Der Veilchenschwank gilt als die bekannteste Schwankerzählung des hochmittelalterlichen Autors und Sängers Neidhart von Reuental. Die Personen, die im Schwank auftreten, sind der Ritter Neidhart (Protagonist), die Herzogin von Österreich und einige Bauern. Die Stellung des Veilchenschwanks im Werk des Autors lässt sich vor allem an dessen Handlung festmachen. Diese ist initiativ und richtungweisend für die auf ihn folgenden Schwänke des Schwankromans Neithart Fuchs, in dem der Veilchenschwank überliefert ist. Besonderes Interesse erweckt der Veilchenschwank durch seine vielfältige Überlieferung und seine große, lang anhaltende Popularität. Die wichtigste Überlieferungsquelle ist die Berliner Neidharthandschrift c, die sogenannte „Riedsche Handschrift“. miniatur|hochkant|Herr Nithart (Codex Manesse, um 1300)
Autor Der Veilchenschwank wird dem mittelalterlichen Autor und Sänger Nîthart, lautlich modernisiert „Neidhart“, zugeschrieben. Ein genaues Geburtsjahr des Autors kann nach heutigem Stand der Forschung nicht festgelegt werden. Durch die Erwähnung seines Namens in zahlreichen Handschriften kann jedoch geschlossen werden, dass er um das Jahr 1190 geboren sein muss. Seine erste Erwähnung findet sich im Willehalm Wolframs von Eschenbach. In vielen Handschriften, unter anderem der „Manesseschen Handschrift“ C, wird er als „Herr“ bezeichnet, was Aufschluss über seinen adligen Stand gibt. Auch sein Name lässt Rückschlüsse auf seinen gesellschaftlichen Stand zu. Nîthart, „der im Kampfeszorn Starke“, scheint ein geeigneter Name für einen Adligen, der voraussichtlich den Beruf des Kriegers ergreifen wird.Reinhard Bleck: Neidhart. Leben und Lieder. Kümmerle Verlag, Göppingen 2002, ISBN 3-87452-950-9, S. 6ff. In der „Manesseschen Liederhandschrift“, Blatt 273, ist ein Wappen abgebildet, welches allerdings nicht ausgefüllt ist. Dieses könnte auf Kenntnismangel des Malers zurückzuführen sein, doch die Tatsache, dass ein Wappen über seinem Abbild eingezeichnet wurde, ist ein klares Indiz für eine adlige Herkunft des Künstlers. Auch Neidharts Kleider auf diesem Bild weisen auf seinen adeligen Stand hin.
Den größten Teil seines Lebens verbrachte Neidhart in Bayern. Der Legende nach soll er aus Meißen in Sachsen stammen. Dies impliziert der vollständige Titel des Schwankromans Neidhart Fuchs. Hier heißt es: „[...] gebürtig aus Meißen [...]“Dieter Kühn: Neidhart aus dem Reuental. 2. Auflage. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-14363-7, S. 443ff. Es existieren jedoch keinerlei historische Belege für Neidharts Herkunft. Das Dorf, in dem er wahrscheinlich aufwuchs, hieß Riuwental, in heutige Sprache übersetzt Reuental, nahe der Stadt Landshut. In einigen bayerischen Liedern lässt sich der Sänger als der von Riuwental ansprechen. Er hatte eine Ehefrau und mehrere Kinder. Ihre Namen sind jedoch nicht bekannt. In einem der Schwänke im Neidhart Fuchs ist die Rede davon, dass Neidharts Frau taub gewesen sei. Sie alle, Neidhart selbst, seine Frau und somit auch ihre Kinder müssen den Status des Edelfreien gehabt haben, denn um das Jahr 1232 siedelte die Familie von Bayern nach Österreich um, wo Neidhart, Textquellen zufolge, am Hofe der Herzöge Leopold und Friedrich von Österreich wirkte.Richard Perger: Neithart in Wien. In: Neidhartrezeption in Wort und Bild. Krems 2000 S. 112ff. Hg. von Gertrud Blaschitz Wären Neidhart oder seine Frau im Stand der Unfreien geboren, wäre ein solcher Ortswechsel nicht möglich gewesen. In Österreich entstand wahrscheinlich auch der Veilchenschwank, allerdings existiert auch eine Version des Werkes, in dem der Ort des Geschehens im bayrischen Raum liegt.
Neidharts Todesjahr lässt sich nicht genau festlegen. Interessant für die Forschung ist allerdings ein Grab an der Südseite des Stephansdoms in Wien. Es ist historisch belegt, dass hier ein Neidhart begraben liegt. Viele Indizien sprechen dafür, dass es sich bei dem Begrabenen tatsächlich um den mittelalterlichen Dichter handelt. Seine große Popularität, die lange über seinen Tod hinaus anhielt, könnte ein Begräbnis im Stephansdom gerechtfertigt haben. Eins dieser Indizien ist das Wappen, welches die lebensgroße Grabfigur ziert. Auf dem Wappen abgebildet ist ein Fuchs – eine Referenz zum Schwankroman Neidhart Fuchs, der nach dem Tod des Dichters als fiktive Biographie Neidharts veröffentlicht wurde. Hier zeigt sich zum ersten Mal, dass sich die Unterscheidung zwischen dem realen Autor und Sänger und der fiktiven, von ihm geschaffenen Figur Neidhart Fuchs manchmal als relativ schwierig darstellt. Das Grabmal am Wiener Stephansdom muss deutlich nach Neidharts Tod geschaffen worden sein. Sollte es tatsächlich der Dichter sein, der hier begraben liegt, müssen seine Gebeine von einer früheren Grabstätte dorthin gebracht worden sein. Zu dem Zeitpunkt, als das Grabmal geschaffen wurde, könnte die Legende der fiktiven Figur Neidhart Fuchs die Existenz des realen Dichters Neidhart von Reuental schon so weit überlagert haben, dass der Künstler davon ausging, der Dichter selbst habe den Namen Neidhart Fuchs getragen. Die Frage, inwieweit die Lieder Neidharts (auto-)biographische Züge haben, also Auskunft über das tatsächliche Leben des Dichters geben, hat die Neidhartforschung von Beginn an beschäftigt und wird wohl nie ganz zu klären sein.Jürgen Schneider: Studien zur Thematik und Struktur der Lieder Neidharts. Verlag Alfred Kümmerle, Göppingen 1976 S. 1998ff, ISBN 3-87452-335-7. Gemessen am Umfang seiner überlieferten Texte war Neidhart der erfolgreichste der deutschen Minnesänger nach Walther von der Vogelweide.Gert Hübner: Minnesang im 13. Jahrhundert. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2008, S. 45ff, ISBN 978-3-8233-6429-0 Seine Interpretation des höfischen Liebeslieds war seinerzeit eine völlig neue, da er das bis dato dem Adel vorbehaltene Konzept der höfischen Liebe mit der dörflichen Welt der Bauern in Verbindung brachte.
Handlung
Der Ritter Neidhart zieht im Frühjahr durch die Felder, um nach Boten des nahenden Sommers zu suchen. Bald darauf findet er tatsächlich „den ersten veyhell“ (das erste Veilchen (V.8)) auf einer Wiese. Er bedeckt es mit seinem Hut und, wie es die Tradition verlangt, verkündet er seinen Fund sogleich der Herzogin von Österreich, die mit ihrem Gefolge anreist, um den ersten Frühlingsboten feierlich zu pflücken.
Do gieng Ich sunder tógen. So ging ich, tüchtig wie ich war Auff die burg vnd redt also. Auf die Burg und erzählte davon Die rede ist one lúgen. Was ich sage ist nicht gelogen Ir solt alle wesen fro. Ihr sollt alle glücklich sein.
Der Ritter Neidhart erwartet Ruhm und Lob für seinen Fund. Einige Bauern (in Neidharts Werken oft auch als Dörper bezeichnet) aber haben Neidhart bei seiner Entdeckung aus dem Hinterhalt heraus beobachtet. Sie pflücken ihrerseits das Veilchen und verstecken an dessen Stelle einen Kothaufen unter Neidharts Hut. Als Neidhart der Herzogin das Veilchen präsentieren will, findet diese nur den Kothaufen vor und ist empört über die Frechheit des Ritters. Neidhart ist gedemütigt wie nie.
Ich wolt das ich wer todt Ich wünschte, ich wäre tot
Voller Zorn und Scham schwört er Rache an den Bauern. Diese führen indes einen Freudentanz ob ihres gelungenen Streiches auf. Neidhart bestraft alle zweiunddreißig Bauern schwer, indem er ihnen das linke Bein abhacken lässt. Die Bauern verfluchen darauf das Veilchen, welches ihnen so viel Elend eingebracht und dafür gesorgt habe, dass sie nie mehr tanzen können.
verflucht sey der summer. Verflucht sei der Sommer, den der Neithart erst fandt den der Neidhart gefunden hat. Nun múß wir leiden kummer Nun müssen wir Kummer leiden. so der veyhell sey geschannt Schande sei über das Veilchen Nu múg wir nymer springen Nun können wir nicht mehr tanzen. Ingrid Bennewitz-Behr: Die Berliner Neidhart-Handschrift c (mgf 779). Kümmerle Verlag, Göppingen 1981 S. 54–57. ISBN 3-87452-569-4
Personen Der Protagonist des Veilchenschwanks ist der Ritter Neidhart. Er ist auch der Erzähler und schildert die Ereignisse aus seiner Perspektive. Die Herzogin von Österreich (*In den Handschriften f und s, sowie dem Druck z ist der Schauplatz Österreich, in der Handschrift c ist der Schauplatz Bayern. In diesem Fall ist die Herzogin nicht die Herzogin von Österreich, sondern die Herzogin von Bayern) ist die adlige Dame, die der Ritter mit seinem Fund beeindrucken möchte. Im Veilchenschwank ist von zweiunddreißig Bauern, die Rede, die von Neidhart bestraft werden. Es werden allerdings nur einige wenige namentlich genannt. Ursprung des Übels ist der Bauernfilz (vilczgepawer), der Neidhart beim Fund des Veilchens beobachtet. Sein Bruder Hinkebein (hincke), ist derjenige, der den Kothaufen unter Neidharts Hut versteckt. Im Zuge des Freudentanzes der Bauern werden noch weitere Bauern genannt, die sich lauthals singend über das Unglück Neidharts lustig machen: Wildsau (Irenberr) und Irrenfried (Irrenfrid), Roßwein (roßwin), Rotzwein (goßwin) und der Schmied, der junge Lanze (Iung lancz) und sein Bruder Augenspießer (vczenger), Fritzbär (frisber), Ranze (ranczer) und Plattfuß (platfuß). Die Namen der Bauern sind sprechende Namen. Sie deuten auf ihr ungehobeltes Benehmen, ihr grobes Auftreten und ihre Dummheit hin. Die Nennung vieler Namen in rascher Abfolge stellt die Bauern als Haufen dar, der als Gegensatz zum kultivierten Einzelnen in der höfischen Gesellschaft gedacht ist.
Stellung im Werk des Autors Der Veilchenschwank ist der bekannteste Stoff der Neidhart-Tradition. Der Schwank selbst ist in zwei handschriftlichen Fassungen überliefert. Interessanterweise finden sich beide Versionen in der Berliner Neidhart Handschrift. Er kann im Gesamtwerk Neidharts, zusammen mit dem Hosenschwank, als sogenannter InitialschwankJörn Bockmann: Translatio Neidhardi. Untersuchungen zur Konstitution der Figurenidentität in der Neidhart-Tradition. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-34506-2, S. 256. angesehen werden. Dies lässt sich am Inhalt festmachen, jedoch muss der Stoff der übrigen Neidhartschwänke zunächst erläutert werden: Der Ritter Neidhart tritt in den zehn auf Veilchen- und Hosenschwank folgenden Schwankliedern als Bauernfeind in Erscheinung. Die zehn Schwänke folgen einem grundlegenden AufbauschemaErhard Jöst: Die österreichischen Schwankbücher des Spätmittelalters. In: Herbert Zeman (Hrsg.): Die österreichische Literatur. Ihr Profil von den Anfängen im Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert (1050-1750). Teil I. Graz 1986, S. 399–425.: Natureingang (Im Veilchenschwank = Sommer) Beschreibung/Beschimpfung der Bauern Neidhart vollzieht eine gegen die Bauern gerichtete Handlung Belohnung des Bauernfeindes durch den Herzog