rechts|300px mini|Pöchlarn, Blick auf das Kastellgelände mini|Skizze der römischen Militär- und Siedlungsbefunde mini|Konservierter Fächerturm der SO-Ecke (Wangenmauer West) mini|Konservierter Fächerturm der SO-Ecke (Wangenmauer Ost) mini|Befundplan 1982 bis 2009 mini|Rekonstruktionsversuch der Südmauer mini|Ausgrabungen des Bundesdenkmalamts am Thörringplatz (Zustand 2010)
Das Kastell Pöchlarn war ein Teil der Festungskette des römischen Limes Noricus in Pöchlarn, Bezirk Melk, Bundesland Niederösterreich, Österreich. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Das zum norischen Limes zählende Hilfstruppen- und Reiterlager wurde nahe der Mündung der Erlauf in die Donau angelegt und war vermutlich vom 1. bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. kontinuierlich mit römischen Soldaten belegt. Fast alle geographischen Hauptquellen für die Antike geben den Ort an. Im 4. Jahrhundert gelangte es durch die Stationierung einer Einheit der Donauflotte zu größerer Bedeutung. Ein als Hafen genutzter Altarm trennte das vermutlich auf einer Insel gelegene Kastell von der Zivilsiedlung. Über die bauliche Entwicklung des Kastells war ansonsten nur sehr wenig bekannt. Dies änderte sich erst, als das Bundesdenkmalamt in den Jahren 2002 bis 2009 großflächige Untersuchungen durchführte. Das Lager konnte dabei archäologisch eindeutig nachgewiesen werden. Der nördliche Teil wurde von der Donau abgeschwemmt, der südliche ist vollständig durch die Altstadt überbaut. Reste eines spätantiken Fächerturms und Mauerreste (siehe Steinkastell II) haben sich im Keller des Pflegezentrums und am Areal vor der Pfarrkirche und dem Thörringplatz erhalten.
Neben dem Kastell werden in diesem Artikel auch die benachbarten Wachtürme von Sarling und Säusenstein behandelt.
Name Die Zuweisung dieses spätantiken Kastellortes für Pöchlarn gilt heute in der Fachwelt als gesichert.Kurt Genser: 1986, S. 236 ff. Der Name Arelape wurde bei Ptolemaios2, 13, 3; 8, 7, 5. genannt, in der Tabula Peutingeriana (Areiate),Segmentum IV, 5. im Itinerarium Antonini234, 3; 248, 5, Station Arlape, an der Straße von Vindobona nach Lauriacum. und in der Notitia dignitatum auf.occ. XXXIIII, 34 und XXXIIII, 42. Der Name leitet sich wahrscheinlich vom antiken Flussnamen der Erlauf (apa oder lat. amnis „Fluss“, „Wasser“Heinrich Dittmaier: Die Gewässernamen auf „apa“, Dissertation Bonn 1943.) her. Denkbar wäre auch eine illyrische Herkunft des Namens der Erlauf, nämlich Arilapa („Adlerfluss“), der später, etwas abgewandelt, auf das Kastell und seine Zivilsiedlung übertragen wurde.
Lage Das Pöchlarner Becken ist im Hügelland der böhmischen Masse an der Mündung der Erlauf in die Donau situiert. Das Gelände im Gebiet der Stadt Pöchlarn wies damals noch den Charakter einer Urlandschaft auf und war von der Donau geprägt, die zur Römerzeit etwas weiter nördlich verlief. Der Fluss bildete hier eine sumpfige Au mit zahlreichen Nebenarmen und Schotterinseln, die sich bis 1,5 km südlich ihres heutigen Uferbereiches ausdehnte. Das Kastell selbst lag wahrscheinlich auf einer Schotterinsel, etwas östlich der Erlauf. Ihre Einmündung befindet sich rund einen Kilometer östlich der Stadt. Das Erlauftal wird durch vereinzelte Kristallinauftragungen in den quartären Terrassen in Engen und Weiten gegliedert. Hier endeten mehrere Verbindungswege durch das Erlauftal und eine Handelsroute die in die Ostalpen und u. a. auch über die alte Eisenstraße („Dreimärktestraße“) bis zu den Erzabbaugebieten (ferrum Noricum) in den Eisenerzer Alpen führte. Durch das Alpenvorland verlief entlang der Donau der Ost-West-Verkehr. Über den Übergang bei Marbach gelangte man ins heutige Waldviertel.
Forschungsgeschichte Frühe Beobachtungen Der Standort des Kastells ist seit 400 Jahren bekannt. Im 16. Jahrhundert berichteten der Humanist Wolfgang Lazius und andere, dass die Donau hier noch über römisches Mauerwerk und Pflasterstraßen floss. Auch zahlreiche Fundmünzen und Grabsteine wurden in diesem Zusammenhang dokumentiert. 1534 waren noch zwei Inschriftensteine in Pöchlarn bekannt, darunter ein Grabstein, der dem Sucessus, der Ursina und deren gemeinsamen Sohn Sucessianus gesetzt worden war.. Der andere war in der 1780 abgetragenen Kirche St. Peter vermauert und für den Veteranen Marcus Ulpius Longinus angefertigt.. Beide sind heute verschollen.
19. Jahrhundert 1856 fanden durch den in Klein-Pöchlarn lebenden Wilhelm Gärtner (1811–1875) die ersten Ausgrabungen auf einer Wiese bei Harlanden statt, bei der es ihm vermutlich gelang die Reste der Heizanlage eines antiken Badegebäudes aufzudecken. Die Dokumentation der Befunde wurde aber von Gärtner nur sehr unfachmännisch vorgenommen, sodass man später seine Grabungsergebnisse nicht mehr wissenschaftlich exakt auswerten konnte. Harlanden wurde im Übrigen oft auch als Fundort für Relief- und Inschriftensteine angegeben, die genauen Lagen der Fundstellen konnten jedoch nachträglich nicht mehr eruiert werden. Die im überschwemmungsgefährdeten Gebiet situierten Fundstellen lassen auch den Verlauf der Limesstraße in dieser Region vermuten. In dieser Zeit wurde östlich des Schlossparks auch ein antiker Töpferofen freilegt.
20. Jahrhundert Bei Kanalarbeiten wurden 1927 in der Jubiläums- und Parkstraße (heute Oskar-Kokoschka-Straße) etwa 50 m vom Donauufer entfernt von Mitarbeitern des Bundesdenkmalamts (BDA) das Profil eines doppelten Spitzgrabens erkannt, weiter südlich davon ein weiterer Graben. Dieser Befund war der ausschlaggebende Beweis für das Vorhandensein einer frühkaiserzeitlichen römischen Wehranlage.
1930 wurde beim Bau des Weltkriegsmahnmals in der Wiener Straße/Nibelungenstraße ein römerzeitlicher Mauerzug entdeckt. Spätere Nachgrabungen ließen erkennen, dass hier ein Teil der Ostmauer des Kastells angeschnitten wurde.Fundberichte aus Österreich, Band 1, 1930–1934, S. 57.
1951 stieß man anlässlich von Kanalarbeiten (bei Hauptschule, Volksschule/Nibelungenstraße) in einer Tiefe von drei bis vier Metern auf die Reste der antiken Siedlung. Diese 1,4 m hohe Bruchsteinmauer bildete die Begrenzung eines mindestens 10,6 m langen Gebäudes. Nach den unpublizierten Ausgrabungen von 1912 bis 1913 (Beneficiat Aichinger) könnte dieser Befund ein Teil einer Thermenanlage sein. Das Areal wurde damals zwar fotografiert aber danach wieder zugeschüttet.Karl Wais 1967, S. 230. 1955 wurde bei einem Fundamentaushub eine gut erhaltene Bestattungsurne, Keramik und das Fragment eines Mühlsteines geborgen.Fundberichte aus Österreich, Band 6, 1951–1955, S. 98; Karl Wais 1967, S. 233; Fundberichte aus Österreich, Band 9, 1966–1970, S. 81.
1961 wurde bei Baumaßnahmen in der Rüdigerstraße gegenüber dem Friedhof vom Österreichischen Archäologischen Institut und vom Bundesdenkmalamt eine Urne, Keramik, eine Lampe und ein Inschriftenstein in situ geborgen. Es handelte sich um den Grabstein des Pompeius Celer, eines Soldaten der cohors I Flaviae Brittonum, der sich in das 2. Jahrhundert datieren ließ.Fundberichte aus Österreich, Band 8, 1961–1965, S. 100. 1966 wurden auf Parzelle 299/1 mehrere Urnen gehoben. Hier wird die östlichste Randzone des Gräberfeldes vermutet.Fundberichte aus Österreich, Band 8, 1961–1965, S. 101; Manfred Zabehlicky 1976, S. 179.
1978 zerstörte man bei der Kreuzung Wienerstraße/Nibelungenstraße während Bauarbeiten das Osttor des Kastells.
1982–1983 konnte das Bundesdenkmalamt bei Kanalisationsarbeiten mehrere wichtige Befunde dokumentieren. In diesen Jahren beobachtete Gustav Melzer den Verlauf weiterer römischer Wehrgräben und die Lage des südwestlichen Eckturmes des Steinlagers. Aufgrund dieser älteren Grabungen ließen sich insgesamt drei römische Wehranlagen unterscheiden, von denen zwei in Holz-Erde-Technik errichtet worden sein dürften; bei ihnen handelte es sich vielleicht nur um kurzfristig besetzte Marschlager.
Am Thörringplatz stieß man 1983 auf eine 1,80 m breite Mauer, die als westliche Wehrmauer des Kastells angesprochen werden konnte. Der Rekonstruktionsplan des Kastells musste dabei um 40 bis 50 m nach Osten korrigiert werden. In der Oskar-Kokoschka-Straße waren an mehreren Stellen doppelte Spitzgräben angeschnitten worden. In der Weigelsbergergasse wurden wiederum Erdverfärbungen eines W-O verlaufenden Grabens beobachtet. Das bedeutet, dass das Steinlager etwas kleiner war als bis dahin angenommen.Gustav Melzer, in: Fundberichte aus Österreich 22, 1983, S. 301. Vor Haus Nr. 16 wurden zwei NNO-SSW orientierte Spitzgräben in 1,8 m Tiefe entdeckt. Sie konnten bis in eine Tiefe von 3,40 m untersucht werden und hatten eine Breite und Tiefe von ca. 4,5 m. Sie gehörten zum frühen Holz-Erde-Lager, das sich vermutlich südöstlich des Steinkastells befand.Fundberichte aus Österreich, Band 21, 1982, S. 291. In der Seilergasse wurde eine schrägabfallende Erdverfärbung freigelegt, die als römerzeitlicher Spitzgraben angesprochen wurde.Fundberichte aus Österreich, Band 21, 1982, S. 292.
21. Jahrhundert 2002 bis 2003 untersuchten Bundesdenkmalamt und ARGIS Archäologie Service anlässlich des Neubaus des Pflegezentrums eine etwa 2000 m² große Fläche. Dabei wurde nördlich und westlich des heutigen Schlossgebäudes die südliche Befestigungsanlage des Steinkastells freigelegt. Die dabei entdeckte Mauer und zwei Innentürme sind mehrphasig und wurden in der Spätantike baulich stark verändert. Eine Sondage an der Kastellmauer ergab insgesamt drei vorgelagerte Wehrgräben. Die Flächengrabung im Kastellinneren brachte unter anderem Kasernenbauten zum Vorschein, die Ende des 1. oder zu Anfang des 2. Jahrhunderts in Holzbauweise errichtet und später durch Steingebäude ersetzt wurden. Ihre Nutzung erstreckte sich bis in die Zeit der Spätantike. Südlich des Schlosses fand sich noch ein mehrphasiger Gebäudekomplex mit Steinfundamenten, der aber bereits zum Vicus zählte. Seit 2010 werden vom Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München in Kooperation mit dem Fachbereich ZEA des ÖAI und dem Bundesdenkmalamt (Leitung Michael Mackensen) Ausgrabungen in Pöchlarn durchgeführt.
Nach Beendigung der Ausgrabungen wurden diese Mauern jedoch mit Beton übergossen, um das Fundament für ein neues Kommunalzentrum zu bauen. 2012 konnte das Südtor tw. untersucht werden.Fundberichte aus Österreich, Band 42, 2003, S. 26–27, Stadterneuerungskonzept Kapitel 2.4
Entwicklung Funde von Lochäxten und Steinbeilen aus der Jungsteinzeit lassen auf eine erste Besiedlung im Bereich Brandhof – Röhrapoint – Rampersdorf schließen. Zudem wurden früh- und spätbronzezeitliche Funde und Reste urnenfelderzeitlicher Gebäudespuren westlich von Ornding in der Ried „Griesgrub“ und am Kuhbühel ergraben. Die Funde, deren Auffindungsorte heute nicht mehr bekannt sind, werden im Stadtmuseum (Welserturm) aufbewahrt.