mini|Die Zeit befiehlt dem Alter, die Schönheit zu zerstören, Ölgemälde von Pompeo Batoni aus dem Jahr 1746

mini|hochkant=1.6|Das Stufenalter des Menschen. Solche auch Lebenstreppen genannten Darstellungen waren ab dem 17. Jahrhundert sehr populär.S. Ruppert: Lebensalter und Recht. In: Tätigkeitsbericht 2008. Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main Dabei wurde der menschliche Lebenslauf meist in zehn Stufen zu je zehn Jahren dargestellt. Der Höhepunkt des Lebens wurde auf die fünfte Dekade gesetzt, da man davon ausging, dass der Mensch in diesem Alter der Vollendung am nächsten komme.M. Raschke: Die Entwicklung der Lebenstreppe. GRIN Verlag, 2010, ISBN 978-3-640-58370-6, S. 6.

Das Altern ist ein fortschreitender biologischer Prozess der meisten mehrzelligen Organismen, der graduell zum Verlust der gesunden Körper- und Organfunktionen und schließlich zum biologischen Tod führt. Altern ist der bei weitem wichtigste Risikofaktor für diverse Krankheiten wie Krebs, koronare Herzkrankheit, Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit und chronisches Nierenversagen.M. Kaeberlein, P. S. Rabinovitch, G. M. Martin: Healthy aging: The ultimate preventative medicine. In: Science. Band 350, Nummer 6265, Dezember 2015, S. 1191–1193, doi:10.1126/science.aad3267, PMID 26785476, (Review) Die maximale Lebenszeit, die ein Individuum erreichen kann, wird durch das Altern maßgeblich beschränkt.

Altern ist als physiologischer Vorgang ein elementarer Bestandteil des Lebens aller höheren Organismen und eines der am wenigsten verstandenen Phänomene der Biologie.J. Krutmann: Umweltinduzierte Alterungsprozesse. In: Jahresbericht 2008. Deutsche Forschungsgemeinschaft Allgemein ist die Annahme akzeptiert, dass eine Reihe verschiedener hochkomplexer, vielfach noch ungeklärter Mechanismen für das Altern verantwortlich sind. Sie beeinflussen und begrenzen die Lebensdauer von biologischen Systemen wie Zellen, den daraus aufgebauten Organen, Geweben und Organismen. Auf die Frage, warum Organismen altern, gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Antworten (Alternstheorien), aber bis heute keine wissenschaftlich akzeptierte umfassende Antwort.

Die Gerontologie, auch Alters- und Alternswissenschaft genannt, ist die Wissenschaft vom menschlichen Leben im hohen Alter und vom Altern der Menschen. Die biologische Grundlagendisziplin – ohne Fokussierung auf die Spezies Mensch – ist die Biogerontologie.

Definition und Abgrenzungen mini|hochkant=1.6|Das biologische Alter eines Organismus (hier beim Menschen) wird durch dessen Vitalität charakterisiert. Nach der Geburt steigt dieser Wert in der Entwicklungsphase auf ein Maximum an. In der Seneszenz fällt er kontinuierlich ab und erreicht mit dem Tod den Wert Null. Bei einer normierten Zeitachse ergeben sich für alle Säuge- und Wirbeltiere ähnliche Kurven.H. Niedermüller, G. Hofecker: Lebensdauer: Genetische Determinierung und lebensverlängernde Strategien. In: D. Ganten, K. Ruckpaul (Hrsg.): Molekularmedizinische Grundlagen von altersspezifischen Erkrankungen. Verlag Springer, 2004, ISBN 3-540-00858-6 mini|hochkant=1.6|Beispiele für verschiedene Alternsverläufe:(1) Altern bei Progerie (vorzeitiger Vergreisung)(2) Beschleunigtes Altern durch Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Tabakrauchen, u. ä.(2A) Nach Akutereignis, beispielsweise einem Schlaganfall, ohne therapeutische Maßnahmen(2B) Im Fall einer therapeutischen Maßnahme nach einem Akutereignis kann eine Besserung der Vitalität und der Lebenserwartung erzielt werden.(3) Eine schnelle Funktionsbeeinträchtigung mit einer langen Phase der Behinderung und Pflegeabhängigkeit, wie sie im Fall von Demenz typisch ist(4) Ein Beispiel für „normales“ Altern mit nur geringen Beeinträchtigungen auch im hohen Alter(5) Ein idealtypischer Alternsverlauf

Für das Altern (von „alt“, zu indogermanisch *al- ‚wachsen (machen), nähren‘Vgl. dazu Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 16–17 (zu alt und Altern).) selbst gibt es keine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition.P. B. Baltes, J. Mittelstraß, U. M. Staudinger: Alter und Altern: Ein interdisziplinarer Studientext zur Gerontologie. Verlag Walter de Gruyter, 1994, ISBN 3-11-014408-5, S. 96. Eine weiter gefasste neuere Definition sieht jede im Laufe des Lebens eines Organismus stattfindende zeitgebundene Veränderung als Altern an.R. L. Bowen, C. S. Atwood: Living and dying for sex. A theory of aging based on the modulation of cell cycle signaling by reproductive hormones. (PDF; 373 kB) In: Gerontology. 50, 2004, S. 265–290. PMID 15331856 (Review).F. W. Schwartz: Das Public Health Buch. Elsevier, Urban&Fischer Verlag, 2003, ISBN 3-437-22260-0, S. 163. Darunter fallen sowohl die als „positiv“ bewerteten Reifungsprozesse in der Kindheit als auch die negativ gesehenen degenerativen Erscheinungen bei alten Erwachsenen.E. I. Masoro: Aging: Current Concepts. In: Handbook of Physiology. Sektion 11: Aging, Oxford University Press, 1995, ISBN 0-19-507722-9, S. 3–21. Aus dieser Definition abgeleitet beginnt das Altern höherer Organismen unmittelbar nach der Vereinigung von Samenzelle und EizelleM. Bürger: Altern und Krankheit. Verlag Thieme, 1954P. M. Kappeler: Verhaltensbiologie. Verlag Springer, 2008, ISBN 978-3-540-68776-4, S. 62. und führt zu seinem Tod.Universitas. Band 13, Ausgaben 7–12, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1958, S. 739. Andere Gerontologen definieren das Altern nur über die negativen zeitlichen Veränderungen eines Organismus, beispielsweise den Funktionsverlust von Organen oder die Vergreisung (Seneszenz) nach dem Erwachsenwerden (Adoleszenz). Der deutsche Mediziner und Begründer der Gerontologie, Max Bürger, definierte 1960 das Altern als eine irreversible zeitabhängige Veränderung von Strukturen und Funktionen lebendiger Systeme.M. Bürger: Altern und Krankheit als Problem der Biomorphose. 4. Auflage, Thieme, Leipzig 1960. Die Gesamtheit der körperlichen und geistigen Veränderungen von der Keimzelle bis zum Tod wird nach Bürger Biomorphose genannt.U. M. S. Röhl: Ältere Mitmenschen als Randgruppe in der Diaspora-Gemeinde – in der soziologischen sowie christlich ethischen Diskussion. GRIN Verlag, 2009, ISBN 978-3-640-44681-0, S. 7. Welche Veränderungen man dabei dem Altern zuordnet, lässt allerdings viel Spielraum für Interpretationen.T. Braun: Altern von Gastrophysa viridula (DeGeer). Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2008, S. 4 f. Der US-amerikanische Gerontologe Leonard Hayflick definiert Altern als die Summe aller Veränderungen, die in einem Organismus während seines Lebens auftreten und zu einem Funktionsverlust von Zellen, Geweben, Organen und schließlich zum Tod führen.L. Hayflick: Biological aging is no longer an unsolved problem. In: Ann N Y Acad Sci. 1100, 2007, S. 1–13. PMID 17460161 (Review) Für Bernard L. Strehler wird das Altern eines mehrzelligen Organismus durch drei Bedingungen definiert:J. Türk: Theoretische Alternsmechanismen II. Universität Kaiserslautern, 2003.B. L. Strehler: Time, cells, and aging. 2. Ausgabe, Academic Press, 1977, ISBN 0-12-673260-4. Universalität: Die Prozesse des Alterns sind bei allen Individuen einer Art mit der gleichen Gesetzmäßigkeit vorhanden. Systemimmanenz: Altern ist eine Erscheinungsform des Lebens. Die Prozesse des Alterns laufen auch ohne exogene Faktoren ab. Irreversibilität: Das Altern läuft stets nur in eine Richtung. Die sich dabei vollziehenden Veränderungen sind irreversibel.

Über diese naturwissenschaftlichen Definitionen hinaus ist das Altern beim Menschen ein sozial komplexes vieldimensionales Durchlaufen der Lebensspanne von Geburt bis Tod. Die genetische Disposition und die biologischen Veränderungen sind das zentrale Element der komplexen Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt.F. Schulz-Nieswandt: Sozialpolitik und Alter. Verlag W. Kohlhammer, 2006, ISBN 3-17-018142-4 Die Vorgänge beim Altern unterliegen subjektiven, biologischen, biographischen, sozialen und kulturellen Bewertungen. Das Altern selbst ist ein Phänomen mit sowohl biologischen als auch psychischen und gesellschaftlichen Aspekten.P. B. Baltes, M. M. Baltes: Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte. In: P. B. Baltes, J. Mittelstraß (Hrsg.): Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung. Verlag W. de Gruyter, 1992, ISBN 3-11-013248-6, S. 1–34.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Altern weitgehend mit negativen Veränderungen, mit Verfall, Verschlechterung und Degeneration der sensorischen und körperlichen Fähigkeiten assoziiert. Diese Veränderungen werden besser mit der Bezeichnung Seneszenz wiedergegeben.A. Baudisch: MPIDR Working Paper, Verlag Max Planck Institute for Demographic Research, 2009.P. B. Medawar: An Unsolved Problem of Biology. In: Uniqueness of the Individual. Verlag H. K. Lewis, London 1952, S. 44–70. Die Bezeichnung Alterung sollte nur für unbelebte Materie verwendet werden.K. G. Collatz: Altern. In: Wissenschaft-Online. Spektrum Akademischer Verlag, abgerufen am 8. August 2010.

Mit dem Begriff Alter sind meistens die Lebensperiode älterer Menschen, die der „Alten“, und das Ergebnis des Altwerdens gemeint. Im Gegensatz dazu geht es beim Altern vor allem um die Prozesse und Mechanismen, die zum Alter führen und die dem Altwerden und dem Altsein zugrunde liegen.P. B. Baltes, M. M. Baltes: Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte. In: P. B. Baltes, J. Mittelstraß, U. M. Staudinger: Alter und Altern: Ein interdisziplinarer Studientext zur Gerontologie. Verlag Walter de Gruyter, 1994, ISBN 3-11-014408-5, S. 9.

Siehe auch: Alter als Lebensabschnitt des Menschen am Lebensende, insbesondere auch das Altersbild.

Primäres und sekundäres Altern Beim Altwerden wird zwischen zwei Formen unterschieden, dem primären und dem sekundären Altern.

Primäres Altern, auch physiologisches Altern genannt, wird durch zelluläre Alternsprozesse hervorgerufen, die in Abwesenheit von Krankheiten ablaufen. Diese Form des Alterns definiert für einen Organismus seine maximal erreichbare Lebensspanne (auch ‚maximal erreichbares Alter‘ genannt, engl.: maximum attainable age).M. Tostlebe: Disproportionalität der Aktivitäten der mitochondrialen Atmungskettenkomplexe im Myokard und in der Skelettmuskulatur im Alter. Dissertation, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2005, S. 1. Beim Menschen liegt dieser Wert bei ungefähr 120 JahrenM. J. Levitt: Biology of Aging. Florida International University, abgerufen am 1. September 2010. (siehe auch: Ältester Mensch) und wird mit dem griechischen Buchstaben ω (Omega, Symbol für das Ende) versehen. Andere Autoren setzen ω auf den Wert 122,45 Jahre. Dies ist das Alter, das Jeanne Calment zum Zeitpunkt ihres Todes erreichte, und das bisher höchste verifizierte Alter eines Menschen.I. Kohler: IUSSP-Konferenz 2001. Bisher sind keine evidenzbasierten Mittel (beispielsweise Arzneistoffe) und sonstige Behandlungsmethoden bekannt, durch die das primäre Altern beim Menschen verzögert oder gar verhindert werden kann. In verschiedenen Tiermodellen konnte das primäre Altern durch bestimmte Maßnahmen, wie beispielsweise KalorienrestriktionJ. O. Holloszy, L. Fontana: Caloric Restriction in Humans. In: Exp Gerontol. 42, 2007, S. 709–712. doi:10.1016/j.exger.2007.03.009; PMID 17482403; . oder die Gabe von Rapamycin, verzögert werden. Als sekundäres Altern bezeichnet man dagegen die Folgen äußerer Einwirkungen, die die maximal erreichbare Lebensspanne verkürzen. Dies können beispielsweise Krankheiten, Bewegungsmangel, Fehlernährung oder Suchtmittelkonsum sein. (PDF; 1,1 MB) In: Newsletter Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz. 2, 2005, S. 46. Das sekundäre Altern kann somit durch den Lebensstil beeinflusst werden.H. H. Dickhuth: Sportmedizin für Ärzte. Deutscher Ärzteverlag, 2007, ISBN 978-3-7691-0472-1, S. 601.