Das Romani, auch Romanes genannt, ist eine zur indoarischen Unterfamilie der indogermanischen Sprachfamilie gehörende, in unterschiedlichen Dialekten vorkommende Sprache, die mit Sanskrit und anderen indischen Sprachen verwandt ist. Es wird von Sinti und Roma gesprochen.
Die internationale Norm ISO 639 klassifiziert das Romani als sieben Einzelsprachen, die in einigen Verwendungszusammenhängen zu einer Makrosprache zusammengefasst werden können.639 Identifier Documentation: rom auf iso639-3.sil.org, abgerufen am 14. September 2021. Da die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ besonders im öffentlichen Sprachgebrauch als diskriminierend gilt, gilt dies auch für die früher oft gebräuchliche Bezeichnung des Romani als „Zigeunersprache“.Zigeunersprache. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Abgerufen am 10. Juni 2021.
In mehreren europäischen Staaten sind Romani-Dialekte offiziell anerkannte Minderheitensprachen, darunter in Deutschland und Österreich (hier das Romanes der Burgenlandroma, das als UNESCO-Kulturerbe ausgewiesen ist). 2015 erklärte die UNESCO den 5. November zum jährlichen Welttag der Romani-Sprache.Proclamation of 5 November as: World Day of Romani Language auf unesdoc.unesco.org, abgerufen am 20. April 2022.
Das Wort Romani Die Bezeichnung Romani ist von romani čhib (wörtlich: „Roma-Sprache“) abgeleitet.z. B. Birgit Igla: Das Romani von Ajia Varvara: Deskriptive und historisch-vergleichende Darstellung eines Zigeunerdialektes. Balkanologische Veröffentlichungen Bd. 29. Wiesbaden 1996, S. 3. Daneben ist die Bezeichnung Romanes gebräuchlich, die vom Adverb abgeleitet ist: Cane tu romanes? – „Sprichst du Romani?“ – (Zanes romanes? – „Verstehst du Romanes?“).Martin Block: Die materielle Kultur der rumänischen Zigeuner. Versuch einer monographischen Darstellung. Bearbeitet und herausgegeben von Joachim S. Hohmann. Studien zur Tsiganologie und Folkloristik Bd. 3. 1991, S. 30, übersetzt als „Verstehst du Zigeunerisch?“ Martin Block: Die Zigeuner. Ihr Leben und ihre Seele. Dargestellt auf Grund eigener Reisen und Forschungen. Herausgegeben von Joachim S. Hohmann. Mit einem Vorwort von Klaus Bochmann. Studien zur Tsiganologie und Folkloristik Bd. 20. 1997, S. 52, übersetzt als „Verstehst du zigeunerisch?“ Im Deutschen sagt man: „auf Romani“ (oder „auf Romanes“) für „in einer der Sprachen der Roma“. Ein eigenes Adjektiv, um die Zugehörigkeit zu diesen Sprachen oder den Roma selbst auszudrücken, ist im Deutschen „zigeunersprachlich“ oder „zigeunerisch“.z. B. Heidi Stern: Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten. Tübingen 2000, S. 8dwds.de: zigeunerisch Das in diesem Sinne manchmal gebrauchte Adjektiv „romanesisch“ ist eine Verlegenheitsbildung, während das in der älteren Sprachwissenschaft etablierte Adjektiv „zigeunersprachlich“ (ebenso wie „zigeunerisch“) heute als stigmatisierend und unpräzise angesehen wird, aber in fachsprachlichen historischen Zusammenhängen in Ermangelung einer etablierten Alternativbezeichnung zuweilen noch als tolerabel gilt.Hans-Jörg Roth: Jenisches Wörterbuch. Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2001, S. 53
Dem Wortstamm nach besteht kein Zusammenhang zwischen Romani einerseits und Romanisch oder Rumänisch andererseits. Romanisch und Rumänisch kommen beide von dem vulgärlateinischen Wort romanicus, das im Frühen Mittelalter als Bezeichnung derjenigen Sprachen entstand, die sich aus dem gesprochenen Latein der Römer entwickelten und zu denen neben dem Französischen, Italienischen und anderen romanischen Sprachen auch das Rumänische gehört. Demgegenüber ist Romani abgeleitet aus der Selbstbezeichnung Řom („Mann“ oder „Ehemann“ für einen Angehörigen der Roma), die indischen Ursprungs ist, entstanden möglicherweise aus Ḍom (auch Ḍum oder Ḍōmba), dem Namen einer Kaste von Wanderarbeitern, die sich typischerweise als Musiker, Gaukler, Korbmacher, Metallhandwerker oder in ähnlichen innerhalb des indischen Kastensystems als niedrig eingestuften Gewerben betätigten.
Ursprünge, Sprache und Dialekte mini|hochkant=1.5|Verbreitung der Romani-Sprachen
Romani ist eine in verschiedene Varietäten gegliederte Sprache, die zum indoiranischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie zählt, und direkter Nachfolger eines Dialekts, der eng verwandt, wenn auch nicht unbedingt identisch mit der volkssprachlichen Grundlage des Sanskrit gewesen sein dürfte. Es weist Gemeinsamkeiten sowohl mit zentralindischen wie auch mit nordwestindischen Sprachen auf. Der sprachliche Befund legt nahe, dass Romani zunächst an einer frühen Entwicklung der zentralindischen Sprachen teilhatte und sich dann über einen längeren Zeitraum der Entwicklung der nordwestindischen Sprachen wie Sindhi anschloss. Man nimmt deshalb an, dass die Sprecher des damaligen Romani aus Zentralindien kamen und ihre Siedlungsgebiete seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. nach Nordwestindien verlegten. Über den Zeitpunkt der weiteren Migration nach Westen besteht keine Einigkeit, man kann ihn jedoch zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert ansetzen und muss innerhalb dieser Zeit wahrscheinlich auch von mehreren Migrationsbewegungen ausgehen.
Die Romani-Dialekte haben sich somit seit mehr als 800 Jahren unabhängig von anderen indischen Sprachen entwickelt, davon seit mindestens 700 Jahren in Europa. Romani unterlag nach der Ankunft seiner Sprecher in Europa in Wortschatz und Syntax besonders dem Einfluss der Balkansprachen, insbesondere des Mittelgriechischen der byzantinischen Periode.
Ältere Klassifizierungen nahmen an, dass Romani sich noch vor der Ankunft in Europa in drei Hauptvarietäten geteilt habe: in das im 13. Jahrhundert nach Europa gekommene Romani, das Domari im Nahen Osten und Nordafrika sowie das Lomavren in Armenien. Heute nimmt die Forschung demgegenüber an, dass Romani und Lomavren lediglich entfernt miteinander verwandt seien und dass Domari eine selbstständige Sprache sei, die schon im 7. Jahrhundert aus Indien nach Westasien gelangte.
Eine übliche Kategorisierung, die lange Bestand hatte, war die Einteilung in Vlax (vom Wort Walachen abgeleitet) und Non-Vlax-Dialekte. Vlax waren demnach diejenigen Roma, die viele Jahrhunderte auf dem Territorium Rumäniens (Walachei) in Sklaverei lebten. Das Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen beiden Gruppen war der Grad der Beeinflussung des Wortschatzes durch das Rumänische. Vlax sprechende Gruppen bildeten die größere Sprecherzahl. Bernard Gilliath-Smith nahm diese Unterscheidung als Erster vor und prägte den Begriff Vlach 1915/16 in seinem Bericht Report on the Gypsy Tribes of North-East Bulgaria (deutsch: „Bericht über die Zigeunerstämme in Nordost-Bulgarien“).Bernard Gilliath-Smith als „Petulengro“: Report on the Gypsy Tribes of North-East Bulgaria. In: Journal of the Gypsy Lore Society. Neue Folge. Band 9, 1915/1916, S. 1 ff. u. 65 ff., insbesondere S. 65: „In making a comprehensive survey of the Gypsy dialects of the whole Balkan Peninsula one would probably begin by distinguishing two great divisions—(1) the non-Vlach Dialects; (2) the Vlach Dialects.“
In den vergangenen Jahrzehnten haben einige Wissenschaftler auf der Basis der historischen Entwicklung und von Isoglossen eine neue linguistische Kategorisierung der Romani-Dialekte vorgenommen. Ein Großteil dieser Arbeit wurde vom Linguisten Norbert Boretzky an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt, der Pionierarbeit in der systematischen Darstellung von strukturellen Merkmalen von Romani-Dialekten auf geografischen Karten geleistet hat. Diese Arbeit mündete in einen Atlas der Romani-Dialekte, der 2005 erschienen ist und zahlreiche Isoglossen kartiert; Co-Autorin ist Birgit Igla.
An der University of Manchester wurden vergleichbare Arbeiten durch den Linguisten und früheren Aktivisten für Romani-Rechte Yaron Matras und seine Kollegen durchgeführt. Gemeinsam mit Viktor Elšík (jetzt Karls-Universität Prag) baute Matras die Romani-Morphosyntax-Datenbank auf, die derzeit größte Zusammenstellung von Daten über Dialekte des Romani. Auf Teile dieser Datenbank kann online über die Webseite des Manchester Romani Project zugegriffen werden. Matras (2002, 2005) sprach sich für eine geografische Klassifikation der Romani-Dialekte aus, die auf der räumlichen Verteilung von Innovationen basiert. Gemäß dieser Theorie wurde das Frühromani (englisch: „“), das im Byzantinischen Reich gesprochen wurde, durch Bevölkerungswanderungen von Roma im 14./15. Jh. in die westlichen und andere Teile Europas gebracht. Diese Gruppen ließen sich während des 16. und 17. Jh. in verschiedenen europäischen Regionen nieder und erwarben Sprachkompetenz in einer Vielfalt von Kontaktsprachen. Dann setzten Veränderungen ein, die sich in wellenähnlichen Mustern über das Sprachgebiet verteilten und so die Unterschiede der Einzelsprachen, die man heute feststellen kann, bewirkten.
Matras zufolge gab es zwei Hauptzentren für Innovationen: Einige Veränderungen tauchten in Westeuropa (Deutschland und Umgebung) auf und verbreiteten sich ostwärts; weitere Veränderungen traten im Gebiet der Walachen (Rumänien) auf und verbreiteten sich Richtung Westen und Süden. Darüber hinaus bildeten sich viele regionale und lokale Isoglossen und schufen eine komplexe Sprachgrenzenwelle (englisch: „“). Matras verweist auf die Prothese des j- in aro > jaro ‚Ei‘ und ov > jov ‚er‘ als typisches Beispiel für die West-nach-Ost-Diffusion und auf die Anfügung des prothetischen a- in bijav > abijav als eine typische Ost-nach-West-Verbreitung. Seine Folgerung ist, dass die Unterschiede sich in situ bildeten und nicht als Ergebnis von Wanderungswellen.
Grobeinteilung nach Boretzky, genauere Klassifikation nach oben genannter Studie von Matras (KS = Haupt-Kontaktsprache): Nord-Romani-Dialekte in Nord-, West- und Südeuropa, dem größten Teil Polens, Russland und den baltischen Staaten: Westlicher Zweig: Piemonteser Sinti in Italien (Kontaktsprache Italienisch) Sinti-Romani (Sintitikes) in Deutschland, Österreich, Niederlande, Belgien, Kontaktsprache Deutsch; nicht zu verwechseln mit Sinti-Manouche, das eine Para-Romani-Varietät ist Welsh-Romani mit Englisch und Walisisch als Hauptkontaktsprachen (ausgestorben seit Mitte des 20. Jahrhunderts) Zentraler Zweig: Bergitka-Romani in Polen (Kontaktsprache Polnisch) Čerhari-Romani in Rumänien (Kontaktsprache Rumänisch) Nordöstliche Dialekte (Balto-slawische Dialekte in den baltischen Staaten) Čuxny-Romani in Estland (Kontaktsprachen Estnisch, Russisch) Finnisches Kalo (Fíntika Rómma) (Kontaktsprache Finnisch) Lettisches Romani (Lotfika) in Lettland und Russland Litauisches Romani in Litauen und dem baltischen Russland Nordrussisches Romani (Xaladitka) im baltischen Russland, gesprochen von den Ruska Roma Polska Roma, Sasytka Roma in Polen, Deutschland (früher auch in Böhmen), Russland, Amerika, Kanada, Großbritannien (Kontaktsprache Polnisch)
mini|Das Vaterunser auf ungarischer Orthographie angelehntem Romani (Beás, links) in der Paternosterkirche von Jerusalem
Nördliches Zentral-Romani: Westlicher Unterzweig: Böhmisches Romani Mährisches Romani Westslowakisches Romani (Kontaktsprache Slowakisch) Östlicher Unterzweig: Zentralslowakisches Romani Ostslowakisches Romani (Kontaktsprache Slowakisch) Ruthenisches Romani Südpolnisches Romani Südliche Zentrale Dialekte Romungro-Romani in der Slowakei (Kontaktsprache Slowakisch) und Ungarn (Kontaktsprache Ungarisch) Vend-Romani Burgenland-Romani („Roman“) im österreichischen Burgenland Ungarisches Vend-Romani Prekmurski-Romani in Nordslowenien (Kontaktsprache Slowenisch)
Südbalkan I (Nordzweig der Balkan-Dialekte, auch zis-Dialekte genannt): Bugurdži-Romani in Nordmazedonien und dem Kosovo Drindari-Romani Kalajdži-Romani in Bulgarien (Kontaktsprache Bulgarisch) Kovački-Romani in Nordmazedonien (Kontaktsprache Mazedonisch) Südbalkan II (Südzweig der Balkan-Dialekte)