Das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Bilsenkräuter innerhalb der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae).
Beschreibung mini|Habitus mini|Früchte und Samen
Vegetative Merkmale Das Schwarze Bilsenkraut ist eine krautige Pflanze und kann – je nach Zeitpunkt der Keimung – ein- oder zweijährig sein. Bei zweijährigen Pflanzen erscheint im ersten Jahr nur eine Blattrosette. Im darauffolgenden Jahr kommt die Pflanze dann zum Blühen und bekommt Früchte. Den einjährigen Pflanzen fehlt oft der purpurne Blütenfarbstoff. Sie erreicht meist Wuchshöhen von 30 bis 60, in Extremfällen bis zu 170 Zentimetern. Die Wurzel ist spindelförmig und nach oben hin rübenförmig, der Stängel ist durch Drüsenhaare klebrig. Die Rosettenblätter sind gestielt, die Stängelblätter stängelumfassend. Die Blattspreiten sind länglich-eiförmig und grob buchtig gezähnt.
Generative Merkmale Die Blütezeit erstreckt sich im Wesentlichen über die Monate Juni bis Oktober. Die Blüten sind in den Blattachseln angeordnet. Die zwittrigen Blüten sind radiärsymmetrisch mit doppelter Blütenhülle. Die trichterförmige Blütenkrone ist schmutzig gelblich weiß und violett geadert. Der Kelch ist drüsig behaart mit 5 stechend zugespitzten Zähnen. Von den 5 Staubblättern sind 3 etwas länger als die beiden übrigen. Die Staubbeutel sind violett und die Staubfäden pfriemlich. Der Fruchtknoten ist eilänglich und seitlich etwas zusammengedrückt. Der Griffel ist im unteren Teil behaart; die Narbe ist kopfig. Die Frucht ist eine bauchige circa 1,5 Zentimeter lange Deckelkapsel, die vom Kelch umschlossen wird. Der Samen ist graubraun, grubig vertieft und circa 1 mal 1,3 Millimeter groß.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 34, seltener 68.
Ökologie Das Schwarze Bilsenkraut ist einjährig (sommer- oder winterannuell) oder zweijährig. Durch seine klebrigen Drüsenhaare riecht es unangenehm; es wurzelt bis 55 Zentimeter tief.
Die Blüten sind homogame „Große Trichterblumen“. Es ist eine typische Langtagpflanze und blüht erst ab einer Tageslänge von mindestens 11 Stunden. Die Staubfäden sind am Grunde behaart und wirken als Saftdecke, die den Zugang zum Nektar erschwert; aber es bleiben drei spaltförmige Öffnungen frei. Der Nektar wird von den unteren Fruchtknotenhälften abgeschieden und im unteren Teil der Kronröhre gesammelt. Bestäuber sind Hummeln, aber auch andere Blütenbesucher. Außerdem kann es zur Selbstbestäubung kommen. Die Blütezeit erstreckt sich im Wesentlichen über die Monate Juni bis Oktober.
Die Früchte sind Deckelkapseln, die nach der Blüte auf einem kurzen, starren Stiel stehen. Sie tragen 300 bis 400 Samen, selten bis 500 Samen pro Kapsel. Nach der Samenreife vergrößert sich der Kelch, wird zum Windfang, so dass die Kapsel bei starkem Wind zum Windstreuer wird. Durch den klebrig-drüsigen Kelch und die stachelspitzigen Kelchzipfel wird die Fruchtkapsel auch zum Tierstreuer. Es findet aber auch Menschenausbreitung statt, so dass die Pflanze zum Kulturbegleiter und Kulturrelikt wurde. Fruchtreife ist von August bis Oktober. Die Samen sind Wärmekeimer und bleiben über 600 Jahre keimfähigVolker Unterladstetter: Hyoscyamus niger – Schwarzes Bilsenkraut (Solanaceae) Pflanzenporträt des Bochumer Botanischen Vereins (PDF 5,4 MB).
Verbreitung und Standort Das Schwarze Bilsenkraut ist in Eurasien und Afrika weit verbreitet: von Skandinavien bis Südeuropa, in Nord- und Westasien, in Nordindien und Nordafrika. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Schwarze Bilsenkraut sehr unstet zerstreut bis selten im ganzen Gebiet zu finden, auch da als gefährliche Giftpflanze meist unerwünscht. Auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzen in Deutschland ist das Schwarze Bilsenkraut als „Gefährdet“ eingestuft. Die Art steigt in Graubünden im Ofengebiet bis 1650 Meter, im Kanton Wallis bis 1675 Meter und im Engadin bei Maloja bis 1860 Meter Meereshöhe auf.
Das Schwarze Bilsenkraut wächst in Schuttunkrautgesellschaften, an Wegrändern, Mauern usw. Es gedeiht am besten auf frischen, nährstoff- und stickstoffreichen Sand- oder lehmigen Böden. Es ist in Mitteleuropa eine Charakterart des Onopordetum acanthii (Eselsdistel-Flur, eine trockene und wärmeliebende Pflanzen-Assoziation mit der dominanten namengebenden Eselsdistel) aus dem Onopordion-Verband.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2+ (frisch), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 5 (sehr nährstoffreich oder überdüngt), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental), Salztoleranz 1 = tolerant.
Inhaltsstoffe und Giftigkeit mini|Unterirdische Pflanzenteile einer zweijährigen Pflanze
Alle Pflanzenteile sind giftig, besonders aber die unterirdischen Pflanzenteile und die Samen.
Hauptwirkstoffe: In den Blättern findet man einen Gesamtalkaloidgehalt von 0,06 bis 0,17 %, in den Wurzeln 0,08 %, in den Samen 0,05 bis 0,3 %. Dazu gehören die Alkaloide: (–)-Hyoscyamin (bei Isolierung entsteht das Racemat Atropin) und (–)-Scopolamin (stellen 40 % der Gesamtalkaloide dar) sowie weitere Alkaloide wie Apoatropin, Cuskhygrin und andere.
Mehltaupilze senken den Alkaloidgehalt der Pflanzenteile.
Da die Verwendungsmöglichkeit des Bilsenkrauts als Rauschmittel seit langem bekannt ist und sein Ruf als Hexensalbenzutat (Bilsenkraut bzw. Bilsenkrautöl, genannt auch Bilsenöl (lateinisch oleum iusquiamiGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 439 (pilsenöl).), war angeblich Bestandteil sogenannter „Hexensalben“Petra Christ: Hexensalbe – eine Droge des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit? Überlieferung und Kritik. Volkskundliche Magisterarbeit, Würzburg 1995.) es für manche interessant macht, werden immer wieder Selbstversuche mit Extrakten des Bilsenkrauts vorgenommen. Da jedoch einerseits die Grenzwerte von berauschender und toxischer Dosis sehr nahe beieinander liegen und andererseits der Wirkstoffgehalt (bei variabler Wirkstoffzusammensetzung) drastisch schwankt, können sehr schnell schwere Vergiftungen auftreten, die aufgrund der hohen Toxizität der Stoffe auch tödlich enden können. Die tödliche Dosis liegt bei Scopolamin bei 50 mg, niedrigere Dosen können jedoch bereits durch Atemlähmung den Tod herbeiführen.
Vergiftungssymptome: Hautrötung, trockener Mund, Unruhe, Schläfrigkeit oder Halluzinationen, Verwirrtheit, Pupillenerweiterung, Herzrhythmusstörungen und komatöse Zustände, Bewusstlosigkeit und Tod durch Atemlähmung.
Die Rauschwirkung kann mehrere Tage bis zu einer Woche anhalten. Irreversible Schäden wie Gedächtnisverluste und Verhaltensstörungen können aufgrund der Neurotoxizität der Inhaltsstoffe auftreten.
Heilkundliche Anwendung mini|Apothekengefäße für Hyoscyamuspräparate aus dem 19. Jahrhundert
Seit dem Altertum wird das Bilsenkraut medizinisch und pharmazeutisch verwendet, insbesondere zur Schmerzstillung, aber spätestens seit den Hippokratikern auch zur Behandlung von Geschwüren und Geschwülsten sowie weiteren Leiden.H.-P. Michael Freyer: Hyoscyamus niger. Zur Unterrichts- und Anwendungsgeschichte einer Giftpflanze. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 18, 1999, S. 189–221, hier: S. 194–197. Eine 2024 in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlichte Studie beschreibt, dass ein auf die Zeit zwischen 70 und 100 n. Chr. datierter Fund eines mit Samen des Schwarzen Bilsenkrauts gefüllten Aufbewahrungsbehälters in Form eines ausgehöhlten tierischen Oberschenkelknochens in der Ausgrabungsstätte Houten-Castellum den ältesten bekannten Beweis für die vorsätzliche Sammlung und Verwendung der Pflanze durch den Menschen darstellt.
Vor allem das Öl aus den Samen des Bilsenkrauts wurde (neben Opium) als Schmerzmittel eingesetzt, etwa zur Therapie von ZahnschmerzenHeinrich L. Werneck: Kräuterbuch des Johannes Hartlieb. Eine deutsche Handschrift um 1435/1450 aus dem Innviertel. In: Ostbairische Grenzmarken. Band 2, 1958, S. 71–123; hier: S. 83 („Jusquianus hayst pilsenkraut […]. Das öll, das auß dem sam des krautes wirt gemacht, ist gut für den zand smerzen […] und für all siechtumb, dy von haysser sach kommen“). und als Bestandteil von Einreibungsmitteln bei Rheuma.Ernst Gilg, Paul Norbert Schürhoff: Aus dem Reiche der Drogen. Geschichtliche, kulturgeschichtliche und botanische Betrachtungen über wichtigere Drogen. Dresden 1926, S. 147–155.
Zur Anwendung gelangte in den europäischen Apotheken sowohl das Schwarze Bilsenkraut als auch das Weiße Bilsenkraut, wobei die Weiße Bilse als weniger gefährlich galt.H.-P. Michael Freyer: Hyoscyamus niger. Zur Unterrichts- und Anwendungsgeschichte einer Giftpflanze. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 18, 1999, S. 189–221; hier: S. 200 f. Bereits in Antike und Mittelalter wurde vom Schwarzen Bilsenkraut abgeraten,Pedacii Dioscoridis Anazaraei Kraeuterbuch […]. Ins Deutsche übersetzt von Johannes Danzius, Frankfurt am Main (Petrus Uffenbach) 1610; Neudruck Grünwald bei München 1964, S. 280–282 („Deß Bilsenkrauts sind dreyerley geschlecht. Das eien bringt purpurfarbe Blumen, einen schwartzen Samen […] Das ander Geschlecht hat dottergelbe Blumen […], einen gelben Samen […]. Diese zwey Geschlecht machen hirnschellig unnd unsinnig […]. Das dritte Geschlecht ist in den Artzneyen zu gebrauchen unschaedtlich […] mit weissen Blumen unnd Samen, waechst in Laendern bey dem Meer […]. Wann man dieses Geschlecht nicht haben mag, so gebraucht man an statt desselben das mit dem gelben Samen. Das schwartze aber, welches das allerboesest ist, soll auß allem Gebrauch verworffen werden“). so dass für die medizinischen Anwendungen eher Hyoscyamus albus (Weißes Bilsenkraut) bzw. Hyoscyamus muticus (Ägyptisches Bilsenkraut), Hyoscyamus aureus und Hyoscyamus reticulatus (Rotes Bilsenkraut) sowie Hyoscyamus pallidus, als bis in die Frühe Neuzeit übliche Bilsenkraut-Arten angesehen werden können.
Im Mittelalter findet sich die volksmedizinische Verwendung des Bilsenkrautöls als Zusatz zu einem bei schmerzhaften Befall mit dem „Zahnwurm“ eingesetzten Arzneimittel. Bilsenkraut wurde in einem Kommentar von 1874 zum Deutschen Arzneibuch als ein dem Opium ähnlich, aber weniger verstopfend wirkendes Narkotikum beschrieben.Werner E. Gerabek: Bilsenkraut. 2005, S. 180Hermann Hager: Commentar zur Pharmacopoea Germanica. Julius Springer, Band II, Berlin 1874, S. 53 ()
Früher und in der Volksheilkunde wurde die narkotisch und halluzinogen wirkende Pflanze als krampflösendes Mittel und als Räuchermittel bei Asthma bronchiale eingesetzt. Die Blätter und auch die leicht dosierbaren Samen des Bilsenkrautes werden wegen ihres berauschenden Effekts geraucht. Heute ist der direkte Einsatz als obsolet anzusehen, da der Wirkstoffgehalt stark schwankt und es häufig zu Vergiftungen kam.Theodor Husemann: Handbuch der gesammten Arzneimittellehre. 2. Auflage. Springer, Berlin 1883, S. 1096–1100 (Digitalisat)
mini|Samenkorn, mikroskopisch im Durchlicht Bis ins 17. Jahrhundert wurde auch Bier mit den Samen des Bilsenkrautes versetzt, um seine Wirkung zu verstärken. In einer Trinkszene des deutschen Volksbuchs Der abenteuerliche Simplicissimus von 1668 heißt es „zuletzt dürmelten sie alle herum, als wenn sie Bilsensamen genossen hätten.“German Schleifheim von Sulsfort: Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch (Erstes Buch, 32. Kapitel) in: Deutsches Textarchiv.