Sozialaristokraten ist ein 1896 von dem deutschen Schriftsteller Arno Holz verfasstes Drama. Die naturalistische Komödie in fünf Akten ist eine Satire auf die Literatenwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Holz verarbeitete im Drama persönliche Erfahrungen aus seinen früheren Lebensjahren, so zum Beispiel das teilweise vergebliche Streben nach Veröffentlichung seiner Werke. Die Uraufführung fand unter Holz’ Regie am 15. Juni 1897 im Berliner Central-Theater statt. Hermann Müller, ein Schauspieler des Deutschen Theaters, spielte Fiebig, Max Reinhardt übernahm die Rolle des Bellermann.

Aufbau Es handelt sich um ein offenes Drama, denn es ist nicht nach der klassischen Dramenform nach Aristoteles aufgebaut: Es gibt keine Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Das Geschehen erstreckt sich über mindestens einige Wochen, es gibt vier verschiedene Schauplätze, und es gibt keinen zentralen Handlungsstrang, da Holz die Handlung in diesem Milieudrama zugunsten der Charakterdarstellung hintenan stellt. Zudem trifft die Ständeklausel nicht zu, die Charaktere sind bürgerlich. Der tektonische Aufbau des Dramas entspricht nicht dem Schema nach Gustav Freytag.

Inhalt Handlungsüberblick Die fünf Akte umspannen den Aufstieg und den Fall der Zeitschrift Der Sozialaristokrat. Der junge Dichter Rudolf Hahn bittet Oskar Fiebig, einen Gelegenheitsdichter, um Hilfe bei der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes. Dieser rät ihm, seine Erbschaft stattdessen zur Finanzierung einer eigenen Zeitschrift zu nutzen. Der Schriftsteller Dr. Benno Gehrke übernimmt die Chefredaktion und beginnt nach einer dreitägigen Haftstrafe wegen gesetzeswidrigen Anbringens von Werbeplakaten schließlich eine politische Karriere bei der Antisemitischen Volkspartei. Die Zeitschrift wird, ohne dass Hahns Werke veröffentlicht wurden, mit finanziellen Verlusten eingestellt, und das Drama endet mit einer Siegesfeier für Gehrke, der als Vertreter des Wahlkreises der Antisemitischen Volkspartei einen Sitz im Parlament gewonnen hat.

Erster Akt Schauplatz des ersten Aktes ist Fiebigs Arbeitszimmer. Hahn hat ihm das Manuskript seines Gedichtbandes Lieder eines Schmetterlings gebracht. Der erfahrene Fiebig rät ihm vom Druck ab, da niemand das Werk eines noch völlig unbekannten Dichters kaufe. Stattdessen empfiehlt er Hahn, seine Gedichte an verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu schicken; der bekannte Schriftsteller Gehrke habe auch so angefangen. Hahn hat schon ein Gedicht an die Zeitschrift Deutsches Dichterheim geschickt, allerdings erfolglos. Hahn verfügt über eine Erbschaft seiner Tante in Höhe von 4000 Mark. Deshalb schlägt Fiebig vor, das Geld in einer eigenen Zeitschrift anzulegen. Er bietet seine Hilfe an und drängt Hahn seinen Weltunterjank auf, den er in der ersten Ausgabe kostenlos veröffentlichen dürfe. Hahn befürchtet jedoch, seine Tante könne das Geld dem Hundeasyl vermachen, wenn er zu leichtsinnig sei.

Da es Frau Fiebigs Geburtstag ist, schickt Fiebig Hahn fort, um Blumen und Zigarren zu kaufen. Frau Fiebig hat Angst, dass schon wieder ein junger Schriftsteller ihren Mann um finanzielle Unterstützung gebeten hat. Gehrke und seine Frau Meischen kommen zu Besuch. Gleich darauf trifft auch der Drucker Wilhelm Werner ein, der Frau Fiebig Gehrkes Buch Lieder eines Übermenschen als Geschenk mitgebracht hat. Gehrke beschuldigt Werner, er sei der Grund dafür, dass sie beide auf dem Parteitag der SPD aus der Partei geworfen wurden. So ist nun Werner ohne Druckaufträge und Gehrke ohne Drucker.

Nachdem Hahn zurückgekehrt ist, tauschen die Herren ihre Vorstellungen von einer Wochenschrift aus: Hahn möchte Gedichte veröffentlichen, Fiebig über Politik und Gehrke über Philosophie schreiben. Gehrke gesteht, früher die falschen, humanitären Bestrebungen der Sozialdemokratie gutgeheißen zu haben. Sein Ziel sei aber der freie Vernunftmensch, sodass sich schließlich die Masse von der Beeinflussung des Parlamentarismus befreie. Auch der Publizist könne wieder allgemeine Anerkennung erlangen, und letztendlich gebe es eine unpolitische Politik. Es sei die Aufgabe der Individualitäten, das Volk zu erziehen. Werner, der in einer Broschüre liest, gibt Gehrke das Stichwort „Sozialaristokrat“, und Fiebig erklärt dieses zum Titel ihrer Zeitschrift.

Zweiter Akt Der zweite Akt spielt im Kontor von Werners Druckerei. Werner informiert Fiebig, dass die roten Reklameplakate sehr wirksam gewesen seien und dass bereits 4800 der 5000 Exemplare der Erstausgabe des Sozialaristokraten verkauft wurden. Auch Hahns Tante ist dieser Idee der Kapitalanlage nun nicht mehr abgeneigt. Fiebig bietet Hahn die Hand seiner Tochter Anna an. Hahn könne bei ihnen wohnen und zusammen mit Fiebig dessen Weltunterjank fertigstellen.

Styczinski, der zwischenzeitlich als zweiter Redakteur der Zeitschrift eingesetzt wurde, und Gehrke treffen zur Redaktionssitzung ein. Gehrke kündigt den Besuch von Bellermann an, der seine Untersuchung über die Autonomie des Individuums in Fortsetzungen abdrucken lassen möchte. Da in der ersten Ausgabe bereits der Anfang von Gehrkes Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel abgedruckt wurde, sieht Fiebig seinen Weltunterjank nun vollends verdrängt. Auch Hahns Gedichte sind noch nicht erschienen. Bellermann und Sprödowski kommen hinzu, und es wird der Inhalt des dritten Heftes besprochen. Styczinski will einen Artikel über Chopin als das Urbild der Zentrifugalen schreiben. Gehrke und Fiebig geraten darüber in eine Auseinandersetzung, da Fiebigs Weltunterjank abermals abgelehnt wird, genauso wie sein Trinkspruch uf de deutschn Frauen. Gehrke fordert mehr Wissenschaftliches, er plädiert für einen Artikel gegen den Impfzwang; Fiebig hingegen möchte etwas Ethnographisches, etwas über Seelenwanderung oder Graphologie veröffentlichen, Werner bietet seinen nationalökonomischen Vortrag an, sehr zum Missfallen von Gehrke und Bellermann. Die zweite Ausgabe des Sozialaristokraten befindet sich bereits im Satz, es fehlt allerdings noch ein Text. Da Styczinski sein Manuskript des Blutenden Liedes vom wissenden Gehirn nicht finden kann, wird Bellermanns Dichtung Der Trinker hinzugenommen.

Ein Gendarm bringt eine Verfügung für Gehrke: Da Plakate unbefugt angebracht wurden, müssen entweder 30 Mark Strafe bezahlt werden, oder Gehrke wird drei Tage lang inhaftiert, weil er als Redakteur die Verantwortung trägt. Zunächst versichert Fiebig, der Verlag bezahle diese „Geschäftsunkosten“. Nachdem allerdings Bellermann an Gehrkes Pflichtgefühl appelliert hat, er müsse seiner Überzeugung treu bleiben, freiwillig keine Steuern zu zahlen, stimmt Gehrke der Variante der Haftstrafe zu. Er erhofft sich durch dieses „Martyrium“ Werbung vor großem Publikum durch die Presse.

Dritter Akt Gehrke sitzt auch den letzten Abend seiner Haftstrafe in der guten Stube des Amtsvorstehers von Friedrichshagen ab, weil es im Winter im eigentlich dafür vorgesehenen Spritzenhaus zu kalt ist. Wie erhofft wurde über Gehrkes Haft sogar in der überregionalen Presse berichtet. Der Amtsdiener kündigt Dr. Moritz Naphtali an, der Gehrke für den Berliner Lokalanzeiger interviewen möchte. Gehrke beklagt sein Schicksal als typischer moderner Freiheitskämpfer und die Art, wie er von seiner früheren Partei behandelt wurde. Aber der Versuch, ihn politisch zum Schweigen zu bringen, sei gescheitert. Gehrkes Ideale haben sich gewandelt: Statt des Übermenschen strebt er nun die Übermenschheit an, deren Voraussetzung der neue Mensch sei, der durch Erziehung geschaffen werde. Er sieht sich und seine Mitstreiter als Sozialaristokraten in vorbildlicher Tätigkeit. Naphtali stellt sich erneut vor: als Begründer der Antisemitischen Zentralkorrespondenz unter dem Pseudonym Dr. Moritz Wahrmann. Da der Amtsvorsteher Gehrke erlaubt hat, am letzten Abend seiner Haft Freunde einzuladen, treffen Fiebig und Hahn ein, und Fiebig glaubt, in Naphtali einen gewissen Herrn „Löbndhal“ zu erkennen. Nachdem Fiebig Naphtali seine bizarre Idee zur Gewerbeausstellung vorgestellt hat, verabschiedet sich dieser, und Fiebig äußert sogleich sein Misstrauen Naphtali gegenüber und kritisiert dessen Nietzsche-Bewunderung.

Danach kommen Gehrkes Frau und der Amtsdiener Schwabe hinzu, die Geschirr und Essen bringen. Man wartet noch auf Werner, als ein Dienstmann teures Essen (Hummer) und Blumen bringt. Wie sich herausstellt, hatte Fiebig diese Bestellung in Auftrag gegeben. Schließlich treffen auch Werner, Bellermann und Styczinski ein. Werner hat einen Kranz mit der Widmung „Dem Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht!“Sozialaristokraten. Komödie. In: Dramen des deutschen Naturalismus: Von Hauptmann bis Schönherr. Anthologie in zwei Bänden. Bd. II. Hg. von Roy C. Cowen. München: Winkler 1981, S. 96. von den Friedrichshagener Schuhmachergesellen für Gehrke. Es wird gefeiert.

Vierter Akt Schauplatz des vierten Aktes ist erneut das Kontor von Werners Druckerei. Fiebig kommt zu Werner, und als er nach Hahn gefragt wird, kritisiert er die verrückte Idee der Zeitschrift und dass auf einmal alle Sozialaristokraten seien. Er fordert, dass der naive und unwissende Hahn sein Geld zusammenhalte, schließlich sei bereits die vierte Ausgabe des Sozialaristokraten schon nicht mehr bei Werner bezahlt worden. Fiebig habe Hahn gleich geraten, Gehrke sei nichts für ihn, da er zu viele Gegner habe. Zwischenzeitlich wurde Hahn zur Befragung aufs Polizeipräsidium bestellt; Werner macht dessen Gutmütigkeit dafür verantwortlich. Fiebig kritisiert, dass Styczinski nichts für die Zeitschrift getan und ihm Bücher genommen habe. Auch Hahn will er nun, nachdem das Geld weg ist, nicht mehr als Mann für seine Tochter.

Werner sieht die Reklame von Gehrke als Hauptgrund für das Geldproblem, Fiebig hingegen verteidigt die Reklame-Strategie als erfolgreich. Darauf entgegnet Werner, Gehrke habe aber für sich und nicht für den Sozialaristokraten Werbung gemacht; auch von seinem „kalte Jans- und Hummermajonaisen-Martirjum“ Sozialaristokraten. 1981. S. 100. sei in der Presse berichtet worden. Werner ahnt, dass Gehrke nur in den Reichstag wolle und dass ihn die Redaktionsarbeit nicht mehr interessiere.

Gehrke erscheint mit Bellermann und Styczinski zur Redaktionssitzung, Sprödowski hat sich indessen aber anders weiterentwickelt und nimmt nicht mehr an der Sitzung teil. Gehrkes Artikel Die freie Liebe im Lichte der Pädagogik brachte ihm eine Anklage ein, die mindestens sechs Wochen Haft bedeutet. Deswegen verlangt er, dass 600 Mark zur Bezahlung der Strafe zur Verfügung stehen, denn er verweigert ein erneutes Martyrium, weil die Sache seiner Meinung nach aussichtslos geworden sei. Daraufhin verlangt auch Werner das ihm zustehende Geld als Drucker. Fiebig, der Angst um sein Geld hat, kritisiert Gehrke: Dieser müsse als Redakteur wissen, was er schreiben dürfe und was nicht. Gehrke schuldet außerdem Werner noch Geld für sein altes Werk Lieder eines Übermenschen. Ein Druckerlehrling fragt nach dem Manuskript für die nächste Ausgabe des Sozialaristokraten. Abermals erwähnt Fiebig, dass bisher weder sein Weltunterjank noch eines von Hahns Gedichten abgedruckt wurden. Gehrke bedauert den Misserfolg des Sozialaristokratismus als Ideal und erklärt, sein Redakteursamt an Hahn zurückgeben zu wollen. Werner erkennt sogleich, dass Hahn von Gehrke nur ausgenutzt wurde.