Das Ich und das Es ist eine Schrift von Sigmund Freud, die am 24. April 1923 veröffentlicht wurde. Freud entwickelte darin ein Modell der Psyche und ihrer Funktionsweise.
Das Seelenleben wird demnach durch die Beziehungen zwischen drei Instanzen bestimmt, die schrittweise auseinander hervorgehen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Dieses genetische Strukturmodell der Psyche wird meist als zweite Topik bezeichnet, also als zweites räumliches Modell, im Unterschied zur ersten Topik, die Freud im November 1899 in Die Traumdeutung vorgelegt hatte.
Das Es enthält die psychischen Repräsentanzen der organischen Triebe, die auf sofortige Befriedigung drängen. Es enthält außerdem das Verdrängte: Vorstellungen, die früher bewusst waren. Das Es ist von der Außenwelt abgeschnitten; unter dem Einfluss der Außenwelt entsteht aus ihm das Ich. Das Ich kontrolliert den Zugang zur Außenwelt durch Wahrnehmung und Motorik und versucht, gestützt auf das Denken, eine realitätsangemessene Befriedigung der Es-Bedürfnisse herbeizuführen. Aus dem Ich entwickelt sich durch die Identifizierung mit den Eltern das Über-Ich. Das Über-Ich richtet seine Aggression gegen das Ich und kritisiert es; das Ich reagiert hierauf mit Schuldgefühlen, die häufig unbewusst sind.
Die Verdrängung oder Abwehr vollzieht sich nicht, wie Freud früher angenommen hatte, zwischen dem Bewusstsein als der verdrängenden Instanz und dem Unbewussten als dem Verdrängten. Die Instanzen, die die Verdrängung vollziehen, sind vielmehr das Ich und das Über-Ich; beide Instanzen sind teilweise unbewusst.
Freud hat dieses Modell in zwei Schriften weiter ausgearbeitet: in der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 1933 und im Abriss der Psychoanalyse von 1939/40.
Das entstandene Drei-Instanzen-Modell hat bis heute, trotz aller Weiterentwicklung und Kritik, große Bedeutung für die psychoanalytische Theoriebildung.
Inhalt Übersicht Zunächst hatte Freud angenommen, die Verdrängung vollziehe sich zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten. Diese Auffassung hat sich für ihn als nicht haltbar erwiesen. Die verdrängende Instanz ist keineswegs das Bewusstsein, sondern das Ich, und das Ich ist in wesentlichen Teilen unbewusst. Das Unbewusste ist also kein Teilsystem des psychischen Apparats, sondern eine Qualität des Psychischen, die sämtlichen Teilsystemen zukommen kann. Diese Auffassung nötigt Freud zu einer Revision seiner bisherigen Vorstellungen über den Aufbau des Seelenlebens. (Teil I, „Bewusstsein und Unbewusstes“)
Grundlage des Seelenlebens ist das Es, der Sitz von Empfindungen, Gefühlen, Leidenschaften und Objektbesetzungen, die allesamt unbewusst sind. Die Empfindungen des Es beruhen auf den Trieben, die Triebe drängen ohne Rücksicht auf die Außenwelt auf sofortige Befriedigung. Der Einfluss der Außenwelt führt dazu, dass sich aus dem Es das Ich ausdifferenziert. Das Ich vertritt dem Es gegenüber die Außenwelt; es versucht, vernünftig zwischen Es und Außenwelt zu vermitteln. Das Ich glaubt, das Es zu kontrollieren, wird aber tatsächlich oft von ihm beherrscht. Das Es ist auch der Ort des Verdrängten: von Vorstellungen, die früher einmal im Ich vorhanden und bewusst waren, die dann vom Ich ins Es abgeschoben und damit unbewusst wurden und die durch den kontinuierlichen Verdrängungswiderstand des Ichs daran gehindert werden, ins Ich zurückzukehren und wieder bewusst zu werden. (Teil II, „Das Ich und das Es“)
Aus dem Ich heraus entwickelt sich die dritte Instanz des psychischen Apparats, das Über-Ich. Es entsteht durch die Identifizierung mit beiden Eltern am Ende der ödipalen Phase, also etwa im fünften Lebensjahr. Die Identifizierung besteht darin, dass sich das Ich an Objekte angleicht, die vom Es besetzt werden. Mit dieser Angleichung bietet sich das Ich dem Es als Ersatzobjekt an. Diese narzisstische Wendung ermöglicht es dem Ich, die libidinösen Beziehungen des Es zu den Eltern zu verdrängen. Die erotischen Bindungen an die Eltern werden dadurch in unbewusster Form konserviert, die aggressiven Beziehungen zu ihnen werden umgewandelt in die Aggression des Über-Ichs gegen das Ich. Das Über-Ich ist also der Stellvertreter der frühen triebhaften Beziehungen zu den Eltern und damit der Repräsentant des Es gegenüber dem Ich. Das Über-Ich ist aber zugleich auch eine Reaktionsbildung gegen die libidinösen und aggressiven Triebregungen, also eine Verstärkung entgegengesetzter Einstellungen, mit der Aufgabe, die triebhaften Beziehungen zu den Eltern zu bekämpfen. (Teil III, „Das Ich und das Über-Ich (Ichideal)“)
Das Es gründet sich auf zwei Triebarten oder Triebgruppen: auf den Eros und auf den Todestrieb. Die Energie des Eros wird von Freud als „Libido“ bezeichnet, die Energie des Todestriebs hat bei ihm keine spezielle Bezeichnung. Die Libido nimmt wiederum zwei unterschiedliche Formen an: sie richtet sich entweder auf Objekte oder auf das Ich. Die libidinöse Besetzung von Objekten wird von Freud mit der Sexualität gleichgesetzt, die libidinöse Besetzung des Ichs heißt bei ihm Narzissmus; in dieser zweiten Form ist die Libido desexualisiert. Auch der Todestrieb tritt in zwei Gestalten auf. Primär ist er auf Selbstzerstörung aus; erst sekundär wird er auf äußere Objekte abgelenkt; diese Umlenkung kommt durch die Mischung mit den Sexualtrieben zustande, also mit objektbezogener Libido. Der Todestrieb strebt danach, das Lebendige letztlich wieder in einen unbelebten Zustand zu überführen. Das Ich verwandelt die direkt sexuelle, auf Objekte gerichtete Libido des Es in Libido, die sich auf das Ich richtet, in desexualisierte narzisstische Libido. Mit dieser Desexualisierungstendenz bekämpft das Ich den Eros; es steht insofern im Dienste des Todestriebs. Für das Es ist der Eros eine Quelle der Spannungssteigerung und damit der Unlust; das Es bekämpft die vom Eros hervorgerufenen Störungen, indem es auf rasche Triebbefriedigung drängt; hierbei orientiert es sich am Lustprinzip, am Streben nach Unlustvermeidung. Auch das Es steht also im Dienste der Bekämpfung des Eros und damit des Todestriebs. (Teil IV, „Die beiden Triebarten“)
Das Ich steht in dreierlei Abhängigkeiten: vom Es, von der Außenwelt und vom Über-Ich. Damit drohen ihm drei Arten von Gefahren, und es reagiert auf sie mit drei Arten von Angst. Mit der neurotischen Angst reagiert es auf die Gefahren, die ihm vonseiten der Libido des Es drohen, mit der Realangst antwortet es auf Gefahren aus der Außenwelt, und mit der Gewissensangst (dem Schuldgefühl) reagiert es auf die Gefahr, die vom Über-Ich her droht. Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Über-Ich ist geprägt durch die Aggression des Über-Ichs gegen das Ich und durch das hierauf antwortende Schuldgefühl des Ichs gegenüber dem Über-Ich. Die Aggression des Über-Ichs ist Erbin der Aggression des Es gegen die Eltern in der ödipalen Phase und damit ein Abkömmling des Todestriebs. Das Schuldgefühl ist die Modifikation einer Realangst: der Angst des Ichs davor, von den Eltern verlassen zu werden; die Angst, verlassen zu werden, beruht wiederum auf der Kastrationsangst. Das Schuldgefühl ist teilweise unbewusst, es äußert sich dann als Strafbedürfnis. In der psychoanalytischen Therapie zeigt sich das unbewusste Schuldgefühl darin, dass der Patient an der Strafe des Leidens festhält und deshalb nicht gesund wird; das unbewusste Schuldgefühl ist also eine der Ursachen für die negative therapeutische Reaktion, für die Verschlimmerung des Leidens im Verlauf der Behandlung. (Teil V, „Die Abhängigkeiten des Ichs“)
Bewusstsein und Unbewusstes (Teil I) Die Unterscheidung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten ist grundlegend für die Psychoanalyse. Der deskriptive Begriff des Unbewussten hat zwei Bedeutungen. Er bezieht sich einerseits auf Vorstellungen, die aktuell nicht im Bewusstsein sind, die aber jederzeit bewusst werden können. Er bezieht sich außerdem auf Vorstellungen, die durch eine Kraft daran gehindert werden, bewusst zu werden, durch den Widerstand des Ichs. Freud nennt die erste Art des Unbewussten das Vorbewusste. Nur die zweite Art des Unbewussten, das nicht nur deskriptiv, sondern auch dynamisch Unbewusste, ist das Unbewusste im Sinne der Psychoanalyse.
Die Verdrängung und damit die Neurose vollzieht sich keineswegs, wie Freud zunächst angenommen hatte, im Verhältnis zwischen einem verdrängenden Bewusstsein und einem verdrängten Unbewussten. Die verdrängende Instanz ist vielmehr das Ich, und für dieses Ich gilt, dass es in wesentlichen Teilen unbewusst ist. Vom Ich geht der Widerstand gegen die Aufhebung der Verdrängung aus, und dieser Widerstand ist dem Ich weitgehend unbewusst. Demnach gibt es neben dem Vorbewussten und dem Verdrängten noch eine dritte Art des Unbewussten. Damit scheidet die Möglichkeit aus, die Opposition von Bewusstem und Unbewusstem zur Unterscheidung der verschiedenen Bereiche des Seelenlebens zu verwenden. Zur Verarbeitung dieser Einsicht entwirft Freud eine neue Konzeption des psychischen Apparats.
Das Ich und das Es (Teil II) mini|Freuds Zeichnung im Buch „Das Ich und das Es“ von 1923. Freud nimmt an, dass der psychische Apparat aus verschiedenen Teilen besteht – „Instanzen“ oder „Systemen“ –, und er erklärt die Beziehungen zwischen den Teilen des Apparats mit Hilfe eines räumlichen Modells, einer Topik (vom griechischen Wort topos für: „Ort“). In Das Ich und das Es illustriert er diese Topik mit Hilfe einer Zeichnung. Ein anderes Raummodell des Psychischen hatte Freud bereits 1899 in Die Traumdeutung vorgelegt; das in Das Ich und das Es entwickelte Strukturmodell wird deshalb häufig als zweite Topik bezeichnet.
Das psychische Individuum ist ein Es, dem ein Ich oberflächlich aufsitzt. Den Begriff des Es übernimmt Freud ausdrücklich von Georg GroddeckFußnote im Kapitel II: "G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1923". In: Gesammelte Werke, Bd. 13. Imago, London 1940, S. 251.; das substantivierte Personalpronomen soll bei Groddeck darauf verweisen, dass wir von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten „gelebt“ werden. Für Freud ist das Es ein „quantitativ-qualitativ Anderes im seelischen Ablauf“ (S. 291), es ist unbewusst, in ihm herrscht uneingeschränkt das Lustprinzip. Zum Es gehören die Empfindungen und Gefühle, die von den Trieben ausgehen; es ist der Stammsitz der Triebenergie, darunter der Libido; alle Ich-Libido ist sekundär. Vom Es gehen die Objektbesetzungen aus. Da die Triebe miteinander im Konflikt liegen, ist das Es der Ort widerstreitender Empfindungen, Gefühle und Objektbesetzungen. Das Es ist auch der Ort des Verdrängten (in der Zeichnung „Vdgt“), also von Vorstellungen, die durch den Widerstand des Ichs daran gehindert werden, bewusst zu werden.