Als Fiasko von Knysna () wird das Geflecht aus sportlichem Misserfolg, mannschaftsinternen Querelen und dem daraus resultierenden massiven Ansehensverlust der französischen Fußballnationalelf (les Bleus) während und nach der Weltmeisterschaftsendrunde 2010 in Südafrika bezeichnet.Siehe pars pro toto das Editorial „Oublier Knysna“ in France Football Spécial: Guide de la saison 2010-11, Supplément Le guide de la Ligue 1 2010-11, S. 3, erschienen am 3. August 2010. Bereits im Juli 2010 erschienen mehrere Bücher ausschließlich zu diesem Thema (siehe im Kapitel Literatur). Diese Ereignisse beschäftigten die Medien in Frankreich, gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen zum Thema, mindestens so stark wie die großen politischen Themen des Sommers 2010 („Bettencourt-Affäre“, Anhebung des Renteneintrittsalters, Ausweisung der Roma).siehe hierzu beispielsweise das Kapitel „Les années Sarkozy“ in Anne T. Bouchet: La France de la Cinquième République. Seuil/Éd. Sciences Humaines, Auxerre 2013, ISBN 978-2-36106-040-4, insbesondere S. 249, 260f. und 277f. Selbst zehn Jahre später erinnerten zahlreiche französische Medien an diese dunkle Episode.
mini|Knysna Die den Eklat auslösenden Vorgänge trugen sich Mitte Juni 2010 im französischen Teamquartier in Knysna [] und im Peter-Mokaba-Stadion in Polokwane zu. In Frankreich selbst führten sie zu einer breiten, lang anhaltenden öffentlichen Diskussion, in die sich auch der Präsident der Republik während eines Staatsbesuchs,Präsident Sarkozy beantwortete auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Medwedew auch Fragen zu den Vorgängen in Südafrika. – Kicker Sportmagazin/Sven Simon: Fußball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010. Berichte – Analysen – Kommentare. Copress, München 2010, ISBN 978-3-7679-0966-3, S. 27. mehrere Regierungsmitglieder und die NationalversammlungEine Übersicht der unterschiedlichen Forderungen von UMP-Abgeordneten findet sich im Artikel aus Le Parisien vom 23. Juni 2010. frühzeitig einschalteten. Die Ereignisse hatten ihrerseits Rückwirkungen auf den nationalen Fußballverband FFF und die unmittelbar beteiligten Spieler, Trainer sowie Funktionäre. Außerdem trugen sie zu einem Imageverlust des französischen Fußballs im Ausland bei, der sich in zahlreichen kritischen und spöttischen Artikeln in der internationalen Presse niederschlug. Diese bezogen sich dabei nicht nur auf das sportlich schwache Abschneiden der Équipe tricolore.Saccomano/Verdez, S. 123f. und 119, führen u. a. Zitate aus der Süddeutschen Zeitung („Untergang der Titanic, keine Überlebenden“), El País („Frankreich empört sich über Frankreich“), The Times („Eine Welle des Widerwillens überflutet Frankreich“) und dem Irish Examiner („Der letzte Akt der Miserablen“) an, die belegten, dass „Frankreich die Lachnummer der ganzen Welt“ geworden sei und dabei sogar die sportlich ebenfalls enttäuschenden „Italiener übertroffen“ habe – auch der WM-Titelverteidiger hatte bereits nach der Vorrunde sieglos die Heimreise antreten müssen. Weitere Beispiele (u. a. El Mundo, Corriere della Sera, The Sun) sind auf zusammengestellt.
Nachdem sich zunächst keine einheitliche Bezeichnung für die Vorgänge etabliert hatte, bezeichneten die französischen Medien sie mit zunehmendem zeitlichem Abstand überwiegend als Fiasko oder verwendeten nur noch die Ortsangabe Knysna.
Die Ereignisse zwischen 17. und 23. Juni mini|Raymond Domenech (hinter ihm: Jean-Pierre Escalettes)|260x260px mini|hochkant|Nicolas Anelka (2010) Auslöser war ein Disput zwischen Trainer Raymond Domenech und dem Angreifer Nicolas Anelka: Während der Halbzeitpause des noch torlosen Weltmeisterschafts-Vorrundenspiels gegen Mexiko am Abend des 17. Juni forderte Domenech Anelka auf, sich besser in das taktische Schema einzuordnen, eine offensivere Rolle in der Sturmmitte einzunehmen, sich aktiver um Bälle zu bemühen und endlich auch einmal auf das gegnerische Tor zu schießen. Der als schwierig geltende SpielerDenis Chaumier: Les Bleus. Tous les joueurs de l’équipe de France de 1904 à nos jours. Larousse, o. O. 2004, ISBN 2-03-505420-6, S. 18, beschrieb Anelka bereits sechs Jahre vor Knysna als „Enfant terrible des französischen Fußballs“, der 2002 der Nationalmannschaft schon einmal „mit Türenknallen den Rücken gekehrt“ und auch bei vielen seiner Vereine einen „permanenten Kleinkrieg gegen die Welt der Funktionäre“ geführt hatte, „fußballerisch begabt, aber starrköpfig und rechthaberisch“. kritisierte den Trainer daraufhin heftig und wohl auch mit Worten unterhalb der Gürtellinie, wobei die Tatsache als solche nicht strittig ist – Anelka selbst hat sie gegenüber dem FFF-Präsidenten Jean-Pierre Escalettes und der Presse freimütig eingeräumtSaccomano/Verdez, S. 59 –, wohl aber ist der exakte Wortlaut seiner Beleidigung umstritten. Daraufhin ersetzte Domenech, der diesen Dialog anschließend zunächst als „normalen Kabinenwortwechsel“ (mots de vestiaire) herunterspielte,Saccomano/Verdez, S. 47 Anelka zum Wiederanpfiff der Partie durch André-Pierre Gignac. Das Spiel wurde dennoch mit 0:2 verloren, wodurch sich – nach einem schwachen Auftaktspiel (0:0 gegen Uruguay) – die Chancen des amtierenden Vizeweltmeisters auf ein Weiterkommen deutlich verschlechterten.
Am 19. Juni veröffentlichte die französische Sportzeitung l’Équipe diesen Vorfall mit der Überschrift „Va te faire enculer, sale fils de pute!“ (Sinngemäß: „Fick dich in den Arsch, du dreckiger Hurensohn!“) auf der Titelseite. von l’Équipe, dazu zwei Artikel aus Le Monde und von Spiegel online, beide ebenfalls vom 19. Juni 2010 Später am Tag forderte der Verbandspräsident eine öffentliche Entschuldigung des Stürmers, der zwar zugab, „eine Dummheit begangen“ zu haben, die Forderung einer öffentlichen Entschuldigung aber ablehnte; daraufhin entschied Escalettes, ihn umgehend nach Hause zu schicken.Saccomano/Verdez, S. 60 Der vor Beginn des Turniers zum Mannschaftskapitän ernannte Patrice Evra befasste sich in einer Pressekonferenz beinahe ausschließlich mit der Frage, wer der „Verräter“ bzw. das „U-Boot“ gewesen sein könnte, der die Kabineninterna weitergegeben hatte.Saccomano/Verdez, S. 25, und Artikel von Kicker.de zu Evras Presseauftritt Diese Suche nach dem „U-Boot“ wurde zu einer teaminternen Obsession und zog Zwietracht und Bezichtigungen nach sich. Dabei beschuldigten sich die Spieler nicht nur gegenseitig, sondern vor allem die Mitglieder des Betreuerstabs, wie den Pressesprecher François Manardo, den Physio Michel Brohan sowie den von Evra verdächtigten Konditionstrainer Robert Duverne.
Am Morgen des 20. Juni – zwei Tage vor dem für das französische Weiterkommen entscheidenden Match gegen den Gastgeber – stürmte Franck Ribéry ein TV-Interview Domenechs mit TF1. In diesem entschuldigte sich Ribéry unter Tränen bei seinen Landsleuten und verneinte Gerüchte über Querelen mit Mitspieler Yoann Gourcuff, kritisierte aber weiterhin den Ausschluss Anelkas und pflichtete Evra bei der Suche nach dem „U-Boot“ bei. Dieser Auftritt wurde allerdings im Anbetracht dessen, was danach passieren sollte, weniger als ehrliche Meinung, sondern eher als Kalkül ausgelegt. Wenige Stunden später kam das Fiasko zu seinem Höhepunkt.
Nach der Ankunft am Trainingsplatz, auf dem das Training unter Einbezug der Medien und Öffentlichkeit stattfinden sollte, erklärte Kapitän Evra Coach Domenech sowie Konditionstrainer Robert Duverne die Absicht des Teams, das Training zu boykottieren, während der Rest der Mannschaft, merklich in Turnschuhen und nicht Fußballschuhen bekleidet, Autogramme an Fans gab. Der zuvor von Evra bezichtigte Duverne reagierte sichtlich empört und nur Domenechs energisches Einschreiten konnte Handgreiflichkeiten zwischen den beiden verhindern.siehe dieses Video, leider ohne Ton Duverne marschierte Richtung Trainerstab und riss seine Stoppuhr ab und warf sie gen Wald, Evra versammelte sich mit seinen Teammitgliedern, die daraufhin geschlossen in den Bus zurückkehrten und „aus Solidarität mit Anelka“ in den Streik traten. Der Bus setzte sich jedoch, anders als von den Spielern geplant, nicht direkt wieder in Bewegung in Richtung des Hotelresorts, sondern stand eine längere Zeit still, da Domenech die Schlüssel des Busses zuvor an sich genommen hatte, damit die Spieler nicht zum Camp zurückkehren können. Die von Mittelfeldspieler Jérémy Toulalan verfasste Erklärung zu diesem Streik verlas dann aber nicht etwa einer der Unterzeichner – auch François Manardo, der Pressesprecher der Nationalelf, weigerte sich, ein „Dokument zu verlesen, das sich gegen [seinen] Arbeitgeber richtet“.Manardo, S. 160 Dies tat dann vielmehr ausgerechnet einer derjenigen, gegen die sich die Aktion richtete, nämlich Domenech.vgl. ; darin auch ein Video mit der Verlesung der Streikerklärung durch Domenech. Der vollständige Wortlaut des Kommuniqués findet sich auf dieser Seite von TV5, ausschnittweise und ins Deutsche übersetzt auch auf diesem Video.
Der Verbandsfunktionär Jean-Louis Valentin verkündete noch vor Ort seinen Rücktritt. Einige Spieler, darunter Yoan Gourcuff, Hugo Lloris und Bacary Sagna, sollen sich im Bus gegen den Streik gewehrt haben, aber angeblich von den Rädelsführern bedroht worden sein. Laut William Gallas soll das Team ursprünglich die Bestreikung des letzten Gruppenspiels gegen Südafrika geplant haben, jedoch aufgrund der drakonischen Strafen, die bei solch einem Spielboykott gedroht hätten, habe man sich auf einen Trainingsboykott einigen können.
Daraufhin überschlägt sich die Presse. France Football titelte am 22. Juni die Schlagzeile „Französische Nationalmannschaft – tot auf dem Feld der Ehrlosigkeit“ (Équipe de France – morte au champ du déshonneur). Die veröffentlichte Meinung in Frankreich war nahezu einhellig: „Streikende Millionäre hatten einen Bus entführt und das blaue Trikot als Geisel genommen, um ihre Partikularinteressen durchzusetzen.“Saccomano/Verdez, S. 93 Sarkozy, der sich bei einem Amtsbesuch in Russland befand, sprach bei einer Pressekonferenz am 19. Juni von einer „inakzeptablen“ Situation und forderte die für Sport zuständige Ministerin Roselyne Bachelot auf, zu intervenieren und die Spieler zurechtzuweisen. Bachelot sprach bei einer Zusammenkunft mit den Spielern am 21. Juni von einem „moralischen Desaster“ (désastre moral), für das kein Beteiligter auch nur einen Cent an Prämien bekommen dürfe. aus Le Monde, in einer kürzeren Fassung auch in vom 24. Juni 2010 aus France Football; zudem in Saccomano/Verdez, S. 103. Serge Raffy, Chefredakteur des Nouvel Observateur, nennt die Vorgänge in seinem Buch (siehe Literatur) eine „sportliche und moralische Katastrophe“ und einen „Schiffbruch“ (S. 9).