mini|Hubertus Knabe (2009)

Hubertus Wilhelm Knabe (* 19. Juli 1959 in Unna) ist ein deutscher Historiker. Er war Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen von deren Gründung im Jahr 2000 bis zu seiner Abberufung am 25. November 2018 und ist heute an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg beschäftigt. Knabes Veröffentlichungen widmen sich dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, der Westarbeit der SED, den Oppositionsbewegungen im Ostblock, der ostdeutschen Nachkriegsgeschichte sowie der Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Familie und Ausbildung Hubertus Knabe ist der jüngste Sohn des Forstwissenschaftlers Wilhelm Knabe und dessen Ehefrau. Seine Eltern flohen 1959 mit den drei älteren Geschwistern aus der DDR in die Bundesrepublik und zogen nach Unna, wo Hubertus geboren wurde. Er wuchs in Mülheim an der Ruhr auf und bestand dort 1978 das Abitur. Danach studierte er bis 1983 Geschichte und Germanistik an der Universität Bremen. 1985 bis 1987 studierte er als Stipendiat des DAAD in Budapest. 1988 leitete er die Evangelische Akademie in Berlin (West). 1990 promovierte er an der FU Berlin über „Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Problemartikulation in sozialistischen Systemen. Eine vergleichende Analyse der Umweltdiskussion in der DDR und Ungarn.“ Anfang der 1990er Jahre war er DAAD-Lektor an der Universität Ljubljana in Slowenien.

Frühe politische Tätigkeiten Knabes Vater war 1978 bis 1980 an der Gründung der Partei Die Grünen beteiligt. Er selbst gründete 1978 in Bremen ein Komitee für die Freilassung des DDR-Dissidenten Rudolf Bahro und engagierte sich in der damaligen Friedensbewegung. Durch Angehörige erhielt er Kontakt zu kirchlichen Friedenskreisen in der DDR und lernte dort seine spätere Frau kennen. Nachdem er verbotene politische Literatur in die DDR eingeschleust hatte, verbot diese ihm ab 1980 die Einreise. 1981 durften seine Freundin und ihr Sohn aus der DDR ausreisen. Von 1983 bis 1985 war Knabe Pressesprecher der Grünen Liste in Bremen. In den 1980er Jahren beriet er die Grünen im Bundestag in deutschlandpolitischen Fragen.

1992 erfuhr er aus seiner Stasiakte, dass der mit ihm und seiner Frau befreundete, damals 50-jährige Pfarrer Frank Rudolph aus Herzfelde im Kreis TemplinRudolph ist nicht zu verwechseln mit gleichnamigen, heute noch aktiven Pfarrern. Siehe Stasi: Neugier aneinander. Der Spiegel, 8. März 1992. als inoffizieller Mitarbeiter „Klaus“ den Bücherschmuggel und fluchtwillige DDR-Bürger an das MfS verraten hatte. Nach einer Gegenüberstellung zeigte sich Rudolph selbst an und wurde wegen Spionage zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt. Von da an widmete sich Knabe der Enttarnung oder Bloßstellung früherer MfS-Spitzel.Heike Haarhoff: Ein Mann auf der Lauer. taz, 29. November 2006.

Mitarbeiter der BStU-Behörde Von 1992 bis 2000 arbeitete Knabe in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Dort war er auch lange Zeit Mitglied des wissenschaftlichen Begleitgremiums der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Nach Angaben von Christoph Links verkaufte Knabe im Jahr 2000 einen Band über die Westarbeit des MfS, der exklusiv im Ch. Links Verlag erscheinen sollte, parallel an einen anderen Verlag. Dieser Vertragsbruch habe dazu geführt, dass sein Verlag die Zusammenarbeit mit der Behörde an deren Forschungsreihe einstellte.Christoph Links: Ein Verlag mit klarem Profil. Die Programmentwicklung im zeitgeschichtlichen Sachbuch. In: Christoph Links (Hrsg.): Mit Links überleben. 20 Jahre Ch.-Links-Verlag. Ch. Links, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-555-3, S. 80.

Nach Angaben des Historikers Karsten Krampitz setzte der BStU-Leiter Joachim Gauck Knabe als Sachgebietsleiter ab. Gaucks Nachfolgerin Marianne Birthler wollte Knabe entlassen, weil er in vielen Fällen unbelegte IM-Vorwürfe gegenüber westdeutschen Journalisten erhoben hatte.Karsten Krampitz: Der Kommandant muss abtreten. Der Freitag, 27. September 2018

2007 kritisierte Knabe die Behörde: Sie habe die Rosenholz-Dateien nur zögernd herausgegeben, die Zusammenarbeit früherer Bundestagsabgeordneter mit dem MfS zu erforschen verweigert, Stasi-Überprüfungen in Deutschland weitgehend abzuschaffen versucht und ehemalige MfS-Mitarbeiter beschäftigt.Hubertus Knabe: Mielkes schweres Erbe: Wie die Aufarbeitung der Stasi-Akten neu organisiert werden könnte. (Teil 1) Spiegel Online, 15. August 2007. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz gewähre Betroffenen private Akteneinsicht, halte aber das riesige Netz der übrigen IMs geheim. Die BStU-Forschungsabteilung forsche weitgehend nichtöffentlich, beachte wirkliche Stasiverbrechen kaum und habe nicht einmal das eigene Archiv erschlossen, so dass viele Personendossiers noch unentdeckt seien. Deshalb solle die BStU ihre Stasi-Unterlagen dem Bundesarchiv übergeben. Die BStU könne Anträge auf private Akteneinsicht und Stasi-Überprüfungen wie bisher bearbeiten. Eine Abwägungsklausel statt komplizierter Anonymisierung solle Forschung und Medien den Zugang zu den übrigen Akten erleichtern. Der BStU-Etat müsse gezielt zur wirksamen Aufklärung des SED-Unrechts dienen. BStU-Forscher könnten die Arbeit von Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen unterstützen. „Erst wenn die kommunistische Diktatur den Deutschen ähnlich präsent ist wie das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten, ist die Aufarbeitung der Hinterlassenschaften von Stasi-Minister Erich Mielke wirklich gelungen.“Mielkes schweres Erbe: Wie die Aufarbeitung der Stasi-Akten neu organisiert werden könnte. (Teil 2) Spiegel Online, 15. August 2007.

Der BStU-Beirat und Bürgerrechtler Richard Schröder wies Knabes Kritik zurück: Seit er die BStU-Behörde im Streit um deren Veröffentlichungsregeln verlassen habe, engagiere er sich stärker gegen sie als für eine Ausstellung in seiner Gedenkstätte. Seine Vorwürfe seien falsch: Die Eigenart der MfS-Akten und die Rechtslage erforderten Zugangsschranken, egal wo die MfS-Akten lägen. Weil das Stasi-Unterlagen-Gesetz dem Opferschutz Vorrang gebe, müsse dann auch das Bundesarchiv Akten schwärzen, geheim halten und dazu Mitarbeiter ausbilden. Die BStU-Behörde dürfe nur Namen tatsächlicher, nicht mutmaßlicher IMs herausgeben. Sie habe die Enttarnung von West-IMs nicht blockieren können, da deren Akten 1989/90 vernichtet wurden. Die wenigen geretteten West-Dateien, etwa Rosenholz, verzeichneten Quellen, keine IM-Namenslisten. Die Studie dazu (Helmut Müller-Enbergs: Rosenholz. Eine Quellenkritik) sei 2007 fertiggestellt und im Internet veröffentlicht worden. Die BStU-Leiterin habe dem seit 1991 vorgesehenen allgemeinen Auslaufen der Stasi-Überprüfungen widersprochen. Die von der Behörde beschäftigten früheren Stasimitarbeiter seien als Objekt- und Personenschützer übernommen und nachträglich überprüft worden. Die Behörde habe bisher 75 Prozent der Stasiakten archivarisch erschlossen; auch das Bundesarchiv könne dies nicht schneller leisten. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz solle Aufklärung nicht verhindern, müsse aber das verfassungsmäßige Recht auf informationelle Selbstbestimmung und den Schutz der Privatsphäre eingeschränkt auch für Täter gelten lassen. Knabe wolle wohl „statt einer rechtsstaatlichen Behörde lieber eine Inquisitionsbehörde, ein veröffentlichtes Namensverzeichnis aller IM und jede Menge Verbote. Da soll er mal aufpassen, dass er seinem Gegner nicht allzu ähnlich wird.“ Nur wenn die BStU-Behörde nicht demontiert werde, könne sie Geschichtsfälschungen ehemaliger Stasikreise effektiv bekämpfen.Richard Schröder: Denn einer hats geflüstert… Zeit, 30. August 2007

Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen Geschichtspolitische Linie Seit dem 1. Dezember 2000 war Knabe wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit. Zum Amtsantritt betonte Knabe, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus solle Vorbild für die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur sein. „Mit Hohenschönhausen haben wir einen Verfolgungsort der letzten Diktatur fast unversehrt überliefert, dem eine wirklich nationale Bedeutung zukommt. Das ist, wenn man das überhaupt vergleichen kann, das Dachau des Kommunismus.“ In Zukunft werde man die beiden großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts viel enger als gewohnt zusammendenken und beide Systeme „ähnlich fassungslos betrachten“. Es gebe viele gemeinsame Quellen und Parallelen dieser Massendiktaturen. Beide totalitären Gesellschaftsentwürfe seien aus einer Demokratiefeindlichkeit der Industriegesellschaft entstanden. Die Gedenkstätte sei vor allem für die Opfer der DDR da und müsse deren Erfahrungen weitergeben, um nachwachsende Generationen gegen Wiederholungsversuche zu immunisieren. Dazu sei zuerst eine ständige Ausstellung aufzubauen, am besten anhand von Einzelschicksalen. Ferner könne man mehrtägige Geschichtswerkstätten einrichten und einen Teil des Gebäudes zu Übernachtungszwecken umbauen. Eine moderne Ausstellungsdidaktik sei anzustreben. Erinnerung, Opfergedenken und Forschung seien gleichermaßen zu verfolgen.Gilbert Schomaker, Jens Stiller: Der neue Leiter über die Gedenkstätte Hohenschönhausen: „Das Dachau des Kommunismus“. Berliner Zeitung, 6. Januar 2015.

Laut dem Historiker Karsten Krampitz wurde Knabe „wegen der Art seiner Inszenierung … seines undifferenzierten Anprangerns des Unrechtsstaats DDR und der Unterstützung der SED-Opferverbände zum Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen berufen“. Er habe viel mehr ehemalige DDR-Häftlinge in die Erinnerungsarbeit einbezogen als andere Gedenkstätten und die Forschung, Dokumentation und Geschichtsvermittlung nach wissenschaftlichen und pädagogischen Standards vernachlässigt. Der Gedenkstätte fehlten begleitende Informationsmaterialien und Ausstellungen, die die einseitige opferzentrierte Geschichtsvermittlung in einen übergeordneten historischen Kontext setzten. Darum habe die Kulturwissenschaftlerin Carola S. Rudnik Knabes Kurs in ihrer Dissertation als „pro-aktive“ antikommunistische Geschichtspolitik kritisiert.

Entlassung von Gedenkstättenführer In einem Interview im Mai 2018 nannte der Gedenkstättenführer und ehemalige DDR-Häftling Siegmar Faust die Haftstrafe für den Holocaustleugner Horst Mahler „unerträglich“ und stellte die Zahl von sechs Millionen jüdischen Holocaustopfern in Frage. Zudem sagte er, man dürfe die Erinnerung an die NS-Verbrechen „nicht übertreiben“ und „wenige“ in Hohenschönhausen dächten anders. Daraufhin entließ Knabe ihn und betonte, Fausts Aussagen entsprächen in keiner Weise der Meinung der Stiftung, sondern schädigten deren Arbeit. Sie trete auf der Basis der unantastbaren Menschenwürde „für eine konsequente Aufarbeitung beider Diktaturen“ ein.Markus Decker: Holocaust-Äußerung: Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen trennt sich von Siegmar Faust. Berliner Zeitung, 31. Mai 2018 Er habe Faust wegen eines unerlaubten Interviews zu „stiftungsfremden Themen“ in der Gedenkstätte entlassen, nicht wegen dessen politischer Einstellung. Knabe kündigte an, „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit“ zum Veranstaltungsthema zu machen und nach einem Zusammenhang zwischen „40 Jahren SED-Diktatur und antidemokratischen Einstellungen in der Gegenwart“ zu fragen. Dabei wolle er auch von der DDR politisch Verfolgte auftreten lassen, „die von einigen Medien pauschal in die rechtsextreme Ecke gestellt werden“.Robert Klages: Die Gedenkstätte Hohenschönhausen und ihre gespielte Neutralität. Tagesspiegel, 13. August 2018