mini|Leistenbruch

Ein Leistenbruch, auch Leistenhernie, Inguinalbruch und Inguinalhernie (lateinisch Hernia inguinalis) sowie Unterleibsbruch genannt, ist ein Eingeweidebruch im Bereich des Leistenkanals. Muskeln, Sehnen und Bindegewebe bilden die feste äußere Hülle der Körperhöhlen, wie etwa des Bauchraumes. An dieser Hülle existieren natürliche „Schwachstellen“. Eine der wichtigsten ist beim Mann diejenige, an welcher der Samenstrang in die Bauchdecke eintritt. Kommt es hier zu einer Erweiterung, tritt Gewebe aus dem Bauchraum in den Leistenkanal aus. Es entsteht ein „Bruch“ (Hernie).Jens Krüger (Hrsg.): Der Leistenbruch – Operative oder konservative Behandlung? Edition Sportchirurgie, Columbia (SC) 10. Februar 2018, S. 14 ff. Der Leistenbruch ist neben dem Nabel-, Schenkel- und Narbenbruch die häufigste Hernie. Er tritt bei Männern und Frauen aller Altersgruppen im Verhältnis Männer : Frauen = 9 : 1 auf. Jährlich erkranken ca. 0,5 % der Bevölkerung neu an einem Leistenbruch. Im Kindesalter tritt er bei ein bis drei Prozent aller Kinder, bei Frühgeborenen bei etwa fünf Prozent auf. Behandelt wird der Leistenbruch in den meisten Fällen chirurgisch. Ein Bruch wird operiert, wenn er Schmerzen verursacht oder die Gefahr einer Einklemmung mit lebensgefährlichem Absterben von Darmteilen besteht. Leistenbrüche können auch in Zusammenhang mit einer erektilen Dysfunktion („Impotenz“) stehen.Jürgen Zieren, Charalambos Menenakos, Marco Paul, Jochen M. Müller: Sexual function before and after mesh repair of inguinal hernia. In: International Journal of Urology. Band 12, Nr. 1, Januar 2005, S. 35–38, doi:10.1111/j.1442-2042.2004.00983.x Auch bei anderen Säugetieren treten vorwiegend bei männlichen Individuen Leistenbrüche auf, vor allem nach offenen Kastrationen.

Anatomie Leistenbrüche treten im Leistenkanal auf. In diesem verlaufen neben drei Nerven (Ramus genitalis des Nervus genitofemoralis, der N. ilioinguinalis und der N. iliohypogastricus) und Lymphgefäßen bei männlichen Säugetieren der Samenstrang (Funiculus spermaticus) und bei weiblichen das Mutterband (Ligamentum teres uteri). Reicht der Bruchsack beim Mann bis in den Hodensack (Scrotum), spricht man von einem Hodensackbruch, Hodenbruch (lateinisch Hernia scrotalis) oder einer Skrotalhernie als Sonderform des Leistenbruchs.

Der Leistenkanal hat einen Eingang und einen Ausgang: den äußeren Leistenring (Anulus inguinalis superficialis), als Ausgang des Leistenkanals; den inneren Leistenring (Anulus inguinalis profundus), als Eingang in den Leistenkanal von der Bauchhöhle her.

Der äußere Leistenring ist eine schlitzförmige Öffnung in der Faszie (Muskelhaut) des äußeren schrägen Bauchmuskels (Musculus obliquus externus abdominis). Der innere Leistenring liegt zwischen dem freien Rand des inneren schrägen Bauchmuskels (Musculus obliquus internus abdominis), dem geraden Bauchmuskel (Musculus rectus abdominis) und dem Leistenband (Arcus inguinalis, auch Ligamentum inguinale).

Begrenzt wird der Leistenkanal:

vorn: Aponeurose des Musculus obliquus externus abdominis; hinten: Fascia transversalis abdominis; Dach: Musculus transversus abdominis und Anteile des Musculus obliquus internus abdominis; Boden: Ligamentum inguinale.

Klassifikation Nach der Lokalisation der Bruchpforte (Durchtrittsöffnung für den Bruchsack) unterscheidet man direkte (mediale) und indirekte (laterale) Leistenbrüche. Dabei bezieht sich die Bezeichnung „direkt“ darauf, dass der Bruch direkt durch die Leistenkanalhinterwand (und nicht durch den inneren Leistenring) zieht, und medial auf die Lagebeziehung mittig zu den epigastrischen Gefäßen. Entsprechend gelangen indirekte Leistenbrüche durch den inneren Leistenring in den Leistenkanal und liegen seitlich („lateral“) der epigastrischen Gefäße. Die erstmals durch A. Cooper 1804 (nach Lage zur Arteria epigastrica caudalis) vorgenommene Einteilung der Leistenbrüche in diese zwei Formen, die bereits 1777 von Cline und 1799 von Autenrieth vermutet worden war,Christian Neubert, Ludwig Faupel, Uwe Katzenmeier: Bauchwandbrüche. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 139–152, hier: S. 143. trägt wesentlich zum Verständnis der Erkrankung bei, hat allerdings für die moderne Leistenbruchchirurgie eher geringe Bedeutung. Eine moderne Klassifikation wurde von Nyhus entwickelt und hat sich für Studienfragen bis heute am meisten bewährt.

Symptome und ihre Ursachen mini|Zufallsbefund in einer CT: Leistenbrüche beidseits

Im Kindesalter entsteht der Leistenbruch durch einen Verbindungskanal, den Processus vaginalis testis (auch Proc. vaginalis peritonei,Duale Reihe Anatomie. 2. Auflage, S. 281. „Scheidenhautfortsatz“). Hierbei handelt es sich um einen Teil des Bauchfells (Peritoneum), der im Laufe der Fetalentwicklung durch Wanderung des sich in der Bauchhöhle entwickelnden Hodens in den Hodensack durch den Leistenkanal gestülpt wird. Zur Geburt verschließt sich dieser Kanal üblicherweise. Bleibt dieser Verschluss aus, kann es im weiteren Verlauf zum Eindringen von Bauchorganen in den Kanal kommen. Angeborene Leistenbrüche sind somit immer indirekte (laterale) Leistenbrüche.

Im Erwachsenenalter kann neben einer Veranlagung im Sinne einer Bauchwandschwäche oder eines zu weiten Leistenkanals eine Erhöhung des Bauchinnendrucks, zum Beispiel durch körperliche Schwerarbeit, chronischen Husten, starkes Pressen bei chronischer Verstopfung, die Bildung eines Bruches auslösen. Daneben treten Brüche oft auch bei Frauen in der Schwangerschaft auf. Gutachterlich wird schwere Arbeit allein nicht als Ursache eines Leistenbruches anerkannt (und entschädigt).

Die Symptome für einen Leistenbruch können sein:

im Kindesalter: meist schmerzlose Schwellung in der Leiste, die oft zufällig beim Wickeln oder bei der Körperpflege entdeckt wird. im Erwachsenenalter: meist sichtbare oder tastbare Schwellung im Leistenbereich, welche bei körperlichen Belastungen, Pressen oder Husten provoziert werden kann. Im Liegen kann man die „Beule“ in der Regel problemlos wieder „wegdrücken“. Starke Schmerzen sind keinesfalls die Regel, sondern meist nur ein gewisses Druckgefühl. Bei allmählich zunehmender Vergrößerung kann er bei Männern auch als eine Schwellung oder Vergrößerung des Hodensacks deutlich werden (Hodenbruch). Häufig ist ein Hodenschmerz, der durch die Reizung des R. genitalis im Leistenkanal ausgelöst wird. Schmerzen im oberen Anteil der Adduktoren auf der Innenseite des Oberschenkels sind ebenfalls möglich. Bei plötzlich auftretenden starken Schmerzen in der Leistengegend mit nicht wegdrückbarer Schwellung im Leistenbereich handelt es sich um einen eingeklemmten Bruch. Hier ist schnelles Handeln erforderlich und sofort ein Chirurg aufzusuchen.

Brüche sind vor allem gefährlich, wenn Organe des Bauchraums – beispielsweise Teile des Darmes – im Bruch eingeklemmt bleiben (Inkarzeration). Kommt es zu dieser seltenen Komplikation, treten starke Schmerzen im Bereich des Bruches und des gesamten Bauches auf, die sich in ihrem Charakter von den Beschwerden beim Vorliegen eines unkomplizierten Leistenbruches unterscheiden. Wenn die Einklemmung eines Bruches rechtzeitig erkannt wird, lässt er sich unter Umständen reponieren. Durch die Einklemmung schwillt der eingeklemmte Darm an und schnürt sich dadurch von der Blutzufuhr ab. Der Bruch lässt sich dann nicht mehr wegdrücken. Dies wird als Inkarzeration bezeichnet und kann durch Strangulation zum Absterben (Nekrose) des eingeklemmten Organteils führen. Zudem kann es dadurch zu einem Ileus (Darmverschluss) kommen. Beide Situationen sind lebensgefährlich und erfordern eine sofortige Operation. Unter Umständen ist dann eine Darmteilentfernung (Resektion) notwendig.

Brüche neigen dazu, mit der Zeit immer größer zu werden.

Für die exakte Diagnose kleiner Brüche ist die Sonographie hilfreich. Die MRT ist nur als dynamische MRT geeignet, einen Bruch nachzuweisen. Ein negatives Untersuchungsergebnis schließt jedoch nicht sicher eine Hernie aus. Wichtigste Symptome eines Leistenbruches: Schmerzen beim Heben, Husten oder Betätigung der Bauchpresse, die beim Liegen rückläufig sind, sollten an einen Bruch denken lassen. Neben einem Leistenbruch verursachen auch andere Erkrankungen einen Leistenschmerz. Bei fehlender Leistenschwellung und einem negativen Ultraschall ist an Hüfterkrankungen – bei sportlich aktiven Patienten –, an Erkrankungen des Schambeins, der Adduktoren, des Hüftbeugers und der unteren Wirbelsäule zu denken. Urologische Erkrankungen müssen in diesen Fällen ebenso ausgeschlossen werden wie abdominelle Erkrankungen (Divertikulitis, Appendizitis).

Geschichte Leistenbrüche sind vermutlich seit etwa 2000 v. Chr. bekannt. Über lange Zeit fehlten jedoch die Kenntnisse über Grundlagen, Entstehungsweise und erfolgreiche Versorgung von Leistenbrüchen. Die Behandlungsmethoden waren über Jahrhunderte gefährlich und oft mit katastrophalen Ergebnissen behaftet. Eine chirurgische Therapie mit Abtragung des Bruchsacks unter Schonung des Hodens wurde erstmals bei Celsus im 1. Jahrhundert n. Chr. beschrieben.Christoph Weißer: Hernien. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 574. Wahrscheinlich führte auch Antyllos im 2. Jahrhundert n. Chr. bereits Herniotomien durch.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 1. Leistenbrüche bei Frauen wurden erstmals im 6. Jahrhundert von Aëtios von Amida publiziert. Zu den Chirurgen des Mittelalters, die sich mit der operativen Therapie von Leistenbrüchen befassten, gehörten unter anderem Abulkasim und Guy de Chauliac.Christian Neubert, Ludwig Faupel, Uwe Katzenmeier: Bauchwandbrüche. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 139–152, hier: S. 139–141. Später waren für ihre chirurgische Behandlung von Leistenbrüchen etwa der Wundarzt, Ritter und Graf Hans von Toggenburg (um 1477) und der Chirurg Caspar Stromayr (um 1559) bekannt, die beide auch augenärztlich tätig waren.Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (erstes Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 10 f. Die Operation eines eingeklemmten Leistenbruchs wurde erstmals 1556 von dem französischen Chirurgen Pierre Francou beschrieben.Barbara I. Tshisuaka: Francou, Pierre. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 419 f. Auch der mobile Steinschneider Florentinus Vallensis soll, wie der französische Wundarzt Maupas 1559, im 16. Jahrhundert Operationen bei Brucheinklemmungen durchgeführt haben. Ambroise Paré versuchte bei seinen Bruchoperationen wie Francou eine Abschnürung des Samenstrangs zu vermeiden, verwendete aber nicht wie sein Vorgänger einen Golddraht („Goldene Naht“), sondern einen wieder zu entfernenden Bleidraht; Girolamo Fabrizio ersann im 17. Jahrhundert eine Operationsmethode, bei der die Funktionsfähigkeit der Hoden und damit die Fruchtbarkeit der Untertanen des Königs erhalten blieb („Königliche Naht“). Noch bis ins 19. Jahrhundert erfolgte die Therapie eingeklemmter Leistenbrüche vor allem durch physikalische Methoden und manuelle Reposition (Taxis) des Bruchsackinhalts.Christian Neubert, Ludwig Faupel, Uwe Katzenmeier: Bauchwandbrüche. 1973, S. 142–145.