mini|Teppichfabrik I. Ginzkey in Maffersdorf (um 1900) Die Teppich- und Deckenfabrik I. Ginzkey, Maffersdorf war ein bedeutendes Unternehmen der Textilindustrie in Maffersdorf (heute Vratislavice nad Nisou, ein Stadtteil von Liberec) in Böhmen und ab 1918 der Tschechoslowakei. Die Geschichte des Unternehmens ist eng verbunden mit den untereinander verwandten Eigentümer-Familien Ginzkey und Mallmann. Industriální topografie: Ignaz Ginzkey a Co., výroba koberců (tschech.) (abgerufen am 25. Dezember 2025) Was geschah mit dem beweglichen Besitz der Ginzkeys und Mallmanns nach 1945? auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Maffersdorf-Chronik: Die Firma Ignaz Ginzkey (abgerufen am 6. Oktober 2025) Teppich- und Deckenfabrik Ignaz Ginzkey Maffersdorf auf mapy.cz
Unternehmensgeschichte Gründung und erste Jahre mini|Untere Villa in Maffersdorf, Nr. 121 von 1867/68 oberhalb der Teppichfabrik I. Ginzkey mini|Gürtler-Mühle in Maffersdorf links der Neiße, mit Kesselanlage (links) Das Unternehmen wurde von Ignaz Ginzkey (1819–1876) im Jahr 1843 in Maffersdorf gegründet, als er einen Jacquard-Webstuhl zum Weben von Teppichen in seinem Elternhaus (in Maffersdorf links der Neiße Nr. 612) errichten ließ und damit die Tradition der Teppichherstellung in Maffersdorf begründete. Noch im selben Jahr kaufte er einen Tuchwebstuhl zum Weben von Decken. Im Jahr 1847 mietete er ein Haus als Wohn- und Wirtschaftsgebäude (in Maffersdorf rechts der Neiße Nr. 111) unterhalb der Kirche und stellte dort nach und nach sechs Teppichwebstühle und einen Tuchwebstuhl zum Weben von Decken auf. Zu Beginn seines Gewerbes war Ignaz Ginzkey auf Handweberei angewiesen. In den folgenden Jahren bis 1874 erfolgte der weitere Ausbau des Unternehmens. Eine erste Erweiterung erfolgte 1852/53, als er die Spinnerei mit Wasserantrieb von Ignaz Hauser (Rumburská) übernahm und dort im Laufe der Zeit 48 Webstühle aufstellte. Durch den Wasserantrieb mit einem 12-PS-Wasserrad am Fabrik-Mühlgraben der Lausitzer Neiße erzielte er eine höhere Wirtschaftlichkeit. Fa. I. Ginzkey – 1: Vom Handwebersohn zum Großindustriellen (abgerufen am 6. Oktober 2025) Teppich- und Deckenfabrik Ginzkey (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025)
Nach dem Erwerb der Hauser-Spinnerei im Jahr 1858 konzentrierte er seine Weberei auf diesen Standort. Bereits 1861 ließ er ein Kesselhaus mit Kamin erbauen und nahm die erste Dampfmaschine mit 20 PS Leistung in Betrieb. Durch die Lieferungen von Militärdecken an die österreichische Armee konnte er seine Fabrikanlagen erweitern. Nach 1862 stellte er die ersten mechanischen Webstühle auf. Es waren nun etwa 230 Arbeiter und 80 Familien in Heimproduktion bei ihm beschäftigt. Auch die maschinelle Industrieproduktion von Bouclé-Teppichen in der Ginzkey-Fabrik geht auf diese Zeit zurück.
Am Rande des Fabrikgeländes wurde 1867/68 eine Familienvilla (die sogenannte Untere Villa, Maffersdorf, Nr. 121) errichtet. Im Jahr 1868 kaufte Ignaz Ginzkey die Gürtler-Mühle (neben Za Cukrárnou 534) mit Wasserrad-Antrieb in Maffersdorf links der Neiße, in der sich damals eine Tuchfabrik befand. Im selben Jahr errichtete er dort ein Kesselhaus mit Schornstein und Dampfmaschine und begann mit dem Aufbau einer Fabrik zur Veredelung und Aufbereitung textiler Rohstoffe, der sogenannten „Kunstwollefabrik“. Tschechische Mühlen-Datenbank: Donathův, Gürtlerův mlýn (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Vratislavické mlýny - Gürtlerův mlýn auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025)
In den weiteren Jahren entstand ein drittes Kesselhaus mit einer Dampfmaschine von 40 PS Leistung. Im Jahr 1874, also 30 Jahre nach der Gründung der Firma, hatte das Unternehmen etwa 400 Webstühle, drei Dampfmaschinen und zwei Wasserräder mit einer Gesamtleistung von 230 PS installiert. Ignaz Ginzkey (1819–1876) – Gründer der Teppichfabrik in Vratislavice auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025)
Im Jahr 1875 erwarb Ignaz Ginzkey auch die sogenannte Elstner-Mühle (Dlouhomostecká ev. 78/112) am rechten Neißeufer. Die Spinnerei in der ehemaligen Elstner-Mühle wurde weiterhin mit dem Wasser der Neiße aus dem Mühlenantrieb betrieben. Tschechische Mühlen-Datenbank: Elstnerův mlýn (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Vratislavické mlýny - Elstnerův mlýn auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025)
Die zweite Generation mini|Obere Villa von Ignaz Ginzkey jun. in Maffersdorf, Nr. 224, erbaut 1882/83 mini|Teppichfabrik I. Ginzkey in Maffersdorf (um 1920) Nach dem Tod des Firmengründers Ignaz Ginzkey 1876 übernahmen dessen Söhne als Vertreter der zweiten Generation für 58 Jahre die Leitung des Unternehmens, zunächst die beiden älteren Ignaz Ginzkey jun. (1851–1895) und Wilhelm (Willy) Ginzkey (1856–1934) und später auch der jüngste Bruder Alfred Ginzkey (1866–1911). Nach dem Tod der beiden Brüder stand Wilhelm Ginzkey allein für weitere 23 Jahre an der Spitze des Unternehmens. In den 1880er Jahren wurden mehrere Dampfmaschinen von der Görlitzer Maschinenbauanstalt an die Firma Ginzkey geliefert. Kraft- und Dampfmaschinen für Ignaz Ginzkey, Wollwaren- und Teppichfabrik (abgerufen am 6. Oktober 2025)
Im Jahr 1885 begann auch die Produktion von Möbelbezugsstoffen. Zu diesem Zeitpunkt waren in der Fabrik bereits hundert mechanische Webstühle installiert und 70 Webstühle zur Herstellung handgeknüpfter Teppiche, von denen einige außergewöhnlich breit waren (bis zu 17 m). Die Fabrik besaß zwei Spinnereien zur Herstellung von Teppichgarnen und Streichgarnen zur Herstellung von Decken. Es war eine Anlage zur Herstellung sogenannter „Kunstwolle“ in Betrieb sowie Web- und Veredelungsanlagen für Teppiche und Decken, eine Spinnerei und eine eigene Färberei. Zu dieser Zeit beschäftigte die Maffersdorfer Fabrik bereits 1.200 Arbeiter. Im Jahr 1890 waren es 1.480 Arbeiter und 48 Angestellte.
Das Unternehmen beteiligte sich an zahlreichen Weltausstellungen, z. B. 1862 in London, 1867 in Paris, 1876 in Philadelphia, 1877 in Kapstadt sowie 1889 und 1900 in Paris und wurde dabei mit zahlreichen Medaillen ausgezeichnet. Höhepunkt war die Teilnahme an der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900, die stark vom Jugendstil geprägt war. Die ausgestellten Teppiche wurden nach den Entwürfen von Alfons Mucha (1860–1939), Hans Christiansen (1866–1945) und Georg Sturm (1855–1923) und Felician Myrbach (1853–1940) sowie dem Architekten Rudolf Hammel (1862–1937) hergestellt. Den Grand Prix gewann ein 4,5 m × 6,0 m großer Wandteppich, der nach dem Entwurf des Chefdesigners der Firma Josef Halbig gefertigt worden war.
In dieser vom Jugendstil geprägten Zeit verstärkte die Firmenleitung die Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstlern, Designern und Architekten, dazu gehörten Persönlichkeiten wie Rudolf Hammel, Hans Christiansen, Carl Moll (1861–1945), Alfons Mucha, Felician Myrbach, Joseph Maria Olbrich (1867–1908), Jože Plečnik (1872–1957), Georg Sturm, Charles Voysey (1857–1941). Diese Künstler schufen etwa 800 Jugendstilentwürfe für die Maffersdorfer Fabrik. Die Geschichte eines Teppichdesigns von Alfons Mucha auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Designer im Dienst der Firma I. Ginzkey auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Der Chefdesigner der Firma Josef Halbig besucht im April 1910 Florenz und besichtigte bei einem Antiquitätenhändler eine große Stoffsammlung. Dort skizzierte er 130 Renaissancemuster, von denen viele für Teppiche und Decken verwendet werden konnten. Weitere Skizzen fertigte er in der Biblioteca Laurenziana, in der Trinita-Kirche, im Palazzo Vecchio und im Archäologischen Nationalmuseum an. Dies zeigt, wie viel Aufmerksamkeit das Unternehmen der Vorbereitung und Erstellung von Mustern für seine Produkte widmete. In dieser Zeit wurde neben der Wandteppichweberei auch eine Restaurierungswerkstatt etabliert.
mini|Ehem. Elstner-Mühle in Maffersdorf (von 1910) mini|Verwaltungsgebäude der Firma (von 1913) mini|Projekt des Kraftwerks von Leopold Bauer mini|hochkant|Jubiläumsteppich für Willy Ginzkey (1926) Der Wohlstand und die Blütezeit der Fabrik spiegelten sich auch in der Mitarbeiterzahl wider. Im Jahr 1905 beschäftigte das Unternehmen 1.600 Mitarbeiter. Im Jahr 1907 wurde an der Stelle des ersten Kesselhauses ein neues, modernes Kesselhaus errichtet. Nach einem Brand auf dem Gelände der ehemaligen Elstner-Mühle im Februar 1907 wurde 1910 ein neues Spinnereigebäude errichtet, das bis heute im nahezu unveränderten Zustand erhalten geblieben ist.
Im Jahr 1912/13 wurde für die Firma ein neues Verwaltungsgebäude (Tanvaldská 345) errichtet, Architekten waren Heinrich Kühn und Max Fanta (Kühn & Fanta in Reichenberg), später war es die Zentrale von Bytex. Es war die Zeit der größten Erfolge der Maffersdorfer Fabrik. Noch im Februar 1913 begann die Fabrik mit der Auslieferung einer neuen Qualität von Axminster-Teppichen. Die Produktion handgeknüpfter Teppiche erreichte in diesem Jahr ein Volumen von 31.981 m². Zu dieser Zeit arbeiteten 50 Zeichner und 32 Kopisten im Firmensalon.
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg beauftragte Wilhelm Ginzkey den Architekten Leopold Bauer (1872–1938) mit dem vollständigen Umbau der Fabrik. Das Projekt umfasste den Bau einer neuen Energiezentrale mit eigenem Kraftwerk und die Elektrifizierung der gesamten Fabrik sowie den Bau neuer Produktions- und Lagerhallen, eines Eingangstors und einer Arbeitersiedlung mit Geschäften, Schule, Theater und Sportplatz. Von diesem großzügigen Projekt wurde jedoch nur ein kleiner Teil verwirklicht. In den Jahren 1916 bis 1919 entstanden ein Kesselhaus, ein Kraftwerk sowie ein Bekohlungs- und Wasserturm und 1924 wurde noch ein Lagergebäude errichtet. Bauer entwarf 1929 auch noch eine neue Spinnerei, die auf Grund der Weltwirtschaftskrise jedoch nicht mehr gebaut wurde. Leopold Bauer: Gesund wohnen und freudig arbeiten. Wien: Kunstverlag Anton Schroll & Co., 1919, 66 S. Während des Ersten Weltkriegs richtete sich das Unternehmen auf die Produktion von Decken für die Gemeinsame Armee um. Teppichfabrik in der 2. Generation der Ginzkeys (1876–1934) auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Fa. I. Ginzkey – 2: Die zweite Generation übernimmt ein solides Erbe (abgerufen am 6. Oktober 2025)
Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg Nach der Unabhängigkeitserklärung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 kehrten ab Mitte November einige Mitarbeiter des Unternehmens aus dem Krieg an ihre Arbeitsplätze zurück. Im Dezember wurde Alfred Mallmann (1885–1945) zum Prokuristen der Firma ernannt. Wilhelm Ginzkey behielt jedoch als Vorsitzender des Aufsichtsrats die Kontrolle über das Unternehmen. Im Januar 1919 trat Egon Mallmann (1890–1980), Alfreds Halbbruder, in die Fabrik ein. Dies führte nun dazu, dass die Mallmanns die Unternehmensleitung dominierten, beide waren aber Neffen von Wilhelm Ginzkey. Die 1920er Jahre waren die Blütezeit der Maffersdorfer Firma, sie erlebte ihre größten Erfolge, produzierte qualitätsvolle Teppiche und wurde zu einem führenden Hersteller von Decken. Im Jahr 1926 wurde zum 70. Geburtstag von Wilhelm Ginzkey ein Jubiläumsteppich gefertigt. Jubiläumsteppich von 1926 auf muzeum-libea.cz (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Marek Řeháček: Obrázky z Vratislavic nad Nisou 2021/11 (tschech.) (abgerufen am 6. Oktober 2025) Broschüre: Geschichte des Jubiläumsteppichs, hrsg. vom IGI VRATISLAVICE, 20 S.
Ginzkey reiste zu Ausstellungen auf fast allen Kontinenten, um die Maffersdorfer Teppichfabrik international bekannt zu machen. Fa. I. Ginzkey – 3: Auf der Höhe der Entwicklung (abgerufen am 6. Oktober 2025)
Teppich für das Waldorf Astoria Hotel