Der Landvogt von Greifensee ist der Titel der dritten Novelle im 1878Ein Jahr zuvor erschien sie als Vorabdruck in der Zeitschrift Deutsche Rundschau (Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1974, Bd. 13, S. 5490.) publizierten ersten Band von Gottfried Kellers Züricher Novellen. Erzählt wird eine entscheidende Phase im Leben Salomon Landolts zu seiner Zeit als Landvogt von Greifensee: fünf gescheiterte Liebesbeziehungen lassen ihn zu einem besonnenen Mann mit einer großmütigen Distanz sich selbst und den Menschen gegenüber reifen.Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1974, Bd. 13, S. 5490.
Inhalt Am 13. Mai 1783 leitet der Landvogt Salomon Landolt ein Manöver der Scharfschützen-Miliz, er ist 41 Jahre alt. Nach dem Manöver spricht ihn eine ca. 35 Jahre alte Dame an, die er als seine erste Liebe „Distelfink“ erkennt. Durch diese Begegnung wird er, der einmal als beliebter und offener Mann, dann wieder als „verhärteter Hagestolz“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 127. beschrieben wird, an seine fünf gescheiterten Liebesbeziehungen erinnert: Distelfink Ca. 15 Jahre zuvor ist der damals etwa 25-jährige Landolt in einer Phase der Neuorientierung: Nach dem Besuch einer Kriegsschule und dem Interesse am Ingenieur- und Bauwesen beschäftigt er sich zum Leidwesen seiner Eltern mit der Malerei. In dieser Zeit lernt er die erste in der Reihe seiner Lieblingsfrauen, die schöne Salome, auf dem alten Herrensitz ihrer Eltern kennen. Schon wegen der Namensgleichheit zueinander gedrängt, verlieben sich beide beim Pflanzen von Kirschbäumen ineinander. Eine Mischung aus Ehrlichkeit und Liebesprobe drängt Landolt dazu, die nach einem Vogel im Familienwappen „Distelfink“ Genannte in einem Brief von dem, übertrieben dargestellten, „täglich wüster werdenden Leben“ seiner Oheime,Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 139. z. B. Raufereien mit benachbarten Gutsherrn, Misshandlungen von Untergebenen, sinnlose Verschwendung, Spielsucht, und die Gefahr der Vererbung dieser Neigung in Kenntnis zu setzen und auf Anzeichen seines eigenen leichtsinnigen Umgangs mit Geld hinzuweisen.
Nach Lesen des Briefs beendet die vorher ihm Zugetane, von den Eltern unterstützt, die Beziehung abrupt und heiratet bald darauf einen reichen Mann.Als Vorbild für Salome sieht Nußberger (Max Nußberger: „Der Landvogt von Greifensee“ und seine Quellen. Eine Studie zu Gottfried Kellers dichterischem Schaffen. Huber, Frauenfeld, 1903, S. 56) Kellers Angebetete Luise Rieter, die von Keller (am 16. Oktober 1847; Keller: Gesammelte Briefe, hg. v. Carl Helbling, 4 Bde., Bern 1950–1954, Bd. 2, 10 f.) einen dem Landoltschen nicht unähnlichen Brief erhalten hat. Die von Salomon zwischen die roten gepflanzten „weißen Kirschen“ will sein Biograph Hess (David Heß, Salomon Landolt. Ein Charakterbild nach dem Leben...; Zürich 1820, S. 29) noch gesehen haben. Hanswurstel Die zweite Angebetete des späteren Landvogtes ist Figura Leu, die Nichte eines Rats- und Reformationsherrn. Sie wird als melusinenhaft, als „elementares Wesen“ beschrieben, das „fast nur vom Tanzen und Springen und von einer Unzahl Späße“ lebtGottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 142. und daher „Hanswurstel“ genannt wird. Wie in der ersten Beziehung bahnt sich zuerst eine beiderseitige Nähe an. Geprägt ist diese Sympathie vom schalkhaften Umgang Figuras mit dem „mystisch-abstrakte[n] Gewalttier“,Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 145. der calvinistischen Reformationskammer, welche über die Religions- und Sittenverbesserung zu wachen hat, und den moralischen Belehrungen der „jungen Epikuräer“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 147. durch ihren Onkel, den Reformationsherrn, im Spannungsfeld zwischen den tugendhaften sittenstrengen Republikanern und den „leichtlebigeren Toleranten“.Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 145. Auf dem Waldfest des Malers und Dichters Gessner parodiert Figura in einem Spiel mit zwei Spiegeln die sich selbst bespiegelnden Vorträge des überheblichen „Literator[en] und Geschmacksreiniger[s]“ Bodmer.Die historischen Figuren von Bodmer und Gessner sind von Keller offenbar überzeichnet. Vom Vorbild des Reformationsherren Leu sind Briefe überliefert, die Keller verwendete (Max Nußberger: „Der Landvogt von Greifensee“ und seine Quellen. S. 8 ff.). Die „Gesellschaft für Vaterländische Geschichte“ hat die „Historisch-politische Gesellschaft auf den Schuhmachern“ zum Vorbild (Max Nußberger: „Der Landvogt von Greifensee“ und seine Quellen. S. 577 u. Anm. z. 153, 12f.)
Dem Bekenntnis ihrer gegenseitigen Liebe nach dem Fest folgt sogleich der Abbruch von ihrer Seite. Als Motiv nennt Figura ihre Furcht vor einer in ihrer Familie von der Mutter auf die Tochter vererbten Geisteskrankheit. Deshalb will sie nicht heiraten und keine Kinder haben. Sie sei „nur so lustig und töricht, um die Schwermut zu verscheuchen, die wie mein Nachtgespenst hinter [ihr] steh[e], [sie] ahne es wohl!“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 160. „Landolt […] blieb gerührt und erschüttert von dem ernst drohenden Schicksal; aber er fühlte auch ein sicheres Glück in sich, das er nicht zu verlieren gedachte.“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag München, 1966, S. 161. Die beiden bleiben eine Leben lang miteinander befreundet.
Kapitän Sieben Jahre später, Landolt ist Stadtrichter in Zürich und Jägerhauptmann, verliebt er sich nacheinander in drei Mädchen, zuerst in die schöne Wendelgard Gimmel. Er nennt sie später „Kapitän“, weil ihr Vater Kapitän in holländischen Kriegsdiensten war. Jetzt lebt er als Pensionär in Zürich und hat als Trunken- und Raufbold und Schuldenmacher einen schlechten Ruf. In seinem Fechtsaal misst sich Landolt mit ihm und lernt dabei die in einer Kampfpause die Erfrischungen reichende Tochter kennen. Diese hat, vom Vater mit wenig Haushaltsgeld ausgestattet, nicht nur Lebensmittel anschreiben lassen, sondern sich leichtsinnig beim Kleider- und Schmuckkauf verschuldet. Der Vater weigert sich, dafür aufzukommen und ist wohl auch nicht in der Lage dazu. Landolt bietet dem in finanziellen Dingen hilflosen Mädchen seine Hilfe an, verschafft sich einen Überblick über ihre Lage und verspricht, mit den Gläubigern zu verhandeln. Er plant, die Situation für seine Werbung zu nutzen, ohne dass Wendelgard davon erfährt. Seiner Großmutter erzählt er, er habe Spielschulden, und sie leiht ihm 1000 Gulden. Gimmel gegenüber deutet er Heiratsabsichten an und dieser lässt sich schnell von seinem Plan der Ehrenrettung seiner Tochter überzeugen und zahlt in seinem Namen mit Landolts Geld die Schulden zurück. Salomon bringt der Angebeteten die quittierten Rechnungen zurück und macht ihr einen Heiratsantrag mit der Bemerkung, seine unstete Lebensführung dadurch kontrollieren zu können. Diese Anspielung irritiert sie, und sie bittet um sieben Tage Bedenkzeit.
Ihr Vater, derart von Sorgen befreit, kommt nun auf die Idee, seine Tochter auf großer Bühne zu präsentieren und für sie einen reichen Mann zu suchen. Eine Reise nach Baden soll diesem Zweck dienen. Zufälligerweise trifft Wendelgard im Badhof auf Figura Leu und vertraut ihr ihre Beziehung zu Salomon an. Diese ist unsicher, ob Wendelgard die richtige Frau für ihren Freund ist. Sie erahnt den unentschlossenen Charakter Wendelgards ebenso wie ihren Hang zum Geld, verbunden mit geringem wirtschaftlichen Verstand, und beschließt, „eine Art Gottesgericht und Feuerprobe“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 172. entscheiden zu lassen. Sie überredet ihren Bruder Martin dazu, Gimmel und Wendelgard einen reichen Hugenotten vorzuspielen, der um sie wirbt. Als der Tag der Entscheidung und Landolts Anreise näher rücken, wird Wendelgard immer unsicherer. Sie fürchtet ein Zusammentreffen ihrer beiden Bewerber und Figura schlägt ihr vor, Salomon einen Abschiedsbrief zu schreiben. Sie formuliert ihn und ihr Bruder, der als Hugenotte wieder untergetaucht ist, überbringt ihn seinem Freund Landolt.
Martin informiert Salomon über die Intrige und überlässt ihm die Entscheidung, sich mit der „schönen Gimmelin“ wieder zu versöhnen. Doch Landolt bezeichnet sich als geheilt und lehnt ab: „Eure Rede sei Ja, Ja und Nein, Nein! Ich komme nicht mehr auf die Sache zurück!“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 176 ff.. Er ist auch damit einverstanden, dass sein Freund in seiner wahren Identität die schönen Wendelgard umwirbt und die nach dem Tod ihres Vaters gereifte und verantwortungsbewusste Frau heiratet. Als Figura sich bei Salomon für ihre Einmischung entschuldigt, sagte er ihr: „Nein, es ist gut so!“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 177.
Grasmücke Die beiden letzten Angebeteten, „Grasmücke“ und „Amsel“ genannt, stellt der Erzähler in einem Kapitel gemeinsam vor. Die erste heißt Barbara und ist die Tochter des Proselytenschreibers und ehemaligen Pfarrherrn Elias Thumeysen. Salomon kennt das Nachbarmädchen schon von Kindheit an, wird aber erst auf die Jugendliche durch ihre morgendlichen Gesänge aufmerksam und nennt sie deshalb Grasmücke. Neben dem Gesang beschäftigt sie sich als Puppenmacherin und bastelt gemalte und mit Stoffen und Haaren beklebte Figuren, u. a. ihren Oheim, Frauen und Männer der gehobenen Gesellschaft und Militärpersonen. Eine Schwäche hat sie allerdings in der Gestaltung von Pferden, und man empfiehlt ihr Landolt als besten Pferdezeichner Zürichs. Durch den Unterricht nähern sich die beiden einander, und beider Eltern verfolgen dies mit Sympathie.
Zum Bruch der Beziehung kommt es, als Landolt der Freundin begeistert seine eigenen Gemälde in seiner „Malkapelle“ vorstellt, darunter düstere Landschaftsbilder, grausame Schlachtenbilder aus dem Siebenjährigen Krieg und Jagdszenen. „Oft auch erkannte man in dem grauen Schattenmännchen, das mühselig gegen einen Strichregen ankämpfte, unvermutet einen Wohlbekannten, der offenbar zur Strafe für irgendeine Unart hier bildlich durchnässt wurde; oder man sah eine weibliche Lästerzunge etwa als Nachthexe die Füße in einem Moortümpel abwaschen, der einen Rabenstein bespülte, oder endlich den Maler selbst über eine Anhöhe weg dem Abendrot entgegenreiten, ruhig ein Pfeifchen rauchend.“Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 182 ff. Barbara schaudert es, sie bricht in Schluchzen aus und flieht entsetzt aus dem Haus. Am nächsten Tag erklärt sie ihm, dass seine ihr feindlich vorkommenden Bilder sie ängstigen und nicht mit ihren friedlichen Übungen zusammenpassen. Sie könne nur seine Frau werden, wenn „beide Teile dem Bildwesen für immer entsagen und so alles Fremdartige, was zwischen sie getreten, verbannen würden, ein jedes liebevoll sein Opfer bringend.“ Doch Landolt erkennt schnell, „dass hier im Gewande unschuldiger Beschränktheit eine Form der Unbescheidenheit auftrete, die den Hausfrieden keineswegs verbürge und das geforderte Opfer allzu teuer mache, und er beurlaubte sich“.Gottfried Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag, München, 1966, S. 185. Amsel