Unter einer Psychopathie (Kunstwort aus altgriechisch , , „Seele“, und , , „Leiden“) wird eine schwere Form der antisozialen (dissozialen) Persönlichkeitsstörung (APS) verstanden. In den Klassifikationssystemen DSM-5 und ICD-10 ist Psychopathie als Diagnose nicht enthalten, wenngleich dort für die APS die Alternativbezeichnung psychopathische Persönlichkeitsstörung angegeben ist.

Definition Psychopathie bezeichnet heute eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei können sie sehr manipulativ sein, um ihre Ziele zu erreichen.Hare und Neumann: vol. 4, 2008, S. 217–246.Nadine Defiebre, Denis Köhler: Erfolgreiche Psychopathen? Zum Zusammenhang von Psychopathie und beruflicher Integrität. Verlag für Polizeiwissenschaft Prof. Dr. Clemens Lorei, Frankfurt 2012, ISBN 978-3-86676-238-1. Psychopathie geht häufig mit antisozialen Verhaltensweisen einher, sodass in diesen Fällen oft die Diagnose einer dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.C. Kraus: Bezüge der „Psychopathie Checklist-Revised“ (PCL-R) zu den DSM-III-R- und ICD-10-Klassifikationen bei Sexualstraftätern. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform. Band 82, Nr. 1, 1999, S. 36–46.Birger Dulz, Peer Briken, Otto F. Kernberg, Udo Rauchfleisch: Handbuch der Antisozialen Persönlichkeitsstörung. Schattauer Verlag, 2015, ISBN 978-3-7945-3063-2. Psychopathie kann jedoch mitunter auch als Komorbidität einer Borderline- oder narzisstischen Persönlichkeitsstörung auftreten.J. D. Miller, B. Gentile, L. Wilson, L. R. Pryor, W. K. Campbell: Searching for a vulnerable dark triad: comparing Factor 2 psychopathy, vulnerable narcissism, and borderline personality disorder. In: J. Pers. Band 78, Nr. 5, Oct 2010, S. 1529–1564. doi:10.1111/j.1467-6494.2010.00660.x.A. Nioche, C. Ducro, C. de Beaurepaire, L. Chudzik, R. Courtois, C. Réveillère: Psychopathy and associated personality disorders: searching for a particular effect of the borderline personality disorder? In: Encephale. Band 36, Nr. 3, Jun 2010, S. 253–259. doi:10.1016/j.encep.2009.07.004.Volker Faust: Der gewissenlose Psychopath. PSYCHIATRIE HEUTE, Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit, 6. November 2008.

Historisches Geläufig war um 1900 bis 1925 noch der Begriff der sexuellen Psychopathie (Psychopathia sexualis),Vgl. etwa J. Bloch: Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexualis. 2 Bände. Dresden 1902. worunter seit den 1880er Jahren vor allem sexuelle Abweichungen und Perversionen verstanden wurden.Vgl. Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Eine klinisch-forensische Studie. 1886. Die Erstbeschreibung des modernen Psychopathiebegriffes wird Hervey M. Cleckley zugeschrieben, der 1941 in seinem Buch eine differenzierte Beschreibung des Störungsbildes vorlegte. Neben dem von Egozentrik und Gefühlsarmut gekennzeichneten Verhalten Betroffener, wird auch die erhöhte Wahrscheinlichkeit straffällig zu werden bereits von Cleckley thematisiert.Die PLC-R von Hare aus kriminologischer und strafprozessrechtlicher Sicht Universität Regensburg, abgerufen am 1. April 2024.

Die Weiterentwicklung wurde vor allem von Robert D. Hare vorangetrieben, der auch das heute am meisten verwendete Diagnoseverfahren der Psychopathie-Checkliste (PCL-R)W. Berner: Die Hare-Psychopathie-Checkliste-Revised (PCL-R). Unveröffentlichtes Manuskript. 1994. (Originalausgabe: R. D. Hare: Multi-Health Systems, Toronto, Ontario 1991.). für den forensischen Bereich entwickelte. In der 14., von Manfred Bleuler neubearbeiteten Auflage des Lehrbuch der Psychiatrie von Eugen Bleuler, heißt es 1979 auf Seite 557: „Es gibt Menschen, die zufolge der angeborenen Eigenarten ihres Charakters, ihres Temperamentes, ihrer Triebhaftigkeit oder ihrer ganzen Persönlichkeit, leiden, in ihrer Laufbahn und gesellschaftlichen Eingliederung behindert sind und in manchen Fällen für ihre Angehörigen eine quälende Last sind. Diese schwierigen Menschen nannte man seit Jahrzehnten ‚Psychopathen‘, wenn ihr Leiden dem Leiden eines Kranken wesensähnlich schien“.

Im Jahr 2024 wies Clive Boddy von der Anglia Ruskin University darauf hin, dass eine Diagnose von Psychopathie in sechs von sieben Fällen Männer betreffe, was er auf einen Fokus auf männliche Kriminelle in der Diagnostik zurückführte. Dieselben, wie auch die bei Frauen stärker ausgeprägten Merkmale und Verhaltensweisen (u. a. stärkere Manipulativität, sexuell verführerisches Verhalten, Durchsetzung über Worte statt physischer Gewalt) würden bei Frauen seltener als psychopathisch eingeordnet. Auch wenn Frauen tendenziell nicht so schwer und weniger häufig Psychopathen sind als Männer, könnte das Geschlechterverhältnis tatsächlich 1 zu 1,2 betragen und eine angepasste Diagnostik beispielsweise Folgen in der Risikoeinschätzung bei Sorgerechtsfragen haben.

Abgrenzung zur antisozialen Persönlichkeitsstörung Die Vorstellung der Psychopathie umfasst spezifische Persönlichkeitszüge und antisoziale Verhaltensweisen, wohingegen die der antisozialen Persönlichkeitsstörung nur letztere beinhaltet.Hare und Neumann: vol. 4, 2008, S. 217–246. Ein Anteil von 50 bis 80 % unter Häftlingen weist eine antisoziale Persönlichkeitsstörung auf, wohingegen weniger als 15 % als psychopathisch klassifiziert werden.Ogloff: vol. 40, Nr. 6-7, 2006, S. 519–528.

Neurobiologie Für die PsychopathieGlenn und Raine. vol. 31, Nr. 3, 2008, S. 463–475, VII. konnte nachgewiesen werden, dass verschiedene Hirnregionen ein Struktur- oder Funktionsdefizit aufweisen. Die Gehirnmasse in der präfrontalen und orbitofrontalen Großhirnrinde ist reduziert. Dies geht u. a. mit mangelhaftem sozialem Normverständnis und dem Fehlen von Schuldbewusstsein einher. Des Weiteren wurde eine Dysregulation der Amygdala-Funktion beschrieben. Man vermutet, dass dadurch wichtige soziale Lernfunktionen beeinträchtigt sind. Außerdem konnte auch eine Hippocampus-Dysfunktion belegt werden. Diese wird in Verbindung mit mangelhafter Angst-Konditionierung und Affekt-Regulierung gebracht. Weitere Hirnregionen sind – vermutlich als Folge der beschriebenen Defekte – ebenfalls betroffen. Über Fehlregulationen der Verbindungsstrukturen der betroffenen Regionen wird spekuliert.

Bei Psychopathen wurden erhöhte Dopamin- und niedrige Serotonin-Spiegel beobachtet. Dies führt möglicherweise zur Enthemmung aggressiver Impulse. Verminderte Cortisol-Spiegel wurden ebenfalls beobachtet. Über eine Störung des Testosteron-Haushaltes liegen dagegen keine eindeutigen Daten vor.

Es wird vermutet, dass die Dysfunktionen und Fehlregulationen bereits in früher Kindheit angelegt sind.

Ursachen Die Entwicklung einer Psychopathie wird in der Regel nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt, sondern als Ergebnis eines komplexen Wechselspiels verschiedener Faktoren verstanden. Dabei spielen genetische Veranlagungen ebenso eine Rolle wie Umwelt- und Frühkindfaktoren sowie deren Interaktion.

Genetische Faktoren Zwillingsstudien zeigen, dass psychopathische Persönlichkeitsmerkmale eine hohe Erblichkeit aufweisen. Eine Untersuchung ergab, dass genetische Einflüsse rund 69 % der Varianz in einem latenten psychopathischen Persönlichkeitsfaktor erklärten, während nicht geteilte Umweltfaktoren etwa 31 % beitrugen. Auch bei Kindern zeigen Zwillingsstudien moderate bis hohe genetische Einflüsse auf zentrale psychopathische Merkmale.

Umwelt- und Entwicklungsfaktoren Kindheitstraumata wie emotionaler Missbrauch, Vernachlässigung und körperliche Gewalt stehen in enger Beziehung zur späteren Ausprägung psychopathischer Züge. Insbesondere mangelnde emotionale Fürsorge und unsichere Bindungserfahrungen gelten als Risikofaktoren. Auch nicht geteilte Umweltfaktoren, also individuelle Erfahrungen wie belastende Beziehungen oder spezifische Lebensereignisse, haben einen bedeutsamen Einfluss.

Gen-Umwelt-Interaktion Neuere Modelle betonen die Interaktion von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen. So steigt das Risiko einer starken Ausprägung psychopathischer Merkmale insbesondere dann, wenn genetische Disposition mit Misshandlung oder Vernachlässigung zusammentrifft. Neben Art und Intensität der Belastungen ist auch deren Zeitpunkt entscheidend: Früh einsetzende und anhaltende negative Erfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Beeinträchtigung.

Sonderfall: Schädel-Hirn-Traumata In seltenen Fällen können schwere Schädel-Hirn-Verletzungen zu einer abrupten Veränderung der Persönlichkeit mit psychopathischen Merkmalen führen. Besonders Läsionen des orbitofrontalen Cortex und angrenzender limbischer Strukturen sind mit Verlust von Impulskontrolle, emotionaler Abflachung und sozial unangepasstem Verhalten verbunden. Solche erworbenen Formen (acquired sociopathy) verlaufen oft spektakulär, da zuvor unauffällige Personen plötzlich ein dauerhaft antisoziales und enthemmtes Verhalten zeigen.

Empathieprofil Empathie kann in zwei Hauptbereiche unterteilt werden: die kognitive Empathie, also die Fähigkeit, Gedanken, Absichten und Gefühle anderer Menschen intellektuell zu erfassen, und die affektive Empathie, das emotionale Miterleben und Mitfühlen.

Bei Psychopathie zeigt sich ein charakteristisches Muster: Die kognitive Empathie ist weitgehend erhalten, in manchen Fällen sogar besonders ausgeprägt. Betroffene verstehen also sehr gut, wie andere Menschen denken und fühlen, und können dieses Wissen für Manipulation und strategisches Handeln einsetzen.

Die affektive Empathie hingegen ist deutlich eingeschränkt. Psychopathen spüren die Gefühle anderer nicht in gleicher Weise und reagieren kaum mit emotionaler Resonanz.

Neuere Arbeiten zeigen, dass sich dieses Muster auch in dimensionalen Modellen der Psychopathie widerspiegelt: Manche Persönlichkeitsdimensionen sind mit verstärkter kognitiver, andere mit reduzierter affektiver Empathie verbunden.

Dieses Empathieprofil, also intakte kognitive Empathie bei gleichzeitig fehlender affektiver Empathie, erklärt, weshalb psychopathische Personen einerseits soziale Situationen durchschauen und nutzen können, andererseits aber kein oder kaum Mitgefühl sowie keine oder wenig Schuldgefühle oder Reue empfinden.

Unterformen und Diagnostik Die Diagnostik erfolgt im forensischen Bereich meist mit der Psychopathie-Checkliste (PCL-R) von Robert D. Hare. Diese unterscheidet zwei Unterformen der Psychopathie mit insgesamt 20 zu erfüllenden Kriterien:Henning Ernst Müller (Uni Regensburg): Die PCL-R von Hare aus kriminologischer und strafprozessrechtlicher Sicht. Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) e. V. – Sektion Rechtspsychologie, 17. November 2012, abgerufen am 27. April 2015 (PDF; 1,4 MB), Vortrag zum 3. Tag der Rechtspsychologie.

Unterform 1: interpersonell-affektiv (Kernmerkmale der psychopathischen Persönlichkeit, selbstsüchtig und parasitär – stabil über die Lebenszeit)

trickreich sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl pathologisches Lügen (Pseudologie) betrügerisch-manipulatives Verhalten Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein oberflächliche Gefühle Gefühlskälte, Mangel an Empathie mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen

Unterform 2: antisozial-deviant (Verhaltensstörung, chronisch instabiler und antisozialer Lebensstil – tendenziell Abnahme mit dem Alter)

Stimulationsbedürfnis (Erlebnishunger), ständiges Gefühl der Langeweile parasitärer Lebensstil Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen Impulsivität Verantwortungslosigkeit geringe Verhaltenskontrolle Frühe Verhaltensauffälligkeiten Verstoß gegen Bewährungsauflagen bei bedingter Haftentlassung Polytrope (vielgestaltige) Kriminalität

Weitere Punkte (nicht einer der Subdimensionen zuzuordnen)