Russische Mafia (, auch ), auch Russenmafia genannt, ist der Name verschiedener Gruppen der organisierten Kriminalität, die aus dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion stammen und sich nach dem Zerfall derselben auch international ausgebreitet haben. Nach Angaben des russischen Innenministeriums stieg die Anzahl der Mafia-Gruppierungen von 785 im Jahr 1990 auf über 8.000 im Jahr 1996. Die geschätzte Zahl der aktiven Mafiamitglieder bewegt sich je nach Quelle zwischen 120.000 und 3 Millionen.Gernot W. Morbach: TERRORISM AND ORGANIZED CRIME: THE ALLIANCE OF TOMORROW? HOW TO COUNTER A POSSIBLE FUTURE THREAT, Juni 1998, S. 58, digitalisiert in der Homeland Security Digital Library.

Definition Die Existenz einer Mafia auf dem Gebiet der UdSSR wurde zum ersten Mal im Juli 1988 von Milizoberst Aleksandr Iwanowitsch Gurow in einem Interview bestätigt. Dies war eine Sensation, denn bis dahin war das Vorhandensein des organisierten Verbrechens von den Behörden geleugnet worden, weil es entsprechend den ideologischen Vorgaben seitens der alles beherrschenden KPdSU nicht existieren dürfe. Im November 1988 gründete das Innenministerium der UdSSR die 6. Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität, zu deren Leiter Gurow ernannt wurde. Gurow charakterisierte den Begriff „Mafia“ mit Hilfe von drei Merkmalen. Erstens ist die Mafia eine kriminelle Vereinigung, die eine klare Struktur und hierarchische Verbindungen besitzt. Es gibt einen Anführer (oder eine Gruppe von Anführern), Kassenverwahrer, Kontaktpersonen, Kämpfer, Spionagedienst und Spionageabwehrdienst. Zweitens ist die Mafia eine Organisation, die für die systematische Durchführung krimineller Geschäfte geschaffen wurde. Drittens wird eine kriminelle Vereinigung erst dann zur Mafia, wenn auch Korruption vorhanden ist. Das bedeutet, dass die kriminelle Vereinigung mit Vertretern des Staatsapparates, die für die Verbrecher arbeiten, verbunden sein muss.

Historische Entwicklung „Diebe im Gesetz“ Das Aufkommen der organisierten Kriminalität (OK) in Russland und den Nachfolgestaaten der UdSSR ist eng mit der sowjetischen Gefängnis- und Lagerkultur verbunden. Ende der 1920er stieg in der Sowjetunion aufgrund aufkommender Massenrepressionen die Zahl der politischen Häftlinge in den Gefängnissen und Lagern stark an, wo die Inhaftierten mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden. Dies führte zur Ausbildung einer Hierarchie und Gruppenordnung, an deren Spitze professionelle Verbrecher standen und die bei Bedarf mit radikalen und brutalen Methoden durchgesetzt wurde. Weil die politischen Häftlinge als potentielle Unruhestifter galten, begannen die Sicherheitsdienste mit den professionellen Verbrechern zusammenzuarbeiten, damit diese im Lager Ordnung und Disziplin gewährleisteten. Im Gaunerjargon gab es eine eigene Bezeichnung für die professionellen Verbrecher: „Blatnyje“ (Plural) bzw. „Blatnoj“ (Singular). Als Gegenleistung erhielten die Blatnyje Privilegien. Dies war lange Zeit ein stilles Übereinkommen zwischen Kriminellen und Lagerleitungen. Schließlich wurde in einem Dekret schriftlich die Erlaubnis fixiert, die gewöhnlichen Verbrecher im Kampf gegen die als „Volksfeinde“ stigmatisierten politischen Häftlinge einzusetzen. Die Autoritäten unter den professionellen Verbrechern begannen, sich selbst als „wory w sakone“ („Diebe im Gesetz“) zu bezeichnen. So schufen sie die kriminelle Elite der Sowjetunion und entwickelten einen Verbrecherkodex, zu dessen wichtigsten Prinzipien die Nichteinmischung in Politik und Wirtschaft sowie die Absage an eine legale Arbeitstätigkeit gehörten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte Stalin, die erstarkten kriminellen Eliten in ihrem Einfluss zu schwächen, was aber nur zu Unruhen und Aufständen in den Lagern führte. Dies zwang den sowjetischen Staat, die Zusammenarbeit mit den Verbrechern weiterzuführen. Die kriminellen Autoritäten in den Lagern gewannen an Macht und verfügten über gute Kontakte zur Außenwelt. Ihre wichtigsten Einnahmequellen waren Schmuggel von Edelmetallen und Kunstgegenständen, Erpressung von Untergrundunternehmen, Betäubungsmittelhandel und Raub von Erzeugnissen der Staatsbetriebe.Schweizer Dienst für Analyse und Prävention: , Juni 2007, S. 1; russische Übersetzung: , 16. Mai 2016, abgerufen am 21. Mai 2020.

Anfänge des organisierten Verbrechens Die ersten Anzeichen des organisierten Verbrechens in der Sowjetunion zeigten sich 1958–59 unter Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Nach heutigen Maßstäben betrug damals der durchschnittliche jährliche Verlust durch Wirtschaftsverbrechen nur etwa 2 Millionen Rubel. In den 1970er Jahren wurde die Mafia dann zum sozialen Phänomen. Diejenigen, die sich früher wegen ihrer legalen Millionen genierten, begannen dieses Geld ganz offen in ausländische Automarken, Diamantencolliers und Villen zu investieren. Immer mehr Gelder aus dem Staatsetat wanderten in private Hände. Methoden gab es dabei viele. Die wichtigste war die Schaffung von Untergrundwerkstätten (russ. zech), sogar Untergrundfabriken, über die eine Verlagerung der natürlichen Ressourcen des Staates erfolgte. Damit einhergehend tauchten die „Zechowiki“ auf – Kriminelle „mit weißem Kragen“ bzw. Wirtschaftsverbrecher. Und als Reaktion auf das Erscheinen der Schattenwirtschaft konnte eine plötzliche Aktivierung von professionellen Verbrechern neuer Art, den Nachfolgern der „Diebe im Gesetz“ aus der Stalinära, beobachtet werden. Konzepte für die „Arbeit“ mit den neuartigen Verbrechern wurden von einem „Dieb im Gesetz“ namens Tscherkassow ausgearbeitet. Die Konzepte lauteten: Erstens, nimm von demjenigen, der etwas hat; zweitens, nimm nicht alles, denn die Geduld eines Menschen hat ein Ende; drittens, organisiere dir für jedes Verbrechen einen Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörde. Eben diese Prinzipien beherzigte die Verbrecherorganisation von Gennadi Aleksandrowitsch Karkow (Deckname: Mongol), als sie Anfang der 1970er Jahre in Moskau ihre kriminellen Aktivitäten aufnahm. Nach einhelliger Meinung der sowjetischen Kriminologen begann mit Karkows Organisation die Formierung der sowjetischen Mafia. Lediglich in der Usbekischen SSR begann dieser Prozess etwas früher (1967–68).

Wirtschafts- vs. Gewaltverbrecher Die Wirtschaftsverbrecher bzw. Zechowiki, die die illegalen Werke leiteten, wurden zum Angriffsziel von Gangsterbanden, die sie mit verschiedenen Methoden zu zwingen versuchten, ihre Gewinne mit ihnen zu teilen. Es wurde erpresst und gefoltert, Autos, Häuser und Datschas wurden in Brand gesteckt und Kinder entführt, weshalb in den 70ern zum ersten Mal in der UdSSR der Begriff „Kidnapping“ auftauchte, ein Verbrechen, das es dort zuvor nicht gegeben hatte. Das Geld wanderte nun in solchen Mengen in die Hände der Gangster, die die einstigen professionellen Verbrecher, die „Diebe im Gesetz“, niemals besessen hatten. Kaum sammelten sich große Geldsummen in der Verbrechersphäre an, tauchten auch schon Gangsterbosse auf, die sich eigenes Wach-, Kampf- und Spionagepersonal halten konnten. Die im Untergrund tätigen Geschäftsleute baten als erste um Frieden. Es wurde in einer nordkaukasischen Stadt Mitte der 1970er Jahre ein Zusammentreffen organisiert, an dem die Vertreter beider Verbrechensrichtungen teilnahmen. Die Zechowiki erklärten sich einverstanden, 10 % ihrer Einnahmen an die Blatnyje zu zahlen, damit diese sie in Zukunft in Ruhe ließen und sogar beschützten. Das bedeutet, es entstand eine Vertikale, über die die Gelder aus den Wirtschaftsverbrechen nach oben und unten flossen: zum einen hoch in die Verwaltungsbehörden, die die Zechowiki vor der Strafverfolgung schützten und die unrechtmäßigen Lieferungen in die Untergrundbetriebe unterzeichneten, zum anderen hinunter in die Gangsterbanden zum Schutz vor Überfällen. Die beiden Enden der Vertikale, also die Verwaltungsbehörden und die Gewaltverbrecher, taten so, als wüssten sie nichts voneinander, doch waren sie durch die Millionen verbunden, die mit Hilfe der Zechowiki dem nationalen Einkommen entrissen wurden. So bildeten sich in den Siebzigern allmählich die verschiedenartigen Verbrecherorganisationen heraus.

Die Situation in den 1980er Jahren In den 1980er Jahren befand sich die organisierte Kriminalität in der UdSSR auf drei Ebenen. In der untersten Ebenen saßen die bereits etablierten kriminellen Gruppierungen, die im gesamten europäischen Teil Russlands agierten, aber noch nicht die Stärke besaßen, Einfluss auf Regierungskreise auszuüben. Auf der zweiten Ebene befanden sich kriminelle Gruppierungen, die bereits Kontakte zu korrupten Beamten geknüpft hatten. Die dritte Ebene enthielt den Zusammenschluss von mehreren kriminellen Gruppierungen, wobei der stärkste Verbrecherklan die anderen befehligte. Eine unionsweite Mafia, die in der gesamten UdSSR agierte, gab es nicht. Jeder Mafiaklan kontrollierte sein eigenes Territorium. Die einzelnen Klanführer kannten sich aber untereinander. Nach dem Wissensstand der sowjetischen Strafverfolgungsbehörden gab es in den 80er Jahren etwa 200 Mafiagruppierungen, von denen jede dritte mit korrupten Vertretern des staatlichen Verwaltungsapparates verbunden war. Die Mafia breitete sich vor allem in den südlichen Regionen des europäischen Russland, in der Ukraine, Moldawien und insbesondere in Usbekistan aus.

Auch wenn die sowjetische Mafia im Unterschied zu westlichen Mafiaorganisationen über keine transnationalen Verbindungen verfügte, war sie gegen Ende der 1980er Jahre dabei, in erster Linie im Hinblick auf Antiquitäten und Drogen Verbindungen zu ausländischen „Partnern“ herzustellen. Diese Kontakte liefen über die ehemaligen sowjetischen Ganoven, die im Westen, besonders in Italien, kriminelle Gruppierungen gegründet hatten. Die Ende der 1980er Jahre aufkommenden Kooperative boten den sowjetischen Gangstern die Möglichkeit, ihr Kapital zu legalisieren.

Mit dem Zerfall der staatlichen Macht im Laufe der 1980er Jahre keimte eine zunehmende Korrumpierung der staatlichen Strukturen auf, so dass zum Ende des Jahrzehnts die Milizija als der korrupteste Teil des Staatsapparates galt.Schweizer Dienst für Analyse und Prävention: , Juni 2007, S. 1; russische Übersetzung unter: , vom 16. Mai 2016, abgerufen am 21. Mai 2020.

Herausbildung neuer Mafiagruppierungen in den 1990er Jahren Auch die kriminelle Welt unterlag Veränderungen: Den ethnischen Russen, die weiterhin Wert auf Traditionen der „Diebe im Gesetz“ legten, standen zunehmend Gruppierungen aus dem Kaukasus gegenüber, die nach politischem und wirtschaftlichem Einfluss sowie einer Minimalisierung der Diebesregeln strebten. Dies verursachte eine Spaltung der vormals geschlossenen kriminellen Gemeinschaft. Der Zerfall des sowjetischen Staates und seiner Strukturen, die Ausrufung neuer Nationalstaaten sowie die wirtschaftlich schlechte Lage zu Beginn der 1990er Jahre trugen zum Entstehen neuer krimineller Gruppierungen bei. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde auf Jelzins Anweisung die KGB-Belegschaft um rund 100.000 Personen reduziert. Mit ihrem Insiderwissen und ihren Kontakten waren die entlassenen Mitarbeiter für die Verbrecherwelt in hohem Maße attraktiv. So entstand in Russland das heutige organisierte Verbrechen aus den Strukturen der Diebe im Gesetz, aus ehemaligen KGB-Agenten und vielen korrupten Beamten und Verwaltern staatlichen Eigentums.Schweizer Dienst für Analyse und Prävention: , Juni 2007, S. 1; russische Übersetzung unter: , vom 16. Mai 2016, abgerufen am 21. Mai 2020.