Got gebe ir iemer guoten tac („Gott gebe ihr immer guten Tag“ im Sinne etwa von „Gott schenke ihr immerfort gute Zeit“) ist ein Lied von Walther von der Vogelweide. Es wird in die literarische Gattung des erweiterten Wechsels eingeordnet.Walther; 1170-1230; Schweikle, Günther (1998): Liedlyrik. Mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam, S. 193. Ein Mann und eine Frau äußern monologisch den Wunsch, mit dem anderen zusammen zu sein. Aufgrund allgemeiner Freudlosigkeit in der Gesellschaft ist es ihnen jedoch nicht möglich, das empfundene Glück offen zu zeigen. Dieses Lied wurde in vielerlei Hinsicht auf die richtige Strophenfolge und die korrekte Zuordnung von Männer- und Frauenstrophen untersucht. Nach wie vor gibt es jedoch keine allgemeingültige Meinung diesbezüglich.

Inhaltsangabe Bei der Reihenfolge der Strophen und der Zuordnung als Männer- oder Frauenstrophe wird hier die von Günther Schweikle gewählte Strophenfolge zugrunde gelegt.

Strophe 1 (L 119,17/C 422/E 125) In dieser Strophe äußert das männliche Ich den Wunsch, dass es der Frau, die er liebe und nicht für sich gewinnen könne, immer gut geht (Vv. 1–3). Er beklagt es, nicht genau zu wissen, was die Frau für ihn empfinde. Während er sie einerseits sagen höre, wie zugetan sie ihm sei, müsse er andererseits Dinge vernehmen, die ihm Kummer bereiten (ander maere) (Vv. 3–6). Seine Gefühle bezeichnet er im Anschluss als sueze arebeit und senfte unsenftekeit (V. 6 f.).

Strophe 2 (L 119,35/C 423/E 126) Hier äußert sich die Dame und berichtet darüber, dass sie gern öfter froh wäre, dafür jedoch keinen Gefährten habe (V. 1 f.). Sie verweist auf die allgemeine Freudlosigkeit in der Gesellschaft und erklärt, dass sie ihre Freude nicht, entgegen dieser, zeigen könne (V. 3 f.). Würde sie nicht auf ihre Freude verzichten, so müsste sie ir vinger zeigen liden (V. 5 f.). Sie sichere sich aber die Gunst der Gesellschaft, indem sie nur noch dort lache, wo keiner sie sehe (V. 7–9).

Strophe 3 (L 119,26/C 424/E 127) Auch hier handelt es sich um eine Frauenstrophe. Das weibliche Ich macht deutlich, dass sie mit sorgen minnen sol (V. 2), und erkennt dennoch, dass Gott es gut mit ihr gemeint habe, denn sie habe sich dessen angenommen, über den alle etwas Gutes sagen (V. 1–4). Sie erzählt, sie habe ihn in aller Eile geküsst und umarmt (V. 5–6), und dass sie sich ihm hingeben würde, sobald sie nur die Gelegenheit dazu hätte (V. 7–9).

Strophe 4 (L 120,7/C 425/E 128) Er sagt, dass es ihn innerlich schmerze, wenn er daran zurück denke, wie die Leute sich früher verhielten (V. 1–3). Er könne nicht vergessen, wie froh die Leute damals gewesen seien (V. 4 f.). Damals habe ein glücklicher Mann sich auch so verhalten können (V. 6). Er betont, dass wenn dies nie mehr geschehen sollte, er traurig sei, es je erlebt zu haben.

Überlieferung Das Lied ist in identischer Strophenfolge und fast gleichem Wortlaut in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse/Handschrift C) und der Würzburger Liederhandschrift (Handschrift E) überliefert. Die Reihenfolge lautete C 422-425 sowie E 125–128. Eine Kennzeichnung von Frauen- und Männerstrophen ist in den Handschriften nicht gegeben. Die Strophenfolge wurde jedoch vielfach diskutiert, so dass nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, inwiefern die überlieferte Reihenfolge korrekt ist.Walther; 1170-1230; Schweikle, Günther (1998): Liedlyrik. Mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam, S. 625.

Analyse der Form Vier „neunzeilige Stollenstrophen aus relativ freien Vieraktern und freier Auftaktgestaltung“Walther; 1170-1230; Schweikle, Günther (1998): Liedlyrik. Mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam, S. 625. machen die Form dieses Liedes aus. Zwischen den jeweils 7 Versen einer Strophe ist ein Kornreim (sit: nit: lit : zit) vorhanden. Zusätzlich finden sich Reimresponsionen in Strophe 1 und 4 (gesehen:jehen und geschehen:gesehen, sowie tac:mac und pflac:mac) und Strophe 2 und 3 (han:lan und getan:han). Weiterhin gibt es Wortwiederholungen in den Strophen 1 und 3, die beide mit got beginnen, und Strophen 1, 3 und 4, die „an metrisch gleicher Stelle in der drittletzten Zeile das Wort herze“Brunner, Horst (2008): Annäherungen. Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Berlin: E. Schmidt, S. 106. aufweisen.

Alle vier Strophen stellen Monologe, voneinander unabhängige Äußerungen über die Liebe zu dem Partner und den Gesellschaftszustand dar. Das Lied kann dementsprechend als traditioneller Wechsel, in dem die Liebenden getrennt voneinander ihre Gefühle offenbaren, bezeichnet werden.Köhler, Jens (1997): Der Wechsel. Textstruktur und Funktion einer mittelhochdeutschen Liedgattung. Heidelberg: Winter, S. 211.

Die Interpretation aufgrund unterschiedlicher Strophenfolgen Allgemein Bezüglich des Inhalts gibt es viele Ansätze der Deutung. Dies hängt überwiegend davon ab, welche Strophenreihenfolge als richtig angesehen wird. Während beide Handschriften die gleiche Strophenfolge überliefern, hat bereits Karl Lachmann 1853 die Richtigkeit dieser Strophenfolge angezweifelt. Ihm folgten weitere Forscher, wie Wilhelm Wilmanns und Victor Michels, Hennig Brinkmann, Friedrich Maurer, Carl von Kraus, Hans Günther Meyer, Horst Brunner und Jens Köhler, die sich mit der Strophenfolge dieses Wechsels beschäftigt haben. Auch die Zuordnung der Strophen als Männer- oder Frauenstrophe sowie das Verständnis der vier Strophen als ein oder zwei Lieder wurden häufig diskutiert.

Im Folgenden werden die einzelnen Interpretationsansätze in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Um eine Verbindung zwischen den einzelnen Positionen zu schaffen, wird insbesondere der Inhalt des ander maere, der bei nahezu allen Forschern variiert, wiedergegeben.

Karl Lachmann Karl Lachmann nahm 1853 eine Änderung an der überlieferten Strophenfolge vor, indem er die beiden mittleren Strophen vertauschte. Seine Reihenfolge lautete demnach C422-C424 und C423-C425. Damit fasste er gleichzeitig die beiden Gesellschafts- und Liebesstrophen zu zwei selbständigen Liedern zusammen.Walther; 1170-1230; Haupt, Moriz; Lachmann, Karl (1853): Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. 3. Ausg. Reimer, Berlin, S. 119–120.

Lachmann geht nicht explizit darauf ein, was er als Inhalt des ander maere versteht, da jedoch die Lieder getrennt sind, ist zu vermuten, dass der Inhalt des Kummers des Mannes von der zweiten Strophe dargestellt wird und somit darin besteht, dass sie ihn liebt, jedoch keine Gelegenheit hat, sich ihm hinzugeben.

Gegen eine solche Trennung der Strophen äußerte sich jedoch Horst Brunner, indem er darlegte, dass, da alle Strophen die gleiche Form hätten, sie vermutlich auch auf die gleiche Melodie gesungen wurden. Weiterhin sei eine enge Verbundenheit der Strophen vorhanden, sowohl durch die Kornreime im drittletzten Vers jeder Strophe als auch durch die Wortwiederholungen in Strophe 1 und 2 (got) sowie 1, 2 und 4 (herze) und durch die Reimresponsionen in Strophe 1 und 4 sowie 2 und 3.

Wilhelm Wilmanns und Victor Michels Auch Wilmanns/Michels sind von der Einheit der Strophen überzeugt. Sie schreiben: „Obgleich die vier Strophen [...] durch ihren Inhalt nicht zusammenhängen, so zeigen doch die Körner [...] und wohl auch die Responsionsreime [...], dass die für den fortlaufenden Vortrag bestimmt waren …“Walter; 1170-1230; Michels, Victor; Wilmanns, Wilhelm (1924): Lieder und Sprüche Walthers von der Vogelweide. Mit erklärenden Anmerkungen. 4., vollst. umgearb. Aufl. /. Halle (Saale): Verl. der Buchh. des Waisenhauses, S. 400. Sie legen die Reihenfolge C422-C424-C423-C425 zugrunde und begründen dies damit, dass es Walthers „Dichtung als Gesellschaftspoesie“ entspräche, dass er sich erst einmal mit der Minnesituation der Liebenden auseinandersetze und dann „zur Betrachtung der Lebensstellung übergeh[e]“.Walter; 1170-1230; Michels, Victor; Wilmanns, Wilhelm (1924): Lieder und Sprüche Walthers von der Vogelweide. Verl. der Buchh. des Waisenhauses, S. 400.

Setzt man diese Strophenfolge voraus, so wird es möglich, das Lied wie Wilmanns/Michels zu interpretieren. Sie gehen davon aus, dass in der ersten Strophe dem „Manne eine offene Liebeserklärung zuteil geworden sei, zugleich aber eine Kunde, die ihn bekümmert“Walter; 1170-1230; Michels, Victor; Wilmanns, Wilhelm (1924): Lieder und Sprüche Walthers von der Vogelweide. Verl. der Buchh. des Waisenhauses, S. 400. diese Kunde, das ander maere, sei laut Wilmanns/Michels, dass sie ihn liebe, jedoch nicht gewähren könne. In der zweiten Strophe bestätigt die Frau laut Wilmanns/Michels ebendies, dass sie sich ihm widerstandslos hingeben würde und nur äußere Hindernisse sie davon abhielten.

Hennig Brinkmann Auch Hennig Brinkmann veränderte die überlieferte Reihenfolge der Strophen dieses von ihm unter dem Namen „Minne im Wandel der Zeit“ veröffentlichten Minneliedes und wählte die Reihenfolge C424 C422 C423 C425. Damit ist er der Einzige, der mit der Liebesstrophe der Frau einsetzt. Weiterhin wechseln sich Mannes- und Frauenstrophen regelmäßig ab, und die beiden Liebes- und Gesellschaftsstrophen werden zusammengefasst. Brinkmann erklärt jedoch nicht, welche Interpretation ihn dazu bewog, diese Strophenfolge zu wählen.Brinkmann, Hennig (1952): Liebeslyrik der deutschen Frühe in zeitlicher Folge. Düsseldorf: Schwann, S. 291–292.

Friedrich Maurer Ähnlich verhält sich dies bei Friedrich Maurer, der das Lied unter der Überschrift „Klage und Trost“, in der Reihenfolge C422 C423 C425 C424, veröffentlichte.Walther; 1170-1230, Walther von der; Maurer, Friedrich (1956): Die Liebeslieder. Tübingen: Niemeyer, S. 40–41.

Brunner ist der Meinung, dass für Maurer der Inhalt des ander maere die „Klage der Dame sie dürfe ihre Freude nicht zeigen“ sein müsse und dementsprechend die Reihung der Strophen zu der von ihm gewählten Überschrift passend sei.Brunner, Horst (2008): Annäherungen. Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Berlin: E. Schmidt, S. 109.

Carl von Kraus Auch Carl von Kraus ging von der gleichen Strophenfolge wie Willmanns/Michels aus. In seiner Fassung versuchte er jedoch die Einheit des Liedes zu beweisen, indem er sich damit auseinandersetzte, was der Inhalt des andern maeres sein könnte. Seiner Ansicht nach könne dies nur deutlich werden, wenn neben L 119,26 – L 119,34 (C 424) auch L 119,35 – L 120,6 (C 423) als Frauenstrophe verstanden würden.