mini|Beginn der Besetzung: Demonstrationszug vor der Stollwerckfabrik am 20. Mai 1980

Die Stollwerckbesetzung war eine 49 Tage andauernde Hausbesetzung der ehemaligen Stollwerck-Schokoladenfabrik im Kölner Severinsviertel, die am 20. Mai 1980 begann. Die mit bis zu 600 Besetzern größte Hausbesetzung in der Geschichte der Stadt Köln erfuhr unter politischen und kulturellen Aspekten bundesweite Beachtung. Die Frage des Umgangs mit der Besetzung führte zu Auseinandersetzungen unter den in Köln regierenden Sozialdemokraten, in die schließlich hochrangige Vertreter der SPD-Bundespolitik eingriffen.

Die Besetzung endete mit dem Abzug der Besetzer nach Verhandlungen mit einem Ratsvertreter. Das Hauptziel, der selbstverwaltete Umbau der Fabrikgebäude in preiswerten Wohn- und Kulturraum, wurde nicht erreicht. Als Erfolg der Besetzung wurde die Fabrik aber im Rahmen einer Zwischennutzung über sieben Jahre als Kulturzentrum von einer progressiven Kunst- und Theaterszene genutzt. 1987 erfolgte schließlich der Abriss der meisten Gebäude zugunsten einer neuen Wohnsiedlung.

Vorgeschichte Die sich zuletzt auf 50.000 Quadratmetern des Severinsviertels erstreckende Schokoladenfabrik Stollwerck war 1839 von Franz Stollwerck gegründet worden. Nach mehreren Generationswechseln geriet das weltweit tätige Unternehmen im Zuge von Weltwirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg in eine finanzielle Schieflage, die erst mit der Übernahme durch Hans Imhoff im Jahr 1972 beendet war. Unter Imhoff entwickelte sich Stollwerck zu einem der führenden deutschen Schokoladenhersteller.Letzte Hilfe; Artikel in Der Spiegel 24/1980, online, abgerufen am 1. Juli 2010.

Das Stollwerck-Fabrikgelände stellte innerhalb der südlichen Innenstadt einen dominierenden Komplex dar und prägte das umliegende Severinsviertel, das in den 1970er Jahren überwiegend ein Arbeiterviertel mit hoher Bevölkerungsdichte und heruntergekommenen Gebäudebestand war. In anderen Bereichen der Innenstadt trug die Ansiedelung großer Dienstleistungsbetriebe, etwa durch Zentralen von Versicherungen, zu einem Rückgang von Wohnraum bei. Dies erhöhte den Druck auf die Stadtpolitik, im vorigen Jahrhundert entstandene und kaum noch wirtschaftlich zu betreibende innerstädtische Industriegebiete zu transformieren. Die Übernahme von Stollwerck durch den in der Lebensmittelbranche erfolgreichen Unternehmer Imhoff, dessen Expansionsideen das innerstädtische Fabrikgelände nicht mehr gewachsen war, erschien der Stadt als Glücksfall.HAUMANN, SEBASTIAN. “Disputed Transformations: Deindustrialization and Redevelopment of Cologne’s Stollwerck Factory, 1970–1980.” Urban History, vol. 40, no. 1, 2013, S. 156–173. JSTOR, www.jstor.org/stable/26398198. Abgerufen am 11. Juni 2020. Tatsächlich legte Stollwerck Mitte der siebziger Jahre den innerstädtischen Produktionsstandort still und verlagerte die Produktion auf andere Niederlassungen, darunter ein neuer Standort in einem Industriegebiet in Köln-Porz.

Verkauf Obwohl die Stadt Köln Interesse am Ankauf des Stollwerckgeländes zeigte und auch ein Angebot über 25,5 Millionen DM vorlegte, verkaufte Imhoff das bebaute Gelände an den Finanzunternehmer Detlev Renatus Rüger zu einem Preis von 48,3 Millionen Mark.Engelbert Greis: Die Stollwerck-Story. die Geschichte der Besetzung und ihre politischen Hintergründe 1980, ISBN 3-922475-00-0, S. 9. Allerdings konnte Rüger das Grundstück nicht frei bewirtschaften: Drei Tage nach dem Kauf wurde die Erklärung des Areals zum Sanierungsgebiet rechtskräftig, so dass jede dort vorzunehmende Veränderung mit der Stadtverwaltung abgestimmt werden musste. Unter dem Druck der Zinslast verkaufte Rüger das für seine Zwecke kaum nutzbare Gebiet schließlich zum Preis von 34,5 Millionen Mark an die Stadt Köln zurück. Gewinner dieser Transaktionen war Imhoff, der zudem von der Stadt einen Zuschuss von 9,6 Millionen und ein zinsloses Darlehen in Höhe von 10 Millionen Mark für den Umzug seiner Produktion an den Kölner Stadtrand erstritt.Greis, S. 10.

Ideenwettbewerb Am 30. Mai 1978 schrieb die Stadt Köln einen Architektenwettbewerb zur Umgestaltung des Stollwerckgeländes aus. Der Wettbewerb wurde von der Kölner Design Team 8-Planungsgruppe (DT8) gewonnen. Deren Entwurf beinhaltete einen weitgehenden Abriss der Fabrikgebäude, verbunden mit dem Neubau von Wohnhäusern auf dem Gelände. Ein kleinerer Teil der Fabrik sollte durch den Einbau von Wohnungen erhalten werden. Im Wettbewerb unterlegen war der Entwurf der Arbeitsgruppe „Wohnen im Stollwerck“, der den Umbau der gesamten Fabrik zu preisgünstigem Wohnraum durch den Einbau von Wohnungen in die Industriebauten vorsah. Einer der Architekten dieser Arbeitsgruppe, Stephan Görner, hatte in den 1970er Jahren selbst bei DT8 gewirkt und dort das Modell des Fabrikumbaus in Wohnungen mitentwickelt.Wie im Theater, Der Spiegel 29/1976, online, abgerufen am 22. August 2010. Inzwischen war er auch Sprecher der Bürgerinitiative südliche Altstadt (BISA), offiziell gegründet am 11. Februar 1971.Martin Stankowski: Einführung in das Findbuch des KölnArchiv e. V., , abgerufen am 17. Juli 2010. In dieser Initiative organisierten sich am Sozialraum Severinsviertel interessierte Bürger, darunter auch Stadtplaner und Architekten.»Es hätte funktionieren können«, Interview mit dem Stollwerck-Besetzer Stefan Peil in: StadtRevue Archiv, abgerufen am 17. Juli 2010.

Sowohl die Bürgerinitiative als auch „Wohnen im Stollwerck“ vertraten den vollständigen Erhalt der Fabrikgebäude. Ein Berliner Planungsbüro verglich in einer Kosten- und Nutzenberechnung die beiden Konzepte und gelangte zu dem Schluss, dass ein Totalerhalt mit Umbau aller Büro- und Fabrikgebäude zwar zunächst um rund 20 % günstiger zu realisieren sei, bei den Folgekosten auf lange Sicht aber eine Angleichung zu einer Mischlösung aus Abriss und Umbau eintreten würde. Letztlich ging die Stadt davon aus, dass aus städtebaulichen und ästhetischen Gründen eine Beseitigung des „Betonklotzes“ Stollwerck vorteilhaft sein würde.Greis, S. 13–14.

Dem gegenüber propagierte die BISA ein zu herkömmlichen Wohn- und Mietverhältnissen alternatives Konzept der Selbsthilfe: Zukünftige Bewohner sollten sich durch Mitbestimmung und praktische Mitwirkung an Konzeption und Umsetzung der Umbauten beteiligen und so ihren zukünftigen Lebensraum selbst gestalten. Die Besiedelung sanierter Fabriketagen als gemischte Wohn-, Arbeits- und Kulturräume sollte in Anlehnung an das „Loft-living“, das etwa im New Yorker SoHo, aber auch in Hamburg oder Düsseldorf zum erfolgreichen Umbau ehemaliger Fabriken geführt hatte, erfolgen. Zwei Jahre stritt man mit der Stadtverwaltung über die Geschicke des Stollwerck und über die Genehmigung zum Bau einer Musterwohnung im Fabrikgelände, welche die Machbarkeit der BISA-Idee zeigen sollte. Zwischenzeitlich wurden Teile des Geländes als Quartier für den Circus Roncalli verpachtet; der alte Annosaal wurde vom Kölner Schauspiel als Spielstätte genutzt, in dem Peter Greiners Kiez uraufgeführt wurde.Greis, S. 32.

Letzte-Hilfe-Fest und Musterwohnung Im April 1980 spitzte sich die Auseinandersetzung zu: Während eine übergreifende Sitzung der Fraktionsvorsitzenden der Kölner Ratsparteien einen Fahrplan zum Abbruch der Stollwerck-Gebäude beschloss, fand in einem Saal der Stollwerck-Fabrik eine Versammlung der BISA und ihrer Unterstützer statt, auf der der Bau einer Musterwohnung festgelegt wurde. Die Wohnung sollte die Möglichkeit eines Umbaus demonstrieren. Oberstadtdirektor Kurt Rossa (SPD) hatte den Auftrag, den Abrissfahrplan umzusetzen. Unter dem Druck einer drohenden Besetzung kurz vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen am 11. Mai verhandelte er aber zunächst mit der BISA über den Einbau der Musterwohnung. Im Ergebnis stimmte die Stadtverwaltung dem Bau der Musterwohnung ab dem 26. April zu. Die BISA und ihre Unterstützer begannen mit dem Aufbau der Wohnung, durchaus in der Hoffnung, Bevölkerung und Politik noch vom Konzept des Fabrikumbaus überzeugen zu können.Greis, S. 18.

Im Zuge des von der BISA veranstalteten „Letzte-Hilfe-Festes“ am 27. April wurden per Menschenkette 12.000 Steine über 100 Meter von Hand zu Hand in die Fabrik geschafft, wo Aktivisten sie unter der Anleitung von Architekten zwei Tage lang verbauten. Zur Aktion mit Musik und Verpflegung erschienen zahlreiche Sympathisanten aus der linken Szene, aber auch Anwohner und Kinder aus dem Viertel, die das Gelände zum Spielen nutzten.

Während des Festes kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, als ein 13-jähriger Junge 15 Meter tief in einen ungesicherten Aufzugschacht fiel und dabei ums Leben kam. Daraufhin widerrief Rossa zunächst die Genehmigung zum Bau der teilfertigen Musterwohnung und verfügte die Schließung der Baustelle, um das Gelände zur Vermeidung weiterer Unfälle gegen unbefugtes Betreten abzusichern. Eine weitere Runde der Fraktionsvorsitzenden der Ratsparteien bestätigte, dass man aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht den Bau endgültig stoppen wollte. Angesichts der sich abzeichnenden Radikalisierung der BISA-Unterstützer und der wiederum die für den Fall eines gewaltsamen Vorgehens der Polizei gegen die Initiative befürchteten Konsequenzen für die Landtagswahlen gab Rossa mit Unterstützung der FDP– und SPD-Fraktionen den Bau unter Auflagen kurz darauf wieder frei. Dies führte zu einem Bruch mit der CDU-Fraktion, die weiterhin strikt gegen den Weiterbau war und auf die Übereinkunft pochte. Die Auflagen umfassten Regelungen zur Absicherung des Geländes, aber auch die Festlegung, wonach die Musterwohnung ausschließlich Demonstrationszwecken dienen und nicht zu einem Bezug genutzt werden durfte. Auch auf Eigentum und Urheberrecht an dem Bau musste die BISA verzichten.Greis, S. 20–22.

Schließlich entstand in der ersten Fabriketage eine Art Bungalow mit drei Zimmern. Tageslicht wurde dem Rohbau durch eine kombinierte Glas-/Fachwerkkonstruktion zugeführt. Stolz präsentierte die BISA am 13. Mai die im Rohbau fertiggestellte Musterwohnung der Presse und, unter Verletzung der vereinbarten Auflagen, auch den eingeladenen Bürgern des Severinsviertels. Die Reaktionen aus Stadtverwaltung und Rat blieben verhalten-ablehnend.

Am 20. Mai 1980 bestätigte der Stadtentwicklungsausschuss den Teilabriss der Fabrik und das von der Stadt favorisierte Sanierungsmodell trotz vehementer Proteste der BISA und ihrer Sympathisanten. Als klar wurde, dass der Abriss unmittelbar bevorstand, zogen die von der Ausschusssitzung ausgesperrten Demonstranten vom Rathaus zur Fabrik und nahmen das Gelände in Besitz.

Besetzung Bis zum späten Abend des 20. Mai waren bis zu 600 meist junge Leute auf das Fabrikgelände gelangt und hatten in einer ersten Vollversammlung die Besetzung beschlossen. In mitgebrachten oder nachträglich besorgten Schlafsäcken wurde erstmals in der ehemaligen Fabrik übernachtet. Bevor am frühen Morgen des 21. Mai 1980 die Abrissbagger unter Polizeischutz auf das Gelände der Fabrik vordringen konnten, hatten sich die Besetzer schon erfolgreich verbarrikadiert. Polizei und Stadtverwaltung hatten keine Maßnahmen gegen das Eindringen der Besetzer vorgesehen, zumal die Fabrik in Teilen noch vermietet war. Eine sofortige Räumung durch die anwesenden Polizeikräfte war aufgrund der großen Zahl der Besetzer nicht möglich. Kurt Rossa verfügte zunächst einen Abriss-Stopp.Greis, S. 26–27.

„Macht Stollwerck zum Bollwerk“