mini|Eadweard Muybridge. Von der amerikanischen Fotografin Frances Benjamin Johnston nach 1890 aufgenommenes Altersporträt.
Eadweard Muybridge (* 9. April 1830 in Kingston upon Thames; † 8. Mai 1904 ebenda; eigentlich Edward James Muggeridge) war ein britischer Fotograf und Pionier der Fototechnik.
Muybridge wanderte noch in jungen Jahren nach Amerika aus und kam Mitte der 1850er Jahre nach San Francisco, wo er sich zunächst als Buchhändler betätigte. Auf einer Reise nach Europa erlitt Muybridge eine schwere Kopfverletzung, von der er sich zwischen 1861 und 1866 in England auskurierte. Während dieses Aufenthaltes in England erlernte er vermutlich auch das Handwerk der Fotografie.
Nach seiner Rückkehr nach Kalifornien begann er eine Karriere als Fotograf, in deren Verlauf er den heutigen Yosemite-Nationalpark, die Leuchttürme der Pazifikküste und den Krieg gegen die Modoc im Bild festhielt. Seine aus mehreren Aufnahmen zusammengesetzten Panoramen von San Francisco aus den Jahren 1877 und 1878 gehören zu den detailreichsten Abbildungen der Stadt vor dem großen Erdbeben von 1906.
Im Jahr 1874 erschoss Muybridge den Liebhaber seiner Frau Flora, wurde jedoch im anschließenden Gerichtsverfahren von den Geschworenen freigesprochen. Er war damit der letzte des Mordes Angeklagte in Kalifornien, der trotz eines Schuldeingeständnisses nicht für seine Taten verurteilt wurde.
Vier Jahre später hielt Muybridge im Auftrag von Gouverneur Leland Stanford erstmals die einzelnen Phasen des Bewegungsablaufs eines galoppierenden Pferdes im Bild fest und begründete damit die Chronofotografie. Ein Jahr später stellte er einem staunenden Publikum in Palo Alto sein Zoopraxiskop vor, mit dem er die einzelnen Aufnahmen auf einer Leinwand in einem Bewegungsablauf zum Leben erweckte.
In den folgenden Jahren publizierte Muybridge seine Ergebnisse in einer Reihe von Büchern und ging auf Vortragsreisen nach Europa. Sein 1887 veröffentlichtes Werk Animal Locomotion beeinflusste mit seinen Bewegungsstudien Künstler wie Marcel Duchamp oder Francis Bacon.
Leben und Werk Herkunft und Bildung mini|hochkant|Der Krönungsstein in Kingston upon Thames erinnert an die Krönung verschiedener angelsächsischer Könige (hier: Eadweard II.)
Eadweard Muybridge wurde 1830 unter dem Namen Edward James Muggeridge als Sohn von John Muggeridge und dessen Frau Susannah im englischen Kingston upon Thames geboren. Muybridges Vater war ein Kohle- und Getreidehändler, der mit Frachtkähnen über die Themse angelieferte Waren an die in Kingston upon Thames ansässigen Mälzereien verkaufte. Kingston upon Thames, zu jener Zeit eine London vorgelagerte Handelsstadt, hatte zwischen 900 und 1016 sieben angelsächsischen Königen als Krönungsort gedient. Zwei dieser Könige trugen den Namen Edward und es wird vermutet, dass die Schreibung ihrer Namen auf dem in der Stadt aufgestellten Krönungsstein Muybridge dazu veranlasste, seinen Vornamen altertümelnd in „Eadweard“ zu ändern.Exemplarisch Philip Brookman, Helios: Eadweard Muybridge in a Time of Change, in: Philip Brookman [u. a.]: Eadweard Muybridge, London 2010, S. 23–109, hier S. 25.
Über Muybridges Schulbildung ist nicht viel bekannt. Sein Biograf Gordon Hendricks bezweifelt die bisweilen in der Literatur zu findende Darstellung, dass Muybridge die Lateinschule in der Kingstoner Lovekyn Chapel (heute Kingston Grammar School) besucht habe, weil er als Sohn eines einfachen Händlers nicht die ausreichenden Voraussetzungen für den Besuch einer solchen Anstalt mitgebracht habe.Gordon Hendricks, Eadweard Muybridge. The Father of the Motion Picture, Mineola NY 1975, S. 4. Gleichwohl deuten spätere Äußerungen Muybridges darauf hin, dass er über ein solides Grundlagenwissen in englischer Literatur, Grammatik und Mathematik verfügte. Seine Fremdsprachenkenntnisse des Französischen, Deutschen und Italienischen eignete sich Muybridge erst als Erwachsener im Selbststudium an.
Auswanderung und erste Jahre in San Francisco mini|hochkant=1.3|San Francisco um das Jahr 1860. Werk des französischen Malers Isidore Laurent Deroy (1797–1886). Vergleicht man diese Ansicht mit den späteren Fotografien Muybridges, dann wird offensichtlich, wie sehr sich die Stadt während Muybridges Zeit an der amerikanischen Westküste verändert hat. San Francisco muss eine große Faszination auf Muybridge ausgeübt haben, da die Stadt zu seinen beliebtesten Motiven gehörte.Vgl. hierzu Weston J. Naef, Era of Exploration. The Rise of Landscape Photography in the American West, 1860–1885, Boston 1975, S. 169.
Im Alter von 21 oder 22 Jahren wanderte Muybridge in die Vereinigten Staaten aus. Er kam 1852 in Amerika anSchriftliche Belege für Muybridges Ankunft in Amerika im Jahr 1852 fehlen. Die Zeitangabe beruht auf Muybridges späteren Äußerungen gegenüber Freunden und wird von Hendricks als verlässlich eingestuft. Hendricks, Eadweard Muybridge, S. 5. und hielt sich zunächst in New York auf, wo er sich mit dem Daguerreotypisten Silas Wright Selleck anfreundete.Hierzu am ausführlichsten Marta Braun, Eadweard Muybridge, London 2010, S. 18 Dieser ging noch im selben Jahr nach San Francisco, das zu jener Zeit aufgrund des Kalifornischen Goldrauschs eine große Anziehungskraft auf europäische Abenteurer ausübte. Spätestens 1855 siedelte auch Muybridge nach San Francisco über, wo Selleck in der Zwischenzeit ein eigenes Fotostudio eröffnet hatte.Ausführlicher hierzu Brookman, Muybridge in a Time of Change, S. 30.
Laut einer von ihm selbst aufgegebenen Zeitungsannonce betätigte Muybridge sich spätestens ab 1856 als Vertreter der London Printing and Publishing Company. Seine Buchhandlung war eine von insgesamt 40 ihrer ArtRebecca Solnit: River of Shadows: Eadweard Muybridge and the Technological Wild West, New York 2003, S. 30. in einer Stadt, die ein Schmelztiegel von Immigranten und Glückssuchern unterschiedlichster Herkunft war und die zwischen 1847 und 1860 von 460 auf 56.000 Einwohner anwuchs.Brookman, Muybridge in a Time of Change, S. 30. In Muybridges erste Jahre in San Francisco fällt auch die mehrmalige Änderung seines Nachnamens von „Muggeridge“ über „Muggridge“ zu „Muygridge“. Die Schreibung „Muybridge“ nahm er erst an, als er sich in den 1860ern als Fotograf zu betätigen begann.Vgl. Gordon Hendricks, Eadweard Muybridge. The Father of the Motion Picture, Mineola NY, 1975, S. 5–8.
Muybridges Geschäfte in San Francisco gingen offenbar so gut, dass er 1859 auf einen der angesehenen Posten im Aufsichtsrat der Mercantile Library, einer Bibliothek für kaufmännische Literatur, gewählt wurde. Ein Jahr später holte er seine beiden jüngeren Brüder nach Kalifornien und übertrug seinem Bruder Thomas das florierende Buchhandelsgeschäft. Er selbst plante, nach einem vorherigen Besuch der Sierra Nevada (im Gebiet des heutigen Yosemite-Nationalparks) nach Europa zu reisen, um dort Bücher einzukaufen.
Unfall und die ‚verlorenen Jahre‘ Ob Muybridge vor seiner Abreise nach Europa tatsächlich die Sierra Nevada besucht hat, ist nicht gesichert. Fest steht jedoch, dass er sein Schiff verpasste und stattdessen mit der Postkutsche nach St. Louis aufbrach, um dann von dort mit der Eisenbahn nach New York weiterzureisen.Hendricks’ Vermutung, Muybridge sei von der Sierra Nevada so fasziniert gewesen, dass er deshalb sein Schiff verpasst habe („he was apparently too taken by Yosemite to make it“, Hendricks, Eadweard Muybridge, S. 10) ist genauso unbelegt wie Brauns Aussage, Muybridge habe Yosemite in jenem Jahr nicht gesehen („he didn’t go to Yosemite“, Braun, Eadweard Muybridge, S. 25). Brookman verweist darauf, dass es für eine Reise Muybridges nach Yosemite im Mai oder Juni 1860 keinerlei Belege gibt („There is no evidence that Muybridge actually traveled to Yosemite in May or June of 1860“, Brookman, Muybridge in a Time of Change, S. 32). Die Reise führte durch Texas, wo die – nach Muybridges eigener Aussage – von „sechs wilden Mustangs“„I left on a stage drawn by six wild mustangs“, hier zitiert nach Solnit, River of Shadows, S. 38. gezogene Kutsche außer Kontrolle geriet und an einem Baum zerschellte. Muybridge erlitt bei diesem Unfall eine schwere Kopfverletzung und sah für lange Zeit alles doppelt. Nach einem Aufenthalt in Fort Smith reiste er nach New York und von dort weiter nach London, wo er sich von dem angesehenen Arzt William Gull behandeln ließ.
mini|hochkant=1.3|Auf der Londoner Weltausstellung des Jahres 1862 lernte Muybridge möglicherweise die Arbeiten britischer Fotografen kennen.
Über Muybridges Leben in England in den Jahren zwischen 1861 und 1866 ist nur wenig bekannt, was Biografen wie Robert Bartlett Haas dazu veranlasste, diese Zeit als die ‚verlorenen Jahre‘ (engl. Lost Years) zu bezeichnen.Robert Bartlett Haas, Muybridge: Man in Motion, Berkeley [u. a.] 1976, S. 10. Nach einem Schadensersatzprozess gegen die Betreiber der Postkutsche hatte Muybridge 2.500 Dollar als Entschädigungssumme erhalten. Sein Biograf Brian Clegg vermutet, dass Muybridge – auf diese Weise finanziell abgesichert – in England das Ende des Sezessionskriegs (1861–1865) abwartete.Brian Clegg, The man who stopped time. The illuminating story of Eadweard Muybridge – pioneer photographer, father of the motion picture, murderer, Washington D.C. 2007, S. 27. Aufgenommen wird diese Annahme auch von Solnit, River of Shadows, S. 39.
Sicher ist, dass Muybridges Interesse an der Fotografie in dieser Zeit zunahm. Gemeinhin wird angenommen, dass sein Arzt William Gull ihm empfahl, sich möglichst viel in der Natur aufzuhalten, und dass daraus Muybridges Faszination für die Landschaftsfotografie erwuchs.So etwa Solnit, River of Shadows, S. 39, oder Braun, Eadweard Muybridge, S. 29f. Auch möglich ist, dass Muybridge auf der Londoner Weltausstellung im Jahr 1862 die Werke britischer Fotografen kennenlernte und von diesen inspiriert wurde.Ausführlicher hierzu Brookman, Muybridge in a Time of Change, S. 34–37. Als Muybridge im Jahr 1867 nach San Francisco zurückkehrte, hatte er sich die technischen Grundlagen der Fotografie jedenfalls so weit angeeignet, dass er sich als Fotograf selbständig machte.
Beginn der Karriere als Fotograf mini|hochkant=1.3|Rückseite einer stereoskopischen Fotokarte mit der Angabe „Helios Flying Studio. Edward J. Muybridge. Photographic View Artist“ (1870)
Ende der 1860er Jahre befand sich die amerikanische Landschaftsfotografie in ihren Anfängen. Zu einer Zeit, als die Fotografie sich noch nicht als eigenständige Kunstform etabliert hatte, stillten pastorale Werke von Malern der Hudson River School den Hunger des Publikums nach Darstellungen unberührter Landschaften.
Im Frühjahr 1867 brach Muybridge zum Fotografieren in das Yosemite Valley auf. Diesen Teil des Westens kannte das amerikanische Publikum bis dahin vor allem durch Zeitungsberichte, literarische Beschreibungen und die Landschaftsaufnahmen von Carleton Watkins. Seine Ausrüstung, bestehend aus einer Plattenkamera im Aufnahmeformat 5½" × 8½", einer Stereokamera, einem zur Dunkelkammer umfunktionierten Zelt sowie den für die Entwicklung vor Ort benötigten Chemikalien, führte er auf einem Pferdewagen mit sich. Muybridge durchstreifte fünf Monate lang die Wildnis von Yosemite und schuf mehr als 170 Aufnahmen, die er unter dem Firmennamen „Helios Flying Studio“ vermarktete und mit denen er Watkins zu übertreffen suchte.Braun, Eadweard Muybridge, S. 41. Zu Watkins und seinem Verhältnis zu Muybridge ausführlicher Braun, Eadweard Muybridge, S. 39–41.