mini|Timm Ulrichs, 1997

Timm Ulrichs (* 31. März 1940 in Berlin; † 29. April 2026 ebenda) war ein deutscher Künstler und Professor für Bildhauerei und „Totalkunst“.

Biographie mini|Timm Ulrichs, 2016 mini|Christoph Platz-Gallus und Reinhard Spieler bei Ein Nachmittag zu Ehren von Timm Ulrichs 2026 thumb|Stefan Becker bei Ein Nachmittag zu Ehren von Timm Ulrichs 2026 Timm Ulrichs wurde 1940 in Berlin geboren und verlebte seine frühe Kindheit in Bremen. Die Mutter war Stenotypistin und der Vater, der in Südafrika geboren wurde und eine englische Mutter hatte, technischer Zeichner. Die Familie wurde ab 1943 nach Prenzlau evakuiert. Beim Einmarsch der Roten Armee floh sie in die amerikanische Zone. Die Mutter und vier Kinder schafften es bis ins Oldenburger Land in die Nähe von Wildeshausen. In der Nähe von Dötlingen erlebten sie das Kriegsende mit. 1954 zog die Familie nach Bremen, wo Ulrichs 1959 das Abitur ablegte. Er begann anschließend ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Hannover, das er 1966 nach dem Vordiplom abbrach. Er war zunächst als freier Künstler aktiv und jobbte als Eisverkäufer und Tellerwäscher.Franziska Leuthäußer: Interview mit Timm Ulrichs am 22. November 2015 cafedeutschland.staedelmuseum.de

1961 gründete Ulrichs die „Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus mit Zimmer-Galerie & Zimmer-Theater“. 1969 kam eine „Kunstpraxis (Sprechstunden nach Vereinbarung)“ dazu.Henning Queren: Timm Ulrichs: Viel Kunst, Hasch und Happenings In: NP vom 6. Juni 2018. Da er mit Galeristen nicht zurechtkam, verkaufte er Plakate, Postkarten, Flugblätter und Drucksachen selbst. 1968 bezeichnete er sich selbst als „zu Unrecht verkanntes Genie aus Hannover“.Die Zeit: Ausgabe Nr. 20/1968 „Künstler wird man durch Entschluss, nicht durch Talent“, bekannte Ulrichs im September 1985 gegenüber dem Zeit Magazin.

Ab 1959 war er gemäß eigener Bezeichnung als „Totalkünstler“ aktiv.Ronald Meyer-Arlt: „Der Totalkünstler“ – ein Film über Timm Ulrichs In: HAZ vom 23. Mai 2019 In diesem Jahr gründete Ulrichs in Hannover die „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“, die zur Verbreitung, Entwicklung und Produktion von Totalkunst dienen sollte. Weiterhin erklärte er sich 1961 zum „ersten lebenden Kunstwerk“ und organisierte 1966 eine öffentliche Selbstausstellung bei Galerie Patio in Frankfurt am Main.Akademie der Künste: Käthe-Kollwitz-Preis 2020 der Akademie der Künste geht an Timm Ulrichs Ulrichs war von 1969 bis 1970 Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und von 1972 bis 2005 Professor für Bildhauerei und Totalkunst an der Kunstakademie Münster.Ehemalige Professuren, Kunstakademie MünsterUniSPIEGEL 5/2011: Iiih, mein Prof ist tätowiert! Abgerufen am 28. Juni 2012.

Seine erste Totalkunst-Retrospektive fand 1970 in Krefeld statt, sieben Jahre später war er Teilnehmer der Documenta 6 in Kassel. Große Einzelschauen fanden 1980 in Lüdenscheid, 1991 in Madrid und Recklinghausen, 2001 in Antwerpen (Plastik und Skulpturen) sowie 2002 in Hannover (Druckgrafik) statt. Von November 2010 bis Februar 2011 widmeten das Sprengel Museum und der Kunstverein Hannover „dem Pionier der Konzeptkunst und selbst ernannten «Totalkünstler» Timm Ulrichs“ eine große Retrospektive unter dem Titel Betreten der Ausstellung verboten.Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 26. November 2010: Große Timm-Ulrichs-Retrospektive im Künstlerhaus Hannover

Im Januar 2020 wurde Ulrichs für sein Lebenswerk mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt. Unter dem Titel Weiter im Text präsentierte die begleitende Ausstellung in der Akademie der Künste „einen viel zu kleinen Ausschnitt“ seines Œuvres.Irmgard Berner: Akademie der Künste: Timm Ulrichs erhält den Käthe-Kollwitz-Preis, Berliner Zeitung, 23. Januar 2020Wilhelm Klotzek: Timm Ulrichs in der Akademie der Künste: Der Meister des scheinbar Banalen, rbb, 23. Januar 2020 Eine weitere Ausstellung im März im Haus am Lützowplatz mit dem Titel Ich, Gott und die Welt sollte in 100 Tagen um je eine Arbeit wachsen und so einen wirklichen Überblick über sein Werk vermitteln.Christine Meixner: Künstler Timm Ulrichs: Mein Werk bin ich, Tagesspiegel, 22. Januar 2020

Zu Ulrichs Werken zählt ein Ehering „in Form einer sogenannten «Musterbeutelklammer» zum Verschließen von Briefen“: 2008 heiratete Timm Ulrichs die in Berlin lebende Künstlerin Ursula Neugebauer.Johanna Di Blasi: Kultur / Hannoverscher Künstler / Totalkünstler Timm Ulrichs wird 70 …; auf der Seite der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 26. März 2010, zuletzt abgerufen am 20. Oktober 2021 2018 veröffentlichte der Filmemacher Ralf-Peter Post den Dokumentarfilm Der Totalkünstler (89 min), der im Mai 2018 im Sprengelmuseum in Hannover und im März 2020 in der Akademie der Künste in Berlin aufgeführt wurde.

Timm Ulrichs starb im April 2026 im Alter von 86 Jahren in Berlin. Seine Urne wurde am 19. Mai in seinem selbstgeschaffenen Grabmal in der Künstler-Nekropole in Kassel bestattet. Im August 2026 fand im Sprengel Museum Hannover eine überaus gut besuchte Gedenkveranstaltung zu Ehren von Timm Ulrichs statt.

Werk mini|„Timm Ulrichs, Eigentum des Landes Niedersachsen“; Hinweistafel an der Bilderwand Bertramstraße

Ulrichs arbeitete interdisziplinär. Er war ein Vertreter von Neodadaismus, Body Art und Konzeptkunst.Timm Ulrichs: Viel Kunst, Hasch und Happenings neuepresse.de vom 6. Juni 2018. Ebenfalls beschäftigte sich Ulrichs mit Druckgrafik, dem Künstlerbuch und Performance-Kunst. Bekannt ist er darüber hinaus durch seine Beschäftigung mit der Sprache. Ulrichs setzte Tautologien, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten in der Sprache künstlerisch um – z. B.: „Am Anfang war das Wort am …“ – sowie verbale Begriffe, meist in Form von Plastiken oder Installationen.

Kontinuierlich hat Ulrichs auch Kunst im öffentlichen Raum betrieben. Große, oft themen- und standortbezogene Plastiken von Ulrichs sind zu sehen u. a. vor dem Magdeburger Hauptbahnhof (Erd-Achse), nahe der Münchner Allianz-Arena in Fröttmaning (Versunkenes Dorf), im Freilichtmuseum Middelheim in Antwerpen (Musterhäuser, Typ Bomarzo), in der Altstadt von Recklinghausen (Das Ganze und die Teile), in Bergkamen (Pyramide zum Mittelpunkt der Erde)Westfälischer Anzeiger: Kunst bewegt eine Stadt: Ulrichs-Ausstellung endet, abgerufen am 29. Juni 2012., in Mülheim/Ruhr-Styrum (Zwischen den Zeilen), in Sinsheim (Hausgeburt), vor der Galerie Nordhorn (Der Findling), in Essen etwa 150 m nordöstlich des Museums Folkwang (UMRAUM), am Museum Ritter, Waldenbuch, (Die Quadratur des Kreises, 2010Timm Ulrichs: Die Quadratur des Kreises, 1987/2010) oder am Marktplatz Einbeck (von null bis unendlich).

Ab 1968 begann Ulrichs Installationen für eine Fotoserie unter dem Titel Fotografieren verboten, die er über mehrere Jahre fortführte.Heinz Holtmann (Red.): Timm Ulrichs. Retrospektive 1960–1975, Katalog zur gleichnamigen Wanderausstellung im Kunstverein Braunschweig vom 26. September bis 9. November 1975, im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen vom 30. November 1975 bis 11. Januar 1976 und im Heidelberger Kunstverein vom 21. Januar bis 15. Februar 1976, hrsg. vom Kunstverein Braunschweig, Braunschweig: Waisenhaus-Buchdruckerei und Verlag, 1975, S. 56 Ulrichs’ kritische Sicht auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb führte bereits auf dem ersten Internationalen Kunstmarkt Köln (IKM) 1975 zu dessen Aktion Ich kann keine Kunst mehr sehen. Ulrichs persiflierte, mit Blindenstock und Armbinde auftretend, die nach seinen eigenen Worten „immer weiter um sich greifenden musealen Friedhöfe“.nrw-museum.de: Timm Ulrichs (abgerufen am 28. Januar 2016) 1996 entstand der Gedenkstein für Wolfgang Borchert in Hamburg an der Außenalster nahe dem Literaturhaus Hamburg mit einem Text aus Borcherts Generation ohne Abschied. 2012 wurde Ulrichs in die Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt aufgenommen.

Werkauswahl

Ulrichs’ Tätowierungen mini|hochkant=1.0| Sonderausstellung Christian Warlich auf St. Pauli im MHG 2019

1974 ließ sich Ulrichs im Goethe-Institut in Barcelona über dem Herzen eine Zielscheibe tätowieren; er „tätowierte sich zur lebenden Zielscheibe“.Marianne Winter in Braunschweiger Zeitung: Wer nicht denkt, fliegt raus! Eine Ausstellung im Kunstmuseum Celle vereint die Kunst-Rebellen Joseph Beuys und Timm Ulrichs Abgerufen am 29. Juni 2012 Die Tätowierung wurde von Ramón DraperKatinka Dittrich van Weringh: Wann vergeht Vergangenheit? Weilerswist-Metternich 2017, S. 42, einem spanischen Fremdenlegionär hand-poked durchgeführtManfred Kohrs: Tätowierungen in der bildenden Kunst des späten 20. Jahrhunderts, in: Tattoo Kulture Magazine 42, Januar/Februar 2021, S. 27.; „mehr gerissen als gestochen“, wie Ulrichs selbst bemerkte. Ulrichs wollte, nach eigenem Bekunden, „mit einem politischen Manifest die Gegner des Franquismus unterstützen.“, Inhalte nicht mehr abrufbar, kein Archivlink auffindbar am 16. Juni 2025 Die Idee zu dieser Aktion stammt aus dem Jahr 1971.Timm Ulrichs als lebende menschliche Zielscheibe, 1971/1974 Bilder der von Streckenbach nachbearbeiteten ZielscheibentätowierungZwei Bildabzüge: „Nachtätowierung“ durch Horst Streckenbach/Frankfurt|Leihgaben der TATTOO-COLLECTION-KOHRS.Lt. Scheiben von Timm Ulrichs an das MHG vom 14. November 2019 "…als Samy die in Barcelona gestochene Zielscheibe retuschiert und nachgezeichnet hat (Sie stammt also nicht von ihm in Gänze.) wurden erstmals im Rahmen der Sonderausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli (2019/20), Abteilung Streckenbach-Kohrs-Ulrichs, im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt.

Im Rahmen der Ausstellung Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder (Januar bin März 1975) im Kunstverein Hannover fand eine Tätowieraktion statt, auf der Horst Streckenbach neben sechs weiteren Personen sein späteres Mentee Manfred Kohrs vor laufender Kamera des NDR tätowierte.HAZ, 23. April 1981, Tätowieren – eine besondere Kunst Hannoversche Allgemeine Zeitung, 27. Januar 1975, „Samy tätowierte sieben Häute“In: Paul-Henri Campbell: Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. S. 89. Manfred Kohrs Geschichte machen, Geschichte schreiben. Eine Auswahl an Standardtätowiermotiven wurde 1975 von der Kestnergesellschaft-Hannover als Siebdruckmappe (limitiert 1-100/100, sign., dat. und nummeriert, 60 × 60 cm), herausgegeben.Bleibtreu-Galerie Im Januar 1975 berichtete der NDR in der Sendung Nordschau-Magazin über das Happening im Kunstverein Hannover. „Sammy“ aus Frankfurt über seine Kunst und das Tätowieren.Vollinformation des NDR – Produktionsnummer 0007750128, NDR HH Medienbegleitkarte 12. Dezember 2008 St. (1, 2)

„Mein Leben wird von der Geburt bis zum Tod ununterbrochen gefilmt“, plante Ulrichs bereits 1961. Auf sein rechtes Augenlid ließ er sich im Mai 1981 ebenfalls von Streckenbach die Worte „The End“ tätowierenTHE END, Dokument einer Tätowieraktion von Horst Streckenbach, Samy’s Tattoo Studio, Frankfurt am Main, 16. Mai 1981, Timm Ulrichs: Ausstellungskatalog: Betreten der Ausstellung verboten, Hrsg. vom Kunstverein Hannover und Sprengelmuseum, 2011, S. 59 – der Abspann für den ultimativ letzten Film.Vgl. Christina Sticht, Timm Ulrichs: Pionier der Konzeptkunst, nw-news.de, 31. März 2010.situation-kunst.de Abgerufen am: 31. Oktober 2010 Streckenbach hatte zunächst den Hannoveraner Tätowierer Manfred Kohrs für diese Arbeit vorgesehen.Pascal Bagot: INTERVIEW MANFRED KOHRS auf Inkers App Es kam zwar 1980 zu einem Treffen zwischen Kohrs und Ulrichs, die Ausführung überließ Kohrs dann doch seinem Mentor Streckenbach, der über eine lange Erfahrung mit kosmetischen Tätowierungen im Gesicht verfügte.Paul-Henri Campbell: Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-88423-606-2. S. 90.Manfred Kohrs: Der vergessene Pionier – Horst H. Streckenbach. Tattoo-Samy, in: Tattoo Kulture Magazine 32, Mai/Juni 2019, S. 28–40.