Das Kleinkastell Kisoroszi, auch Kleinfestung Kisoroszi-Kapelle beziehungsweise Kisoroszi-Kápolna genannt, ist ein nur wenig bekanntes ehemaliges römisches Militärlager, das als spätantike Befestigung am Nordende der ungarischen Donauinsel Szentendrei (Sankt Andrä) den pannonischen Limes sicherte. Baureste wurden im Südteil des Inseldorfes Kisoroszi an einer Kapelle entdeckt.

Lage mini|links|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge mini|300px|Der westliche Donauarm bei Kisoroszi. Blick von der Donauinsel Szentendrei auf das Donauknie und das Nordende der Insel (Bildmitte). Dort stand das Grenzkastell Kisoroszi. Am gegenüberliegenden Ufersaum (links im Bild), lagen in der Spätantike mindestens zwei Burgi.

Westlich der Fortifikation teilt sich die Donau in zwei Seitenarme und bildet in ihrer Mitte die große Donauinsel St. Andrä, auf der die spätantike Befestigung situiert war. Ab hier umfließen die beiden Donauarme in einem weiten, sich nach Süden ziehenden Bogen das Pilisgebirge.

Von der Kleinfestung aus, die am nördlichsten Punkt des Donauknies auf einer überschwemmungssicheren Anhöhe lag, konnte die aus südwestlicher Richtung vorbeifließende Donau kontrolliert werden. Das Kastell hatte Sichtkontakt zu dem am Südufer der Donau, auf einem Hügel liegenden Kastell Visegrád–Sibrik und zu der darunter verlaufenden dichten Wachturmkette entlang des Flusses. Außerdem konnte die Besatzung von hier Kontakt mit den Türmen auf der Donauinsel selbst aufnehmen und noch zusätzlich das nördliche Barbaricum überwachen.

Forschungsgeschichte Als erster berichtete der Archäologe Lajos Nagy (1897–1946) im Jahr 1932 von Ruinen an der Kapelle. Sicherlich hat er diese Entdeckung nicht selber getätigt, sondern von spätrömischen Ziegelstempeln erfahren, die dort zu Tage gekommen waren.Gábor Varga: A Szentendrei-sziget római kori erődítettségéről. In: Archaeologiai Értesítő 137 (2012), S. 145–174; hier S. 160–161. 1933 erwähnte auch der Archäologe Ákos Szalay die Baureste, doch ohne näher darauf einzugehen. Im gleichen Jahr erschien die Dissertation von János Szilágyi (1907–1988).János Szilágyi: Inscriptiones tegularum Pannonicarum. Dissertationes Pannonicae. Ser. II. Budapest 1933. Dort wird auch einen Ziegelstempel des „Frigeridus dux“ genannt, der 1886 in das Ungarische Nationalmuseum gekommen war und vermutlich von dem Fundplatz an der Kapelle stammte. Der Archäologe István Paulovics (1892–1952) verfasste 1934 und 1938 zwei Notizen. Die eine beschäftigte sich mit Schatzsuchern auf dem Gelände an der Kapelle, die andere berichtete über die Entnahme von spätrömischen Ziegelstempeln. Diese wurden anschließend in einer Wand des Gemeindehauses von Kisoroszi vermauert. Neben Paulovics erwähnte 1934 auch der Archäologe Albin Balogh (1887–1958) den Fundort. Beide gingen jedoch nicht näher auf den Befund ein. Eine Ausgrabung, die durch János Kalmár an der Kapelle durchgeführt wurde, ist nicht weiter dokumentiert.Gábor Varga: A Szentendrei-sziget római kori erődítettségéről. In: Archaeologiai Értesítő 137 (2012), S. 145–174; hier S. 161. Unter der Leitung des Archäologen Sándor Soproni (1926–1995) fand 1974 an einer der Lagerecken eine weitere kleine Grabung statt. Die vor der Grabung für einen Burgus gehaltene Anlage, wurde nun als Kleinkastell gedeutet.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 53–54. Ohne ausführlichere Untersuchungen lässt sich jedoch keine weiter bestätigende Analyse des Bauwerks mehr vornehmen.

Baugeschichte Von dem rund 40 × 50 Meter großen Kastell Kisoroszi wurde teilweise der geschwungene Wandabschnitt eines Eckturms angegraben, der möglicherweise zu einem fächerförmigen Turm gehört.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 54. Es scheint, dass diese Anlage der Kleinfestung von Visegrád-Gizellamajor ähnlich gewesen ist. Als Fundgut sind Ziegelstempel des Frigeridus dux aus dem Schutt der Dachabdeckung bekannt geworden.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 71.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó. Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 72. Frigeridus amtierte zwischen 371 und 373 n. Chr. als militärischer Oberbefehlshaber der Provinz Valeria (Dux Valeriae ripensis),Notitia Dignitatum, IN PARTIBUS OCCIDENTIS, XXXIII. zu dessen Territorium Kisoroszi gehörte.János György Szilágyi: Inscriptiones tegularum pannonicarum. DissPann II. Budapest, 1933, Taf. XXVIII, S. 53–58.Barnabás Lőrincz: A későrómai hídfőállások bélyeges téglái Valeriában. In: Attila Gaál (Hrsg.): Pannoniai kutatások. A Soproni Sándor emlékkonferencia előadásai (Bölcske, 1998. október 7.). Szekszárd 1999, S. 53–68.

Limesverlauf vom Kleinkastell Kisoroszi bis zum Burgus Verőcemaros-Dunamező +Spuren der Limesbauwerke zwischen Kisoroszi und Verőce auf der Donauinsel St. Andrä StreckeStrecke = Nummerierung folgt Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn (Theiss 1988) sowie Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. (Akadémiai Kiadó 2003) Name/Ort Beschreibung/Zustand3Kisoroszi-Pusztatemplom (Burgus Solva 36)Burgus Solva 36 bei .mini|300px|Digital geführter Plan nach der originalen Befundzeichnung Sopronis aus dem Jahr 1958. Die nachträgliche Einfärbung soll der Verdeutlichung dienen Am Nordende der Insel von Szentendrei untersuchte Soproni im Uferbereich des Donauhauptarms im November 1958 diesen Fundplatz. Die Stelle lag auf den Gaziwiesen (Gazi-rétek), im Randbereich der zum Gemeindegebiet Kisoroszi gehörenden Flur Pusztatemplom (Heidekirche). Nach Überschwemmungen des Flusses waren dort zwei Mauerreste aus der Abbruchkante des Ufersaums ans Licht getreten.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó. Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 73. Die damaligen Ausgrabungen dauerten drei Tage. Hierbei wurden fünf Suchschnitte in einiger Entfernung gesetzt. Unter einer rund 30 Zentimeter starken Humusschicht fand sich teilweise eine ebenso dicke Schuttschicht.Gábor Varga: A Szentendrei-sziget római kori erődítettségéről. In: Archaeologiai Értesítő 137 (2012), S. 145–174; hier S. 157. Die offensichtliche Verlängerung des westlich im Ufersaum vorgefundenen Mauerstumpfs konnte 4,20 Meter weiter südlich in Schnitt 2 erneut beobachtet werden. Sowohl im Uferbereich als auch in diesem Schnitt konnten die Mauerreste mit einer Stärke von 0,60 Metern eingemessen werden. Die aus Bruchstein gesetzten Baureste waren mit einem minderwertigen Mörtel gesetzt worden. Etwas südöstlich dieser beiden Mauerstümpfe konnte in zwei weiteren Schnitten (Schnitt 1 und 4) ebenfalls eine Mauer festgestellt werden. Diese orientierte sich in ungefährer Ost-West-Richtung und bildete in ihrer mutmaßlichen Verlängerung mit dem westlicher liegenden Mauerzug keinen rechten Winkel. Die zweite Mauer war rund einen Meter breit und aufgrund einer späteren Störung teilweise stark fragmentiert. Die Fundstelle barg römische Dachziegel, darunter ein Fragment mit dem Rest eines Ziegelstempels der die Inschrift …V]P DVX trug. Außerdem kamen aus den Schnitten einige Bruchstücke grauer Gefäßkeramik zu Tage. Stratigraphische Altersbestimmungen waren so gut wie nicht möglich, da das Gebiet des mutmaßlichen Wachturms im Mittelalter und möglicherweise darüber hinaus als Friedhof genutzt wurde und durch eingetiefte Grablegen immer wieder Umgrabungen erfahren hatte. Es ließ sich anhand der schlechteren Mörtelqualität jedoch die vorsichtige Aussage machen, dass die beiden 60 Zentimeter starken Mauerreste einer jüngeren Zeitstellung angehören mussten. Die ostwestliche Mauer dürfte in diesem Sinne als letzter Überrest zu dem eigentlichen Burgus gehört haben, der nach Oberflächenbefunden rund 10 × 10 Meter groß gewesen sein mag. Da eine genauere Altersbestimmung dieser Anlage nicht mehr möglich war, könnte er anhand seiner teils mutmaßlichen Abmessungen jedoch der valentinianischen Ära zugeordnet werden. Sollte sich das Stempelfragment …V]P DVX zu dem bekannten Stempel FRIGERIDVS V P DVX auflösen, ergäbe sich ebenfalls ein Hinweis auf Bau- oder Renovierungstätigkeiten unter Kaiser Valentinian I. Eine Nachprüfung der Funde ist indes nicht mehr durchführbar. Soproni erwähnt, dass sie in das Károly Ferenczy-Museum nach Szentendre kamen, dessen Leiter er damals war. Dort können sie jedoch nicht mehr gefunden werden.Gábor Varga: A Szentendrei-sziget római kori erődítettségéről. In: Archaeologiai Értesítő 137 (2012), S. 145–174; hier S. 159.

Im Jahr 1964 beobachtete der Archäologe István Stefaits an derselben Abbruchkante nicht nur zwei, sondern fünf Mauerreste, die dort hervortraten. Diese waren rund einen Meter stark. Im Steilufer konnte Stefaits neben mittelalterlichem Fundgut erneut die Reste von Bestattungen erkennen, die zu dem im Mittelalter angelegten Friedhof gehörten. Zeitlich nicht ganz eindeutig zuzuordnen war eine spätromanische oder frühgotische Säulenbasis, die er ebenfalls vorfand. Als weiteren wichtigen Fund barg Stefaits das Fragment eines spätrömischen Ziegelstempels mit dem Aufdruck …P DVX | X. Das hintere X befand sich innerhalb des eigentlichen Stempels, war aber räumlich durch den extra vertieft angebrachten Eindruck des …P DVX deutlich davon getrennt. Der Stempel wurde inventarisiert und ist erhalten.Gábor Varga: A Szentendrei-sziget római kori erődítettségéről. In: Archaeologiai Értesítő 137 (2012), S. 145–174; hier S. 160. Stefaits glaubte, dass er den Ziegel in sekundärer Lage aufgefunden hatte. Dies schloss die Existenz eines römischen Wachturms in diesem Bereich jedoch nicht aus. Eine wichtige Beobachtung war, dass sich die aus der Abbruchkante herausragenden Beine eines der Skelette unter den Fundamenten einer der Mauern befanden. Auch Soproni hatte den von ihm erkannten Mauerstumpf im Ufersaum bereits einer jüngeren Zeitstufe zugeordnet, als sie der postulierte valentinianische Burgus besessen haben müsste. Ein Jahr nach Stefaits, 1965, besuchte die Archäologin Zsuzsa Lovag den Fundplatz. Neben den mittelalterlichen Fundstücken und Gräbern erwähnt sie in ihrem Bericht auch römische Keramikscherben. Diese nicht näher dokumentierten Scherben wurden den Museumsbeständen leider nicht zugeführt.