18. Oktober 1977 ist der Titel eines Gemäldezyklus von Gerhard Richter in der Art der Grisaille-Malerei. Die Bilder haben Fotografien zur Vorlage, die den Suizid von drei führenden Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe in der Justizvollzugsanstalt Stammheim nach der Befreiung der Geiseln in der durch arabische Terroristen entführten Lufthansa-Maschine Landshut dokumentieren. Zudem zeigt der Zyklus Ereignisse aus einem Zeitraum von mehreren Jahren: von der Festnahme führender Mitglieder bis zu ihrer Beerdigung. Eine Sonderstellung nimmt das sogenannte Jugendbildnis Ulrike Meinhofs ein. Richters Verfahrensweise des Verwischens der fotografischen Abmalungen folgt dem dialektischen Prozess der Annäherung durch Distanzierung. In Richters Gesamtwerk schließt der Gemäldezyklus die Werkgruppe seiner Fotoabmalungen ab. Seine Rezeption changierte zwischen großem Lob und heftiger Ablehnung. Nach einer Reihe von Ausstellungsstationen erwarb das Museum of Modern Art das Werk.

Der Gemäldezyklus Entstehung Das titelgebende Datum des Gemäldezyklus fixiert den Tag, an dem Vollzugsbeamte die inhaftierte Führungsspitze der Rote Armee Fraktion (RAF) im Gefängnis Stuttgart-Stammheim tot oder mit lebensgefährlichen Verletzungen auffanden.Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus ‚18. Oktober 1977‘. In: Uwe W. Schneede: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2011, S. 154–194, hier: S. 155. Entstanden ist der Zyklus zwischen März und November 1988, im zehnjährigen Abstand zu den Ereignissen. Aus den Hunderten von gesichteten Fotos wählte Richter zwölf Motive aus, die nach seinen Worten „sehr auf den Tod hin konzentriert“ waren.Gerhard Richter im Interview mit Sabine Schütz 1990, zitiert nach Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus 18. Oktober 1977. In: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog, Hrsg. Uwe M. Schneede. Hirmer, München 2011, S. 177. Richter definierte sein Verfahren als „dialektische Vermittlung von Annäherung und Distanzierung, als einen Prozeß der Aneignung einer verdrängten Erfahrung, der der Logik von Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten folgt“.Stefan Germer: Ungebetene Erinnerung. In: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 51. So verarbeitete er die Fotos zunächst zu 18 Gemälden, von denen er jedoch drei wieder aussonderte.Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus 18. Oktober 1977. In: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog, Hrsg. Uwe M. Schneede. Hirmer, München 2011, S. 155. Die Herstellung der Gemälde erfolgte durch die Projektion der Fotovorlagen mit einem Episkop auf eine Leinwand, auf der Richter die abgebildeten Formen mit Bleistift nachzeichnete. Bei der anschließenden Ausführung in Öl verwendete er verschiedene Grautöne sowie Schwarz und Weiß. Danach verwischte er mit einem breiten Pinsel die noch nicht getrocknete Farbe.Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 13.

Zu seiner Motivation und der Auswahl der Fotos erklärte Richter:

Bildbeschreibung Der Zyklus besteht aus 15 Bildern, die nach zwölf verschiedenen, vorwiegend dokumentarischen Polizei- und Pressefotos in dumpfen Grau- und Schwarztönen in Öl angelegt sind, die Konturen wurden verwischt. In dem Zyklus gibt es bewusst kein erstes und letztes Bild; nach Hubertus Butin kann sich daher das Werk nur in seiner Gesamtheit „für den Betrachter wirksam entfalten“.Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 15.

Auf den Ölgemälden sind Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Holger Meins dargestellt, aber die Personen sind weder durch ihre Gesichtszüge noch anhand der Bildtitel leicht zu identifizieren. Die Titel der Bilder sind unpersönlich gehalten. Die Verwischungen der Bildmotive sind unterschiedlich stark; allein Meinhof und Ensslin sind wegen der geringeren Verwischung zu erkennen, die anderen Personen erst im Vergleich mit den Ausgangsfotos.

Tote ist der Titel der dreiteiligen Gemäldegruppe (62 × 67 cm, 62 × 62 cm, 35 × 40 cm, Werkverzeichnis: 667/1-3), die in einer Seitenansicht Kopf und Schultern der auf dem Rücken liegenden Ulrike Meinhof nach ihrem Selbstmord am 9. Mai 1976 zeigen. Auch auf dem Foto ist nicht auszumachen, ob sie am Boden oder auf einer Bahre liegt. Der Verwischungseffekt verstärkt sich hier, je kleiner das Bild wird, auch der Ausschnitt ist variabel. Hubertus Butin schließt aus der dreifachen Wiederholung des Motivs „die unaufhebbare und trostlose Faktizität des Totseins“.Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 16.

Das Bild Erhängte (200 × 140 cm, Werkverzeichnis: 668) lässt die schemenhafte Gestalt Gudrun Ensslins erkennen, die sich am 18. Oktober 1977 an den Gitterstäben ihrer Zelle in Stammheim erhängte. Richter löst die untere Hälfte des Körpers in diffusem Grau auf. Da auch ein Fußboden nicht erkennbar ist, erscheint das untere Bilddrittel „als dunkler Abgrund von nicht auslotbarer Tiefe“.Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 18. Zu diesem Bild gab es eine zweite Version, die Richter nicht in den Zyklus aufnahm und abstrakt übermalte (Decke, Werkverzeichnis 680/3).

Auf den Bildern Erschossener 1 und Erschossener 2 (beide 100 × 140 cm, Werkverzeichnis: 669/1-2) ist die auf dem Zellenboden liegende Leiche Andreas Baaders zu sehen. Beide Bilder entstanden nach einem Polizeifoto, das 1980 im Stern publiziert wurde. Obwohl Richter nur eine Vorlage verwendete, weisen beide Bilder deutliche Unterschiede auf: Im ersten wird der Leichnam in größerer Beobachterdistanz als im zweiten erfasst; das zweite Bild ist stärker verwischt, wodurch die Distanz wiederum vergrößert wird. Gerhard Storck erscheint es, als würde die im ersten Bild wiedergegebene Deutlichkeit im zweiten bis zur Unkenntlichkeit zurückgenommen.Gerhard Storck in: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 15. Beide Gemälde standen am Anfang und Ende des Malprozesses.

Zelle (200 × 140 cm, Werkverzeichnis: 670) zeigt die Zelle Baaders nach der Entdeckung der Selbstmorde. Vorlage war ebenfalls ein Polizeifoto, das 1980 im Stern veröffentlicht wurde. Die rechte Bildhälfte wird von einem Bücherregal beherrscht, auffällig ist die Verwischung in der Vertikalen.

Die Gemälde Gegenüberstellung 1-3 (jeweils 112 × 102 cm, Werkverzeichnis: 671/1-3) entstanden auf der Grundlage von Pressefotos nach der Verhaftung von Gudrun Ensslin aus dem Sommer 1972. Richter reduziert dabei den Bildausschnitt auf den Oberkörper der Festgenommenen, die Situation ist nur durch den Schattenwurf an der Wand zu erahnen. Die Bildfolge, von links nach rechts gelesen, weist Ähnlichkeiten mit einer Filmsequenz bzw. mit Standfotos von festgehaltenen Momenten aus dem zeitlichen Ablauf eines Films auf.

Die geringste Verwischung zeigt das Jugendbildnis (67 × 62 cm, Werkverzeichnis: 672-1), das die junge Ulrike Meinhof darstellt. Die Vorlage zu dem Bild ist vermutlich 1970 entstanden, Meinhof wirkt auf dem Gemälde aber deutlich jünger.

Hubertus Butin schreibt dem Jugendbildnis eine „eklatante Harmlosigkeit“ zu, die uns fürchten lässt vor den in uns allen „verborgenen Möglichkeiten“, anderen gewalttätig unseren Willen aufzuzwingen.Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 48.

Relativ klar zu erkennen ist auch der Plattenspieler (62 × 83 cm, Werkverzeichnis: 672-2). Er nimmt eine Sonderrolle in dem Zyklus ein. Mit aufgelegtem Tonarm scheint er einen Moment der Stille zu fixieren, tatsächlich aber ist er der „Katalysator für den tragischen Ausgang der Geschichte“;Martin Henatsch, Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 79. denn in ihm war die Pistole Baaders versteckt, und links vom Apparat befinden sich die Kabel, die Ensslin als tödliche Schlinge dienten.

Beerdigung (200 × 320 cm, Werkverzeichnis: 673) ist das größte Bild des Zyklus. Es zeigt die Beisetzung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof in Stuttgart am 27. Oktober 1977. Die drei Särge sind in der Bilddiagonalen zu erkennen, umgeben von der anonymen Menge der Trauernden. Für Jan Thorn-Prikker stellt es die „unwürdigste Beerdigungsszene der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das beinahe verbotene Begräbnis“ dar.Jan Thorn-Prikker: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. In: Parkett, Nr. 19, März 1989, S. 125.

Festnahme 1 und Festnahme 2 (beide 92 × 126 cm, Werkverzeichnis: 674/1-2) beruhen auf Polizeifotos, die bei der Festnahme von Holger Meins, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe am 1. Juni 1972 in Frankfurt am Main entstanden und am 8. Juni 1972 im Stern veröffentlicht wurden. Man erkennt einen Garagenhof mit mehreren Fahrzeugen, darunter einen Panzerwagen der Polizei, von den Verhafteten ist nur Holger Meins auf dem zweiten Bild zu sehen.

Die Vorlagen In der Achtzigerjahren hatte Richter in den Hamburger Archiven der Wochenzeitschriften Stern und Der Spiegel nach Fotografien aus der Geschichte der RAF recherchiert.Hubertus Butin: Gerhard Richters RAF-Zyklus in der Kunstkritik. In: Kunstforum International. Band 215 (2012), S. 90. Als Vorlagen seiner Gemälde wählte er zwölf dokumentarische Aufnahmen aus den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren aus. Acht der Fotografien waren im Verlauf der polizeilichen Ermittlungen nach dem Tod von Holger Meins (1974), Ulrike Meinhof (1976), Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe (1977) entstanden. Die Vorlagen für Richters Gemälde Festnahme 1 und Festnahme 2 sowie Beerdigung sind ursprüngliche Standfotos aus Fernsehfilmen. Das Jugendfoto Ulrike Meinhofs stammt von einem unbekannten Pressefotografen und wurde von Rainer Röhl, dem ehemaligen Ehemann, auf Mai 1970 datiert.C. M.: A note on Richter's photographic models for October 18, 1977. In: Robert Storr: Gerhard Richter October 18, 1977. The Museum of Modern Art / Hatje Cantz 2000, S. 149.

Stellung im Gesamtwerk Im Gegensatz zu den Bildern, die Richter zwischen 1962 und 1966 nach Fotos mit oft banalen und belanglosen Sujets malte, erscheinen die Vorlagen der Bilder des Zyklus nicht mehr willkürlich ausgewählt, sondern weisen eine gesellschaftspolitische Brisanz auf, wodurch der Darstellungswert der Malerei durch die gewählten Motive stark in den Vordergrund tritt.Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Schriften zur Sammlung des Museums für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 23 f.