Christian Hermann Bickler (auch Armand Bickler, * 28. Dezember 1904 in Hottweiler, Reichsland Elsaß-Lothringen; † 8. März 1984 in San Martino) war Rechtsanwalt und autonomistischer Politiker im Elsass der Zwischenkriegszeit, der nach der Besetzung Frankreichs als Nationalsozialist Karriere machte.

Jugend in Lothringen Auf dem Welschhof geboren, einem abgelegenen Bauernhof bei Hottweiler (Gemeinde Wollmünster), war Bickler der einzige Sohn einer mennonitischen Familie.

Bis 1939: Der elsass-lothringische Autonomist Bickler studierte zwischen 1923 und 1927 in Straßburg Jura und wurde schließlich Rechtsanwalt. In seiner Studienzeit wurde er Mitglied der Wingolfsverbindung Argentina zu Straßburg.Heinrich Barth (Hrsg.): Chronik der Studentenverbindung Argentina Straßburg 1907–1967. Oberhausen 1969, S. 301. Während seines Studiums gründete er 1924 die Vereinigung „Studentischer Heimatbund“, die sich für den Erhalt deutscher Sprache und Kultur in Elsass-Lothringen einsetzte. Nach eigenen Angaben kam Bickler am 27. September 1925 bei einem Aufenthalt in Fürth anlässlich einer Großkundgebung erstmals mit dem Nationalsozialismus in Kontakt. In der Studienzeit kam er auch in Verbindung mit Friedrich Spieser, in dessen autobiographischer Erzählung „Tausend Brücken“ (1952) er unter dem Namen Faust erscheint.Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß (= Studien zur Zeitgeschichte). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-421-01621-6, S. 23 sowie S. 288 (Anm. 56).

Als einer der tonangebenden autonomistischen Politiker des Elsass und Führer der Jungmannschaft nahm Bickler im September 1927 zusammen mit Paul Schall am Gründungskongress der Parti autonomiste breton (PAB) in Rosporden teil. An diesem Kongress beteiligten sich neben Bickler und Schall auch korsische und flämische Autonomisten. Am 12. September 1927 war Bickler in Quimper einer der Mitunterzeichner des Gründungsdokuments des Comité des minorités nationales de France (Komitee der Minderheitenvölker Frankreichs), das elsässische, katalanische, bretonische, flämische und korsische Autonomisten in Frankreich dazu aufrief, „Separatisten“ zu werden und sich von Frankreich zu lösen. In der Folgezeit wurde er einer der wichtigsten Korrespondenten der bretonisch-autonomistischen Zeitschriften Breiz Atao (1919–1939) und Peuples et Frontières (1937–1939).Artikel Breiz Atao und Parti autonomiste breton in der französischen Wikipedia.

1927 schloss Bickler sich der von Karl Roos geleiteten Unabhängigen Landespartei an. 1934 eröffnete er zusammen mit seinem Studienkollegen Pierre Bieber in Straßburg eine Rechtsanwaltskanzlei. Am 18. Juni 1936 gründete er aus taktischen Gründen die Elsass-Lothringische Partei ELP, die personell und organisatorisch eng mit der Jungmannschaft verbunden war, jedoch nie zu Wahlen antrat.Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß (= Studien zur Zeitgeschichte). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-421-01621-6, S. 289 (Anm. 95); Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den beiden Weltkriegen (= Europäische Hochschulschriften. 42). Peter Lang, Frankfurt 1976, ISBN 3-261-01485-7, S. 322 (Anm. 698). Mit Unterstützung von Robert Ernst und Funktionären des „Volksbunds für das Deutschtum im Ausland“ gelang es Bickler gleichzeitig, in der „Unabhängigen Landespartei“ den Einfluss von Karl Roos zurückzudrängen. Kontakte hatte Bickler in dieser Zeit durch Vermittlung von Friedrich Spieser auch zu den Brüdern Ernst und Alfred Toepfer. Er betätigte sich außerdem als Informant für den deutschen „Sicherheitsdienst“. Bicklers politisches Ziel zu diesem Zeitpunkt war eine autonomistische Einheitsfront mit der Jungmannschaft als Führungsgruppe und ihm selbst als oberstem Führer. Wenige Tage nach einer Versammlung in Straßburg, auf der Bickler zum wiederholten Male separatistische und antifranzösische Positionen vertreten hatte, durchsuchte die Polizei am 3. Oktober 1938 das Hauptquartier der Jungmannschaft. Am 21. April 1939 wurde diese Organisation dann samt ihrem Presseorgan „Frei Volk“ in Anbetracht der zunehmenden Spannungen mit dem nationalsozialistischen Deutschland von der französischen Regierung verboten.Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919–1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, ISBN 0-7006-0160-0, S. 55–56.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Hermann Bickler zunächst zur französischen Armee eingezogen, dort am 4. September 1939 verhaftet und am 31. Oktober zusammen mit anderen führenden elsässischen Autonomisten in Nancy interniert, später ins Landesinnere verlegt – die Gruppe wurde später unter dem Namen „Die Nanziger“ bekannt. Am 15. Juli 1940 wurde Bickler von den französischen Behörden einem Sonderkommando der Wehrmacht überstellt.

1940–1945: Der Kollaborateur und Nationalsozialist mini|Hermann Bickler Ins Elsass zurückgekehrt, gehörte Bickler zu den Unterzeichnern des an Adolf Hitler gerichteten Manifests von Drei-Ähren (Manifeste des Trois-Épis), in dem um die Eingliederung des Elsass in das Großdeutsche Reich gebeten wurde.Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den beiden Weltkriegen (= Europäische Hochschulschriften. 42). Peter Lang, Frankfurt 1976, ISBN 3-261-01485-7, S. 242–243. Am 6. September 1940 wurde er vom Reichsführer SS Heinrich Himmler in die SS aufgenommen (SS-Nummer 367.776). Am 10. September 1940 wurde er zum Kreisleiter von Straßburg und am 5. Juli 1941 zusätzlich zum Kreisleiter von Kehl ernannt. Am 21. Dezember 1940 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Januar 1941 aufgenommen (Mitgliedsnummer 7.848.335).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/2860351 Er hielt seine Kontakte zum Sicherheitsdienst (SD) aufrecht und drängte dort auf die Auslieferung der französischen Polizeikommissare Antoine Becker und Léonard, die 1939 für seine Verhaftung verantwortlich waren sowie auf die Bestrafung des leitenden Gefängnisaufsehers in Nancy.Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919–1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, ISBN 0-7006-0160-0, S. 90.

In den nächsten Jahren tat sich Bickler als eifriger Verfechter der „Entwelschung“ des öffentlichen Lebens im Elsass hervor. In öffentlichen Ansprachen warb er immer wieder um den freiwilligen Eintritt von Elsässern in die deutsche Wehrmacht oder Waffen-SS und versuchte die nach Einführung der Wehrpflicht dann letztlich Zwangsverpflichteten (Malgré-Nous) auf die nationalsozialistische Kriegführung einzuschwören.Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß (= Studien zur Zeitgeschichte). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-421-01621-6, S. 350 (Anm. 87), S. 352 (Anm. 129), S. 354 (Anm. 152) und S. 357 (Anm. 194); Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919–1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, ISBN 0-7006-0160-0, S. 91. Als bekennender Protestant geriet Bickler aber auch immer wieder in Gegensatz zur Politik des Gauleiters Robert Wagner, der auch im Elsass den Einfluss der christlichen Kirchen zurückzudrängen versuchte.Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß (= Studien zur Zeitgeschichte). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-421-01621-6, S. 289 (Anm. 99). Er intervenierte auch gegen Wagners Säuberungsaktion, bei der von Juli 1940 bis März 1943 insgesamt 17.000 Elsässer zwangsweise in die im Osten eroberten Gebiete abgeschoben wurden.Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß (= Studien zur Zeitgeschichte). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-421-01621-6, S. 363 (Anm. 81).

1942 trat Bickler vom Posten des Straßburger Kreisleiters zurück und kündigte öffentlich seinen Einsatz an der Ostfront an. Er wurde jedoch, wahrscheinlich im Auftrag von Gottlob Berger, nach einer Ausbildung im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin als Nachfolger von Herbert Hagen zu einem der Leiter des Amtes VI des Sicherheitsdienstes (SD) in Paris ernannt, anscheinend sehr zum Missfallen der dortigen Amtsträger, insbesondere von Helmut Knochen.Olivier Pigoreau: Un espion nazi à Paris. Interrogatoire du SS Roland Nosek. Histoire & Collections, Paris 2014, ISBN 978-2-35250-357-6, S. 91–94. In dieser Funktion kontrollierte Bickler ab Januar 1943 die Nachrichtendienste rechtsgerichteter und kollaborierender französischer Organisationen (z. B. der Parti populaire français unter Jacques Doriot, Mouvement Franciste unter Marcel Bucard sowie der Milice française unter Joseph Darnand).Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß (= Studien zur Zeitgeschichte). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-421-01621-6, S. 315 (Anm. 68); Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919–1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, ISBN 0-7006-0160-0, S. 92; außerdem Rita Thalmann: Gleichschaltung in Frankreich 1940–1944. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1999, ISBN 3-434-50062-6, S. 228–229. Außerdem war er im Hinblick auf die erwartete Invasion der Alliierten mit der Aufstellung einer Selbstschutzpolizei (SSP) beauftragt, einer aus Franzosen zusammengesetzten Sondereinheit zum Einsatz gegen Widerstandskämpfer.Georges Cadiou: L’hermine et la croix gammée. Le mouvement breton et la collaboration. Apogée, Rennes 2006, ISBN 2-84398-239-1, S. 280–284. Bickler gewann bald großen Einfluss auf die Kollaboration in FrankreichUnter , Bild LAPI-27265 bis ist Bickler (mit Brille) links neben Fernand de Brinon, Helmut Knochen, Carl Oberg und Joseph Darnand (von links nach rechts) bei einer Vereidigung von Milizionären am 1. Juli 1944 im Ehrenhof des Hôtel des Invalides, Paris zu sehen (abgerufen am 8. Juni 2014)., auf die Personalpolitik der Regierung Pierre Laval und auf die deutsche Politik gegenüber dem Vichy-Regime. Er wurde zum „Standartenführer“ (entsprechend dem Rang eines Obersts) befördert und zum „Fachführer“ ernannt. Bickler stand zeitweilig im Kontakt mit dem Widerstandskreis um Friedrich Hielscher und spielte in dessen Umsturzplänen eine Rolle, zog sich dann aber zurück.Ina Schmidt: Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und Widerstand gegen den Nationalsozialismus. SH-Verlag, Köln 2004, ISBN 3-89498-135-0, S. 93, Fußnote 208. Anlässlich des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Bickler im Rahmen des Unternehmens Walküre verhaftet, nach dem Scheitern der Aktion aber rasch wieder freigelassen.Philip Charles Farwell Bankwitz: Alsatian autonomist leaders 1919–1947. The Regents Press of Kansas, Lawrence 1978, ISBN 0-7006-0160-0, S. 92.