mini|Überlieferung im Codex Manesse
Der Spruch zur Magdeburger Weihnacht (L. 19, 5) ist ein von Walther von der Vogelweide zu Beginn des 13. Jahrhunderts für Philipp von Schwaben verfasster Sangspruch aus dem Ersten Philippston, der sich auf die Geschehnisse von der Magdeburger Weihnachtsfeier von 1199 bezieht.
Walther von der Vogelweide versuchte in dem Spruch zur Magdeburger Weihnacht die Herrschaft des Staufers Philipp von Schwaben zu legitimieren, der im Thronstreit Unterstützung benötigte. Walther stellte im Spruch zur Magdeburger Weihnacht Philipp von Schwaben und seine Frau Irene Maria anhand religiöser Analogien und impliziter Vergleiche mit Otto IV., dem Gegenkandidaten Philipps von Schwaben, als ideales Herrscherpaar dar. Der Dienst der Düringe und Sahsen – "Thüringer" und "Sachsen" – machte erst das Besondere der Magdeburger Weihnacht und die Pointe in Walthers Spruch aus. Der Düringe, der erst im Sommer 1199 ins Lager der Staufer gewechselt war, und der 1197 als Gegenkandidat Philipps von Schwaben vorgeschlagene Sahse, akzeptierten den Herrschaftsanspruch Philipps von Schwaben durch ihren Dienst. Durch seine später verfasste „Wartburg-Schelte“ des Thüringer Hofes relativierte Walther jedoch den Dienst der Düringe und damit auch die Pointe in seinem Spruch zur Magdeburger Weihnacht.
Politische Situation Im Jahr 1197 verstarb der stauferische Kaiser Heinrich VI., was eine Reichskrise auslöste.Hans K. Schulze: Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter, 3: Kaiser und Reich, Stuttgart 1998, S. 212. Sein Sohn Friedrich II. war zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt und noch zu jung, um die Thronfolge anzutreten.
Um die Nachfolge Heinrichs VI. stritten sich im Staufisch-Welfischen Thronstreit der Bruder Heinrichs VI., der Staufer Philipp von Schwaben, und der vom Erzbischof Adolf von Köln favorisierte Welfe Otto IV. Im März 1198 ließ sich Philipp von Schwaben zum König wählen. Im Juni 1198 wählte eine kleinere Gruppe Fürsten den Welfen Otto IV. Der Thronstreit spitzte sich in der Folge zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV. zu. Philipp von Schwaben wusste die Mehrheit der Fürsten hinter sich.Schulze (wie Anm. 1), S. 213. Außerdem besaß er die Reichinsignien: das Reichszepter und die Reichskrone. Seine Krönung fand nicht in Aachen am „richtigen Ort“ statt, sondern am „falschen Ort“ in Mainz. Die Krönung führte auch nicht der eigentlich dazu berufene Erzbischof von Köln aus, sondern der zufällig als päpstlicher Legat anwesende Erzbischof von Tarentaise.Peter Wapnewski: Die Weisen aus dem Morgenland auf der Magdeburger Weihnacht. In: Waz ist minne. Studien zur Mittelhochdeutschen Lyrik. München 1975, S. 175. Philipp von Schwaben war also auch vom „falschen Mann“ gekrönt worden. Es gab also erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Krönung. Otto IV. wurde zwar am „richtigen Ort“ und vom Erzbischof Adolf von Köln gekrönt, allerdings fehlten ihm die Reichsinsignien als Zeichen seiner Macht. Der Thronstreit dauerte bis zur Ermordung Philipps von Schwaben am 21. Juli 1208 in Bamberg an.Schulze (wie Anm. 1), S. 219. Auf den vorangehenden Seiten beschreibt Schulze die Entwicklung des Thronstreites unter besonderer Betrachtung der Rolle des Papstes Innozenz III.
Siehe auch: Deutscher Thronstreit
Überlieferung mini|Überlieferung in der Weingartener Liederhandschrift
Der Spruch zur Magdeburger Weihnacht ist in der mit B bezeichneten Weingartner bzw. Stuttgarter Liederhandschrift und der mit C bezeichneten Großen Heidelberger bzw. Mannessischen Liederhandschrift überliefert.Horst Brunner, Ulrich Müller, Franz Viktor Spechtler (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Die gesamte Überlieferung der Texte und Melodien. Abbildungen, Materialien, Melodietranskriptionen. Mit Beiträgen von Helmut Lomnitzer und Hans-Dieter Mück, Geleitwort von Hugo Kuhn, Göppingen 1977 (= Litterae 7), S. 15–27. In der Handschrift B findet man die Strophe von der Magdeburger Weihnacht an 108. Stelle von 112 überlieferten Strophen. Dabei steht sie vor der „Kronen-Spruch“ (L. 18, 29). Die umfangreichere Handschrift C weist die Strophe von der Magdeburger Weihnacht als 292. Strophe von 447 Strophen aus. Sieben Strophen sind allerdings doppelt überliefert. Die Strophe von der Magdeburger Weihnacht steht hier nach dem „Kronen-Spruch“.Brunner / Müller / Spechtler (wie Anm. 6), S. 15–27. Die beiden Handschriften unterscheiden sich darin, dass die Handschrift C im letzten Vers den Konjunktiv Präsens von müezen – in diesem Zusammenhang mit "müssen" wiederzugeben – müeste vorsieht, während Handschrift B Indikativ Präteritum muoste überliefert (→ siehe auch: 9. müeste oder muoste). Auch an elf anderen Stellen sind Abweichungen festzustellen.Brunner / Müller / Spechtler (wie Anm. 6), S. 136 und S. 167. Es ergibt sich allerdings an diesen Stellen keine grundsätzlich andere, von der Wahl der Handschrift abhängige Lesart.
Die erste vollständige Edition der Werke Walthers von der Vogelweide legte erstmals Karl Lachmann 1827 vor.Thomas Bein: Einführung. In: Walther von der Vogelweide. Textkritik und Edition, hg. von Thomas Bein, Berlin / New York 1999, S. 2. Dabei besaß Lachmann keinen Einblick in die Handschrift B und musste daher mit Kopien arbeiten. Auch bei Handschrift C verdankte er seine Kenntnisse vorherigen Bearbeitungen der Handschrift. Ihm lagen Abdrücke mit Korrekturen, publizierte Auszüge und Notizen vor.Franz-Josef Holznagel: Überlieferung und Werk. Zu den Athetesen in Lachmanns erster Auflage der Gedichte Walthers von der Vogelweide. In: Walther von der Vogelweide. Textkritik und Edition, hg. von Thomas Bein, Berlin / New York 1999, S. 35–36. Lachmanns Edition wurde mehrfach überarbeitet und neu aufgelegt.Bein (wie Anm. 9), S. 6. Die 14. und völlig neu bearbeitete Auflage aus dem Jahr 1996 stammt von Christoph Cormeau.Christoph Cormeau (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Leich Lieder und Sangsprüche, 14. völlig neu bearbeitete Auflage der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner, Berlin / New York 1996.
Die Strophe von der Magdeburger Weihnacht findet man in diversen Textausgaben (Siehe: → 11.1 Textausgaben), teilweise auch mit Übersetzung.Neueste Bearbeitung: Günther Schweikle: Walther von der Vogelweide. Bd. 1: Spruchlyrik. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, hg. übersetzt und kommentiert von Günther Schweikle, 2. Auflage, Stuttgart 2005.
Datierung Die Datierung des Spruches zur Magdeburger Weihnacht kann nur auf textexternen Deutungen basieren und bleibt daher in gewisser Weise spekulativ. Dem Text eindeutig entnehmen lässt sich einzig, dass der Spruch nicht auf der Magdeburger Weihnacht selbst vorgetragen wurde, da Walther ihn konsequent im Präteritum verfasste. Maurer geht davon aus, dass Walther alle Strophen des Ersten Philippstones zusammen verfasst habe. Walther müsste demnach auf der Wartburg nachzuweisen sein, da es ihm sonst nicht möglich wäre, seine „Wartburg-Schelte“ zu verfassen. Maurer folgert aus Walthers erstem Besuch auf der Wartburg 1202, dass die Strophen von da an entstanden sein könnten: „Alle Ereignisse, auf die Walther anspielt, liegen auch 1202 noch so nahe, dass die Bezüge sinn- und wirkungsvoll bleiben.“Zitiert nach Friedrich Maurer: Die politischen Lieder Walthers von der Vogelweide. Tübingen 1954, S. 23. Dem widerspricht Masser. Es handele sich bei dem Spruch zur Magdeburger Weihnacht um in der „aktuellen Situation verwurzelte «politische Tageslyrik»“.Zitiert nach Achim Masser: Zu Walthers Propagandastrophen im Ersten Philippston (L.18, 29 und L.19, 5). In: Studien zur deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters. Festschrift für Hugo Moser zum 65. Geburtstag, hg. von Werner Besch u. a. , Berlin 1974, S. 59. Er schließt damit eine Datierung nach 1202 aus und knüpft den Spruch von der Magdeburger Weihnacht damit eng an das Ereignis Weihnachten 1199. Nix datiert den Spruch zur Magdeburger Weihnacht auf den 18. März 1200.Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Dichtung Walthers von der Vogelweide, Göppingen 1993, S. 57. Am 18. März 1200 fand ein Hoftag Philipps von Schwaben in Nürnberg statt. Bis dahin habe es von Weihnachten 1199 an keine geeignete große Versammlung der Staufer gegeben, auf der der Vortrag des Spruches zur Magdeburger Weihnacht seine Wirkung vor breitem Publikum erfüllt haben könnte, so Nix. Ferner sei es sinnvoll gewesen den Fürsten aus dem Südosten den Dienst der Fürsten aus dem Nordosten zu verkünden, da diese nicht in Magdeburg vor Ort waren.Nix (wie Anm. 16), S. 58. Der Spruch zeigte demnach den Fürsten aus dem Südosten, dass die pro-stauferische Partei wuchs und sei daher als Demonstration der Stärke im Thronstreit zu verstehen gewesen. Eine Datierung auf den 1. Juni 1200 oder die Zeit davor schließt Nix aus. Walther habe mit seinem Spruch zur Magdeburger Weihnacht Bezug genommen auf die Krönung der Heiligen Drei Könige am 1. Juni 1200 in Köln durch Otto IV. Der Spruch zur Magdeburger Weihnacht könne nicht an dem Tag des Ereignisses vorgetragen worden sein, auf das er reagierte.Nix (wie Anm. 16), S. 56–57.
Form Die Form der Strophe von der Magdeburger Weihnacht entspricht der Form der anderen Strophen des Ersten Philippstones. Sie setzt sich aus zwölf Versen zusammen und lässt sich in vier Terzinen aufteilen. Die erste und die zweite Terzine bilden den Aufgesang, die dritte und die vierte Terzine zusammen den Abgesang. Der Abgesang unterscheidet sich vom Aufgesang durch die Anzahl der Hebungen. Die vier Hebungen im siebten und im zehnten Vers unterscheiden sich von den anderen, durchgängig sechs-hebigen Versen und bilden damit die formale Abweichung von Aufgesang und Abgesang.Maurer (wie Anm. 14), S. 21. Das Reimschema zeigt die Regelmäßigkeit des Reimes. Auf einen Paarreim folgt ein umarmender Reim, der die beiden Terzinen, die zusammen Auf- bzw. Abgesang bilden, verbindet. Walther verwandte dabei sowohl unreine Reime, wie gebornMittelhochdeutsche Passagen nach Cormeau (wie Anm. 12). und erkorn zu Beginn, als auch reine Reime, wie kint und sint in den Versen vier und fünf. Alle Verse der Strophe zur Magdeburger Weihnacht beginnen mit einem Auftakt. Die jeweils ersten und zweiten Verse einer Terzine enden mit einer vollen bzw. männlichen Kadenz. Dagegen endet der jeweils dritte Vers einer Terzine mit einer klingenden bzw. weiblichen Kadenz.
Darstellung der Form in einer Tabelle Die Tabelle orientiert sich an der Darstellung Maurers (wie Anm. 14), S. 22 und ergänzt diese. Vers Ende des Verses Reim Kadenz Hebungen Terzine Auf- und Abgesang 1 geborn a voll sechs-hebig 1. Terzine Aufgesang 2 erkorn a voll sechs-hebig 3 schône b klingend sechs-hebig 4 kint c voll sechs-hebig 2. Terzine 5 sint c voll sechs-hebig 6 krône b klingend sechs-hebig 7 gâch d voll vier-hebig 3. Terzine Abgesang 8 nâch d voll sechs-hebig 9 gallen e klingend sechs-hebig 10 anderswâ f voll vier-hebig 4. Terzine 11 dâ f voll sechs-hebig 12 gevallen e klingend sechs-hebig
Deutung der Form Wapnewski verbindet seine Deutung von Form und Inhalt, indem er darauf hinweist, dass jede Terzine ihr eigenes Thema habe.Wapnewski (wie Anm. 3), S. 178. Die Form unterstreiche demnach den Inhalt. Diese Segmentierung des Inhaltes nach Terzinen lässt sich mit Maurer verbinden, der in den klingenden Kadenzen eine „leichte Pausierung“ der sonst „eng gefugten“ Verse sieht.Zitiert nach: Maurer (wie Anm. 14), S. 21. Die weiblichen Kadenzen stehen am Ende jeder Terzine und bilden somit einen Abschluss.