Das südkoreanische Filmdrama Secret Sunshine wurde von Lee Chang-dong geschrieben und inszeniert. Uraufgeführt wurde es 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes, wo Jeon Do-yeon, die die Hauptrolle spielte, von der Jury zur besten Darstellerin gekürt wurde. In einer Nebenrolle ist der in Südkorea als Star geltende Song Kang-ho zu sehen. Die Schauspieler waren bei der Interpretation ihrer Rollen weitgehend auf sich selbst gestellt, da Lee ihnen abschließende Erläuterungen zu ihren Figuren verweigerte. Die Erzählung weist überraschende Wendungen auf und wechselt in ihrem Verlauf mehrfach das Genre. Auf einen markanten visuellen Stil hat der Regisseur verzichtet. Der Film übt Kritik an der christlichen Missionierung und Kirchenpraxis in Südkorea und stellt die Frage nach der Beziehung des Menschen zu Gott.

Hintergrund der Beteiligten Regisseur Lee Chang-dong war Lehrer und betätigte sich als Romanautor, ehe er zwischen 1997 und 2002 drei Spielfilme drehte. Auf internationalen Filmfestspielen erlangte er Bekanntheit durch Auszeichnungen in Venedig, Vancouver und Karlsbad, blieb aber im Schatten stilistisch einprägsamerer Landsleute wie Park Chan-wook und Kim Ki-duk.Dennis Lim: A portraitist of a subdued, literary Korea. In: The New York Times, 30. September 2007, S. 18 Den Mangel an Stil machte er durch eine gewitzte Motivik wett.Vincent Malausa: Au seuil du vide. In: Cahiers du cinéma, Oktober 2007, S. 29–30 In seiner Heimat zählt er zu den wichtigsten Filmregisseuren, genießt Ansehen als Intellektueller,Didier Peron: Lee Chang-dong en éclat de crise. In: Libération, 28. Mai 2007, S. 4 obwohl sein Werk bisweilen als steif und akademisch eingestuft wird. Secret Sunshine ist sein vierter Spielfilm. Er entstand nach fünfjähriger Pause, nachdem Lee 2003–2004 Südkoreas Minister für Kultur und Tourismus war. Er fand, es gebe im südkoreanischen Kino zu viele kommerzielle Filme. Neben der Unterhaltung sei es ebenso sehr die Aufgabe eines Künstlers, Schmerz und Verzweiflung darzustellen.Lee Chang-Dong im Gespräch mit Le Figaro, 24. Mai 2007: Lee Chang-dong au coeur de la souffrance Hauptdarstellerin Jeon Do-yeon hatte den Ruf einer sehr wandelbaren Schauspielerin, die in unterschiedlichsten Rollen ein breites Spektrum an Gefühlen auszudrücken vermag. Sie war in ihrer Heimat bereits beliebt und mehrfach ausgezeichnet, aber im Ausland kaum bekannt.Cathy Rose A. Garcia: Secret Sunshine steals limelight in Cannes. In: Korea Times, 26. Mai 2007Yang Sung-jin: Jeon Do-yeon shows off talent at Cannes. In: The Korea Herald, 29. Mai 2007Bae Keun-min: Jeon Says Her Cannes Win is Near Miracle. In: Korea Times, 30. Mai 2007 Nebendarsteller Song Kang-ho ist insbesondere seit dem Kassenschlager The Host (2006) ein großer Stern des südkoreanischen Unterhaltungsfilms.

Handlung Die alleinerziehende Shin-ae zieht mit ihrem kleinen Sohn von Seoul ins südkoreanische Städtchen Miryang. Es ist der Heimatort ihres Mannes, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie will ein neues Leben beginnen und mietet ein Lokal, in dem sie Klavierunterricht gibt. Schon bei der Ankunft ist ihr der Automechaniker Jong über den Weg gelaufen, ein wichtigtuerischer Tollpatsch, der ihr nun ständig nachläuft. Die Apothekerin überreicht ihr in missionarischer Absicht eine Bibel. Bei Mahlzeiten mit Anwohnern erzählt Shin-ae, dass sie in Landkäufe investieren will. Als sie nach Hause zurückkehrt, ist ihr Sohn verschwunden, und ein Erpresser ruft an.

mini|Mehrere Filmszenen spielen sich auf dem Platz vor dem Bahnhof in Miryang ab. Sie hebt ihr weniges Geld ab – mit den Investitionen hat sie bloß angegeben – und deponiert es an der bezeichneten Stelle. Doch der Sohn kehrt nicht zurück, einige Tage später findet man seine Leiche am Flussufer. Sie ist verzweifelt, zumal ihr die aus Seoul angereiste Familie Vorwürfe macht. Bald wird der Mörder, ein örtlicher Lehrer, festgenommen und überführt. Die Apothekerin empfiehlt Shin-ae, einen Gottesdienst zu besuchen. Bei der evangelikalen, sektiererischen Glaubensgemeinschaft findet sie Halt und nimmt den christlichen Glauben an. Auch Jong nimmt an den christlichen Treffen teil, um in Shin-aes Nähe zu sein. Er begleitet sie auch, als sie dem Mörder im Gefängnis einen Besuch abstattet, um ihm mitzuteilen, dass sie ihm aus ihrer christlichen Überzeugung heraus vergeben wolle. Dieser bekennt ihr selbstzufrieden, er sei in der Haft ebenfalls zum Christentum übergetreten und Gott habe ihm verziehen. Die entsetzte Shin-ae ist in der folgenden Zeit erneut mit ihrer Trauer konfrontiert und ringt um ihren Glauben. Erst stört, dann meidet sie die Gottesdienste. Beim nächsten evangelikalen Aufmarsch legt sie in der Tonanlage der Veranstaltung eine CD ein, die den Prediger übertönt. Der Popsong hat den Text: „Lügen! Lügen! Lügen!“ Jongs Versuche, sie auszuführen, schlagen fehl. Stattdessen verführt sie den Ehemann der Apothekerin zum Sex unter freiem Himmel – Gott soll ihn sehen können; doch seine Potenz versagt. Nach einem misslungenen Suizidversuch holt Jong sie vom Krankenhaus ab. Da sie mit ihrer Frisur unzufrieden ist, bringt er sie in einen Frisörsalon. Als sie von der Tochter des Mörders bedient wird, läuft sie davon. Schließlich schneidet sie sich im Hinterhof ihrer Wohnung selbst die Haare.

Anerkennung und Auszeichnungen An den Filmfestspielen von Cannes, wo der Film 2007 Wettbewerbsbeitrag war, feierte Secret Sunshine seine offizielle Uraufführung. Für ihre Leistung erhielt Jeon Do-yeon den Preis für die beste Darstellerin. Die meisten südkoreanischen Zeitungen besprachen den Film sehr positiv.Yang Sung-jin: ‚Secret Sunshine‘ sheds light on hope, redemption. In: The Korea Herald, 8. Mai 2007. Knapp zwei Wochen nach dem Kinostart am 24. April 2007 hatte der Film dort etwa eine Million Eintritte verbucht.Yang Sung-jin: Lee reinvigorates Korean cinema. In: The Korea Herald, 4. Juni 2007 Staatspräsident Roh Moo-hyun nannte den Film „Nahrung, um über das Leben nachzudenken.“Yonhap, 30. Juni 2007: Roh instructs crackdown on film piracy Im Oktober 2007 befand sich das Werk im Programm der Filmfestspiele von Pusan. Bei der Vergabe der Asia-Pacific Screen Awards gab es Preise für den besten Spielfilm und die beste Darstellerin. Am 6. Korea Film Festival in Seoul erhielten der Regisseur, die Hauptdarstellerin und der Nebendarsteller jeweils einen Preis zugesprochen. Im März 2008 wurde Secret Sunshine mit je einem Asian Film Award in den Kategorien Bester Film, Bester Regisseur und Beste Darstellerin ausgezeichnet. Weitere Auszeichnungen für Jeon Do-yeon waren der Sonderpreis beim südkoreanischen Daejong-Filmpreis, der Preis für die beste Schauspielerin vonseiten des südkoreanischen Filmkritikerverbandes, der vom südkoreanischen Kulturministerium verliehene Okgwan-Orden für kulturelle Verdienste sowie der südkoreanische Filmpreis, der Blaue Drachen. Der südkoreanische Filmrat bestimmte Secret Sunshine zum offiziellen Kandidaten des Landes für die Nominierungsliste für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.Jean Noh: Korea selects Secret Sunshine as foreign-language Oscar entry. In: Screen International, 11. September 2007; hollywoodreporter.com: Korea's 'Sunshine' peeks in for Oscar bid, 12. September 2007 Das zuständige Komitee nahm ihn jedoch nicht in die engere Auswahl.

Beim 22. Filmfestival Freiburg in der Schweiz im März 2008, wo ihm eine Werkschau gewidmet war, erschien Lee zur Eröffnung.Florian Keller: Weltreisen im Kino. In: Tages-Anzeiger, 1. März 2008, S. 54 In Deutschland nahm Rapid Eye Movies den Film in den Verleih und brachte ihn, knapp zwei Jahre nach seiner Premiere in Cannes, am 16. April 2009 in die Kinos.

Bewertungen der deutschen Kritik Der FAZ-Kritiker Rüdiger Suchsland meinte, oberflächlich gesehen möge Lee Chang-dong eine ernste Geschichte erzählen, es sei „dies doch zugleich ein sehr komischer Film, geprägt von warmherzigem Humor und einem lebensklugen, mitunter auch offen sarkastischen, aber nie zynischen Blick auf die Schwächen der Menschen.“ Er sah einen „Film, den man, je nach Perspektive, sehr verschieden verstehen kann, was auch daran liegt, dass er seine Tonlage mehrfach und mitunter sehr abrupt verändert: als realistisches bescheidenes Provinzporträt, als Gesellschaftskomödie, als Horrorfilm, als Religionssatire, vor allem aber als Melodram. Dabei ist der Film keineswegs unentschieden oder zögernd (…)“ und lasse den Zuschauer eine „mitreißende emotionale Achterbahnfahrt“ erleben.Rüdiger Suchsland: Möglicherweise ist es Hiob. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. April 2009, S. 32 Birgit Glombitza von der taz vermerkte zum Erzählrhythmus: „Das Grausamste an 'Secret Sunshine' ist vielleicht die unerbittliche Logik, mit der der Film den Verlauf dieses von allem verlassenen Lebens abspult. Von den furchtbaren Verlusten, über verzweifelte Bewältigungsstrategien bis zum freien Fall. Es wird ohne Stottern, ohne künstliche Beschleunigungen oder Verzögerungen durcherzählt.“ Das Werk sei eine „faszinierende, aber auch verstörende Geschichte über gesellschaftlich wie religiös verordnete Demut und zwanghafte Harmonie. Sie erzählt von einem Assimilationsprozess, der so schmerzlich und selbstzerstörerisch verläuft, dass dabei alles herauskommt – nur nicht soziale Idylle und innerer Frieden.“Birgit Glombitza: Verluste, Schuldgefühle, freier Fall. In: taz, 16. April 2009, S. 15

In der Filmzeitschrift des Evangelischen Pressedienstes, epd Film, fand Heike Kühn, der Film sei „mit zwei Stunden und zwanzig Minuten Zumutung und Herausforderung zugleich.“ Skeptisch beschrieb sie die vielen Genrewechsel. Jedoch sei Jeon Do-yeon „für die Rückhaltlosigkeit zu bewundern, mit der sie sich auf jeden nur denkbaren Gemütszustand wirft.“ „Von den Mitgliedern einer sektenähnlichen christlichen Gemeinde wird sie rascher »gefunden« als gut für sie ist. Betäubt vor Schmerz, lässt sich Shin-ae auf schicksalsergebene Gebetszirkel und die Ekstase der Verantwortungslosigkeit ein. Gott, wird ihr eingetrichtert, habe seine Gründe, auch der Tod ihres Sohnes gehöre in den himmlischen Masterplan.“ Sie werde abhängig von „frommen Umarmungen und oberflächlichen Konfliktvermeidungsstrategien“ und entwickle eine leichtgläubige „Fast-Food-Heiligkeit“. In seiner „ungerührten Psycho- und Gesellschaftsanalyse“ beleuchte Lee wie einige andere asiatische Regisseure kritisch den Fanatismus und den unheimlichen Erfolg des Christentums in Asien, „zumal es sich bei den sektiererischen Anwerbern offenbar um Seelenfänger handelt.“Heike Kühn: Secret Sunshine. In: epd Film, Nr. 4/2009, S. 43