Die Blasenschnecken (Physidae) sind eine Familie der Wasserlungenschnecken (Basommatophora) innerhalb der Ordnung der Lungenschnecken (Pulmonata). Weltweit sind etwa 80 Arten bekannt.
Merkmale Das glänzend-glatte Gehäuse ist bei den Blasenschnecken linksgewunden und endet in einem spitzen Apex. Sie besitzen lange und dünne Fühler, die spitz zulaufen. An der Basis der Fühler sitzen die Augen. Der Fuß ist relativ schmal und ist hinten zugespitzt. Sie können sich, mit für Schnecken bemerkenswerter Geschwindigkeit, im Wasser fortbewegen. Eine sekundäre Kieme ist nicht vorhanden.
Ähnliche Formen: In afrikanischen Gebieten können die Vertreter der Blasenschnecken äußerlich mit manchen Arten der Gattung Bulinus (aus der Familie der Tellerschnecken) verwechselt werden; tatsächlich sind ehemals etliche Arten als Physa beschrieben worden, die heute zu Bulinus gestellt werden.
Lebensraum und Lebensweise Die Blasenschnecken leben in stehendem und langsam fließenden Gewässer. Viele Arten tolerieren auch weniger günstige Wasserverhältnisse wie eutrophierte oder saure Gewässer. Sie ernähren sich von vermodernden Pflanzenresten und Detritus, aber auch Algen (Diatomeen usw.). Die Eier werden in Form weicher länglicher Eimassen abgelegt.
Verbreitung und Artenzahl Die Arten der Familie der Blasenschnecken sind primär holarktisch verbreitet. In Amerika kommen sie allerdings auch in Zentral- und Südamerika vor. Durch anthropogene Verschleppung sind Blasenschnecken-Arten (vor allem Physella acuta) auch in viele andere Regionen der Erde verschleppt worden, so nach IndonesienHenk K. Mienis: New world physids don't know borders: exotic Physidae in Indonesia. Ellipsaria, 7(2): 8-9, Chattanooga 2005, NeuseelandNeisha J. Cope und Michael Winterbourn: Competitive interactions between two successful molluscan invaders of freshwaters: an experimental study. Aquatic Ecology, 38(1): 83-91, Dordrecht 2004 , AustralienBen J. Kefford, Alexander Dalton, Carolyn G. Palmer und Dayanthi Nugegoda: The salinity tolerance of eggs and hatchlings of selected aquatic macroinvertebrates in south-east Australia and South Africa. Hydrobiologia, 517: 179-192, Dordrecht 2004 , IndienR. K. Sinha, H. Nesemann und G. Sharma: New records of Physa (Gastropoda: Physidae) from Indian subcontinent. Club Conchylia Informationen 34(4-6): 3-11, Ludwigsburg 2003 und Südafrika.C. C. Appleton: Alien and invasive fresh water Gastropoda in South Africa. African Journal of Aquatic Science, 28(1): 69-81, Grahamstown 2003
In Mitteleuropa leben derzeit drei Gattungen (Physa, Physella und Aplexa) mit vier Arten, einschließlich der aus Nordamerika eingeschleppten Art Physella heterostropha. Die genaue Gattungs- und Artenzahl kann nicht angegeben werden, da unter anderem die Arttrennung zwischen Physa acuta und der eingeschleppten Physella heterostropha nicht immer eindeutig ist.Peter Glöer, Claus Meier-Brook: Süsswassermollusken. 12. erw. Aufl., DJN, Hamburg ISBN 3-923376-02-2 (1998).
Paläontologie Fossilfunde, die zur Familie der Blasenschnecken gehören könnten, werden zwar schon aus der frühen Trias (vor gut 200 Millionen Jahren) berichtetM.J. Benton (Hrsg.): The Fossil Record 2. Chapman & Hall, London 1993., doch ist die Zuordnung dieser alten Befunde aufgrund der begrenzt überlieferten Merkmale nicht sehr sicher. Moderne Gattungen sind gesichert ab dem Miozän (speziell Unteres Pannonium vor ca. 10–11 Millionen Jahren) im damaligen Pannon-See des Wiener Beckens zu finden (z. B. Aplexa cf. subhypnorum Gottschick 1920).M. Harzhauser, H. Binder: Synopsis of the Late Miocene mollusc fauna of the classical sections Richardhof and Eichkogel in the Vienna Basin. Arch. Molluskenkunde 133: 1-57 (2004).
Systematik mini|Bei dieser Blasenschnecke ist das Gehäuse etwa 1 cm lang. Es handelt sich wahrscheinlich um die Art Physella acuta (schlanker Habitus! Jedoch ist Physella heterostropha sehr ähnlich). Manche Autoren sehen allerdings beide als einer Art zugehörig an. mini|Selbe Blasenschnecke wie am Foto darüber, diesmal von unten fotografiert. Äußere Systematik: Vielfach werden die Blasenschnecken mit den Tellerschnecken in einer Überfamilie (Planorboidea) zusammengefasst. Mit den Tellerschnecken teilen sie sich unter anderem die Eigenschaften, dass sie anatomisch linksgewunden sind und dass sie lange und dünne (fadenförmige) Fühler ausbilden. Auch neuere molekulargenetische Befunde sprechen für die enge Verwandtschaft dieser beiden FamilienA. Klussmann-Kolb, A. Dinapoli, K. Kuhn, B. Streit, C. Albrecht: From sea to land and beyond – New insights into the evolution of euthyneuran Gastropoda (Mollusca). BMC Evolutionary Biology 2008, 8:57. . (2008).
Innere Systematik: Die folgende Übersicht folgt derjenigen von Bouchet & Rocroi (2005)Philippe Bouchet & Jean-Pierre Rocroi: Part 2. Working classification of the Gastropoda. Malacologia, 47: 239-283, Ann Arbor 2005 , der die Familie in zwei Unterfamilien mit jeweils mehreren Tribi untergliedert und damit auch Taylor (2003)Dwight W. Taylor: Introduction to Physidae (Gastropoda: Hygrophila); biogeography, classification, morphology. Revista de biología tropical, 51: 1-287, San José 2003 folgt. Es gibt inzwischen auch neuere molekulargenetische Untersuchungen.Amy R. Wethington, Charles Lydeard: A molecular phylogeny of Physidae (Gastropoda: Basommatophora) based on mitochondrial DNA sequences. Journal Molluscan Studies: (2007) Unterfamilie Physinae Fitzinger, 1833 Tribus Physini Fitzinger, 1833 Beringophysa Starobogatov & Budnikova, 1976 Laurentiphysa Taylor, 2003 Physa Draparnaud, 1801 Physa fontinalis – Quellblasenschnecke Tribus Haitini Taylor, 2003 Haitia Clench & Aguayo, 1932 Tribus Physellini Taylor, 2003 Archiphysa Taylor, 2003 Chiapaphysa Taylor, 2003 Petrophysa Pilsbry, 1926 Physella Haldeman 1842 Physella acuta – Spitze Blasenschnecke (Draparnaud, 1805) Ultraphysella Taylor, 2003 Utahphysa Taylor, 2003 Unterfamilie Aplexinae Starobogatov, 1967 Tribus Aplexini Starobogatov, 1967 Amuraplexa Starobogatov, Prozorova & Zatravkin, 1989 Aplexa Fleming, 1820 Aplexa hypnorum – Moosblasenschnecke Paraplexa Starobogatov, 1989 Sibirenauta Starobogatov & Streletzkaja, 1967 Tribus Amecanautini Taylor, 2003 Amecanauta Taylor, 2003 Mayabina Taylor, 2003 Mexinauta Taylor, 2003 Tropinauta Taylor, 2003 Tribus Austrinautini Taylor, 2003 Austrinauta Taylor, 2003 Caribnauta Taylor, 2003 Tribus Stenophysini Taylor, 2003 Afrophysa Starobogatov, 1967 Stenophysa Martens, 1898
Einzelnachweise
Literatur Peter Glöer: Die Tierwelt Deutschlands. Mollusca I Süßwassergastropoden Nord- und Mitteleuropas Bestimmungsschlüssel, Lebensweise, Verbreitung. 2. neubearb. Aufl., 327 S., ConchBooks, Hackenheim 2002, ISBN 3-925919-60-0
Weblinks
[ Fauna Europaea] British Non-marine Molluscs - Physidae