Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (auch: nationale Biodiversitätsstrategie, kurz NBS) ist eine politische Strategie zur Erhaltung und Wiederherstellung der Diversität von Landschaften, von Pflanzen und Tieren auf dem Gebiet der Bundesrepublik einschließlich ihrer Seegebiete. Die deutsche Bundesregierung verabschiedete die erste Auflage der Strategie am 7. November 2007 (NBS2007) und kam damit einem Auftrag aus dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (englisch: Convention on Biological Diversity, CBD) nach. Als Unterzeichnerin dieses Übereinkommens hatte sich die Bundesrepublik 1992 verpflichtet,List of Parties, Convention on Biological Diversity. Abgerufen am 15. November 2013. ihren Beitrag zum Erhalt der Arten und Lebensräume zu leisten. Die Strategie zielte im ersten Zeithorizont bis zum Ende des Jahres 2020 auf die Verwirklichung von 330 Zielen und rund 430 Maßnahmen, durch die der Rückgang der biologischen Vielfalt aufgehalten werden sollte. Mittels Indikatoren wurde der Stand der Umsetzung immer wieder bewertet. Die Resultate wurden veröffentlicht. Die Ziele der NBS 2007 wurden nachweislich nicht erreicht. Nach der Verabschiedung des Globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal Ende 2022 wurde im Sommer 2023 ein öffentlicher Konsultationsprozess zur Neuauflage der NBS gestartet. mini|Mit Biodiversitäts-Korridoren und Biotopschutz sollen besonders geschützte Tier- und Pflanzenarten wie der Feuersalamander vor dem Aussterben bewahrt werden Am 18. Dezember 2024 hat das Bundeskabinett die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt 2030 (NBS 2030) verabschiedet. Die NBS 2030 bündelt alle für den Biodiversitätsschutz zentralen Themen und Ziele in insgesamt 21 Handlungsfeldern mit 64 Zielen unter einem strategischen Dach. Im Aktionsplan sind rund 250 Maßnahmen aufgeführt, die die Bundesregierung bis 2027 umsetzen will. Nach einer Bilanz im Jahr 2027 sollen weitere Maßnahmen benannt werden, die sicherstellen sollen, dass die Ziele bis 2030 auch erreicht werden.
Die folgenden Angaben beziehen sich auf die NBS 2007.
Prozess Ein Entwurf für eine nationale Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in Deutschland lag bereits 1995 vor. Im gleichen Jahr gab es einen „Nationalbericht zur Umsetzung der Konvention über Biologische Vielfalt“ der Bundesregierung. Weitere Nationalberichte folgten 1998 und 2001. 2002 wurde ein Bericht nach Art. 6 der CBD über die „Strategien zur Umsetzung der CBD in Deutschland“ veröffentlicht. 2005 folgte ein weiterer Nationalbericht zur Umsetzung der Konvention. 2004 und 2005 wurde ein weiterer Entwurf einer „nationalen Strategie“ erarbeitet, der jedoch erst zwei Jahre später, im Mai 2007, veröffentlicht wurde. Das Bundesumweltministerium (BMU) hatte schließlich im Dezember 2007 mit der Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt begonnen und plante einen umfangreichen Prozess zur Einbeziehung vieler gesellschaftlichen Gruppen. Damit wurde ein Beschluss des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on biological diversity CBD) schließlich umgesetzt.
Den Bundesländern obliegt nicht nur die generelle Zuständigkeit für den Naturschutz im föderalen Deutschland, sondern sie sind auch als Experten und strategische Partner für die weitere Planung und Umsetzung der Strategie wichtig.
Jährlich findet ein nationales Forum zur biologischen Vielfalt statt. Es dient der Vernetzung der Akteure untereinander und greift aktuelle Schwerpunkte aus dem laufenden NBS-Umsetzungsprozess auf. Seit 2008 werden themenspezifische Dialogforen durchgeführt. Ziel dieser Veranstaltungen ist es, zusammen mit Akteursgruppen Wege zur Verwirklichung der Ziele zu finden. Im Rahmen regionaler Foren im Jahr 2008 wurde die NBS in verschiedenen Regionen Deutschlands bekannt gemacht, Schwerpunktthemen der Strategie wurden diskutiert.
Bundesprogramm Biologische Vielfalt Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt wird seit 2011 durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt (leben.natur.vielfalt) umgesetzt. Im Koalitionsvertrag von 2009 gab es dazu eine Vereinbarung. Als Förderschwerpunkte werden Projekte genannt, die zum Schutz von Arten oder Lebensräumen beitragen oder das gesellschaftliche Bewusstsein für die biologische Vielfalt stärken: Verantwortungsarten: 25 Tier- und 15 Pflanzenarten, die nur in Deutschland vorkommen (endemische Art) oder einen hohen Anteil an der Weltpopulation haben (Biodiversitäts-Hotspot) Hotspots der biologischen Vielfalt: Innerhalb der Hotspot-Regionen – mit etwa 11 Prozent der Fläche in Deutschland – werden 30 förderfähige Schwerpunkte mit hoher Dichte und Vielfalt charakteristischer Arten, Populationen und Lebensräume benannt. Projekte müssen „einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung und Optimierung des gesamten Hotspots leisten.“ Ausgleichszahlungen für Ökosystemleistungen (Payments for ecosystem services): Ökosystemdienstleistungen der natürlichen Umwelt haben für den Menschen als Existenzgrundlage einen hohen wirtschaftlichen Wert. Die Bereitstellung von Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Energieträgern, Kohlenstoffspeicherung als Beitrag zum Klimaschutz, Hochwasserschutz, sowie die Bedeutung von Naturräumen für Gesundheit und Erholung werden genannt. Schwerpunkte sind FlussauenSicherung von Ökosystemdienstleistungen, Bundesamt für Naturschutz, abgerufen am 20. Oktober 2020. Repräsentative Maßnahmen mit Bundesinteresse: Übergreifende oder themenspezifische Kommunikations-, Bildungs- und Akzeptanzprojekte. Projekte zur natur- und klimaschutzkonformen Entwicklung urbaner Räume. Projekte zur Entschneidung und Wiedervernetzung von Ökosystemen und Landschaften. Ausbau des deutschen Clearing-House-Mechanismus der UN-Biodiversitätskonvention.
Liste der 40 Verantwortungsarten
Von der Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) bis zur Europäischen Wildkatze (Felis silvestris silvestris) werden 5 Säugetierarten genannt. Vögel: Bergente (Aythya marila marila), Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria altifrons), Kiebitz (Vanellus vanellus), Mittelspecht (Dendrocopos medius), Rotmilan (Milvus milvus), Trauerente (Melanitta nigra nigra), Zwergschwan (Cygnus columbianus bewickii). Amphibien: Feuersalamander (Salamandra salamandra), Gelbbauchunke (Bombina variegata variegata). 2 Fisch-, 6 Insekten- und 3 Molluskenarten (Abgeplattete Teichmuschel, Flussperlmuschel, Gemeine Malermuschel). 15 Pflanzenarten (von Berg-Wohlverleih bis Gelbes Galmei-Stiefmütterchen).
Die Liste wurde vom BMU und vom Bundesamt für Naturschutz unter Einbeziehung der Bundesländer erarbeitet. Tier- und Pflanzenliste der besonders geförderten Verantwortungsarten, Bundesamt für Naturschutz, abgerufen am 15. April 2013
Konkrete Projekte an Biodiversitäts-Hotspots von nationaler Bedeutung
Lebensader Oberrhein – Naturvielfalt von nass bis trocken, Projektgebiete in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen, Laufzeit: 1. Oktober 2013 bis 30. September 2019, NABU Rheinland-Pfalz, NABU Baden-Württemberg und NABU Hessen, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Bundesamt für Naturschutz, Finanzvolumen: ca. 5 Mio. EuroLebensader Oberrhein – Naturvielfalt von nass bis trocken, Lebensader Oberrhein, NABU Naturschutzbund Deutschland e. V., abgerufen am 4. März 2017 Stärkung und Vernetzung von Gelbbauchunken-Vorkommen in Deutschland, 130 Projektgebiete, Laufzeit: 21. Dezember 2011 bis 28. Februar 2018, NABU Niedersachsen, NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, Finanzvolumen 3,2 Mio. Euro Löffelkraut & Co: Schutzprojekte für das Bayerische Löffelkraut (Cochlearia bavarica), Laufzeit bis Ende 2015 Erhalt und Entwicklung des überregional bedeutsamen Vorkommens des Feuersalamanders im Thüringer Wald (Naturstiftung David) Wildkatzensprung: Wiedervernetzung der Wälder Deutschlands mit langfristig 50 Meter breiten Waldkorridoren auf 20.000 Kilometern Länge (2011 bis 2017, 5,2 Millionen Euro, BUND, Projektpartner Senckenberg-Institut) Wildkatzensprung: Die Weitervernetzung, BUND (Friends of the Earth Germany), abgerufen am 8. August 2013 Bechsteinfledermaus-Projekt im Rheingau-Taunus-Kreis und Wiesbaden: Förderung eines Kolonieverbundes der Bechsteinfledermaus im europäischen Populationszentrum – Entwicklung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen zur Integration in die forstliche Bewirtschaftung. Das Projekt lief vom 15. Juli 2013 bis 14. Februar 2019. Kurzsteckbrief des Projekts zur Bechsteinfledermaus im Naturpark Rhein-Taunus Mit 900.000 Euro Bundeszuschuss wurden unter anderem 76 Quartierbäume von 32 Wochenstubenkolonien der Art entdeckt und zu ihrem Schutz markiert und 80 alte Eichen erworben, um sie dauerhaft zu erhalten.Eichen bleiben als Nistbäume stehen, von Oliver Bock. Artikel, FAZ Rhein-Main, Stand 29. Juli 2018.
Liste der Hotspots der biologischen Vielfalt in Deutschland
Allgäuer Alpen (Allgäuer Kalkalpen, Nördliche Kalkwestalpen, Ochsenkopf-Weiherkopf-Schnipperkopf) Ammergebirge, Niederwerdenfelser Land und Obere Isar Alpenvorland zwischen Mangfall und Inn (Inn-Chiemsee-Hügelland) Ammer-Loisach-Hügelland und Lech-Vorberge mit Kempter Wald Oberschwäbisches Hügelland und Adelegg (mit Pfänder und Westallgäuer Hügelland) Hochschwarzwald mit Alb-Wutach-Gebiet Schwäbische Alb Hinterer Bayerischer Wald Nördliche Frankenalb Nördliche Oberrheinebene mit Hardtplatten (Hardtebenen, Mainz-Ingelheimer Rheinebene, …) Donnersberg, Pfälzerwald und Haardtrand Mittelrheintal mit den Seitentälern Nahe und Mosel Saar-Ruwer-Hunsrück, Hoch- und Idarwald und Oberes Nahebergland Kalk- und Vulkaneifel Rhön (Hohe Rhön, Östliches Rhönvorland, Westliche und östliche Kuppenrhön) Thüringer Wald und nördliche Vorländer Werratal mit Hohem Meißner und Kaufunger Wald Südharzer Zechsteingürtel, Kyffhäuser und Hainleite Harz Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaften Senne mit angrenzendem Teutoburger Wald Südliches Emsland und nördliche Westfälische Bucht Hunte-Leda-Moorniederung, Delmenhorster Geest und Hümmling Untere Wümmeniederung mit Teufelsmoor und Wesermünder Geest Mecklenburgisch-Brandenburgisches Kleinseenland (Neustrelitzer Kleinseenland, Templiner Platte, Woldegk-Feldberger Hügelland) Schorfheide mit Neuenhagener Oderinsel Schleswig-Holsteinische Ostseeküste, Angeln, Schwansen, Dänischer Wohld (mit glazialer Rinnen-Landschaft der Ostseeförde Schlei) Westmecklenburgische Ostseeküste und Lübecker Becken (Wakenitz-Rinne, Untertrave-Förde) Vorpommersche Boddenlandschaft und Rostocker Heide Insel Usedom und Ostvorpommersche Küste
Es gibt dazu auch eine Karte sowie Kurzbeschreibungen mit Charakteristika und Detailkarten auf der Website des Bundesamts für Naturschutz.Bundesamt für den Naturschutz: Hotspots der biologischen Vielfalt in Deutschland (abgerufen: 3. Juni 2019)
Weitere konkrete Projekte (Stand: April 2013)
Auenentwicklung und Auenverbund an der Unteren Mittelelbe – Sicherung der biologischen Vielfalt und der Ökosystemdienstleistungen von Auen am Beispiel des UNESCO-Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe: Hohe Garbe und Elbabschnitt von Dömitz bis Wittenberge, Laufzeit vom 11. November 2012 bis 31. Oktober 2017 mit einem Gesamt-Finanzvolumen von 3,64 Mio. Euro Lebendige Luppe – Attraktive Auenlandschaft als Leipziger Lebensader: Bei einer Laufzeit vom 1. Mai 2012 bis 31. März 2018 wird ein Gesamt-Finanzvolumen von 6,7 Mio. Euro kalkuliert.Lebendige Luppe, Bundesamt für Naturschutz, abgerufen am 20. Oktober 2020. Aller-Projekt (Aktion Fischotterschutz e. V.), BeachExplorer (Umweltbeobachtung und Umweltbildung im Wattenmeer, Schutzstation Wattenmeer) Projektförderung im Wälderhaus Hamburg-Wilhelmsburg (Science Center Wald mit 650 m2 Ausstellungsfläche zur Internationalen Gartenschau igs 2013, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Finanzvolumen 508.748 Euro) Fokus Biologische Vielfalt – von der Naturerfahrung zur politischen Bildung: Entwicklung von Unterrichtsmaterialien, Naturschutzjugend, Laufzeit 1. Dezember 2012 bis 31. Mai 2016