Wolframs Tagelieder wurden von Wolfram von Eschenbach am Anfang des 13. Jahrhunderts verfasst und gehören zu den Tageliedern, einer höfischen Liedgattung der mittelalterlichen Lyrik. Zu ihnen zählen die Lieder „Den morgenblic“ (MF I der Edition Des Minnesangs Frühling), „Sîne klâwen“ (MF II), „Der helden minne“ (MF IV), „Von der zinnen“ (MF V) und „Ez ist nu tac“ (MF VII). Obwohl Wolfram von Eschenbach in erster Linie als Epiker bekannt ist und darüber hinaus insgesamt nur wenige Lieder überliefert sind, kommt seinen Tageliedern ein bedeutender Platz in der Literaturgeschichte zu: Insbesondere Wolframs Variation der Tageliedsituation ist nicht nur ein viel betrachteter und umstrittener Forschungsgegenstand, sondern auch ein beliebtes und häufig rezipiertes Motiv in literarischen Liebesgeschichten.
Entstehung Die Quellenlage zur Entstehung der Lieder Wolframs ist sehr dürftig, auch ihre Datierung ist unsicher. Da Wolfram seine Lieder in seinem Parzival-Epos erwähnt,„Ich bin Wolfram von Eschenbach, unt kan ein teil mit sange und bin ein habendiu zange, mînem zorn gein einem wîbe.“ (Parzival 114, 12–15). geht man davon aus, dass sich Wolfram vor seiner Tätigkeit als Epiker schon einen Namen als Minnesänger gemacht hatte.Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach (= Sammlung Metzler. Band 36). 8., völlig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart / Weimar 2004, ISBN 3-476-18036-0, S. 20. Nach dieser Ansicht dürften die Lieder um 1200 bis 1210 entstanden sein.
Überlieferung Die Lyrik Wolframs ist in folgenden HandschriftenInformationen zu Lokalisierung und Datierung der Handschriften sind „Heidelberger historische Bestände“, doi:10.11588/diglit.164#0064, und dem Handschriftencensus, handschriftencensus.de, entnommen. überliefert:Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon. Band 10: Ulrich von Lilienfeld – ‚Das zwölfjährige Mönchlein‘. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-022248-5, Sp. 1376–1381, hier Sp. 1380. Kleine Heidelberger Liederhandschrift A, fol30v („Ez ist nu tac“), die im alemannischen Dialekt um 1270 bis 1280 vermutlich im Elsass entstand, Nachträge mit mitteldeutschem Einschlag wurden über die Mitte des 14. Jahrhunderts hinaus vorgenommen. Weingartner Liederhandschrift B, S. 178 und 179 („Der helden minne“ und „Von der zinnen“), die im beginnenden 14. Jahrhundert verfasst wurde. Wegen der Mundart, in der sie abgefasst ist, wird ein Entstehungsort um Konstanz angenommen. Große Heidelberger Liederhandschrift C, fol150r/v („Der helden minne“, „Von der zinnen“, „Ez ist nu tac“), deren Grundstock um 1300 vermutlich in Zürich entstand. Einige Nachträge werden jedoch bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert. Münchner Parzival-Handschrift G, fol75v („Den morgenblic“, „Sîne klâwen“), die gemäß der Schriftenanalyse im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts entstand. Sie kann zwar nicht genau lokalisiert werden, aufgrund des bairisch-ostalemannischen Dialekts jedoch geht man von der Region Schwaben-Bodensee als Entstehungsort aus.
Die Tagelieder: Analyse und Interpretation Die Edition und die Konkordanz der folgenden Lieder entspricht der 38. Auflage von Des Minnesangs Frühling.Hugo Moser, Helmut Tervooren (Bearb.): Des Minnesangs Frühling. 38., erneut rev. Auflage. Mit einem Anhang: Das Budapester und Kremsmünsterer Fragment. Hirzel, Stuttgart 1988, ISBN 3-7776-0448-8, S. 436–447. Diese spiegelt weitgehend neutral die Textgrundlage und deren Anordnung in den Handschriften wider. Andere ForschungsmeinungenAnsätze von Lachmann, Plenio, Mohr, Hatto, Thomas, Rauch, Wapnewski (zitiert nach Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, Anhang I.; Joachim Bumke: Die Lieder. In: Die Wolfram von Eschenbach Forschung seit 1945. Bericht und Bibliographie. Wilhelm-Fink-Verlag, München 1970, , S. 344–354) sowie Wolf, von Reusner, Wölfel. werden im Abschnitt Versuche der Anordnung aufgeführt.
„Den morgenblic“ (MF I): Die makellose Liebe? Wolframs erstes Tagelied führt eine Handlungsfolge ein, die im Wesentlichen auch in den übrigen vier Tageliedern zu finden ist: Ein Liebespaar hat heimlich eine gemeinsame Nacht verbracht und wird bei Tagesanbruch von einem Wächter geweckt. Die Frau – nur im Ausnahmefall der Mann – beklagt die nun nötige Trennung voneinander, bis es zum „urloup“, einer letzten Vereinigung zum Abschied, kommt.
Bei dem Tagelied „der morgenblic“ handelt es sich vor allem um eine Klage der Frau, die sich mit erzählenden Anteilen mischt. Mit dem Kernbegriff „den morgenblic“ beginnt das Lied und so mit demjenigen Element, von dem alle Spannung ausgeht,Vgl. Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, S. 33. dem Tagesanbruch. Es folgt eine konzise Darstellung der Tageliedsituation in der ersten Strophe. Durch den Ruf des Wächters („wahtaers sange“, 1,1) wird die Frau geweckt, woraufhin sie den Tagesanbruch und die nun notwendige Trennung von ihrem Geliebten heftig beklagt. Sie betont ihre isolierte Position als Liebende, da der Tag für alle – ausgedrückt in der zerlegenden Trope („wilde und zam“, 1,7) –, etwas Erfreuliches bedeute; sie aber versucht, sich gegen den Anbruch des Tages zu wehren. In einer folgenden narrativen Passage zu Beginn der zweiten Strophe zeigt sich in einem eindrucksvollen Bild, dass ihre Klage vergebens ist: Der Tag gelangt unaufhaltsam in das Zimmer der Liebenden („der tac mit kraft al durch diu venster dranc / vil slôze sî besluzzen / daz half niht“, 2,1-3). Ihre Trauer wird durch ihre Tränen, die über die Wangen beider Liebenden fließen, mit einer erneuten Klage verbildlicht. Ein Treueversprechen („gar ungescheiden unser triuwe“, 2,8) der Frau schließt den Aufgesang. Die leidenschaftliche Hingabe der Liebenden vor ihrem Abschied, dem „urloup“ (3,1), wird im Abgesang thematisiert. Dies stellt die körperliche und seelische Einheit der Liebenden ein weiteres Mal in den Vordergrund. Wie ein Fazit erscheinen die letzten Verse, das die Beziehung der Liebenden als „eine Liebe ohne den geringsten Makel“Gerdt Rohrbach: Studien zur Erforschung des mittelhochdeutschen Tagelieds. Ein sozialgeschichtlicher Beitrag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 462). Kümmerle, Göppingen 1986, ISBN 3-87452-697-6, S. 45–80. („minne ân allen haz“, 3,10) bezeichnet.
Ein Motiv, das sich durch das gesamte Lied zieht, ist die Opposition von Einheit der Liebenden einerseits und gleichzeitigem Leid andererseits, das aus der Isolation des Paares von der Gesellschaft resultiert.Vgl. Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, S. 38. Die zwischen den Liebenden herrschende Harmonie wird zunächst formal durch die „Gemeinsamkeit des sprachlichen Zeichens“Wolfgang Mohr: Wolframs Tagelieder. In: Festschrift Paul Kluckhohn und Hermann Schneider gewidmet zu ihrem 60. Geburtstag. J. C. B. Mohr, Tübingen 1948, , S. 161, (für den Aufsatz; . Zitiert nach: Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, S. 37). dargestellt, in der die Personalpronomen im Singular in der ersten Strophe zu einem gemeinsamen „Wir“ in den Folgestrophen werden. Außerdem tragen drei Topoi zum Eindruck der liebevollen Verbundenheit bei: Wie sehr die beiden Liebenden zusammengehören, spiegelt sich zuerst im Bild der weinenden Frau wider, deren Tränen über beide Gesichter laufen („ir ougen diu beguzzen ir beider wangel“, 2,5-6). Außerdem fällt der Satz „zwei herze und ein lîp hân wir“ (2,7) während des Treueversprechens der Frau. Im Kontext der liebevollen Einheit wirkt dieses Bild zunächst ungewöhnlich, denn „dem modernen Verstande erschiene die Umkehrformel […] eher einleuchtend“.Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, S. 28. LindemannVgl. Dorothee Lindemann: zwei herze und ein lîp. Zu Wolframs erstem Tagelied. In: Dorothee Lindemann, Berndt Volkmann, Klaus-Peter Wegera (Hrsg.): bickelwort und wildiu maere. Festschrift für Eberhard Nellmann zum 65. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 618). Kümmerle, Göppingen 1995, ISBN 3-87452-864-2, S. 144–150, hier S. 148 f. wägt verschiedene InterpretationsmöglichkeitenProblematisierung der folgenden Deutungsansätze:1. das Zitat des Bibelverses (; ), siehe Borck, Rohrbach und Backes. Lindemann kritisiert das Voraussetzen von Bibelkenntnis Wolframs.2. die mittelalterliche Seelentheorie: Die Seele ist unsterblich und daher ist eine Verschmelzung nicht möglich, siehe Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, S. 28. Lindemann problematisiert die nicht erläuterte Gleichsetzung der Begriffe „sêle“ und „herz“, die bei Wolfram nicht synonym verwandt werden. der „ein lîp“-Formel ab und gelangt zu dem Ergebnis, dass diese Metapher wahrscheinlich in einem konkreten literarischen Zusammenhang mit Chrétien de Troyes‘ „Cligès“ stehe und somit eine Variation der „Herztausch-Metapher“ sei. Diese stelle dar, wie die Liebenden dem jeweils anderen ihr Herz schenken und es gleichzeitig behalten. So kommt es, dass die Liebenden, wie im Kontext des Lieds deutlich wird, ungetrennt miteinander gehen („ungescheiden mit ein ander vert“, 2,8) Als drittes Bild unterstreicht ein „ungewöhnlicher Unsagbarkeitstopos“ Gerdt Rohrbach: Studien zur Erforschung des mittelhochdeutschen Tagelieds. Ein sozialgeschichtlicher Beitrag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 462). Kümmerle, Göppingen 1986, ISBN 3-87452-697-6, S. 45–80, hier S. 49. („swelch schiltaer entwurfe daz / geselleclîche als si lâgen, des waere ouch dem genouc“, 3,7-8) die Zusammengehörigkeit des Paares. Mit diesem Vergleich betont der Sprecher, dass die vollkommene Einheit der Liebenden in der Kunst schwerlich darzustellen ist. In der Forschung ist die Funktion dieser Verse umstritten: Wapnewski sieht an dieser Stelle das erotische Element der Schilderung entschärft, da durch diese Passage auf die Fiktionalität des Lieds hingewiesen wird,Vgl. Peter Wapnewski: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. C.H. Beck, München 1972, ISBN 3-406-03409-8, S. 35. die für die sanktionierte und populäre Gattung des Tagelieds typisch ist.Vgl. Peter Wapnewski: Abschied im Morgengrauen. In: Frankfurter Anthologie. 25, 2003, S. 17. Von Reusner dagegen deutet diese Passage poetologisch und versteht sie als Selbstreflexion Wolframs und seines Kunstschaffens. Mit dieser komme zu der Diskussion von Liebe noch eine Reflexion über den Schaffensprozess von Kunst. So ließe sich folgern, dass das Tagelied sich selbst als „Wortkunstwerk“Ernst von Reusner: Wolfram von Eschenbach über individuelles Vermögen (lere) und gesellschaftliche Bindung (minne). In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Band 109 (1980), S. 298–316, hier S. 303. definiere.Siehe Ernst von Reusner: Wolfram von Eschenbach über individuelles Vermögen (lere) und gesellschaftliche Bindung (minne). In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Band 109 (1980), S. 298–316, hier S. 303.