Unter Sozialer Innovation versteht man in der Soziologie und im Innovationsmanagement den Prozess der Entstehung, Durchsetzung und Verbreitung von neuen sozialen Praktiken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Frances Westley definiert den Begriff als „jede Initiative (Produkt, Prozess, Programm, Projekt oder Plattform), welche die bestimmenden Routinen, Ressourcen- und Entscheidungsflüsse oder Überzeugungen des weitgefassten sozialen Systems, in das sie eingeführt wird, infrage stellt und im Laufe der Zeit zu seiner Veränderung beiträgt“.
Während ‚Innovation’ wörtlich ‚Neuerung’ oder ‚Erneuerung’ bedeutet, ist mit ‚sozial’ entweder die Interaktion von Menschen oder – wenn es normativ gebraucht wird – ‚gut für die Gesellschaft und ihre Mitglieder’ gemeint. In der Innovationsforschung werden soziale Innovationen entweder als Voraussetzung, Begleiterscheinung oder als Folge technischer Innovationen thematisiert. Die Fragen, was eine Innovation zu einer sozialen Innovation macht, ob dabei der gesellschaftliche Nutzen das entscheidende Kriterium ist und wie sich dieser bestimmen lässt, werden kontrovers diskutiert. Weitgehend Einigkeit besteht hingegen darüber, dass sich der Begriff auf Innovationen bezieht, die im direkten Zusammenhang mit der Suche nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen stehen.Jürgen Howaldt, Heike Jacobsen (Hrsg.): Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma. Wiesbaden 2010. Bei diesen Lösungen handelt es sich oft um neue Arten der Kommunikation und Kooperation. Die Auseinandersetzung mit sozialen Innovationen als ein zentrales gesellschaftstheoretisches wie politisches Konzept gewinnt zunehmend an Bedeutung.Jürgen Howaldt, Michael Schwarz: „Soziale Innovation“ im Fokus. Skizze eines gesellschaftsinspirierten Forschungskonzepts. Bielefeld 2010. Die Forschung zu sozialen Innovationen ist von disziplinären Silos geprägt.
Entstehung des Begriffes Die Erwähnung Sozialer Innovationen geht bis auf die Ursprünge der Innovationsforschung zurück, als deren Begründer Joseph Schumpeter mit seiner 1912 veröffentlichten „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ gilt.Joseph Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Nachdruck der 1. Auflage von 1912, herausgegeben von Jochen Röpke und Olaf Stiller. Berlin 2006. Als ein eigenständiges Phänomen wird Soziale Innovation im deutschen Sprachraum erstmals systematisch in einem Beitrag von Wolfgang Zapf aus dem Jahr 1989 behandelt. Zapf definierte soziale Innovationen als „neue Wege, Ziele zu erreichen, insbesondere neue Organisationsformen, neue Regulierungen, neue Lebensstile, die die Richtung des sozialen Wandels verändern, Probleme besser lösen als frühere Praktiken, und die deshalb wert sind, nachgeahmt und institutionalisiert zu werden“.Wolfgang Zapf: Über soziale Innovationen. In: Soziale Welt. Band 40, Nr. 1/2, 1989, S. 170–183. Damit soziale Innovationen zustande kommen, sind – wie bei technischen – laut Zapf wissenschaftlicher Fortschritt und praktische Erfahrung notwendig. Der in Anlehnung an Zapf entstandene Beitrag von Gillwald (2000) enthält eine ähnliche Definition: „Soziale Innovationen sind, kurz gefasst, gesellschaftlich folgenreiche, vom vorher gewohnten Schema abweichende Regelungen von Tätigkeiten und Vorgehensweisen. Sie sind überall in gesellschaftlichen Systemen möglich, im Ergebnis Verhaltensänderungen und verwandt aber nicht gleich mit technischen Innovationen“.Katrin Gillwald: Konzepte sozialer Innovation. WZB paper: Querschnittsgruppe Arbeit und Ökologie. Berlin 2000. (download)
Beginnend mit der Thematisierung der „Grenzen des Wachstums“Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart 1972. und einer zunehmend kritischen Perspektive auf technologische Entwicklungen und ihr Problemlösungspotenzial in den 1970er Jahren ist immer öfter von der Notwendigkeit umfassender sozialer Innovationen die Rede. Diese Tendenz wird in Reaktion auf eine nach wie vor technikfixierte Innovationspolitik weiter verstärkt. Obwohl der Begriff so in den letzten Jahren große Verbreitung und Aufmerksamkeit erfahren hat, ist er gleichzeitig inhaltlich äußerst unscharf geblieben und wird meist im Sinne einer rein deskriptiven Metapher für alle möglichen Phänomene im Bereich sozialen Wandels verwendet. Mit der wachsenden Bedeutung des Konzeptes in der gesellschaftlichen und politischen Debatte lässt sich eine Intensivierung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema feststellen. Vor diesem Hintergrund haben sich die Anstrengungen zur wissenschaftlichen Fundierung des Konzeptes intensiviert. Dabei werden Konturen eines neuen übergreifenden Forschungsfeldes sichtbar. Wichtige Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Fundierung des Konzeptes kamen dabei in den letzten Jahren von der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund. In ihren Arbeiten entwickeln Jürgen Howaldt und Michael Schwarz in Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung ein theoretisch-fundiertes Konzept und definieren soziale Innovationen als die Neukonfiguration sozialer Praktiken.
Aktuelle Diskussionen betonen die Notwendigkeit eines integrativen Ansatzes in der Forschung zu sozialen Innovationen, da disziplinäre Silos die Entwicklung eines einheitlichen Verständnisses des Feldes behindern, was eine integrative Herangehensweise erfordert, die unterschiedliche disziplinäre Perspektiven vereint, um ein umfassenderes Verständnis sozialer Innovationen zu ermöglichen.
Theoretischer Hintergrund Im Innovationsverständnis von Schumpeter hatten soziale Innovationen die flankierende Funktion, um die ökonomische Effektivität von technischen Innovationen zu gewährleisten. Dies galt für die Bereiche der Wirtschaft, der Kultur, der Politik und des gesellschaftlichen Lebens.Frank Moulaert, Flavia Martinelli, Erik Swyngedouw, Sara Gonzalez: Towards Alternative Model(s) of Local Innovation. In: Urban Studies. Band 42, Nr. 11, 2005, S. 1669–1990. Doch erst mit dem Übergang von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, der eine Bedeutungszunahme sozialer Innovationen gegenüber technischen nach sich zog, konnte sich soziale Innovation als ein eigenständiges Konzept in der Wissenschaft etablieren. Dieses Konzept nimmt eine zentrale Rolle in einem sich herausbildenden neuen Innovationsparadigma ein, das davon ausgeht, dass Innovation nicht mehr als ein linear ablaufender Vorgang (von Wissenschaft und Forschung hin zu marktfähigen Produkten und Dienstleistungen), sondern als ein komplexer sozialer Prozess stattfindet. Ein wesentliches Kennzeichen dieses neuen Innovationsparadigmas ist die Öffnung des Innovationsprozesses hin zur Gesellschaft. Neben Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden auch Bürger und Kunden zu relevanten Akteuren im Innovationsprozess, indem sie bei der Entwicklung neuer Produkte zur Lösung von Problemen beitragen. Begriffe und Konzepte wie ‚Open Innovation’, Kundenintegration, Netzwerke spiegeln einzelne Aspekte dieser Entwicklung wider.
Die Forschung zu sozialen Innovationen ist durch die Dominanz der Managementdisziplin geprägt ist, was zu einer Vernachlässigung anderer Aspekte führt: Verschiedene Sektoren (öffentlicher Sektor, Privatsektor, Zivilgesellschaft) haben unterschiedliche Stärken und Schwächen in Bezug auf soziale Innovationen, die bislang von der Forschung nur unzureichend anerkannt sind; auch sind soziale Innovationen in spezifischen räumlichen Kontexten eingebettet, und die Berücksichtigung von Betrachtungsumfang (z. B. Umwelt, Politik, Wirtschaft, Kultur) und Ort ist entscheidend für das Verständnis ihrer Wirkung; und zudem gibt es zwei konkurrierende Denkschulen im Feld der sozialen Innovationen – die instrumentelle, marktorientierte Perspektive und die demokratische, partizipative Perspektive, wobei die instrumentelle Perspektive von der Forschung bislang bevorzugt wurde.
In der betriebswirtschaftlichen und auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung bleiben allerdings die Fokussierung auf technische Innovationen vorherrschend. In der deutschen Technik- und Industriesoziologie – innerhalb der Soziologie an erster Stelle in der Innovationsforschung aktiv – spielt soziale Innovation als Konzept noch keine große Rolle. Mit Werner Rammert erkennt ein renommierter deutscher Techniksoziologe soziale Innovation als eigenständiges Konzept an und fordert unter dessen Berücksichtigung eine grundlegende konzeptionelle Neuausrichtung der Innovationsforschung.Werner Rammert: Die Innovationen der Gesellschaft. In: Jürgen Howaldt, Heike Jacobsen (Hrsg.): Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma. Wiesbaden 2010, S. 21–52. Rammert schlägt ein zweistufiges Modell vor, das Innovationen nach Relationen zum einen und nach Referenzen zum anderen kennzeichnet. Die Relationen werden in der zeitlichen (alt/neu), sachlichen (gleichartig/neuartig) und sozialen (normal/abweichend) Dimension bestimmt. Die Referenzen, die sich auf die Innovationsziele beziehen, sind z. B. die wirtschaftliche, die politische, die soziale oder die künstlerische Innovation. Damit spricht sich Rammert auch für eine konzeptionelle Differenzierung von technischen und sozialen Innovationen aus, weil sich diese – seinem Modell entsprechend – auf zwei völlig unterschiedlichen logischen Stufen befinden. „Technisch oder technisiert im Hinblick auf Innovationen bezieht sich auf die Art der konstituierenden Relationen und ist keine eigenständige Referenz“, ganz im Gegensatz zu ‚sozial’.
Allerdings lassen sich gerade in neuester Zeit kaum noch wichtige soziale Innovationen in entwickelten Gesellschaften aufzeigen, die nicht eng mit technischen und insbesondere medientechnischen Innovationen verknüpft sind. Wenn soziale Innovationen immer auch von neuen Interaktionsformen ermöglicht oder flankiert werden, müssen Interaktionsmedien wie z. B. die sozialen Netzwerke dabei eine erhebliche Rolle spielen. So sind die Konzepte des Open Innovation, des E-Commerce oder der Kundenintegration in Produktentwicklung und -konfiguration ohne Internet, Datenbanken, Suchmaschinen usw. nicht realisierbar und regen umgekehrt deren Weiterentwicklung an. Das Web 2.0 bildet die technische Plattform für zahlreiche soziale Innovationen, wie umgekehrt das normative Leitmotiv des Prosumers die Entwicklung des Web 2.0 vorantreibt. Das Internet setzt als Medium sogenannte „Megatrends“ um, wie z. B. Transparenz, und katalysiert diese.Joana Breidenbach, Dennis Buchmann, Kathleen Ziemann: betterplace lab – Trendreport 2012.
Zu den weiteren theoretisch-konzeptionellen Forschungsfragen zählen die Fragen, was eine Innovation zur sozialen Innovation macht, ob es überhaupt einen spezifischen Gegenstandsbereich sozialer Innovation gibt, wie sich Soziale Innovation und sozialer Wandel unterscheiden, was die Bedingungen und Wege ihrer Genese und Verbreitung kennzeichnet und welche Rolle die Sozialwissenschaften bei der Hervorbringung oder Bewertung von sozialen Innovationen spielen können und sollen.Jürgen Howaldt, Ralf Kopp, Michael Schwarz: Innovationen (forschend) gestalten – Zur neuen Rolle der Sozialwissenschaften. In: WSI-Mitteilungen. Nr. 2, 2008, S. 63–69. Die Frage, wie der Zusammenhang von sozialen Innovationen und sozialem Wandel in einer nicht normativ angelegten Theorie sozialer Innovation zu erfassen ist, haben Jürgen Howaldt und Kollegen in praxistheoretischer Perspektive und unter Rückgriff auf die Sozialtheorie von Tarde in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten gestellt.