Ethnie (, , , ;Duden: Ethnie. Abgerufen am 27. Oktober 2019. von „Volk, Stamm, Volkszugehörige“) bezeichnet in den Sozialwissenschaften (insbesondere der Ethnologie) eine abgrenzbare soziale Gruppe, die aufgrund ihres intuitiven Selbstverständnisses und Gemeinschaftsgefühls als Eigengruppe eine kollektive Identität entwickelt. Grundlage dieser Ethnizität können gemeinsame Eigenbezeichnung, Sprache, Abstammung, Wirtschaftsordnung, Geschichte, Kultur, Religion oder Verbindung zu einem bestimmten Gebiet sein.
Eine Ethnie muss keine gemeinsame Abstammungsgruppe sein (familienübergreifend), die Selbstzuschreibung der Zugehörigkeit entsteht mit der Erziehung eines Kindes (familienumfassend) und es muss keine eindeutigen Grenzziehungen geben (Zugehörigkeit zu mehreren Ethnien möglich).Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang Müller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99–100. Der geschichtliche, soziale und kulturelle Vorgang der Entstehung einer Ethnie wird als Ethnogenese bezeichnet.
Zu rund 1300 weltweit erfassten Ethnien gehört eine große Anzahl indigener Völker (lateinisch „eingeboren, ursprünglich“; siehe die Liste indigener Völker). Im Deutschen wird die Bezeichnung „Volk“ gemeinsprachig mit gleicher Bedeutung wie Ethnie verwendet, während Wissenschaftler sie eher vermeiden oder als Oberbegriff für Gesamtgesellschaften aus mehreren verbundenen Ethnien verstehen.Wolfgang Fikentscher, Manuel Pflug, Luisa Schwermer (Hrsg.): Akkulturation, Integration, Migration. Utz, München 2012, ISBN 978-3-8316-4137-6, S. 268.Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang Müller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99, 400.
Begriffe Das altgriechische Wort beschreibt die Abgrenzung durch Selbst- und Fremdzuweisung. Seine Bedeutung und Verwendung unterliegt starkem Wandel. Max Weber definiert eine „ethnische Gruppe“ folgendermaßen:
Ethnie oder fast gleichbedeutend ethnische Gruppe sind mehrdeutige Bezeichnungen aus einem weiten Begriffsfeld verwandter Ausdrücke,Martin Sökefeld: Problematische Begriffe: »Ethnizität«, »Rasse«, »Kultur«, »Minderheit«. In: Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Ethnizität und Migration. Einführung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Reimer Kulturwissenschaften. Reimer, Berlin 2007, ISBN 978-3-496-02797-3, S. 31–50 (doi:10.5282/ubm/epub.29311; PDF; 1,1 MB, 11 Doppelseiten auf epub.ub.uni-muenchen.de). sie werden innerhalb und zwischen verschiedenen Wissenschaften in unterschiedlichen Grundbedeutungen verwendet: Nach der Theorie der ursprünglichen Bindung (Primordialismus) sind bestimmte menschliche Gruppen reale Einheiten, die sich in realen Merkmalen unterscheiden; Individuen gehören primordialen Gruppen durch ihre Geburt an. Nach der in den Sozial- und Geisteswissenschaften vorherrschenden Theorie des Sozialkonstruktivismus sind kollektive Identitäten soziale Konstrukte. Für Konstruktivisten sind ethnische Gruppen geschichtlich entstandene, sozial wirkmächtige Einheiten, welche die Identität ihrer Mitglieder durch Selbst- und Fremdzuschreibungen prägen und durch sie geprägt werden (vgl. Entitativität sozialer Gruppen). Sie können durch soziale Prozesse entstehen und wieder untergehen, eine Ethnie kann in einer anderen durch Assimilation aufgehen.
Nach den Konzepten der eher naturwissenschaftlich orientierten Anthropologie und Humangenetik können Ethnien und ethnische Gruppen tatsächlich gemeinsame Merkmale oder eine gemeinsame Abstammung aufweisen.Vgl. etwa für asiatische Ethnien: The HUGO Pan-Asian SNP Consortium (ed.): Mapping Human Genetic Diversity in Asia. Science 326 (5959), S. 1541–1545. doi:10.1126/science.1177074: „The primary clusters we identified from both the full data set and sub-datasets show little variation among individuals of the same population, and correspond overwhelmingly to language families or ethnic groups.“
In den Sozialwissenschaften hat sich seit den 1980er Jahren der Konstruktivismus durchgesetzt.Martin Sökefeld: Problematische Begriffe: „Ethnizität“, „Rasse“, „Kultur“, „Minderheit“. In: Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Ethnizität und Migration: Einführung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Reimer Verlag, Berlin 2007, S. 31–50, hier S. 33 (online, Zugriff am 11. Dezember 2020). Eine Existenz von Ethnien, die unabhängig von der sozialen Zuschreibung wäre, wird abgelehnt. Dabei handele es sich um den Fehler des Essentialismus. Der Ethnologe Georg Elwert schrieb 2005, die Vorstellung, dass Ethnien an ein Substrat gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Kultur, gemeinsamer Abstammung gebunden werden könnten, sei „nicht mehr haltbar“.Georg Elwert: Ethnie. In: Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang Müller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99. Der Soziologe Matthias Rompeluni-giessen.de definiert Ethnizität in Anlehnung an Max Weber als „den irrationalen, subjektiven Glauben einer Gruppe von Menschen an eine gemeinsame Herkunft, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Sitten“. Dieser Glaube diene dazu, eine Gruppenidentität zu bilden.Matthias Rompel: Ethnizität und interethnische Beziehungen. In: Herbert Willems (Hrsg.): Lehr(er)buch Soziologie. Für die pädagogischen und soziologischen Studiengänge, Band 2. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 655–664, hier S. 657. Der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn erklärte 2006 die emotionale Bindung von Individuen an die Ethnie, der sie sich angehörig fühlen, als eine Übertragung der sozialen Bindung innerhalb der Familie, die anders als die in der Ethnie aber real sei:
Der Glaube an ein solches Gemeinsames lasse trotz seiner fiktiven Fundierung das Kollektiv Ethnie real in Erscheinung treten.Samuel Salzborn: Ethnizität und ethnische Identität. Ein ideologiekritischer Versuch. In: Zeitschrift für kritische Theorie 22–23 (2006), S. 99–119, das Zitat S. 104. Der Ethnologe Martin Sökefeld nennt das „(normative) Konzept der singulären, homogenen Kultur im Nationalstaat“ Primordialismus. Es habe noch lange in den Sozialwissenschaften vorgeherrscht und dazu gedient, Ausgrenzung zu legitimieren. Im Alltagsdiskurs sei es bis in die Gegenwart vorherrschend. Seit einiger Zeit lösten sich deutsche Sozialwissenschaftler davon und wendeten sich stattdessen der Idee der Hybridität zu, wonach Kulturen nicht als voneinander eindeutig abgrenzbar verstanden werden. Das sogenannte „Zwischen den Kulturen“ sei durchaus nicht notwendig problematisch.Martin Sökefeld: Problematische Begriffe: „Ethnizität“, „Rasse“, „Kultur“, „Minderheit“. In: Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Ethnizität und Migration: Einführung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Reimer Verlag, Berlin 2007, S. 31–50, die Zitate S. 48 (online, Zugriff am 11. Dezember 2020). Den amerikanischen Anthropologen John L. Comaroff und Jean Comaroff zufolge sind Ethnien soziale Konstrukte, die sich „auf breit verankerte Vorstellungen von einem gemeinsamen Ursprung und einer gemeinsamen Kultur sowie auf kulturelle Unterschiede zu anderen“ gründen. Insofern sei Ethnizität immer relational: Sie stehe nie für sich allein, sondern immer im Verhältnis zu den anderen, von denen man sich abgrenzen, die man oft auch abwerten möchte, um die eigene Wir-Gruppe aufzuwerten.John L. Comaroff, Jean Comaroff: Ethnizität. In: Andre Gingrich, Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll (Hrsg.): Lexikon der Globalisierung. Transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1822-8, S. 68 (doi:10.1515/transcript.9783839418222).
Überlappende Begriffe zum Begriff der Ethnie/ethnischen Gruppe sind etwa Stamm, „Rasse“, Volk und Nation.Friedrich Heckmann: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation: Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Friedrich Enke, Stuttgart 1992, ISBN 3-432-99971-2, S. 30–59. Jede dieser Bezeichnungen meint einen eigenen Begriff, der zudem in verschiedenen Sprachen nicht gleich ist – bei Übersetzungen können Verschiebungen der Bedeutung eintreten. Ein „Volk“ (der deutsche Begriff ist durch die Ideen von Johann Gottfried Herder geprägt) ist etwa eine ethnische Gruppe, die eine Vorstellung von einer gemeinsamen Herkunft, Kultur und Sprache aufweist; über den staatsrechtlichen Begriff der Volkssouveränität kann es Träger eines Staats sein. Wird eine Ethnie als ein Volk bezeichnet, sind damit unausgesprochene Folgerungen über seine Identität und Organisationsform verbunden. Die Bezeichnung Ethnie, gleichbedeutend auch Volksgruppe, wird eher für Untergruppen einer größeren Einheit, innerhalb einer Nation oder eines Staates, gebraucht. Durch die rassistischen Ideologien des völkischen Nationalismus und Nationalsozialismus ist dabei das Adjektiv „völkisch“ historisch vorbelastet und nicht mehr als neutral beschreibender Ausdruck verwendbar,Vgl. beispielsweise Friedrich Heckmann: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation: Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Friedrich Enke, Stuttgart 1992, S. 49. während dem entsprechenden Adjektiv „ethnisch“ kein solcher Beigeschmack anhaftet.
Abgrenzung Ethnos und Demos Der Soziologe Emerich K. Francis (1906–1994) führte die begriffliche Unterscheidung zwischen dem Demos, dem Staatsvolk, und dem Ethnos, der Abstammungsgemeinschaft, ein.Emerich K. Francis: Ethnos und Demos. Soziologische Beiträge zur Volkstheorie. Duncker & Humblot, Berlin 1965. Die Gesamtmenge der Angehörigen eines Volkes im ethnischen Sinne (eines Ethnos) ist nicht identisch mit der Menge der Wahlberechtigten in einem Staat (mit dessen Demos). So sind nicht alle Staatsbürger Finnlands, Frankreichs, Deutschlands usw. auch ethnische Finnen, Franzosen, Deutsche usw., und nicht alle Angehörigen eines Volks oder einer Volksgruppe bewohnen ihren Nationalstaat, in dem sie die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Es gibt Völker und Volksgruppen ohne „eigenen Staat“ (z. B. Tamilen und Kurden) oder solche, die sich mit anderen Völkern und Volksgruppen einen Staat teilen (in Europa z. B. Schweiz und Belgien).
Im Deutschen ist die Bezeichnung Volksgruppe üblich. Oft leben verschiedene Volksgruppen in einem Staatsgebiet. Beispielsweise bestand der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn im 19. und 20. Jahrhundert aus verschiedenen Ethnien (vor allem Deutschen, Ungarn, Tschechen (Böhmen), Slowaken, Slowenen, Bosniaken, Kroaten und Italienern). Das gilt auch heute noch für die Schweiz, die keine ethnische Einheit bildet, sondern aus verschiedenen ethnischen Gruppen besteht (deutsch-, französisch-, italienisch-, rätoromanisch- und jenischsprachige Schweizer) und aufgrund diverser ethnischer Minderheiten in Deutschland und Österreich (etwa Dänen, Friesen, Sorben, Sinti, Roma, Kroaten, Ungarn) in geringerem Umfang auch für diese beiden Staaten. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es kaum ethnisch homogene Staaten gibt. Besonders heterogen sind Staaten, deren Existenz und willkürliche Grenzziehung auf die Kolonialzeit zurückgehen, so zum Beispiel die Staaten Süd- und Mittelamerikas, Afrikas, Asiens und Polynesiens (z. B. Indonesien), oder durch Einwanderung geprägt sind, wie Nord-, Mittel- und Südamerika sowie Australien.
Ethnie und Religion
Im Osmanischen Reich und im späteren Jugoslawien wurde als Unterscheidungskriterium der Nationalitäten oder Ethnien häufig die Religionszugehörigkeit statt der Sprache verwendet. So war lange Zeit die Bezeichnung „slawische Muslime“ üblich und ist es in Serbien und Montenegro teilweise immer noch. Im Zusammenhang mit den Jugoslawienkriegen gelangte 1992 der Begriff „ethnische Säuberung“ in die deutsche Sprache.