Die Stiftskirche Klosterneuburg des niederösterreichischen Augustiner-Chorherren-Stiftes Klosterneuburg ist eine ehemalige dreischiffige Basilika mit Querhaus und Vierungsturm. Im 17. Jahrhundert wurde sie zu einer Abseiten-Saalkirche mit Seitenkapellen umgebaut und erhielt um 1890 weitgehend ihr heutiges äußeres Erscheinungsbild. Sie hat einen romanischen Ursprung mit gotischen Ergänzungen und ist aufgrund einer barocken InnenausstattungUlrike Seeger in Wiener Jahrbuch fur Kunstgeschichte, herausgegeben vom Institut für Österreichische Kunstforschung (Austria), Austria. Bundesdenkmalamt, Universität Wien. Institut für Kunstgeschichte, Wien 1923, Seiten 297ff, die sämtliche Stilmerkmale von Früh- bis Spätbarock aufweist, von besonderer kunsthistorischer Bedeutung.

Der römisch-katholische Sakralbau wurde am 24. September 1936 von Papst Pius XI. mit dem Apostolischen Schreiben Inter praeclara pietatis in den Rang einer Basilica minor erhobenPius XI.: Litt. Apost. Inter praeclara pietatis, in: AAS 29 (1937), n. 2, S. 26s., ist zugleich eine Dekanatskirche (Dekanat Klosterneuburg) und eine Pfarrkirche (Stiftspfarre Klosterneuburg). Das Patrozinium der Stiftskirche ist Mariä Geburt.

Baugeschichte mini|links|hochkant|Statue des hl. Leopold am Südturm (geographisch im Südwesten) mit Modell der ursprünglichen Basilika

Romanische Basilika und gotische Umbauten Der Vorgängerbau der Stiftskirche dürfte eine urkundlich 1108 erwähnte Marienkirche gewesen sein. Die Grundsteinlegung der Stiftskirche fand am 12. Juni 1114 unter dem Stifter und Babenberger Markgrafen Leopold III. (genannt der Heilige) statt, der den Gesamtkomplex des Stiftes Klosterneuburg, dessen Gründung mit einer Schleier-Legende verbunden ist, 1133 den Augustiner-Chorherren übertrug.

1136 erfolgte die Weihe einer dreischiffigen Basilika mit Querschiff und drei halbkreisförmigen Apsiden sowie einem Turm über dem Quadrat der Vierung. Vorbilder dieser romanischen Basilika waren vermutlich Dome wie Bamberg, Regensburg, Speyer oder die Klosterkirche St. Michael in Hildesheim.

Nach Beginn der Bauarbeiten am Westwerk kam es zu einem Baustopp, der vermutlich mit dem Tod Leopolds am 15. November 1136 zusammenhängt. Zu diesem Zeitpunkt war der Nordturm der geplanten Doppelturmfassade nur bis zur Hälfte errichtet.

Im romanischen Chorraum befand sich vermutlich ein Lettner als Chorschranke aus Stein, auf welcher die mittelalterliche Kanzel mit 45 Emailtafeln des Verduner Altars stand, welcher von Nikolaus von Verdun von ca. 1170–1181 angefertigt wurde.

Nach dem großen Stiftsbrand von 1330 wurde im Zuge der Aufbauarbeiten der Stiftskirche der romanische Vierungsturm über dem Chorquadrat mit einer gotischen Bekrönung unter Probst Stephan von Sierndorf abgeschlossen, sowie der Verduner Altar um 6 Emailtafeln erweitert und mit rückseitigen Temperabildern des Meisters der Rückseite des Verduner Altars ausgestattet.

Ende des 14. Jahrhunderts kam es von 1394 bis 1399 unter Propst Peter I. Lenhofer zur Errichtung des Südturmes; vermutlich unter dem Baumeister Michael Knab, der zu dieser Zeit am Stiftsareal neben der Wehinger-Kapelle auch die Tutzsäule errichtete.

1417 erfolgte die Baueinstellung des Südturmes mit einem provisorischen hölzernen Aufbau als Abschluss über dem zweiten Geschoß. Erst 1587/88 erhielt der Südturm einen oktogonalen, gemauerten Abschluss mit bekrönender barocker Zwiebelhaube unter Propst Balthasar Polzmann. (Dieses Erscheinungsbild behielt der Südturm bis zum Umbau ab 1882, wo er aufgrund statischer Probleme fast zur Gänze abgetragen werden musste.)

Erste Barockisierungsphase 1634–1645 Der romanische Vierungsturm bekam im 16. Jahrhundert eine welsche Haube aufgesetzt, wurde jedoch wegen gravierender Schäden 1637 im Zuge der ersten Barockisierungsphase abgetragen.

Diese erste Barockisierungsphase von 1634–1645 fand unter den Architekten Andrea Retti (1634/35), Johann Jakob Spaz (1636/37) und Giovanni Battista Carlone (ab 1638) statt und zeichnet sich vor allem durch den Umbau der romanischen Basilika in eine barocke Abseiten-Saalkirche mit Seitenkapellen aus. Dafür wurden die Seitenschiffemporen entfernt und von den Hauptpfeilern zu den Außenwänden wurden Trennwände eingezogen. Notwendigerweise mussten neue Fensteröffnungen ausgebrochen werden, in welchen ein pseudo-gotisches Maßwerk eingesetzt wurde.

Weiters wurde von 1638 bis 1644 der gotisierte Nordturm errichtet. Diese Arbeiten wurden vom Steinmetzmeister Pietro Maino MadernoPietro Maino Maderno, die 5. und die 8. Station ist das Stift Klosterneuburg, in: Mitteilungen des Museums- und Kulturvereines Kaisersteinbruch Nr. 34, Nov. 1994, S. 17–22 und 25–26, ISBN 978-3-9504555-3-3. ISBN 978-3-9504555-8-8. sowie 23 Gesellen, 2 Bildhauern, und Steinbrechern und Tagwerkern, welche im Steinbruch Haselbachleiten am Weidling-Steig tätig waren, ausgeführt.

Frühbarocke Stuckaturen an der Westempore sind ebenfalls Bestandteil der ersten Barockisierungsphase, sowie eine neue Kanzel der Gebrüder Spaz. Nach 1645 kam es, unter anderem aufgrund der Türkenkriege von 1663/64, zu einer Bauunterbrechung bis 1680.

Zweite Barockisierungsphase 1680–1702 In der zweiten Barockisierungsphase von 1680 bis 1702 erhielt das Langhaus eine hochbarocke Freskenausstattung von Johann Georg Greiner und Stuckaturen von Domenico Piazzol.

Die zweite Barockisierungsphase von 1680 bis 1702 ist gekennzeichnet durch die Stuckverzierungen am Langhaus-Gewölbe durch Domenico Piazzol, wobei leicht abstrakte Formen im Gegensatz zu älteren Stuckaturen auf den hochbarocken Stil hinweisen.

In der Zeit der Türkenbelagerung von 1683 kam es zur Einstellung von Arbeiten an der Freskenausstattung. Von 1689 bis 1695 wurden die Gewölbefresken im Lang- und Querhaus vom Maler Johann Georg Greiner ausgeführt, darunter das Langhausfresko „Die Muttergottes beschützt Klosterneuburg bei der Türkenbelagerung 1683“.

Dritte Barockisierungsphase 1723–1730 In der dritten Barockisierungsphase von 1723 bis 1730 steht die Neugestaltung des Chores im Mittelpunkt der barocken Umgestaltung der Stiftskirche. (Zuvor wurde bereits 1714 der Verduner Altar als Hochaltar aus dem Altarraum entfernt.) Im Sinne eines Gesamtkunstwerkes wurde der Chor als eine sakrale Bühne („Theatrum sanctum“) inszeniert. Dafür wurde der Boden zweifach, sowie die Decke der Apsis angehoben, damit der neue Hochaltar aus Salzburger Marmor Platz fand.

Der Entwurf für das barocke Presbyterium stammt von Matthias Steinl und wurde nach dessen Tod 1727 durch Donato Felice d’Allio fertiggestellt.

Das Patrozinium der Stiftskirche, Mariä Geburt, wird im Chor durch das Hochaltarbild von Johann Georg Schmidt von 1727 mit der Darstellung der Geburt Mariens verkörpert. Daneben weisen Stuckreliefs von Santino Bussi auf den historischen Hintergrund des Kirchenbaues hin (Schleierfindung und Grundsteinlegung von 1114).

Über dem Hochaltarbild von Johann Georg Schmidt befindet sich ein spätbarockes Chor-Kuppelfresko von Johann Michael Rottmayr von 1729, das die Himmelfahrt Mariens zeigt und mit Scheinarchitekturmalerei von Gaetano Fanti kombiniert wurde. Die Figurengruppe des Hochaltares schuf Hof-Bildhauer Franz Caspar.

Vollendet wurde das Marien-Bildprogramm (nach Geburt und Himmelfahrt) mit der Darstellung der Krönung Mariens als Deckenfresko von Johann Georg Greiner in der Vierung des Chorraumes.

Zusätzlich erfolgte in der dritten Barockisierungsphase der Einbau eines Chorgestühls in Anlehnung an ein gotisches Vorgängermodell mit reicher Schnitzarbeit und hohen, mit durchbrochenen Wänden gestalteten Stallen, welche die Wappen der Habsburger-Territorien zeigen. Über dem Chorgestühl wurde ein verglastes Oratorium für die habsburgischen Herrscher errichtet: das sogenannte Kaiseroratorium.

Weiters entstanden im Zuge der Umbauarbeiten im Presbyterium die zwei Seitenkapellen im Querhaus.

Renovierung im 19. Jahrhundert und historistischer Umbau Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgten in der Stiftskirche 1832 (in der Kirche dokumentiert ein Chronogramm diese Renovierung mit der Jahreszahl) wesentliche Veränderungen. Viele Wände wurden weiß getüncht und Figuren entfernt; ein Zeichen dafür, dass der heutige Begriff der „Renovierung“ ehemals durchaus eine Neugestaltung sowie eine Renovierung/Restaurierung umfasste.

Im Speziellen gilt dies für die große historistische Renovierungs- und Umbauphase des späten 19. Jahrhunderts von 1882 bis 1892, die sowohl eine Erneuerung der Außenfassade der Stiftskirche umfasste, den vollständigen Ausbau der unterschiedlichen Kirchtürme, aber auch malerische Erneuerungen bezüglich Marmorierungsarbeiten in den Seitenschiffen oder der Freskenmalereien.

Komplett neu war hingegen die freskische Ausgestaltung der seitlichen Seitenschiffkapellwände mit einem Kreuzwegzyklus von Karl Peyfuß in romantisch-nazarenischem Stil von 1898 bis 1900.

Federführend für die Neugestaltung der Stiftskirche ab 1882 war der Architekt Josef Schömer,Kultur-Klosterneuburg: Josef Schömer, abgerufen am 7. Sep. 2017 dessen Vater Martin Schömer bereits als Baumeister am Bau werkte.

Die Pläne für den Umbau stammten allerdings vom Dombaumeister St. Stephans in Wien, dem Architekten Friedrich von Schmidt, der neben Neuplanzeichnungen auch eine zeichnerische Bestandsaufnahme des Bauzustandes von 1882 dokumentierte.

Die Stiftskirche erhielt im Wesentlichen durch die Idealvorstellungen Schmidts (für den vor allem der Gesamteindruck der Stiftskirche Vorrang vor einer konservatorischen Erhaltung des Istzustandes hatte) und aufgrund deren Umsetzung durch Josef Schömer im Zuge der historistischen Umgestaltung ihr heutiges Aussehen:

Der barock-gotische Nordturm des 17. Jahrhunderts wurde um ein neugotisches Turmgeschoß mit Wimperg-Bekrönung und gotischen Spitzbogen-Lanzettfenstern erweitert und mit einer Turmhelm-Verdachung komplettiert. Der Südturm wurde aufgrund von Statikproblemen abgetragen und neu in Anpassung an die Turmgeschoße des Nordturmes errichtet. Dahingegen zeigt der neu errichtete Mittelgiebel der Westfassade romanische Rundbogenfriese und Rundbogenfensterformen.

Die vorgeblendete dreiteilige Bogenhalle des Westeinganges weist zusätzlich auf den Stilmix aus Neoromanik und Neugotik hin: Der mittlere Bogen zeigt eine Rundbogenform, während die zwei äußeren Bogenansätze in Spitzbogenform ausgeführt wurden.

Auch die Außenfassade der Südwestseite wurde im gleichen Stilpluralismus ausgeführt: Der romanischen Bausubstanz wurde entlang der Langhaus- und Seitenschifffassade eine neoromanische Gliederung mit Rundbogenfriesen und Halbrundsäulen als Lisenengliederung vorgeblendet. Neoromanische Rundbogenfensterpaare an den Seitenschiffen wurden ergänzt durch neugotische Rundfenster mit Fünfpass-Maßwerk in der Obergaden-Zone des Langhauses.

Ergänzend ist zu erwähnen, dass während der Umbauarbeiten am Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem die Bildhauer Carl Conrad Schwiefert und Franz Erler, sowie die Maler Franz und Karl Jobst beschäftigt waren (z. B. Tympanonfresko über Westeingangsportal der Kirche im Typus eines Stifterbildes mit Darstellung des heiligen Leopolds, der der Muttergottes ein Modell der Stiftskirche überreicht, ein mutmaßliches Modell aus der Zeit der Stiftsübergabe von 1133 an die Augustiner-Chorherren).

Renovierungen im 20. und frühen 21. Jahrhundert 1935/36 fand eine Restaurierung statt, die – im Gegensatz zu den Eingriffen des 19. Jahrhunderts – keine Neugestaltung beinhaltete und vor allem die Malereien in der Stiftskirche betrafen. Ausführende waren der Floridsdorfer Dekorationsmaler Oskar Gligu sowie der akademische Maler Hans Fischer aus Wien. Anlass war der 800. Jahrestag des Todes des Heiligen Leopolds (1136).