Das Große Benediktbeurer Passionsspiel ist eines von sechs geistlichen Spielen aus der um 1230 wahrscheinlich in Tirol, möglicherweise im Kloster Neustift bei Brixen entstandenen Sammelhandschrift Codex Buranus.Rolf Bergmann: Katalog der deutschsprachigen geistlichen Spiele und Marienklagen des Mittelalters. Unter Mitarbeit von Eva Pauline Diedrichs. Beck, München 1986, S. 266. Es gilt als einziges vollständig überliefertes lateinisch-mittelhochdeutsches Passionsspiel des Mittelalters.Ingeborg Glier (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. 1250–1370. Reimpaargedichte, Drama, Prosa. Von Helmut de Boor und Richard Newald. Beck, München 1987, S. 186. Inhaltlich und sprachlich orientiert es sich stark an der biblischen Passionsgeschichte. Gegenstand sind außerdem Passagen in Strophenform wie die Marienklagen sowie die vom Bibeltext ebenfalls abweichende Magdalenenszene, die zugleich einen Schwerpunkt darstellt und beispielhaft verdeutlicht, dass das Spiel nicht als Darstellung historischen Geschehens, sondern als dessen Deutung zu verstehen ist.
Angesichts der teilweise unübersichtlichen, von verschiedenen Händen ausgeführten Niederschrift sind der genaue Umfang des Spiels sowie die Reihenfolge einzelner Szenen strittig. Die Autoren des aus Stücken unterschiedlicher Herkunft zusammengesetzten Benediktbeurer Passionsspiels sind unbekannt. Das Spiel steht unter der Nummer 16* im Anhang des Codex Buranus, dessen Inhalt als Carmina Burana (Lieder aus Benediktbeuern) bezeichnet wird. Die Handschrift wurde 1803 im Kloster Benediktbeuern entdeckt. Ihre heutige Popularität verdanken die Carmina Burana dem Komponisten Carl Orff, der Ausschnitte, auch aus dem Benediktbeurer Passionsspiel, vertonte und 1937 uraufführen ließ.
Inhalt des Benediktbeurer Passionsspiels
Aufbau und Gliederung
Das Benediktbeurer Passionsspiel ist aufgebaut aus biblischen und liturgischen Texten sowie rhythmischen lateinischen und deutschen Strophen. Thematisch ist es in neun Szenen unterteilt.Benedikt Konrad Vollmann (Hrsg.): Carmina Burana. Texte und Übersetzungen. Mit den Miniaturen aus der Handschrift und einem Aufsatz von Peter und Dorothee Diemer. Bibliothek des Mittelalters, Bd. 13. Deutscher Klassiker-Verlag, Frankfurt am Main 1987, S. 1280.
Berufung der Jünger (V. 1–16) Magdalenenszene (V. 17–166) Erweckung des Lazarus; Verrat des Judas (V. 167–183) Ölberg (V. 184–204) Verleugnung des Petrus und Prozess Jesu (V. 205–239) Judas’ Reue (V. 240–243) Kreuzigung (V. 244–247) Marienklagen (V. 248–308) Jesu Tod (V. 309–322)
Andere Editionsausgaben nehmen eine feinere Gliederung vor. Hintergrund sind unter anderem Versuche, bestimmte Passagen, an deren sinnvoller Reihenfolge in der Überlieferung es Zweifel gibt, neu anzuordnen. Alfons Hilka, Otto Emil Schumann und Bernhard Bischoff sehen wie andere zudem einen im Codex Buranus im Anhang überlieferten und als Nummer 23* geführten Gesang des Joseph von Arimathia, der den Leib Christi bestattet, dem Benediktbeurer Passionsspiel zugehörig und fügen ihn am Ende des Spiels hinzu. Sie unterteilen das Spiel in 31 Szenen.Bernhard Bischoff, Alfons Hilka (Hrsg.): Carmina Burana. Die Trink- und Spielerlieder, die geistlichen Dramen. Mit Benutzung der Vorarbeiten Wilhelm Meyers kritisch herausgegeben von Alfons Hilka und Otto Schumann, Bd. 3. Winter, Heidelberg 1970, S. 266f.
Jüngerberufung (V. 2–3) Heilung eines Blinden (V. 4–7) Jesus und Zachäus (V. 8–10) Einzug in Jerusalem (V. 11–15) Gastmahl des Simon Phariseus (V. 16–18) Weltleben der Maria Magdalena (V. 19–87) Bekehrung der Maria Magdalena (V. 88–122) Salbung Jesu durch Maria Magdalena (V. 123–166) Auferweckung des Lazarus (V. 167–171) Verrat des Judas (V. 172–183) Abendmahl (V. 183c) Gebet auf dem Ölberg (V. 184–191) Gefangennahme Jesu (V. 192–205) Verleugnung des Petrus (V. 204a–204f) Beratung der Juden (V. 206–209) Jesus vor Pilatus (V. 210–214) Jesus vor Herodes (V. 215–216) Aussöhnung des Pilatus und des Herodes (V. 216b) Geißelung (V. 226a) Dornenkrönung (V. 227–228) Verurteilung Jesu durch Pilatus (V. 240) Reue des Judas (V. 241–243) Jesus auf dem Weg nach Golgatha (V. 240a) Jesus und die Töchter von Jerusalem (V. 244) Kreuzigung (V. 244a) Anbringung der Inschrift am Kreuz (V. 245–247) Marienklage (V. 248–270) Kreuzesworte (V. 271–274, 277, 282–284) Heilung des Longinus (V. 275–276, 278–281) Begräbnis Jesu (Nr. 23*, V. 1–16) Prolog (V. 1)
Uneinigkeit herrscht, wie die beiden Beispiele schon zeigen, auch über die Verszählung, die deshalb von Ausgabe zu Ausgabe teilweise stark abweicht. Unter anderem ist strittig, ob um der Übersicht willen die Regieanweisungen entgegen früheren Verfahrensweisen mitgezählt werden sollten.Eduard Hartl (Hrsg.): Das Benediktbeurer Passionsspiel. Das St. Galler Passionsspiel. Niemeyer, Halle an der Saale 1952, S. 7.
Haupt- und Nebentext
Die Regieanweisungen werden im Benediktbeurer Passionsspiel auffallend ausführlich gegeben. In der Handschrift sind sie mit größeren Buchstaben und mit roter Tinte notiert vom Haupttext deutlich abgesetzt.Hartl 1952, S. 4. Zu Beginn des Spiels unterscheiden sie sich von der heutigen Praxis in ihrer distanzierten Formulierung, die möglicherweise den Unterschied zwischen Darsteller und dargestellter Figur verdeutlichen soll. So beginnt etwa die Regieanweisung zwischen den ersten beiden Versen mit den Worten „Postea vadat dominica persona […]“ (‚Dann soll jener, der den Herrn darstellt […]‘).Übersetzung der lateinischen Textstellen übernommen aus: Günter Bernt (Hrsg.): Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Vollständige Ausgabe des Originaltextes nach der von Bernhard Bischoff abgeschlossenen kritischen Ausgabe von Alfons Hilka und Otto Schumann. Übersetzung der lateinischen Texte von Carl Fischer, der mittelhochdeutschen Texte von Hugo Kuhn. Anmerkungen und Nachwort von Günter Bernt. 2. Auflage. dtv, München 1983. Übersetzung der mittelhochdeutschen Texte: eigene Übersetzung. Im weiteren Verlauf werden uns vertraute Wendungen wie „Iesus dicit“ (‚Jesus sagt‘) oder „Iesus respondet“ (‚Jesus soll antworten‘) verwendet.
Figurenrede
Die geistlichen Spiele gelten als Hauptgruppe der mittelalterlichen Dramen und sind Produkt der Weiterentwicklung der älteren Feiern. Die verwendete Sprache beginnt sich zwar nur langsam von den liturgischen Texten zu lösen, es kommt aber zum verstärkten Einsatz der direkten Figurenrede,Karl Langosch: Geistliche Spiele. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1957. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1961, S. 246. die auch im Benediktbeurer Passionsspiel dominiert. Nur bis zum Beginn der Magdalenenszene in Vers 19Alle Versangaben beziehen sich, wenn nicht anders gekennzeichnet, auf Günter Bernt (Hrsg.): Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Vollständige Ausgabe des Originaltextes nach der von Bernhard Bischoff abgeschlossenen kritischen Ausgabe von Alfons Hilka und Otto Schumann. Übersetzung der lateinischen Texte von Carl Fischer, der mittelhochdeutschen Texte von Hugo Kuhn. Anmerkungen und Nachwort von Günter Bernt. 2. Auflage. dtv, München 1983. übernimmt wahrscheinlich ein Sprecher oder ein Chor die Erklärung der Rahmenhandlung. Die Regieanweisungen bleiben diesbezüglich jedoch unklar.
Handlung
Eine solche vermutlich von einem Sprecher oder Chor vorgetragene Passage leitet das Benediktbeurer Passionsspiel ein. Inhaltlich greift sie die in der Chronologie des Spiels erst viel später vorgesehene Verurteilung und Dornenkrönung Jesu auf. Hilka, Schumann und Bischoff werten die Szene als Prolog.Bischoff, Hilka 1970. S. 266f.
Beginnend mit der Berufung der Jünger ist im Folgenden, wenn auch stark verkürzt, so doch in enger Orientierung an der biblischen Vorlage, die Passionsgeschichte Gegenstand des Spiels. Für die Darstellung der eigentlichen (Passions-)Handlung wurden in der Hauptsache biblische Texte verwendet.Bischoff, Hilka 1970. S. 166. Darüber hinaus bedient sich das Benediktbeurer Passionsspiel Stücken verschiedenen Ursprungs,Steinbach 1970. S. 112. so der Marienklagen, die vor der mit Jesu Tod endenden Schlussszene breiten Raum einnehmen, und der im Folgenden weiter erläuterten Magdalenenszene, die zugleich eine Besonderheit und einen Schwerpunkt des Spiels bildet.
Die Magdalenenszene
Ursprung und Verbreitung
Magdalenenszenen haben in unterschiedlichen Variationen Aufnahme in alle heute noch bekannten mischsprachigen Passionsspiele gefunden.Glier 1987. S. 191. Ihr unterschiedlicher Umfang repräsentiert die Vielfalt der je nach Einstellung und Mitteln einer Kirche zum Teil sehr einfachen und kurzen, zum Teil sehr aufwendigen und ausführlichen geistlichen Spiele der Zeit.Bernt 1983. S. 853.
Vorlage der Magdalenenszene des Benediktbeurer Passionsspiels war ein MagdalenenspielZur begrifflichen Unterscheidung wird hier zwischen einer Magdalenenszene als Teil eines anderen Spiels und einem eigenständigen Magdalenenspiel differenziert, wohl wissend, dass die Magdalenenszene des Benediktbeurer Passionsspiels gern auch als Magdalenenspiel bezeichnet wird. in lateinischer Sprache, das Bernhard Bischoff aus dem im Benediktbeurer Passionsspiel und im auf das frühe 14. Jahrhundert datierten Wiener Passionsspiel überlieferten Magdalenenszenen rekonstruierte.Bischoff, Hilka 1970. S. 166. Inhaltlich sind das ausschweifende, auf weltliche Verlockungen fokussierte Leben und die anschließende Bekehrung der Maria Magdalena nach der mehrmaligen Intervention eines Engels Gegenstand.
Deutung
Weltleben der Maria Magdalena
Ansatzpunkt für die Analyse der Entwicklung der Magdalenenszene ist zunächst die sehr unterschiedliche Darstellung in Bezug auf die Todsünden Superbia (Hochmut) und Luxuria (Wollust), derer Maria Magdalena sich nach gängiger Deutung schuldig macht. Während die Beschreibung in den rein lateinischen Fassungen auf die Körperpflege und die im Tanz zum Ausdruck gebrachte Körperlust beschränkt ist und es somit bei Anspielungen bleibt, werden in den mischsprachigen Passionsspielen Hurerei und Freude an der eigenen Schönheit klar benannt.Glier 1987. S. 182. In diesem Zusammenhang ist auch eine Bemerkung Günter Bernts zu sehen, die Aufnahme volkssprachiger Strophen zeige, dass die geistlichen Spiele zunehmend nicht nur Kleriker, sondern ein größeres Publikum ansprechen sollten.Günter Bernt: Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Vollständige Ausgabe des Originaltextes nach der von Bernhard Bischoff abgeschlossenen kritischen Ausgabe von Alfons Hilka und Otto Schumann. Übersetzung der lateinischen Texte von Carl Fischer, der mittelhochdeutschen Texte von Hugo Kuhn. Anmerkungen und Nachwort von Günter Bernt. 2. Auflage. dtv, München 1983, S. 973. Diesbezüglich könnte sich neben der Verständlichkeit der Sprache auch die Darstellungsform zugunsten der Popularität des Passionsspiels ausgewirkt haben.
Günter Bernt sieht die Figur der Maria Magdalena im Magdalenenspiel als Verkörperung des Menschen, „der den Freuden des Diesseits ergeben ist“.Bernt 1983. S. 973. Nicht zuletzt der Beginn der Magdalenenszene des Benediktbeurer Passionsspiels mit Maria Magdalenas ersten Worten „Mundi delectatio“ (‚Sei gepriesen, Lust der Welt‘) in ihrem als Vagantenstrophe verfassten Auftrittslied (V. 19–26) spricht für diese Deutung.