mini|Hamid Reza Braun, 2023 Hamid Reza Braun (geb. Yousefi, * 11. November 1967 in Teheran) ist ein deutsch-iranischer Kulturwissenschaftler, Psychologischer und Systemischer Psychotherapeut und Klinischer Psychoonkologe.
Leben 1997 nahm Braun an der Universität Trier ein Studium der Philosophie, der Pädagogik und der Psychologie auf, das er 2001 mit dem Magister Artium abschloss. Im selben Jahr erhielt er ein Stipendium nach dem Landesgraduiertenförderungsgesetz Rheinland-Pfalz für seine Dissertation mit dem Titel Der Toleranzbegriff im Denken Gustav Menschings; 2004 wurde er promoviert. 2002 initiierte er die wissenschaftliche Schriftenreihe Bausteine zur Mensching-Forschung, 2004 zudem die wissenschaftliche Schriftenreihe Interkulturelle Bibliothek. Er ist Gründer der internationalen Zeitschrift Jahrbuch Psychotherapie und des Jahrbuch des Denkens. Dank eines Postdoktorandenstipendiums der Fritz-Thyssen-Stiftung konnte er zwischen 2004 und 2005 sein Werk Interkulturelles Denken oder Achse des Bösen: Das Islambild im christlichen Abendland. ausarbeiten. Im Jahre 2010 habilitierte er sich an der Universität Koblenz-Landau mit der Arbeit Interkulturalität und Geschichte. Perspektiven für eine globale Philosophie.
Von 2004 bis 2007 lehrte Braun Kultursoziologie an der Universität Trier, von 2006 bis 2010 sowie im Wintersemester 2014 war er Lehrbeauftragter an der Universität Koblenz-Landau. Von 2008 bis 2016 war er darüber hinaus Lehrbeauftragter der Universität Kaiserslautern. Seit seiner Habilitation ist er dort Privatdozent für Interkulturelle Philosophie und Geschichte der Philosophie. Bis 2014 war er Referent der Forschungsstelle für Interkulturelle Philosophie in Trier. Braun ist Gründungspräsident des Instituts zur Förderung der Interkulturalität.Hamid Reza Yousefi: Dornenfelder, Reinbek 2011. Seit 2016 lehrt er an der Universität Potsdam und zudem ist er Treuhänder der Peter-Gerdsen-Stiftung.
2017 wurde Braun zum Professor für Interkulturelle Philosophie und Psychologie der Kommunikation ernannt. 2018 erhielt er die Erlaubnis zur Ausübung des Psychologischen Psychotherapeuten mit Schwerpunkt Sucht und Psychoonkologie gemäß der Zertifizierung der Deutschen Krebsgesellschaft. Sein Ansatz ist eine humanbasierte Improvisationsmethode mit einer patientenzentrierten und idiolektischen Gesprächsführung. Mit seinem Vorgehen begegnet Braun depressiven Verstimmungen und Belastungsreaktionen durch eine würdigende Rückmeldung in Anlehnung an den Facharzt für Psychosomatische Medizin Peter Weyland. 2021 gründete Braun die Internationale Zeitschrift für PsychoPraxis, die über Anwendungsfelder und Methoden der kontextuellen Psychotherapie informiert.https://www.bautz.de/zielsetzung
Wissenschaftliche Methode Braun unterscheidet zwischen vergleichender und interkultureller Philosophie.Hamid Reza Yousefi: Interkulturalität. Eine interdisziplinäre Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-23824-8. Letztere soll zwischen Kulturen und Traditionen mit ihren jeweils eigenen Terminologien, Fragestellungen und Lösungsansätzen vermitteln und dazu Methoden aus Hermeneutik, Empirie und Phänomenologie einbeziehen. Braun entwickelt einen offenen Vernunftbegriff, wonach jeder Vernunftansatz gebunden ist an Kontexte, Situationen und Individualität – ein statischer Vernunftbegriff dagegen könne der Komplexität von Situationen, der Singularität von Akteuren und Kontexten nicht Rechnung tragen.Hamid Reza Yousefi: Grundbegriffe der Interkulturellen Kommunikation. München 2014, 31ff. In diesem Sinne kritisiert er auch Konzepte von „Toleranz“, die einen Begriff von Kulturen mit konstanten Merkmalen („Kulturessentialismus“) annehmen. Dies führe, entgegen der Toleranzidee, zu Hierarchisierungen und zum Scheitern von Kommunikationen.Hamid Reza Yousefi: Interkulturelle Kommunikation. Eine praxisorientierte Einführung. Darmstadt 2014, 112ff. Dieser Methodenansatz bedingt auch eine Kritik bisheriger Entwürfe philosophischer Historiographie: Außereuropäische Traditionen würden vernachlässigt, eigene Voraussetzungen dadurch verabsolutiert, eine „Reziprozität“ interkultureller philosophischer Kommunikation ausgeschlossen.Vgl. die Habilitationsschrift: Hamid Reza Yousefi: Interkulturalität und Geschichte. Perspektiven für eine globale Philosophie, Reinbek 2010, 11. Traditionelle Philosophiegeschichten seien demnach „Sammelbecken von Lokalgeschichten“; vonnöten sei eine „Dezentralisierung der Geistesgeschichte“ (217f). Vgl. auch Hamid Reza Yousefi: Interkulturelle Kommunikation. Eine praxisorientierte Einführung, Darmstadt 2014. In einer Monographie von 2006 arbeitet Braun die Grundlagen einer „interkulturellen Religionswissenschaft“ aus, die zwischen philologisch und hermeneutisch ausgerichteten Ansätzen bzw. Traditionslinien vermitteln will. Er entwickelt das Konzept einer gewaltfreien Hermeneutik unter Berücksichtigung von Macht und Interesse, um den Dialog zwischen unterschiedlichen kontextbedingten Formen der Kommunikation auf allen wissenschaftlichen Gebieten zu ermöglichen.Vgl. Johann Figl: Philosophie der Religionen. Pluralismus und Religionskritik im Kontext europäischen Denkens, Paderborn 2012, 259, schreibt: „Hamid Reza Yousefi hat die Grundlagen einer Interkulturellen Religionswissenschaft in einer Monographie ausgearbeitet“. Braun „will sich mit verabsolutierenden Denkmustern, die keinen Raum für echte und offene Kommunikation und Versöhnung bieten, nicht abfinden“.
Kulturtheoretischer Ansatz In seinem Werk Kampfplätze des Denkens modifiziert er seinen Kultur- und Kommunikationsbegriff. Er weist die These zurück, nach der es einen Kampf der Kulturen gibt und spricht über Denkweisen, Denknutzungen und Denkleistungen, die in jedem kommunikativen Akt unterschiedlich zum Tragen kommen. Daher ist das Feld der Kommunikation seines Erachtens immer ein Kampfplatz der Denkformen, die auch kulturelle oder religiöse Färbungen haben können.
In seinem autobiographischen Abriss Irrenhaus der Freiheit versteht Braun sein Werk als eine Brückenliteratur. Er hebt hervor: „Mit Leib und Seele habe ich versucht, privat und in wissenschaftlicher Hinsicht Brücken zwischen Deutschland und dem Iran zu bauen, obschon ich immer wieder erfahren musste, wie aufreibend und teilweise vergeblich solche Versuche sind.“Hamid Reza Yousefi: Irrenhaus der Freiheit. Mein Weg zwischen den Kulturen, Nordhausen: Bautz 2021, S. 11.
Systemische Diagnose und narrative Therapie Braun präferiert bei seiner systemischen Suche nach Möglichkeiten der Behandlung eine narrative Therapie. Narrative sind für ihn Geschichten, mit denen sich die Erzähler identifizieren und von anderen absetzen. Braun geht von einem kollaborativen Therapie-Patienten-Verhältnis aus und setzt sie an die Stelle der Beziehung zwischen einem unwissenden Patienten und einem wissenden Therapeuten. Die Begegnung mit dem Patienten findet bereits im Erstgespräch auf gleicher Augenhöhe statt. Ihr ist das Potential inhärent, durch gemeinsames Reflektieren und Handeln eine größere Wirkung zu erzielen. Die narrative Therapie in diesem systemischen Diagnosezusammenhang gibt den Versuch einer Pathologisierung oder Psychiatrisierung von psychischen Krankheitsbildern und ihrer objektiven Messung auf. Eine Diagnose in dieser Hinsicht ist für Braun reduktiv und mit Informationsverlust auf bestimmte Verhaltensweisen beschränkt. Die narrative Therapie erfolgt im therapeutischen Geschehen zu Gunsten einer Diagnose als Erzählung. Für Braun findet der Mensch als Ganzes, mit bio-psycho-sozialen Faktoren, Berücksichtigung.
Suchttheoretischer Ansatz Braun hat einen kulturvergleichenden Ansatz der systemischen Suchttherapie formuliert, in dem er das Wechselverhältnis zwischen Sucht und Selbstachtung, als immanenten Aktivierungsmechanismus des Selbstbewusstseins und Selbstvertrauens, untersucht. Im Rahmen seiner Studie hat er Patienten in Deutschland und im Iran behandelt und interviewt. Mit seinem systemischen Ansatz ist die Feststellung verbunden, dass frühkindliche Schäden, schwerwiegende Grenzsituationen oder sonstige Erschütterungen in unterschiedlichen Lebensstationen die Selbstachtung der Betroffenen verschütten können. Der Verlust der Selbstachtung blockiert die angemessene Entwicklung der Heranwachsenden, die sich oft im Erwachsenenalter zeigt. Eine Folge dieser Verschüttung können Sozialisationsstörungen, abweichendes Verhalten, Phobien, Depressionen und Anpassungsstörungen entstehen oder im Extremfall Suchtverhalten. In der supportiven Begleitung des Patienten bzw. Klienten und einer zielgerichteten Wiedererweckung der Selbstachtung sieht Braun eine Möglichkeit, Ressourcen zu aktivieren und lösungsorientiert zu verfahren.
Systemische Onkopsychologie Braun legt der Praxis seiner klinischen Onkopsychologie und Palliativarbeit eine wertschätzende Gesprächsführungstechnik mit würdigender Rückmeldung zugrunde, um Patientinnen und Patienten seine offene Haltung zu vermitteln. Im Patient-Therapeut-Vertrauen sieht er den systemischen Weg, Stabilität in Bezug auf sich und im Umgang mit anderen zu finden. Er arbeitet nicht mit Diagnosen, sondern betrachtet Vermutungen und Verdachtsmomente eines Krankheitsgefühls als eine Möglichkeit des gemeinsamen Gesprächs, um ein neues Narrativ zur Bewältigung derartiger Gefühle zu finden. Braun lädt bei dieser Narrativsuche durch Mini-Max-Interventionen zur Selbstreflexion ein. Er distanziert sich von vermuteten Diagnosen, die psychische Krankheitsbilder erzeugen und sieht im systemischen Gespräch eine Möglichkeit der Modifikation solcher Krankheitsbilder, die in der Regel durch Vermutungen von Eltern entstehen.Hamid R. Yousefi: Knoten in der Brust. Roman, Trier: Op gen Beek 2024 (206 S.).
Auszeichnungen 2016: Förderpreis der Stiftung Omnis Religio 2020: Verleihung der Ehrendoktorwürde für Psychologie 2021: Honorary Degree from Coaching Lectureship der NLP & Coaching Association
Werke (Auswahl) Hrsg. mit K. Fischer, Der Irrtum in der Religion, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 978-3-88309-119-8. Hrsg. mit K. Fischer, Die Idee der Toleranz in der Interkulturellen Philosophie (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 3), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 978-3-88309-124-2. Hrsg.: Ram Adhar Mall – Essays zur interkulturellen Philosophie (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 4), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 978-3-88309-128-0. Hrsg.: Ram Adhar Mall – Essays zur Religionsphilosophie und Religionswissenschaft (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 5), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2004, ISBN 978-3-88309-130-3. Hrsg. mit K. Fischer, Interkulturelle Orientierung – Methoden und Konzeptionen (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 6/I), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2004, ISBN 978-3-88309-134-1. Hrsg. mit K. Fischer, Interkulturelle Orientierung – Angewandte Interkulturalität (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 6/II), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2004, ISBN 978-3-88309-135-8. Der Toleranzbegriff im Denken Gustav Menschings. Eine interkulturelle philosophische Orientierung, (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 7), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2004, ISBN 978-3-88309-146-4 mit Ram Adhar Mall: Grundpositionen der interkulturellen Philosophie (IKB Band 1), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 978-3-88309-160-0. Hrsg. mit Ina Braun, Gustav Mensching – Essays zur Toleranz und Wahrheit in den Weltreligionen, (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 2), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 978-3-88309-299-7. Hrsg. mit Ina Braun, Interkulturelles Denken oder Achse des Bösen, (Bausteine zur Mensching-Forschung Band 8), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 978-3-88309-140-2. Hrsg. mit Heinrich P. Delfosse, ›Wer ist weise? der gute Lehr von jedem annimmt‹ - Festschrift für Michael Albrecht zum 65. Geburtstag, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 978-3-88309-296-6.