Der Stephansdom in Wien verfügt über vier Orgeln: Die am 4. Oktober 2020 geweihte Riesen-Orgel von Rieger auf der Westempore (Wobei das Prospekt und 42 % der Pfeifen von Kauffmann stammen.), die ebenfalls von Rieger errichteten Instrumente Domorgel (1991) und Haydn-Orgel (2009), sowie eine Truhenorgel (2005) von Jens Steinhoff.

Geschichte Eine Orgel in St. Stephan wird erstmals urkundlich im Jahre 1334 erwähnt; möglicherweise wurde 1336 eine neue Orgel errichtet. 1371 wurde das betreffende Instrument durch den Organisten und Orgelbauer Peter repariert.

Orgelfuß Nachdem der Orgelfuß von Meister Anton Pilgram 1513 vollendet worden war, wurde dort eine Orgel aufgestellt; möglicherweise handelte es sich dabei um das 1336 errichtete Instrument. Nach Arbeiten durch Friedrich Pfannmüller (1560) und J. Scherer (1561/1562) baute Hermann Raphael Rodensteen 1566–1567 ein neues Werk.www.musiklexikon.ac.at: St. Stephan (Wien), abgerufen am 21. März 2015. Diese Orgel wurde 1797 abgetragen, wobei ihre Register in die neu errichtete Westemporenorgel integriert wurden.Günter Lade: Orgeln in Wien. Edition Lade, Wien 1990, S. 212. Eine anlässlich ihrer Demontage angefertigte Notiz „Sie sei über 400 Jahre alt und aufgrund ihres Alters etwas merkwürdig.“ spricht für eine Entstehung dieser Orgel im 14. Jahrhundert.

Füchselbaldachin Im Jahr 1507 erhielt der Dom eine große Orgel, die auf dem Füchselbaldachin neben der großen Sakristei aufgestellt wurde. Sie stammte aus der Werkstatt des Bozener Meisters Burchhard Tischlinger (Burkhard Dinstlinger) und wurde 1545 durch Jacob Kunigschwerdt aus Zwettl erweitert. Auch diese Orgel wurde 1797 entfernt, wobei ihre Register ebenfalls in der neuen Westemporenorgel weiter verwendet wurden.Lade 1990, S. 214.

Chorraum Auf dem über dem Chorgestühl um 1640 neu errichteten Musikantenchor schuf Ferdinand Josef Römer 1701 eine neue Orgel mit zehn Registern. 1886 erbaute die damals noch in Jägerndorf ansässige Firma Rieger in deren Gehäuse ein neues, 16 Register auf zwei Manualen und Pedal umfassendes Instrument, das beim Einsturz einer Wand sowie von Gewölben infolge des Großbrandes von April 1945 mitsamt dem Musikantenchor zerstört wurde. Nachdem der Dom wiederaufgebaut worden war, errichtete die Wiener Firma Kauffmann eine neue ChororgelLade 1990, S. 214. mit zwölf Registern und sechs Auszügen auf zwei Manualen und Pedal; ihre Traktur war elektrisch ausgeführt. Darüber hinaus verfügte sie über 2 Spieltische, von denen sie wahlweise gespielt werden konnte.Lade 1990, S. 214.

I. Manual C–g3 Prinzipal 8′ Spitzflöte 8′ Fugara 8′ Prinzipal 4′ Mixtur IV 2′ II. Manual C–g3 Gedeckt 8′ Salicional 8′ Nachthorn 4′ Prinzipal 2′ Terzian ′ Pedal C–g1 Prinzipalbass 16′ Subbass 16' Quintbass ′ Oktavbass 8' Gedecktbass 8' Quintbass ′ Oktavbass 4' Pommer 4' Koppeln: II/I, I/P, II/P. Superoktavkoppeln: I, II/I, II Suboktavkoppeln: II/I

Empore über dem Riesentor Seit der Errichtung der Walcker-Orgel aus dem Jahre 1886 werden die Instrumente auf der Westempore auch Riesenorgel genannt, weil sie oberhalb des Riesentores stehen, einem romanischen Trichterportal.

Römerorgel von 1720 1711 wurde – im Zuge der Barockisierung des Domes zu Beginn des 18. Jahrhunderts – ein Orgelneubau ausgeschrieben, bei dem sich u. a. Ferdinand Josef Römer (1656–1723) aus Wien und Johann David Sieber (ca. 1670–1723) aus Brünn beteiligten. Römer, der sich dabei durchsetzen konnte, stellte 1720 das bestellte Instrument fertig, das 32 Register auf zwei Manualen und Pedal umfasste. 1797 wurde es, vermutlich von Ignaz Kober, auf 41 Register erweitert, wobei die dafür notwendigen Pfeifen aus den in diesem Zuge abgetragenen Seitenschiffsorgeln stammten.Lade 1990, S. 214.

Neubau durch Walcker (1886) 1886 errichtete der Orgelbauer Friedrich Walcker im Gehäuse der Römerorgel ein neues Instrument mit 90 Registern.Lade 1990, S. 214. Dieses bedeutsame und wertvolle Orgelwerk brannte beim Großbrand im April 1945 vollständig ab.Abbildung 1932, Freeman

I. Manual C–f3 1. Untersatz 32′ 2. Principal 16′ 3. Tibia major 16′ 4. Viola major 16′ 5. Bourdon 16′ 6. Oktave 8′ 7. Principal 8′ 8. Bourdon 8′ 9. Viola di Gamba 8′ 10. Gemshorn 8′ 11. Salicional 8′ 12. Hohlflöte 8′ 13. Rohrflöte 8′ 14. Doppelflöte 8′ 15. Fugara 8′ (Fortsetzung) 16. Quinte ′ 17. Oktave 4′ 18. Principal 4′ 19. Rohrflöte 4′ 20. Hohlflöte 4′ 21. Gemshorn 4′ 22. Fugara 4′ 23. Terz ′ 24. Quinte ′ 25. Oktave 2′ 26. Doublette 2′ 27. Kornettino 2′ 28. Oktave 1′ 29. Kornett V 8′ 30. Mixtur VI 4′ 31. Scharff IV ′ 32. Posaune 16′ 33. Posaune 8′ 34. Ophicleide 8′ 35. Clairon 4′ II. Manual C–f3 36. Principal 16′ 37. Salicional 16′ 38. Quintatön 16′ 39. Principal 8′ 40. Viola 8′ 41. Spitzflöte 8′ 42. Quintatön 8′ 43. Bifara II 8′ 44. Gedeckt 8′ 45. Dolce 8′ 46. Principal 4′ 47. Spitzflöte 4′ 48. Viola 4′ 49. Nasard ′ 50. Gedecktflöte 4′ 51. Oktave 2′ 52. Kornett V 8′ 53. Mixtur V ′ 54. Trompete 8′ 55. Klarinette 8′ 56. Corno 4′ III. Manual C–f3 57. Lieblich Gedeckt 16′ 58. Principal 8′ 59. Lieblich Gedeckt 8′ 60. Wiener Flöte 8′ 61. Aeoline 8′ 62. Voix celeste 8′ 63. Piffaro II 8′ 64. Oktave 4′ 65. Viola 4′ 66. Flauto dolce 4′ 67. Oktave 2′ 68. Cymbel IV 2′ 69. Trompette harmonique 8′ 70. Oboe 8′ Pedal C–d1 71. Principalbass 32′ 72. Principalbass 16′ 73. Subbass 16′ 74. Violonbass 16′ 75. Flötenbass 16′ 76. Kontrabass 16′ 77. Gedecktbass 16′ 78. Quintbass ′ 79. Oktavbass 8′ 80. Flötenbass 8′ 81. Violonbass 8′ 82. Gedecktbass 8′ 83. Terzbass ′ 84. Mixtur V ′ 85. Oktavbass 4′ 86. Oktavbass 2′ 87. Bombardon 32′ 88. Posaunenbass 16′ 89. Trompete 8′ 90. Clairon 4′

Kauffmann-Orgel (1960) mini|Kauffmann-Orgel auf der Westempore (2017) Auf der Westempore von St. Stephan stand bis 2017 die Monumentalorgel, die in den Jahren von 1956 bis 1960 von dem Wiener Orgelbauer Johann Marcellinus Kauffmann errichtet, bzw. aus angekauften Orgelteilen der Fa. Aug. Laukhuff zusammengebaut wurde. Am 2. Oktober 1960 wurde die Orgel durch Kardinal Franz König gemeinsam mit Kardinal Joseph Frings aus Köln geweiht. Das Instrument hatte 125 Register auf vier Manualen und Pedal mit insgesamt ca. 10.000 Pfeifen; sowie elektrische Kegelladen und einen Freipfeifenprospekt. Sie war damals die größte Orgel, die jemals in Österreich errichtet wurde, und das größte Musikinstrument der Republik. Die den Prospekt tragenden Engel schuf der Osttiroler Bildhauer Josef Troyer.Franz Falter: Die Opfer des Orgelkrieges bei andreas-unterberger.at; abgerufen am 2. März 2017

Die Bundesrepublik Deutschland stiftete einen erheblichen Geldbetrag für den Orgelneubau. Die Auftragsvergabe an den Wiener Orgelbauer, der kein vergleichbar großes Orgelwerk zuvor errichtete, war von Anfang an umstritten. Gerüchte von Freunderlwirtschaft tauchten auf; anderen Firmen, die für den Bau solch einer Großorgel geeignet seien, wäre keine reale Chance, den Auftrag zu erhalten, eingeräumt worden.

Nachdem die um 1640 erbaute und für die figurale Kirchenmusik genutzte Empore über dem gotischen Chorgestühl beim Brand von 1945 vernichtet worden war, mussten Chor und Orchester auf die Westempore ausweichen. Deshalb stand nun dort für einen Orgelneubau weniger Platz zur Verfügung. Deshalb platzierte Kauffmann viele Register hinter einem „Schwibbogen“, der die beiden Heidentürme verbindet und der ungehinderten Klangabstrahlung im Wege stand. Die Orgel hatte gut klingende Einzelregister, konnte aber die Kathedrale trotz großer Disposition nicht zufriedenstellend füllen. Ihr Klangvolumen sei schon bei der Orgelweihe enttäuschend gewesen. Ohnehin gilt der Dom mit seinen vielen Netzrippengewölben, den zahlreichen Verzierungen, dem Sandstein und auch wegen seiner Größe als akustisch anspruchsvoller Raum. Auch eine groß besetzte Chor- und Orchesterdarbietung von der Westempore fülle ihn klanglich nicht aus. Die Kauffmann-Orgel war bei vollbesetzter Kirche beim Gemeindegesang im vorderen Teil des Doms kaum noch zu hören."Eine Riesenorgel für den Stephansdom", Fernsehsendung auf ORF III vom 4. Oktober 2020 Zudem war sie mit minderwertigem Nachkriegsmaterial errichtet worden und galt deshalb von Anfang an als problematisch.Anton Heiller: Probleme um die neue Orgel des Stephansdomes. In: Österreichische Musikzeitschrift, 15. Jg./Heft 10, Oktober 1960, S. 457f.Egon Krauss: Die ungenützte Chance. In: Wochen-Presse, Nr. 40, 1. Oktober 1969, S. 25 Wegen der neobarocken Disposition des Instruments waren mit ihm weder symphonische Orgelmusik, wofür Großorgeln an sich prädestiniert sind, noch barocke Werke, da das Instrument über eine dafür schlecht geeignete elektrische Spieltraktur verfügte, darstellbar.

Bis zu ca. 12 m hohe Prospektpfeifen drohten bereits Anfang der 1970er Jahre unter ihrem Eigengewicht einzuknicken und herabzustürzen. 1991 fiel die Orgel während einer Messe infolge eines Kurzschlusses endgültig aus. Als mit der Einweihung der neuen Domorgel 1991 ein neues Instrument zur Verfügung stand, konnte die Kauffmann-Orgel stillgelegt werden. Sie wurde 1998 aus dem Denkmalschutz entlassen, um möglichst viele ihrer Teile in einen Ersatzbau integrieren zu können, anstatt ein Orgelwerk, dessen völlige Unbrauchbarkeit absehbar war, zu erhalten. Eine Umsetzung in einen Dom in Ungarn stand auch zur Debatte.

Zur sog. „Rettung“ der Riesenorgel formierte sich am 1. Oktober 2010, dem 50. Jahrestag der Weihe dieses Instruments, ein Komitee, das sich aus Verwandten von Johann Marcellinus Kauffmann und einigen prominenten Unterstützern zusammensetzte, die trotz gegenteiliger Argumente hartnäckig den Erhalt desselben propagierten. 2014 machte Rieger Orgelbau die Orgel mit großem Aufwand für eine Nacht notdürftig spielbar, um ihren Klang noch einmal zu erproben. Dazu zählten umfangreiche Abdichtungsarbeiten, der Ersatz des bereits verschwundenen Gebläsemotors durch ein Provisorium sowie die Bereitstellung von 50 Feuerlöschern aufgrund der von der altersschwachen Elektrik erwarteten Brandgefahr. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse führten nochmal zu einer erheblichen Umgestaltung des Konzeptes für die schließlich ab 2017 errichtete Orgel."Diagonal zum Thema Orgel – die irre Musikmaschine" (Sendung von Ö1, 21. Mai 2022, 17.30 bis 19.00 h).

Das heruntergekommene und völlig verschmutzte Instrument, in dem Vogelkadaver verwesten, war bis 2017 weder renoviert noch entfernt worden.