Die sozialräumliche Struktur (auch: sozialräumliche Strukturen; sozialräumliche Gliederung; sozialräumliche Organisation; sozialräumliche Entwicklung) bildet das Verhältnis zwischen Sozialstruktur und Raum ab.

Unter Raum wird hier kein statischer „Behälter“ verstanden, sondern verschiedene, durch gesellschaftliche Entscheidungen vorangetriebene Ausprägungen räumlicher Entwicklungen (z. B. durch Wohnbebauungen, Flurbereinigungen, Verkehrsinfrastrukturen, Grünzüge, Sportstätten). Besonderes Interesse bei der Beschreibung sozialräumlicher Strukturen findet darum die „gebaute Umwelt“ (engl.: built environment). Es gibt nicht ‚den‘ Raum, sondern physischen Raum und sozial produzierten Raum, die wechselseitig aufeinander bezogen sind. Jedenfalls für das menschliche Erkenntnisvermögen, weil der Mensch von Beginn an ein soziales Wesen ist.

Die Sozialstruktur ist die Gesamtheit der sozialen Wirkungszusammenhänge und der relativ dauerhaften Grundlagen einer Gesellschaft. Die Sozialstruktur bezeichnet die sich aus der jeweiligen Gesellschaftsform ergebende Zugehörigkeit von Menschen zu Klassen, Schichten, Milieus, Ethnien oder Geschlechtsidentitäten. Sozialstruktur beinhaltet darum u. a. Vermögens-, Einkommens-, Macht-, Prestige- und Geschlechterordnungen.Bernhard Schäfers: Sozialstruktur. In: Ders. (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, 7. Auflage. Leske+Budrich, Opladen 2001, S. 330–333.

In vielen Städten der Bundesrepublik Deutschland ist die sozialräumliche Struktur durch weiter wachsende soziale Disparitäten in ihr gekennzeichnet.Für Berlin siehe: https://www.berlin.de/sen/sbw/stadtdaten/stadtwissen/monitoring-soziale-stadtentwicklung/bericht-2021/

Die Anordnung der Strukturelemente der sozialräumlichen Struktur wird (auch) durch menschliche Handlungen und soziale Beziehungen verursacht. Die meisten Soziologen gehen davon aus, dass die Sozialstruktur einer Gesellschaft entscheidend bleibt für sozialen Wandel; und damit auch für die Ausformung sozialräumlicher Struktur.

Politische, historische und soziale Bedingtheiten sozialräumlicher Struktur Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der deutsche Soziologe Georg Simmel festgestellt, dass z. B. ein gemeinschaftlich genutztes Haus als Wohn- oder Versammlungsstätte der räumliche Ausdruck seiner soziologischen Energien ist. Für Simmel erhielt der Raum also erst durch die im Raum sich vollziehenden Prozesse sozialen Handelns des Menschen seine spezifische Struktur.Eine dezidierte Theorie dazu arbeitete der Schweizer Geograph Benno Werlen aus. Georg Simmel beeinflusst(e) zudem die Kritische Geographie. Für den französischen Soziologen Emile Durkheim gehörte der 'Raum' zu einem „Substrat“, auf dem jede Gesellschaft ruht (Konzept der 'morphologie sociale').

Die britische Humangeographin Doreen Massey merkte (unter Berücksichtigung der Studien des französischen Soziologen Henri Lefebvre) zum Verhältnis von Raum/Räumlichkeit zum Sozialen an:„Damit trat zum Aphorismus der 1970er Jahre, dass Raum sozial konstruiert ist, in den 1980er Jahren die andere Seite der Medaille hinzu, dass auch das Soziale räumlich konstruiert ist. Und das macht einen Unterschied. In anderen Worten und in der weitestgehenden Formulierung heißt das, dass Gesellschaft notwendigerweise räumlich konstruiert ist, und dass diese Tatsache – die räumliche Organisation von Gesellschaft – relevant dafür ist, wie diese funktioniert. Wenn aber die räumliche Organisation relevant dafür ist, wie Gesellschaft funktioniert und wie sie sich verändert, dann sind Raum und Räumlichkeit, statt ein Bereich der Erstarrung zu sein, in die Produktion von Geschichte verwickelt und damit (…) potentiell politisch.“Doreen Massey: Politik und Raum/Zeit, 1992 erschienen unter dem Titel Politics and Space/Time in: New Left Review, Heft 196, zit. nach der Übersetzung von Boris Michel in: Bernd Belina, Boris Michel (Hrsg.): Raumproduktionen. Beiträge der Radical Geography. Eine Zwischenbilanz. Münster: Westfälisches Dampfboot 2007, S. 116f.Der britisch-kanadische Geograph Derek Gregory formulierte: „The production of space is not a incidental by-product of social life but a moment intrinsic to its conduct and constitution …“Derek Gregory: Geographical Imaginations. Cambridge, Mass. 1994, p. 414.

Die deutschen Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel beschrieben „sozialräumliche Struktur“ folgendermaßen:„Eine Stadt bildet einen Sozialraum. Ihre sozialräumliche Struktur ist das Ergebnis komplexer Prozesse, in deren Verlauf die unterschiedlichen sozialen Gruppen und Milieus ihren Ort in der Stadt finden bzw. zugewiesen bekommen. Dabei spielen Marktprozesse ebenso eine Rolle wie Machtprozesse, individuelle oder Gruppenpräferenzen ebenso wie historische Entwicklungen.“Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung. Unter Mitarbeit von Jens Wurtzbacher. Campus, Frankfurt/M./New York 2004, S. 139.Hartmut Häußermann setzte in einer weiteren Definition „sozialräumliche Struktur“ eng in Beziehung zur Entwicklung der sozialen Ungleichheit innerhalb einer Stadt:„Die sozialräumliche Struktur der Stadt ist Ausdruck von ungleichen Einkommens-, Macht- und Prestigeordnungen, insgesamt also Ausdruck der sozialen Ungleichheit in ihr. Diese sozialräumliche Struktur ergibt sich einerseits aus Marktbeziehungen zwischen Anbietern und Nachfragern von Wohnungen bzw. Grundstücken für kommerzielle Nutzungen, andererseits aber auch aus stadtplanerischen Entscheidungen und aus Investitionen der öffentlichen Verwaltung. Die sozialräumliche Struktur ist daher nicht nur Abbild der sozialen Ungleichheit in der Stadt, sondern sie kann diese soziale Ungleichheit auch verstärken – oder im Gegenteil – kompensieren.“Hartmut Häußermann: Die Stadt als sozialer Raum. In: Institut für Länderkunde, Leipzig (Hrsg.): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Bd. 5 : Dörfer und Städte. Mitherausgegeben von Klaus Friedrich, Barbara Hahn und Herbert Popp. Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag 2002, S. 26.Viele Aspekte der sozialräumlichen Struktur geraten erst durch historische Betrachtungsweisen in den Blick. Die neuere Geschichtswissenschaft nimmt ein derartig dynamisches und soziales Raumverständnis auf.

Ausgewählte Aspekte des Verhältnisses zwischen Sozialstruktur und Raum Raumstrukturen können sich als (mehr oder weniger) soziale StrukturenKarl-Dieter Keim: Das Fenster zum Raum. Traktat über die Erforschung sozialräumlicher Transformation. Leske + Budrich, Opladen 2003, S. 13. erweisen: Ein wichtiger Aspekt sozialräumlicher Struktur ergibt sich durch die Verteilung der (sozial vorstrukturierten) Bewohner auf den (räumlich vorstrukturierten) Wohnungsbestand. Beides ist nicht statisch, sondern ein Produkt sozio-ökonomischer Prozesse. Wohnraummangel ist darum vorrangig nicht ein räumliches, sondern ein soziales Problem (siehe u. a. Wohnungslosigkeit). Bei der Steuerung des Wohnungsbaus spielt die Wohnungspolitik eine wichtige Rolle. an (räumlichen) Standorten, die erhöhten Umweltrisiken ausgesetzt sind (Lärm- und Geruchsbelästigungen, Emissionen von Giften, Bodenverunreinigungen u. a.) müssen vergleichsweise mehr Bevölkerungsgruppen mit einem geringen sozialen Status leben. Ein anderer Aspekt ist die räumliche Nähe (bzw. der Verlust dieser Nähe) zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Schichten. Die etablierte sozialräumliche Struktur kann Ausgrenzung, aber auch soziale Inklusion begünstigen. Es gilt jedoch: Ausgrenzung und Inklusion sind nicht nur Fragen räumlicher Nähe und des Kontakts verschiedener sozialer Schichten untereinander. Wird in Gesellschaften die Vorstellung geteilt, dass Angehörige verschiedener Völker, Kulturen und Ethnien (bzw. historisch auch „Rassen“) unter sich bleiben und keinen Umgang miteinander pflegen sollten, so bilden sich entsprechende sozialräumliche Strukturen heraus (räumliche Trennungen; wohnräumliche Konzentrationen). Werden die durch Menschen auf der Erde nutzbaren Räume zu immer knapperen Gütern (z. B. durch Folgen des Klimawandels, bedingt durch Machtmissbrauch politischer und ökonomischer Eliten, bedingt durch Kriege), dann gewinnen räumliche Entwicklungen für die allgemeine Entwicklung der Sozialstruktur an Bedeutung. Die Konstruktion von Geschlecht und Raum schlägt sich in der sozialräumlichen Struktur einer Gesellschaft nieder. Eines unter vielen Beispielen: Viele (ältere) migrantische Frauen haben weder ein eigenes Fahrrad noch ein eigenes Auto. Sie sind deshalb stärker als andere gesellschaftliche Gruppen auf einen gut ausgebauten ÖPNV angewiesen (= Mittel der Raumüberwindung; Erreichbarkeit (Verkehr); Deutschlandticket). Die Beschaffenheit der sozialräumlichen Struktur einer Stadt erweist sich u. a. an der Ausgestaltung des Verkehrsraums der Stadt (Teilhabe der Verkehrsteilnehmer). Räumliche Mobilität und (in Teilen der Bevölkerung der Bundesrepublik) Abwärtsmobilität (soziale Abstiege) nehmen Einfluss auf die sozialräumliche Struktur. Beide Formen der Mobilität haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen und verändern die Bedingungen des Zusammenlebens vor Ort (z. B. die Langfristigkeit von bürgerschaftlichem Engagement). Verbindungen zwischen den Bildungseinrichtungen und ihren (räumlichen) Umwelten formen die sozialräumliche Struktur; diese Verbindungen können die sozialräumliche Struktur inklusiver gestalten, zum Beispiel durch die Umsetzung von Konzepten einer Bildungslandschaft.Vor der Verwendung eines naiven Landschaftsbegriffes und einer 'Verdinglichung' dabei warnend, erneut: Christian Reutlinger: Raum, Bildung, Landschaft. Eine Analyse von Bildungslandschaftskonzepten aus landschaftstheoretischer Sicht. In: https://www.sozialraum.de/raum-bildung-landschaft.php (2024) Wenn Menschen einzelnen Räumen besondere Bedeutungen für ihr Sozialleben zuschreiben (hingegen anderen Räumen nicht), so nimmt das Einfluss auf die Ausformung sozialräumlicher Struktur. Zudem können sich Sozialräume unterschiedlicher Qualität/Quantität innerhalb gleicher physischer Grenzen befinden. Beispiele wären unterschiedliche Raumaneignungsstrategien durch Kinder oder sehr alte Menschen und ihre jeweilige Resonanz in städtebaulichen Maßnahmen oder der Gemeinwesenarbeit (GWA). Durch barrierefreies Bauen wird mehr Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht (z. B. durch Bodenleitsysteme). Die sozialräumliche Struktur in den Städten wird auch durch die Attraktivität (bzw. die mangelnde Attraktivität) des städtischen Umlands und ländlicher Räume beeinflusst. Sie ist u. a. ein Faktor beim Zuzug in die Stadt. Landwirtschaftlich genutzte Räume sind ebenfalls durch sozialräumliche Strukturen gekennzeichnet. Ein Beispiel zur Veränderung der sozialräumlichen Struktur wäre dort etwa: Die Entwicklung der Eigentümerstruktur an Grund und Boden, ihre wirtschaftlichen, sozialen und raumwirksamen Folgen (z. B. durch landwirtschaftsfremde Investoren). Ein anderes Beispiel: Der Historiker Ewald Frie beschreibt, wie sich das Verhältnis von sozialen Klassen auf dem Land (Westfalen) noch bis in die 1960er Jahre gestalten konnte: „Um ins Dorf zu fahren, musste es Gründe geben. Soziale Verbindungen gehörten bis in die 1960er Jahre für Bauernfamilien wie uns eher nicht dazu. Das Dorf war ein Ort der kleinen Leute, zu denen Bauernfamilien wie wir sich nicht zählten.“Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland. Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg. Frankfurt/M. u. a. 2023, S. 21. Soziale Landwirtschaft (siehe auch Green Care) und Solidarische Landwirtschaft sind Initiativen, die auf eine inklusivere sozialräumliche Struktur (nicht nur) im ländlichen Raum zielen.