mini|Oberarmknochen-Fragment eines Neandertalers mit Schnittspuren Schnittspuren auf Tierknochen sind in der Archäologie ein Indiz dafür, dass diese Tiere von Menschen oder ihren homininen Vorfahren mit Steinwerkzeugen geschlachtet oder anderweitig genutzt wurden. Daher dienen Schnittspuren für den Beweis menschlicher Manipulationen in Fundvergesellschaftungen der älteren Urgeschichte. Kriterien wie regelhafte Querschnitte der Spuren dienen dabei zur Abgrenzung gegenüber Kratzern, die durch andere Beschädigungen (zum Beispiel Verbiss durch Karnivoren) oder Umlagerung im Sediment entstanden sind. Zur Bewertung von Schnittspuren sind neben ihrer Lage auf den Knochen vor allem Aufnahmen mit Auflicht-, Laserscan- oder Rasterelektronenmikroskopen von Bedeutung.Pat Shipman: Applications of Scanning Electron Microscopy to Taphonomic Problems. Annals of the New York Academy of Sciences 376, 1981, S. 357–385Jill Cook: The Application of Scanning Electron Microscopy to Taphonomic and Archaeological Problems. In: Roe, D.A. (Hrsg.): Studies in the Upper Paleolithic of Britain and Northwest Europe. BAR International Series 296, 1986, S. 143–163
Methodische Grundlagen Belege oberflächiger Schnittspuren auf Knochen besitzen seit den Anfängen ihrer InterpretationLewis Binford: Bones: Ancient Men and Modern Myths. New York, 1981 einen hohen Stellenwert für den Beweis menschlicher Eingriffe in Fundensembles der Altsteinzeit. Die Regelmäßigkeit von Schnitten, die mit Steinwerkzeugen gezogen wurden, ist in Experimenten belegt worden und daher mit ähnlichen mikroskopischen Befunden am archäologischen Material vergleichbar.Leif Steguweit: Gebrauchsspuren an Artefakten der Hominidenfundstelle Bilzingsleben (Thüringen). Tübinger Arbeiten zur Urgeschichte, Band 2, VML Verlag, Rahden/Westf. 2003, ISBN 3-89646-852-9 (PDF-Download), S. 115–134 Alternativ können Schrammen an archäologischen Funden durch die Sedimentlast entstanden sein, oder durch Trampling (engl. Fachausdruck für Schrammen durch Begehung von Tieren oder Menschen).Sandra L. Olsen, Pat Shipman: Surface modification on bone: trampling versus butchery. Journal of Archaeological Science 15, 1988, S. 535–553, doi:10.1016/0305-4403(88)90081-7. Veränderungen durch Oberflächenverwitterung der Knochen können recht gut durch Symptome taphonomischer Verwitterungsstadien beurteilt werden.Anna Katherine Behrensmeyer: Taphonomic and ecologic information from bone weathering. In: Paleobiology. Band 4, 1978, S. 150–162, PDF-Download.
Methodische Kriterien zur Unterscheidung von Schnittspuren und anderen oberflächigen Schrammen sind folgende:
Schnittspuren weisen relativ gerade Ränder auf. Im Querschnitt sind sie stets regelhaft V-förmig, spitz U-förmig oder trapezförmig, je nach eingesetzter Werkzeugkante. Da die Knochenhaut mit einer gerichteten Bewegung zerschnitten wird, entsteht oft ein Materialauswurf entlang der Spurenränder. Dieser „Schneepflug-Effekt“ kann je nach aufgesetztem Winkel des Feuersteinwerkzeugs symmetrisch oder eher einseitig ausgeprägt sein. An archäologischem Material ist der Materialauswurf in aller Regel verwittert und nicht mehr existent.
Die Tiefe von Schnittspuren beträgt in Experimenten meist weniger als 100 Mikrometer, wobei schon für diese Tiefe ein erheblicher Druck beim Schneiden ausgeübt werden muss.Silvia M. Bello, Christophe Soligo: A new method for the quantitative analysis of cutmark micromorphology. In: Journal of Archaeological Science. Band 35, Nr. 6, 2008, S. 1542–1552, doi:10.1016/j.jas.2007.10.018. Dabei leistet das Periost einen nicht zu unterschätzenden Widerstand, so dass Spuren von etwa 100 Mikrometer das Maximum an Eindringtiefe bei normalem Kraftaufwand darstellen. Ein sehr hoher Kraftaufwand beim Schneiden verändert den Spurenquerschnitt von einem flachen, spitz-trapezoiden zu einem tiefen, V-förmigen Profil. Bei waidmännischen Arbeitsabläufen gibt es jedoch keinen Grund, stark in die Knochenoberfläche zu schneiden.Gary Haynes: Mammoths, Mastodonts & Elephants: Biology, Behavior, and the Fossil Record. Cambridge 1991 Neue Untersuchungen bestätigen bei Experimenten mit Faustkeilen, dass auch hier die Eindringtiefen nicht mehr als 125 Mikrometer betragen.Bello, S.M., Parfitt, S.A., Stringer, C.: Quantitative micromorphological analyses of cut marks produced by ancient and modern handaxes. In: Journal of Archaeological Science. Band 36, 2009, S. 1869–1880, doi:10.1016/j.jas.2009.04.014.
Werkzeuge verschiedener Materialien weisen diagnostische Unterschiede auf. Auch hier ist vor allem der Spurenquerschnitt entscheidend, die Tiefe der Spuren dagegen weniger vom Material, sondern mehr von der subjektiven Handhabung der Werkzeuge abhängig. Während in einigen Experimenten mit Metallmessern tiefere und schärfere Spuren erzeugt wurden als mit Messern (Abschlägen) aus FeuersteinGreenfield, H. J.: Distinguishing metal (steel and low-tin bronze) from stone (flint and obsidian) tool cut marks on bone: an experimental approach. In: Mathieu, J.R. (Hg.): Experimental Archaeology: Replicating Past Objects, Behaviors and Processes. British Archaeological Reports, International Series 1035, 2002, S. 35–54, wird von anderen Versuchen das Gegenteil beschrieben.
Schnittspuren sind meist Arbeitsspuren und sollten an anatomisch plausiblen Stellen liegen. Das heißt, dass ein Schneiden auf dem Knochen an der jeweiligen Stelle durch einen funktional nachvollziehbaren Arbeitsprozess erfolgt sein sollte. In Experimenten zur Tierzerlegung mit Steinwerkzeugen treten markante Schnittspuren selten auf. Daher ist es eher notwendig, Gründe für ein massives Auftreten von Schnittspuren am archäologischen Objekt zu finden als für sehr schwache Spuren oder deren vollständiges Fehlen.Leif Steguweit: Schnittspur oder Tierverbiss? Ein Beitrag zu Modifikationen auf pleistozänen Knochenoberflächen. In: R. de Beauclair, S. C. Münzel und H. Napierala (Hrsg.): Knochen pflastern ihren Weg. Festschrift für Margarethe und Hans-Peter Uerpmann. Rahden/Westf. (M. Leidorf), 2009, S. 247–258 (PDF-Download)
Fasst man die Merkmale von Schnittspuren zusammen, so bietet die Profilcharakteristik zuverlässige Abgrenzungskriterien gegenüber anderen mechanischen Beschädigungen. Spureninterne Riefen („Striae“) sind hingegen kein Kriterium zur Identifikation einer Schnittspur, da diese auch bei Schrammen durch Großsäuger-Trampling auftreten.Haynes, G.: Mammoths, Mastodonts & Elephants: Biology, Behavior, and the Fossil Record. Cambridge 1991, S. 158–164
Schnittspuren an archäologischem Material
Funktionale Schnittspuren Funktional, das heißt durch Arbeitsabläufe entstandene Schnittspuren treten bei der Schlachtung von Nutz- und gejagten Tieren in regelhaften Anordnungen auf. Typische Schnittspurmuster entstehen zum Beispiel beim Enthäuten erlegter Tiere, da dann stets an den distalen Langknochen entsprechende Einschnitte vom Durchschneiden des Fells nachweisbar sind. Einen seltenen Spezialfall des Enthäutens stellt das Skalpieren menschlicher Schädel dar. Typische Spuren hinterlässt auch das Zerteilen der Karkassen, was auf das systematische Zerlegen an bestimmten Gelenkenden und Trennen der Muskelansätze zurückzuführen ist.Hubert Berke: Archäozoologische Detailuntersuchungen an Knochen aus südwestdeutschen Magdalènien-Inventaren. Urgeschichtliche Materialhefte 8, 1987, Tübingen, S. 1–146Susanne C. Münzel: Umingmak, ein Moschusochsenjagplatz auf Banks Islands, N.W.T., Canada. Urgeschichtliche Materialhefte 5/2, Tübingen 1987. Schlagspuren auf den Langknochen dienen zum Aufbrechen der Schäfte bzw. der Schaftenden, um an das Knochenmark zu gelangen.
Die ältesten, als gesichert angesehenen Schnittspuren sind annähernd so alt wie die bislang ältesten entdeckten Geröllgeräte.S. Semaw, P. Renne, J. W. K. Harris, C. S. Feibel, R. L. Bernor, N. Fesseha und K. Mowbray: 2.5-million-year-old stone tools from Gona, Ethiopia. In: Nature. Band 385, 1997, S. 333–336, doi:10.1038/385333a0.Sileshi Semaw: The World’s Oldest Stone Artefacts from Gona, Ethiopia: Their Implications for Understanding Stone Technology and Patterns of Human Evolution Between 2.6–1.5 Million Years Ago. In: Journal of Archaeological Science. Band 27, 2000, S. 1197–1214, doi:10.1006/jasc.1999.0592. Bereits im Jahr 1999 wurden in Äthiopien, im Fundgebiet Mittlerer Awash auf der Awash-Halbinsel Bouri, etwa 2,5 Millionen Jahre alte Knochen gefunden, für die Modifikationen durch Schnittspuren mit Steinwerkzeugen geltend gemacht wurden.Jean de Heinzelin et al.: Environment and Behavior of 2.5-Million-Year-Old Bouri Hominids. In: Science, Band 284, Nr. 5414, 1999, S. 625–629, doi:10.1126/science.284.5414.625. 2,4 Millionen Jahre alte Schnittspuren stammen von der Fundstelle Ain Boucherit in Algerien,Mohamed Sahnouni et al.: 1.9-million- and 2.4-million-year-old artifacts and stone tool–cutmarked bones from Ain Boucherit, Algeria. In: Science. Band 362, Nr. 6420, 2018, eaau0008S, S. 1297–1301, doi:10.1126/science.aau0008. Strongest evidence of early humans butchering animals discovered in North Africa. Auf: sciencemag.org vom 29. November 2018. rund 2 Millionen Jahre alt sich Schnittspuren aus der Fundstätte Kanjera Süd in Kenia.Joseph V. Ferraro et al.: Earliest Archaeological Evidence of Persistent Hominin Carnivory. In: PLoS ONE. Band 8, Nr. 4, 2013, e62174, doi:10.1371/journal.pone.0062174.
Nichtfunktionale Schnittspuren Rund 300.000 Jahre alt sind Schnittspuren vom Fundplatz Bilzingsleben, von denen einige wegen ihrer ungewöhnlich regelhaften Anordnung als nichtfunktionale („nonutilitäre“) Gravuren diagnostiziert wurden.Leif Steguweit, Karel Valoch: Zur Frage nonutilitärer Schnittspuren in den mittelpleistozänen Fundstellen Bilzingsleben und Stránská skála. In: Quartär. Band 53/54, 2006, S. 21–32, doi:10.7485/QU53_02.
Rund 120.000 Jahre alt ist das zehn Zentimeter lange Knochenfragment eines Auerochsen aus der Fundstätte Nesher Ramla (Israel) mit sechs parallelen, 38 bis 42 Millimeter langen Einkerbungen; das Objekt gilt als der älteste Beleg für eine abstrakte Veränderung von Gegenständen in der Levante durch Menschen aus der Epoche des Mittelpaläolithikums.Marion Prévost et al.: Early evidence for symbolic behavior in the Levantine Middle Paleolithic: A 120 ka old engraved aurochs bone shaft from the open-air site of Nesher Ramla, Israel. In: Quaternary International. Online-Vorabveröffentlichung vom 20. Januar 2021, doi:10.1016/j.quaint.2021.01.002. Abbildung.
Umstrittene älteste Schnittspurbelege Die ältesten, auf ein Alter von 3,42 bis 3,24 Millionen Jahre datierten und von ihren Entdeckern im Jahr 2010 als Schnittspuren interpretierten Modifikationen an Knochen stammen aus der äthiopischen Fundstelle Dikika, südlich von Hadar.Shannon P. McPherron et al.: Evidence for stone-tool-assisted consumption of animal tissues before 3.39 million years ago at Dikika. In: Nature. Band 466, 2010, S. 857–860, stern.de: 3,4 Millionen Jahre alte Funde: Lucys Zeitgenossen benutzten Werkzeug (Zugriff am 12. August 2010). Sie wären damit indirekt der älteste Nachweis von Steinwerkzeugen und werden etwa gleich alten Fossilfunden von Australopithecus afarensis zugeordnet (vgl. DIK 1-1). Zugleich wären diese Spuren, sollte ihre Deutung Bestand haben, auch der älteste Beleg für den Verzehr von Fleisch und Knochenmark durch einen Homininen. Da im Bereich der Fundstelle DIK-55 und auch sonst nirgends in Fundschichten von Australopithecus afarensis Steinwerkzeuge, Abschläge oder von anderen Orten verschleppte Steine gefunden wurden, ist die Beweiskraft der Einkerbungen umstritten.Manuel Domínguez-Rodrigo et al.: Configurational approach to identifying the earliest hominin butchers. In: PNAS. Band 107, Nr. 49, 2010, S. 20929–20934, doi:10.1073/pnas.1013711107.