Der Left Book Club (LBC, Buchklub der Linken) war eine Mitte 1936 gegründete britische Buchgemeinschaft, deren Bemühungen um Vermittlung von Kenntnissen, nützlich im Kampf für einen Weltfrieden und gegen Faschismus, sich sinnbildlich in John Stacheys Buchtitel Why You Should Be a Socialist (Weshalb Sie ein Sozialist sein sollten) ausdrückten. Die mit dem unerwartet starken Verkauf von Büchern einhergehende Entstehung von Diskussionsrunden ließ den LBC in kurzer Zeit zur größten britischen, die Bildung einer Volksfront anstrebenden politischen Bewegung werden. Seine pro-sowjetische Orientierung ließ ihn 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt in relative Bedeutungslosigkeit fallen, in der er bis zur Auflösung 1948 verharrte.

Bücher zu einem Drittel des Normalpreises Beliefert wurde der Left Book Club vom Verlag Victor Gollancz Ltd., dessen Besitzer „V.G.“ (so genannt von seinen Mitarbeitern) beim Versuch, ein Buch, das die Verflechtung von Handel und Politik thematisierte,V. Gollancz: Mein lieber Timothy. Gütersloh 1960, S. 971 auf den Markt zu bringen, feststellen musste, dass bestenfalls ein Prozent des Buchhandels bereit war, mit Sozialismus in Verbindung zu bringendes ins Sortiment zu nehmen. Trotzdem war es anschließend der Buchhandel – teils neu entstandene „linke“ Buchläden –, der bei dem sicheren System mitwirkte: Vom Verkaufspreis ein Drittel als Händler-Provision und preisgünstig als Taschenbuch aufgemachte Werke, für die es durch Abonnementsverträge kalkulierbare Stückzahlen gab. Gollancz galt als Verkaufsgenie,J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 19 treffsicher in der Auswahl der Titel und bei der Gestaltung der LBC-typischen, orangen, flexiblen Einbände. Ein Buch monatlich zu einer halben Krone musste abgenommen werden – im Normalfall. Der Buchclub – oder genauer Victor Gollancz, der allzeit das Steuer in der Hand behielt – passte sich aber an die Bedürfnisse der Kunden mit einer Fülle von Mitgliedschaftsformen an: Abnahme von sechs oder vier Bänden pro Jahr, oder eine Form, zu der ein Bezug der Wochenzeitung Tribune hinzukam. Weniger gut angenommen wurde eine Mitgliedschaft als „associate“ für Geringverdiener oder Arbeitslose – mehrheitlich waren Bezieher eines festen Gehalts oder Freiberufler im LBC zu finden.J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 81 Entsprechend dem Club-Anliegen, Informationen mit Bezug zum Zeitgeschehen zu liefern, wurden hauptsächlich Neuerscheinungen gedruckt, teils speziell in Auftrag gegeben und überwiegend von politischer Natur. Was in Betracht kam, entschied das Auswahlkomitee bestehend aus Victor Gollancz, John Strachey und Harold Laski.

Die Bücher selbst mini|hochkant|Ella Lingens-Reiner: Gefangene der Angst (1948) Zirka 250 Titel erschienen im Left Book Club, gestartet wurde im Mai 1936 mit France Today and The People's Front (Frankreich heute und die Volksfront) von Maurice Thorez, dem Chef der Französischen Kommunistischen Partei. Damit nahm aber auch eine Entwicklung ihren Anfang, über die Gollancz rückblickend meinte, dass „der Einfluß der Kommunisten auf die Buchgemeinschaft weit größer war, als er hätte sein dürfen, wenn sich das überhaupt vermeiden ließ“.V. Gollancz: Mein lieber Timothy. Gütersloh 1960, S. 978 Das Problem, „nichts über die Sowjetunion zu verschweigen“, ohne die Bewegung Schaden nehmen zu lassen, war nicht zeitig angegangen worden. John Lewis – im LBC Organisator der Diskussionsgruppen – wies hingegen darauf hin, es seien tatsächlich sehr wenige Kommunisten unter den Autoren gewesen,J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 107 ohne Bücher mit einer offen irreführenden Aussage, wie Dudley Collards Soviet Justice and the Trial of Radek and Others (Sowjetjustiz und der Prozess gegen Radek und weitere), rechtfertigen zu wollen.

Kommunist in der öffentlichen Wahrnehmung, jedoch niemals Parteimitglied, war John Strachey neben Gollancz die intellektuelle Hauptfigur des LBC, der geschickte Erklärer. Unter den sieben von ihm beigesteuerten Büchern galt Coming Struggle for Power (Kommender Machtkampf) als die einflussreichste, von der englischen Linken über Marxismus hervorgebrachte Arbeit.Sonia Orwell u. Ian Angus: The Collected Essays. Journalism and Letters of George Orwell. Volume I. London 1969, S. 218 Ebenso bemerkenswert war eine Abhandlung von der Länge eines halben Romans, 30.000 Wörter, 100 Seiten, für die „V.G.“ einen Verkaufspreis von „Twopence“ errechnete, könnte er 100.000 Stück davon absetzen. Die Chancen erschienen ihm gut, bei diesem „kleinen Meisterwerk – kristallklar, nicht die geringsten Kenntnisse von Politik, Wirtschaft und Geschichte zum Verständnis erfordernd“.J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 96 Der „Twopenny Strachey“ Why You Should Be a Socialist fand innerhalb eines Jahres 250.000 Abnehmer.

Mit dem vom Kommunisten Otto Katz verfassten Buch The Nazi Conspiracy in Spain (Die Nazi-Verschwörung in Spanien), wurde im Januar 1937 eine Reihe „Topical books“ eingeleitet, die vom Inhalt her als so wichtig angesehen wurden, dass man statt des Buchhandels den Post-Vertrieb wählte. Der spanische Bürgerkrieg entwickelte sich zum bestimmenden Thema und der LBC führte in Großbritannien die Unterstützerszene der republikanischen Sache an. Arthur Koestler verhalf dank LBC sein Spanish Testament zum Durchbruch als Schriftsteller, George Orwells Homage to Catalonia (Mein Katalonien) hingegen wurde zurückgewiesen und erschien in einem anderen Verlag. Eine Auftragsarbeit war dessen Road to Wigan Pier (Der Weg nach Wigan Pier), die bereits zu Verstimmungen zwischen Buchgemeinschaft und Communist Party (CP) geführt hatte.S. Samuels: Der »Left Book Club«. München 1969, S. 117

Das Thema „Notstandsgebiete“ hatte auch Ellen Wilkinson mit The Town that was Murdered (Die Stadt, die ermordet wurde) aufgegriffen und am konkreten Beispiel der nordenglischen Stadt Jarrow die dramatischen Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit beschrieben. Was sich in den Tagen der „Machtergreifung“ in Deutschland abspielte, beleuchtete Jan Petersens Our Street (Unsere Straße), Aurel Kolnais im Juli 1939 erschienenes War Against the West (Krieg gegen den Westen) wurde von Gollancz als „das wichtigste Buch, das der Club herausgegeben hat“, bezeichnet und beschrieb den Mischmasch von „Philosophien“ hin zur Blut-und-Boden-Ideologie.J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 91

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt verfasste Walter Ulbricht einen Artikel, „worin er britischen Imperialismus zu dessen Ungunsten mit Hitlerismus“ verglich,V. Gollancz: Mein lieber Timothy. Gütersloh 1960, S. 1003 Gollancz und Freunde setzten dem im Februar 1941 ihr The Betrayal of the Left (Der Verrat der Linken) entgegen, der kommunistische Einfluss auf den LBC war zu Ende. Gedruckt wurden nun auch Bücher unorthodox marxistischen Charakters oder zum Beispiel Rosa Luxemburg: Her Life and Work (Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat) von Paul Frölich. Gollancz kritisierte im Juli 1946 mit Our Threatened Values (Unsere bedrohten Werte) alle Formen von Diktatur, der letzte verlegte Band war 1948 The Meaning of Marxism (Die Bedeutung des Marxismus) von G. D. H. Cole, mit acht Werken der meistgedruckte Autor im LBC.

Der LBC und die britische Öffentlichkeit Entstehung von Diskussionsgruppen Der Left Book Club erreichte im April 1939 mit 57.000 Mitgliedern den Höhepunkt an Interesse, eine anfangs nicht vorhersehbare Begleiterscheinung war die Entstehung von bis zu 1.000 Diskussionsgruppen. Als Rückmeldung auf den ersten veröffentlichten Band hatten fünf Abonnenten den Wunsch nach einer Diskussion mit weiteren Interessierten über die im „Buch des Monats“ aufgeworfenen Fragen geäußert. Sie fanden ihre Namen im nächsten Ankündigungsblatt Left Book News und wurden die ersten „convener“ (Einberufer) von Diskussionsgruppen.J. Lewis. The Left Book Club. London 1979, S. 14 Diese Treffen waren für jeden offen und es kamen ursprünglich unpolitische Menschen, die aufgerüttelt waren durch die Beseitigung der verfassungsmäßigen Regierung in Spanien oder die fortdauernde Armut in den britischen Notstandsgebieten – vorbei waren die Tage der Teilnahmslosigkeit, als niemand zu derartigen Treffen hinzulocken war. John Lewis wurde im Herbst 1936 Organisator dieser Gruppen, Gollancz stellte hierfür in der Londoner Henrietta Street 17–18 die ganze Etage eines Bürogebäudes zur Verfügung. Fünf Gebietsorganisatoren hatten den beträchtlichen Briefverkehr zu bewältigen.J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 63 Als 64-seitiger Ratgeber wurde 1939 ein Group Handbook herausgegeben, mit Anregungen für Wochenendseminare, Anleitungen zum Abhalten von Versammlungen und Ratschlägen für Öffentlichkeitsarbeit. Entsprechend der Größe der Bewegung kam es zur Einrichtung von dauerhaften LBC-Räumen und -Zentren. 200 eingetragene Mitglieder standen hinter dem bestausgestatteten „Leeds Centre“ mit Bibliothek, kleiner Bühne, Küche und Versammlungsräumen.J. Lewis: The Left Book Club, London 1970, S. 46 Bei alledem: Der LBC fühlte sich nicht verantwortlich für die politischen Schritte zu Herbeiführung einer „Volksfront“, vielmehr wollte er seinen Mitgliedern zu einer Grundlage von Faktenwissen verhelfen (der ansehnliche Teil später bedauerter Propaganda außer Acht gelassen), auf das jene ihre politischen Aktivitäten würden aufbauen können. Wer aktiv werden wollte, bekam den Rat, sich einer Partei anzuschließen, wovon die CP profitierte, noch mehr aber die Labour Party.

Vortragsveranstaltungen Kam Victor Gollancz mit einer Diskussionsgruppe zusammen, hielt er grundsätzlich eine wohlvorbereitete, kurze Ansprache, woraus bald Podiumsdiskussionen wurden, eine „Wanderbühne“ politisch Prominenter, der „V.G.“ landesweit zu Auftritten verhalf.S. Samuels: der »Left Book Club«, München 1969, S. 112 Der Verlag sorgte für Bücher und Redner sowie deren Tourneen, während die Gruppen sich um Veranstaltungsräume kümmerten. Volles Haus hatte man im Februar 1937 schon bei der „Albert Hall Rally“, über eine Veranstaltung mit David Lloyd George 1939 schrieb Gollancz, es sei die größte von allen gewesen, „im Empress Stadion, dreiundzwanzigtausend waren in der Halle, fast ebenso viele, oder so sah es aus, draußen auf der Straße“.V. Gollancz: Mein lieber Timothy. Gütersloh 1960, S. 1002 Ein Presse-Echo auf derartige Veranstaltungen (John Lewis wollte nur von 11.000 Menschen in der Empress Hall wissen) war kaum vernehmbar, zwar keine Zensur, aber eine „Appeasement“-förderliche Selbstbeschränkung.J. Lewis: The Left Book club. London 1970, S. 102 Gollancz hingegen agierte weiter für einen Vertrag der drei Mächte Russland, Frankreich und Großbritannien, mittels dessen sich Hitler würde abschrecken lassen. Einem satirischen Bericht über einen LBC-Vortragsabend in einem kalten, schlecht beleuchteten Saal, hatte George Orwell im selben Jahr in seinem Buch Coming Up for Air ein halbes Kapitel gewidmet: „Das übliche Volk von fünfzehn oder sechzehn Leuten war aufgekreuzt. An der Vorderseite der Bühne machte ein gelber Anschlagzettel bekannt, dass es ein Vortrag über ‚Die drohende Gefahr des Faschismus‘ war.[…] Unser Grüppchen saß im Licht um die Bühne, mit ungefähr dreißig Reihen leerer Stühle hinter uns.“(„The usual crowd of fifteen or sixteen people had rolled up. On the front of the platform there was a yellow placard announcing that the lecture was on 'The Menace of Fascism'.[…] The little knot of us were sitting in the light round the platform, with about thirty rows of empty chairs behind us.“) George Orwell: Coming Up for Air, London 1939 (Nachdruck 1973), S. 146 f.

Amateurtheater „Left Book Club Theatre Guild“