Shelter Now, auch bekannt unter dem Namen Shelter Now International (SNI), ist ein internationales christliches Hilfswerk, das seit 1983 in Pakistan, seit 1988 in Afghanistan, seit 2014 in Kurdistan und seit 2020 in Usbekistan tätig ist. Laut Satzung leistet es „Hilfe für Arme und Notleidende insbesondere durch Hilfsprojekte technischer, medizinischer und humanitärer Art ohne Ansehen der Rasse, der politischen Gesinnung oder der Religion“.Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI): DZI Spenden-Almanach 2009/10, ISBN 978-3-9812634-1-1, S. 290. Udo Stolte initiierte 1993 die Gründung des deutschen Zweigs Shelter Now Germany.Nach über 30 Jahren: Leitungswechsel bei Shelter Now Germany, idea.de, Meldung vom 24. März 2024.
Regionale Büros führt die Organisation in: Afghanistan, Shelter Now Afghanistan Deutschland, Shelter Now Germany e. V. Niederlande, Adresgegevens Shelter Holland Pakistan, Shelter Now International Pakistan Vereinigte Staaten (USA), Shelter Now America (USA)
Organisatorisch besteht SNI aus einem Zusammenschluss von Schwesterorganisationen in verschiedenen Ländern. Die Entwicklungsarbeit des humanitären Hilfswerks konzentriert sich vor allem auf Afghanistan und Pakistan und wird vom deutschen Zweig mit Sitz in Braunschweig koordiniert.
International bekannt wurde die Organisation im Jahr 2001, als 24 Mitarbeiter der Organisation in Afghanistan von den Taliban unter dem Vorwurf der christlichen Missionierung gefangen genommen wurden. Erst nach über 100 Tagen in Haft kamen sie wieder frei.
Geschichte Anfang der 1980er Jahre bahnte sich im Mittleren Osten eine humanitäre Katastrophe an: Nach jahrelangem Bürgerkrieg und dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan flohen über drei Millionen Menschen nach Pakistan. Sie vegetierten dort in riesigen Flüchtlingslagern. Diese Bilder gingen um die Welt und führten zur Gründung von Shelter Now durch eine kleine Gruppe engagierter Christen in Deutschland und anderen Ländern.
1979–1990 Entstanden ist die Hilfsorganisation im Jahr 1979. Damals löste der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan die eine große Flüchtlingsbewegung der Welt aus. In der Region der grenznahen Stadt Peschawar in Pakistan lebten mehrere Millionen afghanische Flüchtlinge. Bewegt von deren Schicksal gründeten der US-Amerikaner Thor Armstrong und seine Frau Debi das Hilfswerk „Shelter Now International“ (SNI). 1982 zog das Ehepaar mit mehreren Gleichgesinnten nach Pakistan, um diesen Flüchtlingen zu helfen. Nach der Registrierung des Hilfswerks 1983 unter der Bezeichnung „SNI“ als Nichtregierungsorganisation in Pakistan und der Eröffnung eines Büros in Peschawar wurden noch im gleichen Jahr erste Projekte in den Flüchtlingslagern rund um die Stadt gestartet. Im Lauf der nächsten Jahre verteilte die Organisation dort Essen, Trinkwasser, Milch und andere Hilfsgüter an viele Tausend Familien und errichtete für sie Notunterkünfte und Suppenküchen. In den Flüchtlingslagern baute Shelter Now unter anderem Kliniken, Schulen, Brunnen und Witwenhäuser.
Im Jahr 1988 wurde die Arbeit auf Afghanistan ausgedehnt, die Organisation errichtete wie schon in Pakistan Betonfabriken, in denen u. a. Betondachträger für die Häuser für rückkehrende afghanische Flüchtlinge hergestellt werden. Das Jahr 1990 wurde zu einem Wendepunkt von Shelter Now: Im April und Mai 1990 plünderten und zerstörten islamische Extremisten das Büro und die Werkstätten in Pakistan, weil sie sich durch ein Hilfsprojekt für afghanische Witwen provoziert fühlten.Arnold, Henry O.; Pearson, Ben; Smith, Michael W. (Vorwort): Kabul24 : the story of a Taliban kidnapping and unwavering faith in the face of true terror, Thomas Nelson Nashville (USA), 1. Aufl. 2009, ISBN 1-59555-022-4, S. 12f Der Schaden überstieg eine Million Dollar. Nach gründlichen Untersuchungen übernahm die pakistanische Regierung später die Verantwortung für die Plünderungen und zahlte eine Entschädigung.Eberhard Mühlan mit dem Shelter-Team: Gefangen in Kabul : die dramatischen Erlebnisse der „Shelter Now“-Mitarbeiter in Afghanistan, Schulte und Gerth Asslar, 1. Aufl. 2002, Idea-Dokumentation, ISBN 3-89437-779-8, S. 28f Am 16. Juni 1990 wurde der Direktor Thor Armstrong von Bewaffneten überfallen, er kam mit dem Leben davon."Head of Shelter Now International attacked", Afghan Information Center Monthly Bulletin, No. 111, June 1990 Armstrong kehrte daraufhin in die Vereinigten Staaten zurück und gründete dort eine eigenständige Organisation mit demselben Namen „Shelter Now International“.Ende 2001 änderte die von Armstrong gegründete US-Organisation Shelter Now International wegen der Verwechselung mit der in Deutschland beheimateten und in Pakistan operierenden Organisation ihren Namen zunächst in Refugee Construction and Relief Services und schließlich in Shelter For Life International (SFL), dem heutigen Namen. Wegen weiterer Drohungen gegen Shelter Now verließen auch die anderen ausländischen Mitarbeiter Pakistan, alle Hilfsprojekte wurden eingestellt.
1991–2000 Ende des Jahres 1990 übernahm der Deutsche Georg TaubmannTaubmann gehört zu den Gründern von Shelter Now. Seit 1983 lebte er mit seiner Frau Marianne in der Region, zunächst in Indien, dann in Peschawar (Pakistan) und ab 2000 in Kabul (Afghanistan). Taubmann studierte an der Universität in Peschawar die Kultur und Sprache der Paschtunen. Er spricht fließend Paschtu. Für seine Arbeit als Entwicklungshelfer wurde Taubmann mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. aus Sulzbach-Rosenberg die Leitung von SNI. 1991 kehrte Taubmann nach Pakistan zurück – der Neuaufbau der Organisation in Pakistan begann. 1993 gründete Taubmann in seiner Heimatstadt den deutschen Zweig der Organisation unter dem Namen „Shelter Germany“ als eingetragener Verein. Nach der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan wurde Shelter Now 1998 offiziell als Hilfswerk registriert. Im selben Jahr wurde in der Hauptstadt Afghanistans, Kabul, ein Büro eröffnet. 1999 verlegte der deutsche Zweig seinen Sitz nach Braunschweig.
Die Projekte in diesem Jahrzehnt waren wie bereits zuvor geprägt durch die Arbeit in Pakistan unter afghanischen Flüchtlingen. Immer wieder kam es aufgrund von Krieg und Unterdrückung zu größeren Flüchtlingswellen nach Pakistan, z. B. 1992 durch die Einnahme Kabuls durch die Mudschaheddin und 1996 durch die Taliban, oder 1998, als die Taliban in der Shamali-Region Massaker unter der Bevölkerung verübten. Shelter Now war maßgeblich am Aufbau der drei Flüchtlingslager Nasir Bagh, Akora Katthhak, Shamshatoo beteiligt.Eberhard Mühlan mit dem Shelter-Team: Gefangen in Kabul : die dramatischen Erlebnisse der „Shelter Now“-Mitarbeiter in Afghanistan, Schulte und Gerth Asslar, 1. Aufl. 2002, Idea-Dokumentation, ISBN 3-89437-779-8, S. 176 In Afghanistan errichtete das Hilfswerk mehrere Betonfabriken, in denen vor allem Dachmaterial für den Wiederaufbau von Wohnhäusern hergestellt wird. Die Erneuerung zerstörter Bewässerungssysteme und die Einrichtung eines Zentrums für die Straßenkinder Kabuls waren weitere wichtige Projekte von Shelter Now in diesen Jahren.
2001: Gefangennahme und Geiselhaft Am 3. August 2001 wurden in Afghanistan die beiden Entwicklungshelferinnen Dayna Curry und Heather Mercer von der Religions- und Sittenpolizei der Taliban gefangen genommen. Die beiden US-Amerikanerinnen hatten in ihrer Freizeit in Kabul auf Bitten einer afghanischen Familie den Jesus-Film gezeigt.Eberhard Mühlan mit dem Shelter-Team: Gefangen in Kabul : die dramatischen Erlebnisse der „Shelter Now“-Mitarbeiter in Afghanistan, Schulte und Gerth Asslar, 1. Aufl. 2002, Idea-Dokumentation, ISBN 3-89437-779-8, S. 27 u. 99fArnold, Henry O.; Pearson, Ben; Smith, Michael W. (Vorwort): Kabul24 : the story of a Taliban kidnapping and unwavering faith in the face of true terror, Thomas Nelson Nashville (USA), 1. Aufl. 2009, ISBN 1-59555-022-4, S. 3–5, 110, 145Curry, Dayna; Mercer, Heather; Mattingly, Stacy: Prisoners of Hope: The Story of Our Captivity and Freedom in Afghanistan, The Doubleday Religious Publishing Group (USA), 1. Aufl. 2002, ISBN 0-385-50783-6, S. 88f Zwei Tage später wurden 16 einheimische und sechs weitere ausländische Shelter-Now-Mitarbeiter inhaftiert: Georg Taubmann, Margrit Stebner, Silke Dürrkopf und Katrin Jelinek aus Deutschland sowie Diana Thomas und Peter Bunch aus Australien. Der Vorwurf an die ausländischen Entwicklungshelfer: Christliche Missionierung. Für dieses mutmaßliche Vergehen drohte den Inhaftierten die Todesstrafe.Die Verhaftungen waren der Auftakt zur Schließung weiterer Hilfsorganisationen, denen die Taliban christliche Missionierung vorwarf. Am 31. August 2001 wurden die Büros von SERVE und International Assistance Mission (AIM) geschlossen und die ausländischen Mitarbeiter des Landes verwiesen.
Bereits kurz nach der Gefangennahme begannen Verhandlungen auf diplomatischer Ebene mit den Taliban um die Freilassung der Gefangenen, die jedoch ergebnislos blieben. Selbst der Zugang zu den Inhaftierten wurde den Diplomaten mit dem Hinweis auf die noch laufenden Untersuchungen verweigert. Nachdem zunächst Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) am 26. August 2001 die Gefangenen besuchen durften, wurde am folgenden Tag erstmals auch den Diplomaten aus Deutschland, den USA und Australien sowie Angehörigen der amerikanischen Gefangenen der Besuch gestattet. Am 4. September 2001 begann vor einem islamischen Gericht in Kabul unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen die inhaftierten ausländischen Entwicklungshelfer. Vier Tage später wurden die Inhaftierten das erste Mal persönlich vorgeladen. In Anwesenheit von Diplomaten, Angehörigen und Medienvertretern bestritten die Angeklagten die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Mit der Verteidigung der Angeklagten wurde der pakistanische Anwalt Atif Ali Khan, ein Scharia-Experte, beauftragt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde der Prozess zunächst unterbrochen. Wegen zu erwartender militärischer Reaktionen der USA auf die Anschläge forderten die meisten westlichen Staaten ihre Staatsbürger auf, Afghanistan zu verlassen. Noch in der Woche der Terroranschläge verließen die meisten Ausländer, auch die Diplomaten und Angehörigen der Shelter-Now-Mitarbeiter, Afghanistan. Die inhaftierten Entwicklungshelfer blieben zurück. Der Kontakt zu den Gefangenen erfolgte nun ausschließlich über den Anwalt Khan, der dafür mehrmals nach Kabul reiste.