was gezierte harte wol, / Wenne er stuont liehter blüete vol […] Auf einem grünen Wiesenrain, / ganz allein, / der sehr geschmückt war, / denn er stand in voller Blüte […]

Nur in den Versen 80 – 83, 151 – 154, 175 – 178 und 195 – 198 kommen auch Vierfachreime vor, die die Ordnung der Paarreimketten durchbrechen, z. B. V. 151 ff.: Dô Adâm und Êvâ beide / Von der wunneclichen heide / Des paradîses muosten scheide, / Dô lebten sie mit leide. Als Adam wie Eva/ von der herrlichen Heide/ Des Paradieses scheiden mussten, / lebten sie mit Leid.

Die Thematik des „Renner“ wird in der so genannten Birnbaumallegorie präsentiert. Das Geschehen wird von einem homodiegetischen Erzähler präsentiert, der nicht mit Hugo von Trimberg gleichzusetzen ist. mini|x400px|Erste Seite aus der „Renner“ Handschrift des Johannes VosterDer Erzähler der Allegorie ist nicht nur homodiegetisch, sondern auch autodiegetisch, da er die Hauptfigur der Geschichte ist und als Ich-Erzähler auftritt. Hugo bedient sich in der Birnbaumallegorie folglich einer internen Fokalisierung. Der Inhalt gliedert sich in die Birnbaumallegorie und ihre Allegorese.

Inhalt: Die Birnbaumallegorie und Allegorese Der Ich-Erzähler beschreibt, wie er an eine Heide kommt, die in einem Tal liegt, das von hohen Bergen umgeben ist: „Diu heide lac in einem tal, / Glîche gemezzen und niht ze breit, / Mit hôhen bergen ümmeleit“ (V. 44 – 46) – „Die Heide lag in einem Tal, gleich groß und nicht zu breit, mit hohen Bergen umgeben“. Ein schmaler, grasiger Pfad führt den Erzähler zu der Heide, auf der zahlreiche Blumen wachsen (Vgl. V. 40 – 43). Der Erzähler beginnt die Gegend näher zu erkunden. Auf seinem Weg entdeckt er einen Baum, den er ausführlich beschreibt: Der Baum steht allein auf einem Stück Wiese und trägt Blüten. Aus diesen entwickeln sich Birnen, die vom Wind „Virwiz“ vom Baum geschüttelt werden, wenn sie reif sind (Vgl. V. 65- 75).

Einige Birnen fallen in einen Brunnen, der unter dem Birnbaum steht, andere in die Pfütze, die von dem Wasser des Brunnens gespeist wird. Ein anderer Teil der Birnen fällt in einen Dornenstrauch, der neben einem unberührten Stück grünen Grases wächst, auf das ebenfalls einige Birnen fallen. Die Birnen, die in Brunnen, Pfütze und Dorn fallen, müssen verderben. Die Birnen, die auf das Gras fallen, sind den Witterungen ausgesetzt und leiden etwas darunter, bleiben aber größtenteils unversehrt (V. 87 – 100):

Ein teil ir in die lachen kam: Nieman die her ûz nam; / Ein teil viel in den brunnen: / Die beliben ungewunnen; / Ir viel ein teil in den dorn: / Mich dunket die sîn ouch verlon, Wenn si müezen fûlen dâr an/ Niht wol man daz erwenden kann. Ir viel ein teil ouch ûf daz gras: / Die lâgen wol, swie vil der was: / Aleine daz weter in têt wê, / Doch verdurben jene anderen ê/ Die dâ lâgen an boeser stat, / Als man iuch vor bescheiden hât. Ein Teil von ihnen fiel in die Pfütze: Niemand nahm sie dort heraus; / Ein Teil fiel in den Brunnen: / Die blieben unerobert; / Ein Teil fiel in den Dornenbusch: / Ich denke, die sind auch verloren, Weil sie dort faulen müssen/ Das kann man nicht verhindern. Ein Teil von ihnen fiel auch auf das Gras: / Die lagen gut, obwohl viele dort waren: / Obwohl das Wetter ihnen zusetzte, / Verdarben jene anderen eher/ Die an schlechter Stelle lagen, / Wie man euch zuvor berichtet hat.

Mit diesem Abschnitt endet die Beschreibung des Birnbaums und somit auch die Allegorie. Im Folgenden leitet Hugo die Allegorese, die Deutung des zuvor kreierten Bildes, ein: „Nu merket, junge liute, / Was der boum bediute, / Der dorn und ouch das grüene gras/ Und swaz mêr ûf der heide was!“ – „Nun merkt euch, junge Leute, / Was der Baum bedeutet, / Der Dornbusch und auch das grüne Gras/ Und was mehr auf der Heide war!“ (V. 101 – 104).