mini|hochkant|Ferenc Herczeg

Ferenc Herczeg [] (* 22. September 1863 in Versec, Kaisertum Österreich; † 24. Februar 1954 in Budapest, Volksrepublik Ungarn; geboren als Franz Herzog, ungarisch Herczeg Ferenc) war ein deutschstämmiger ungarischer Schriftsteller, Dramatiker, Journalist und Parlamentarier, der nationalistische Strömungen in seinem Land förderte und als Leitgestalt des ungarischen literarischen Konservativismus in die Geschichte einging.

Herczeg war Mitglied und Vizepräsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), Präsident der ungarischen Revisionismus-Liga („Magyar Revíziós Liga“)Information aus dem gleichnamigen Artikel in der ungarischsprachigen Wikipedia und Nobelpreiskandidat in den Jahren 1926 und 1927.

Leben und Schaffen Elternhaus, Studium Herczeg wurde als Franz Herzog in eine wohlhabende „schwäbische“, jedoch aus Schlesien während des Siebenjährigen Krieges geflüchtete Banater Familie geboren. Der Vater war Apotheker und Bürgermeister von Versec (deutsch: Werschetz). Sein Bruder Josef lebte noch nach dem Ersten Weltkrieg in Werschetz,Zoran Janjetović: Gesellschaft für serbisch-deutsche Zusammenarbeit, Anm. 98 (PDF; 230 kB) das 1920 mit dem Friedensvertrag von Trianon an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gefallen war.

Herczeg lernte Ungarisch erst im Gymnasium bei den Piaristen in Szeged und Temesvár (jetzt Timișoara in Rumänien) sowie am öffentlichen Gymnasium in Fehértemplom (deutsch: Weißkirchen, jetzt Bela Crkva und wie sein Geburtsort seit 1918 in Serbien). Er strebte eine Offizierslaufbahn an, studierte jedoch auf Wunsch der Eltern Rechtswissenschaften in Budapest (1881–1884). Seine Praktikantentätigkeit in Anwaltskanzleien in Budapest, Versec und Temesvár empfand er als so unbefriedigend, dass er sein Studium nicht vollendete, sondern eine literarische Laufbahn einschlug. Seine ersten Texte schrieb er noch auf Deutsch, wandte sich dann ganz dem Ungarischen zu und ließ seine Schriften von verschiedenen Übersetzern in seine Muttersprache übertragen. Zum größeren Teil ließ er sie unübersetzt.

Magyarisierung Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich zahlreiche Donauschwaben magyarisiert, und besonders nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 wurde die Magyarisierung auch in den Dörfern immer stärker.Geza C. Paikert: The Danube Swabians. German Populations in Hungary, Rumania and Yugoslavia and Hitler’s Impact on their Patterns. Den Haag 1967, S. 43–61, 80–89. Die ungarischen Revolutionäre wie Kossuth erhofften wie auch Graf Széchenyi durch die gewonnenen Bürgerrechte eine Verschmelzung der Nationalitäten ihres Landes. Es gab ja im Grunde nur wenige Kulturunterschiede zwischen den Ungarn und den „Schwaben“, die aus den verschiedenen Gegenden des deutschen Sprachgebiets gekommen waren, und ohne festes Nationalbewusstsein und ohne nationale Institutionen, die ihre Nationalität wahren und fördern würden, sahen viele in der Assimilation bessere Möglichkeiten für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung.

Autor Bereits 1886 erschienen einige seiner Kurzgeschichten in der Zeitung Pestí Hirlap („Pester Zeitung“). Als Jura-Student führte Herczeg das leichte Leben der jungen Leute aus wohlhabenden Familien mit Ballbesuchen und Kartenspiel. Nach einem tödlichen Duell mit einem Offizier wurde er 1889 zu vier Monaten Haft verurteilt und schrieb 1890 im Zuchthaus von Vác (dt. Waitzen) seinen ersten Roman Fenn és lenn (Oben und unten). Er geriet mit rund 250 Seiten weitaus länger als etliche seiner späteren Titel. Herczeg gewann mit ihm einen Preis von Reclams Universal-Bibliothek. 47. Jg., Nr. 40 vom 3. Oktober 2003, S. 11 (PDF, abgerufen 16. August 2010; 441 kB). Der Roman erlebte bei verschiedenen Verlagen NeuauflagenFerenc Herczeg: Fenn es lenn auf WorldCat. und Übersetzungen in weit mehr als ein Dutzend SprachenHerczeg, Ferenc und Herczeg, Ferenc 1863-1954 auf WorldCat. sowie eine Reihe von Verfilmungen in verschiedenen Ländern.Ferenc Herczeg in der Internet Movie Database.

Herczegs schilderte Wendepunkte der ungarischen Geschichte. Beispiele hierfür sind etwa der in Anlehnung an den alten deutschen Erzählstoff so genannte Roman Die sieben Schwaben, in dem der Donauschwabe das Verhältniss der ungarischen Bevölkerung zu anderen Nationalitäten zeichnet („Wer ist Ungar?“ – „Der sich dafür hält!“), oder Rakoczy der Rebell (Pro libertate) über den Anführer des letzten großen Nationalaufstandes gegen die Habsburger, Die Heiden (Poganyok), das den Widerstand der mohammedanischen Petschenegen gegen die Zwangstaufe thematisiert, und Tor des Lebens – Sinkender Halbmond, eine ungarische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Magyaren und Osmanen im 16. Jahrhundert sowie einer Papstwahl, bei der Kardinal Tamás Bakócz beinahe gewählt wurde.Kurzbeschreibung Tor des Lebens – Sinkender Halbmond auf geschichte-im-roman.de.

Herczeg verfasste darüber hinaus eine große Anzahl von Gesellschaftsromanen und Erzählungen, sowie Bühnenstücke, volkstümliche Schwänke und romantische Lustspiele. Zweimal – 1926 und 1927 – wurde der Ungarndeutsche für den Nobel-Preis nominiert. 41 Bände umfasste bereits eine erste Gesamtausgabe aus den Jahren 1926 bis 1930,Herczeg Ferenc. In: Albert Tezla: Hungarian Authors. A Bibliographical Handbook. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1970, S. 211–220 (Buchvorschau bei Google Books).; danach lebte und schrieb er weitere 24 Jahre.

Jeglicher Veränderung in sozialer wie in literarischer oder gar bühnentechnischer Hinsicht war er abhold und völlig desinteressiert an den Unterprivilegierten. Heftig lehnte er die progressive Kulturzeitschrift Nyugat („Der Westen“) ab und beschuldigte sie eines Mangels an Patriotismus und der Amoral.Gwen Jones und Eszter Tarsoly: Zur Ausstellung von 100 Jahre Nyugat, Ulysses Library 2008, S. 5.

Anders als Ferenc Molnár, der eher kosmopolitisch ausgerichtet war, wandte er sich mit einer beträchtlichen Portion Eskapismus an jene Mehrheit der bourgeoisen ungarischen Mittelschicht, deren soziale Wurzeln noch in der ländlichen Vorkriegs-„Friedenszeit“ lagen.Hungarian Drama. In: McGraw-Hill Encyclopedia of World Drama in 5 Bänden. VNR AG, London 1984 (2. Auflage), ISBN 0-07-079169-4, Bd. 2 (D-H), S. 544 (Buchvorschau auf Google Books). Obgleich er in erster Linie hohe Wertschätzung wegen seiner Bühnenstücke und historischen Romane sowie der Verfilmungen seiner Stücke und Romane genoss, sind das Bleibendste seines Schaffens wohl seine Klein- und Kleinstformen – prägnante, in ihrer Technik an Maupassant erinnernde Kurzgeschichten.Richard C. Frucht (Hrsg.): Eastern Europe. An Introduction to the People, Lands, and Culture.] ABC Clio, Santa Barbara (Calif.) 2005, ISBN 1-57607-800-0, Bd. 1, S. 387 (Buchvorschau auf Google Books).

Publizist und Politiker 1895 begründete Herczeg die Zeitschrift Új Idők („Neue Zeiten“), die unter seiner Herausgabe ein halbes Jahrhundert lang bis 1944 die Literaturzeitschrift der konservativen Ober- und Mittelschicht Ungarns war. „Die Zeitung, welche von Kulturmenschen gemacht wird, ist ein mächtiger Kulturfaktor,“ schrieb Karl Kraus in seiner Fackel.Karl Kraus (Hrsg.): DIE FACKEL. Bd. 18, XIV. Jahr, Nr. 347/348 (April/Mai 1912), S. 13.

1896 wurde Herczeg Reichstagsabgeordneter für seine Heimatstadt Versec/Werschetz für die Legislaturperiode bis 1901, erneut von 1910 bis 1918. 1899 wurde er Korrespondierendes, 1903 Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften (und ihr Ehrenmitglied 1914) und 1904 Vorsitzender der exklusiven, 1876 gegründeten und bis 1944 bestehenden Petőfi-Gesellschaft („Petőfi Társaság“), die unter seiner fünfzehn Jahre währenden Leitung 1908 den soeben zu internationalem Ruhm gelangten Ferenc Molnár aufnahm, der Herczegs Stücke als Vorbild ansah.Dezső Keresztúri: In: Stephen Sisa : The Spirit of Hungary. S. 357.

Der Pester Lloyd beurteilte Herczeg 2009 als den zu seinen Lebzeiten „wohl berühmtesten Theaterdichter Ungarns“. In: Pester Lloyd. 52(2009), 23. Dezember 2009. Gestützt auf diesen Ruhm begründete er 1911 die Zeitschrift Magyar Figyelö („Ungarischer Monitor“) zur Unterstützung von István Tisza, der sich bei Kriegsausbruch dafür bei Herczeg mit einem ungefährlichen Posten als Direktor des Heereswohlfahrtsdienstes revanchierte,Albert Tezla: Hungarian Authors. A Bibliographical Handbook: Herczeg Ferenc und er veröffentlichte viele Beiträge verschiedener Art im Pester Lloyd, mit dem er „in innigster Hassliebe verbunden war.“ Herczeg verfasste viele Jahre regelmäßig Beiträge im Feuilleton dieser Zeitung schrieb, in der auch August Strindberg und Selma Lagerlöf, aber auch Georg Lukács, Georges Clemenceau und 1930 selbst ein Benito Mussolini veröffentlichten.Pester Lloyd: Chronik

Horthy-Ära, Faschismus, Antisemitismus Neben seiner literarischen Arbeit, zu der die Mitwirkung an den Drehbüchern zu den zahlreichen Roman- und Dramenverfilmungen zählte, war er politisch ebenfalls weiter tätig und gehörte in der Horthy-Ära zu den populärsten Autoren nicht nur der Új Idők („Neue Zeiten“), aus der er nur von der Regierung der kurzlebigen, gerade 133 TageMartin Banham: The Cambridge Guide to Theatre, 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-43437-8, S. 507. dauernden ungarischen Sowjetrepublik 1919 entfernt worden war. Der Sohn des ehemaligen leitenden Schriftsetzers für Új Idők, eines Juden, den Herczeg sehr schätzte und für den er alle seine Bücher mit der Widmung „Für Herrn. Szilágyi, den Meister der Lettern“ versah, bezeichnet Ferenc Herczeg als „Horthy’s favorite writer“ („Horthys Lieblingsautor“).Miklos N. Szilagyi: The story of my times, 2007, S. 5. Bereits in den dreißiger Jahren ließ er klare Sympathien für den italienischen Faschismus erkennen, lehnte hingegen entsprechend der ungarischen „Schaukelpolitik“ den Nazismus in Deutschland ab, 47. Jg., Nr. 40 Budapest, v. 3. Oktober 2003, S. 11 (PDF, abgerufen am 16. August 2010; 441 kB) war allerdings andererseits gegen den längst grassierenden Antisemitismus keineswegs immun. Herczeg bezeichnete die jüdischen Bürger als „fremde Elemente in Budapests Chemie“,Tibor Frank: Teaching and Learning Science in Hungary: Schools, Personalities, Influences 1867–1945. In: Arne Schirrmacher (Hrsg.): Communicating Science in 20th Century Europe. A Survey on Research and Comparative Perspectives. S. 93–119, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Preprint 385 (2009), S. 97 (PDF; 13,2 MB)Tibor Frank: In: Journal of the Interdisciplinary Crossroads, Bd. 3 (No. 1) April 2006, S. 117–134, S. 123 und als 1942 die Gattin seines hochgeschätzten Schriftsetzermeisters ihn verzweifelt bat, er möge doch ihren Mann retten und vor der Entsendung in die Strafkompanie IX.109/39, die für Juden den sicheren Tod bedeutete, sah er sie ungläubig an: „Madam, aber Ihr Gatte ist Jude!“Miklos N. Szilagyi: The Story of my Times (My 20th Century) Bd. 2: In the Wrong Place at the Wrong Time: Horthy’s soldiers in action (1942-43) S. 17.

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