Mit Citizen Science (Aussprache: (UK) IPA: /ˈsɪtɪzən ˈsaɪ.əns/; (US) IPA: /ˈsɪtɪzən ˈsaɪ.əns/ oder /ˈsɪtɪsən ˈsaɪ.əns/, auch Bürgerwissenschaft oder Bürgerforschung) werden Methoden und Fachgebiete der Wissenschaft bezeichnet, bei denen Forschungsprojekte unter Mithilfe von oder komplett durch interessierte Laien durchgeführt werden. Sie formulieren Forschungsfragen, recherchieren, melden Beobachtungen, führen Messungen durch, publizieren oder werten Daten aus. Im Bereich der Geisteswissenschaften, in denen für Forschung außerhalb der Wissenschaft der Begriff Public Humanities verbreitet ist, wird selten auch der Begriff Citizen Humanities verwendet.

Definition mini|Kamerahalterung bei den Felsformationen im Twelve-Apostles-Meeresnationalpark in Australien zur Dokumentation des Erosionsprozesses durch Parkbesucher (2013) Der Begriff Citizen Science (CS) kennt mehrere Ursprünge und unterschiedliche Konzepte. Rick Bonney in den USA und Alan Irwin im Vereinigten Königreich definierten ihn Mitte der 1990er-Jahre unabhängig voneinander. Alan Irwin definiert CS im Bezug auf „seine Entwicklung von Konzepten wissenschaftlicher Bürgerschaft, welche die Notwendigkeit hervorheben, die Wissenschaften und Wissenschaftspolitik für die Gesellschaft zu öffnen“. Rick Bonney definiert CS mit Bezug auf „gesellschaftliche Beteiligungs- und Wissenschaftskommunikationsprojekte“.

Die Begriffe Citizen Science und Citizen Scientists fanden im Jahr 2014 Eingang in das Oxford English Dictionary. Citizen Science ist hier definiert als „wissenschaftliche Arbeit, die von Mitgliedern der allgemeinen Öffentlichkeit vorgenommen wird, oft in Zusammenarbeit mit oder unter der Führung von professionellen Wissenschaftlern oder wissenschaftlichen Institutionen.“ Der Citizen Scientist wird, im modernen Sinne, definiert als „Wissenschaftler, dessen Arbeit durch ein Verantwortungsgefühl, dem Interesse der allgemeinen Öffentlichkeit zu dienen, charakterisiert ist“ oder als „ein Mitglied der Gesellschaft, das an wissenschaftlicher Arbeit teilnimmt, oft in Zusammenarbeit oder unter der Führung von professionellen Wissenschaftlern oder wissenschaftlichen Institutionen“.

Bevor der Begriff im Oxford English Dictionary aufgenommen wurde, wurde das Green Paper on Citizen Science veröffentlicht. In diesem wird der Begriff Citizen Science definiert als „aktive Beteiligung der Bevölkerung in wissenschaftlicher Forschung in Form von intellektueller Mitarbeit, Beisteuerung von lokalem Wissen oder Bereitstellung von ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und Ressourcen. Teilnehmende stellen Daten und Einrichtungen professionellen Wissenschaftlern zur Verfügung, stellen neue Fragen und gestalten eine neue wissenschaftliche Kultur mit. Während dieses Prozesses erwerben die Citizen Scientists in einer anregenden Art und Weise neues Wissen oder Fähigkeiten oder ein tieferes Verständnis wissenschaftlicher Arbeit. Als Resultat dieses offenen, vernetzten und transdisziplinären Szenarios werden Interaktionen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik verbessert. Sie führen zu einer demokratischeren Forschung, basierend auf dem fundierten Wissen darüber, wie wissenschaftliche Forschung entweder zur Gänze oder teilweise durch Partizipation mit nichtprofessionellen Forschenden durchgeführt wird.“

Citizen Science kann von freiwilligen Einzelpersonen, Gruppen oder Netzwerken durchgeführt werden. Citizen Scientists arbeiten meist mit professionellen Wissenschaftern zusammen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Große Freiwilligennetzwerke ermöglichen es Wissenschaftern Aufgaben zu erledigen, die mit herkömmlichen Methoden zu teuer oder zu zeitaufwändig wären.

Viele Citizen-Science-Projekte verfolgen Bildungsziele. Diese Projekte wurden für einen formellen Rahmen im Klassenzimmer oder im informellen Rahmen wie zum Beispiel in einem Museum gestaltet. Citizen Science hat sich in den letzten 40 Jahren weiterentwickelt. Derzeitige Projekte konzentrieren sich mehr auf wissenschaftlich fundierte Methoden und messbare Ziele der öffentlichen Bildung. Moderne Citizen Science unterscheidet sich von Citizen Science, wie sie früher durchgeführt wurde, vor allem durch die unterschiedlichen Möglichkeiten der öffentlichen Beteiligung; vor allem der technologische Fortschritt wird für die zunehmende Popularität von Citizen-Science-Aktivitäten verantwortlich gemacht. Zahlreiche Projekte haben Bezug zur Umweltpolitik,A. Turbé, J. Barba, M. Pelacho, S. Mugdal, L. D. Robinson, F. Serrano-Sanz, F. Sanz, C. Tsinaraki, J.-M. Rubio, S. Schade: Understanding the Citizen Science Landscape for European Environmental Policy: An Assessment and Recommendations. Citizen Science: Theory and Practice, 4(1), 2018, S. 34. Umweltforschung und Ökologie.

Alternative Definitionen Andere Definitionen für Citizen Science wurden ebenfalls vorgeschlagen. Bruce Lewenstein des Communication and S&TS Departments der Cornell University beschreibt drei mögliche Definitionen: Die Beteiligung von Nichtwissenschaftlern in der Datensammlung nach einem spezifischen, wissenschaftlichen Protokoll einerseits und andererseits in der Analyse und Interpretation der Daten. Das Engagement von Nichtwissenschaftlern in der Entscheidungsfindung bei politischen Prozessen, die technische oder wissenschaftliche Bestandteile haben. Das Engagement von Wissenschaftlern in demokratischen und politischen Prozessen.

Wissenschaftler und Gelehrte, die andere Definitionen gebrauchten, waren unter anderem Frank von Hippel, Stephen Schneider, Neal Lane und Jon Beckwith.Neal F. Lane, „Remarks“ at Panel Discussion on Future of Federal Funding for Science and Engineering, Rutgers University, April 8, 1996. . In: news-service.stanford.edu, Stanford News, 10. Februar 1997. (englisch) Andere alternative Terminologien wären „Bürgerwissenschaft“ oder „BürgerwissenschafterInnen“.

In weiterer Folge bietet Muki Haklay eine Übersicht der Formen von bürgerlicher Beteiligung in Citizen Science an. Diese reichen von „Crowdsourcing“ (Level 1), bei dem Bürger als Sensoren dienen, über „verteilte Intelligenz“ (Level 2), bei der Bürger zur Mustererkennung eingesetzt werden, zu „Beteiligungswissenschaft“ (Level 3), bei der sich Bürger bei der Definition der Fragestellung und der Datensammlung beteiligen, bis hin zu „extremer Citizen Science“, welche die Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Wissenschaftlern in der Definition der Fragestellung, Datensammlung und Datenanalyse umfasst.Muki Haklay: Citizen Science and Volunteered Geographic Information: Overview and Typology of Participation. In: Crowdsourcing Geographic Knowledge. 2013, ISBN 978-94-007-4586-5, S. 105–122.

Ein 2014 in Mashable erschienener Artikel definiert Citizen Scientists als: „Alle, die freiwillig Zeit und Ressourcen für wissenschaftliche Forschung in Partnerschaft mit professionellen WissenschaftlerInnen aufwenden.“

Verwandte Bereiche Volunteer-Computing-Projekte verwenden das Internet um den Vorteil verteilter Systeme zu nutzen. Diese Projekte sind generell passiv. Die Rechenleistung wird von freiwillig zur Verfügung gestellten Computern geleistet und benötigt wenig Mitwirkung, bis auf die einmalige Einrichtung. Hier bestehen Differenzen, inwiefern solche Projekte als Citizen Science zu bezeichnen sind. Der Astrophysiker und Galaxy Zoo Gründer Kevin Schawinski meint dazu: „Wir bevorzugen [Galaxy Zoo] als Citizen Science zu bezeichnen, weil es eine bessere Beschreibung dessen ist, was man macht; man ist ein normaler Bürger, aber man betreibt Wissenschaft. Crowd sourcing klingt ein bisschen wie, man ist nur ein Teil einer Crowd und das ist man nicht, man ist ein Mitarbeiter. Man ist durch die Teilnahme proaktiv in den Wissenschaftsprozess eingebunden.“

Citizen Engineering (sinngemäß Bürger-Ingenieurwesen) beschreibt die Organisation zivilgesellschaftlicher Gruppen und Einzelpersonen zur Lösung technischer Herausforderungen, beispielsweise durch Commons-based Peer-Production und Open-Source-Hardware. Pilotprojekte dienten dazu, fachfremde Studierende in einem interdisziplinären Umfeld mit Grundlagen des Ingenieurwesens vertraut zu machen und qualitativ hochwertige Entwicklungen zu crowdsourcen.

Grenzen von Citizen Science In einem 2008 vom U.S. National Park Service publizierten Forschungsbericht äußern Brett Amy Thelen und Rachel K. Thiet Bedenken, die zuvor bereits in der Literatur zur Aussagekraft von durch Freiwillige gesammelte Daten erwähnt wurden.

Bestimmte Projekte sind vielleicht nicht für Freiwillige geeignet, zum Beispiel, wenn komplexe Forschungsmethoden verwendet werden oder mühselige oder sich wiederholende Arbeiten erforderlich sind.

Wenn Freiwillige nicht in Forschungs- und Monitoringprotokollen unterrichtet sind, laufen sie Gefahr, die Daten zu verzerren. Freiwillige können Daten verfälschen. Dieses Risiko ist besonders groß, wenn Prämien als Anreiz zur Beteiligung ausgesetzt werden. Besonders die Frage der Genauigkeit der Daten bleibt unbeantwortet. Der Gründer des Lost Ladybug Citizen Science Projekts, John Losey, argumentiert, dass die Kosteneffektivität von Citizen Science Daten die Qualitätsbedenken aufwiegen, wenn letztere ordentlich gehandhabt werden. Graber & Graber stellten die medizinische Ethik von Crowdsourcing im Internet im Journal of Medical Ethics. in Frage. Sie haben die Auswirkungen von Spielen im Crowdsourcing Projekt Foldit analysiert. Sie folgern: “Spiele können mögliche negative Effekte haben und den Benutzer zur Beteiligung manipulieren.” Im März 2015 verabschiedete der US-Bundesstaat Wyoming neue Gesetze (Senate Files 12 und 80), die das Sammeln von Umweltdaten im Namen der US-Regierung strafbar machen.

Geschichte mini|Gespräch von Tim Pritlove mit Wissenschaftstheoretiker Peter Finke über Citizen Science. Bis zur Spezialisierung der Wissenschaften Ende des 18. Jahrhunderts, dem Aufkommen von technischen Universitäten und der Ausbildung eines modernen Wissenschaftsbetriebs war die Citizen Science sogar die Regel, von Francis Bacon über Isaac Newton und Leibniz bis Benjamin Franklin, Charles Darwin und Karl Marx. Im 19. Jahrhundert entstanden bürgerschaftlich getragene wissenschaftliche Vereine z. B. zur Naturkunde. Die eigenständigen Forschungsverbünde konnten selbstbestimmten Forschungsprogrammen folgen und eine andere Art von Wissen fördern als das an Universitäten gelehrte. Sie boten aber auch eine intellektuelle und institutionelle Basis für die Gründung neuer Universitäten wie z. B. die Universität Frankfurt. Aus sozialistischen Bewegungen gingen z. B. Arbeiterbildungsvereine hervor, die eigene Wege der Forschung insbesondere zu den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik entwickelten und die ihrerseits neue Forschungsfelder für Universitäten z. B. Soziologie eröffneten.

Im 20. Jahrhundert wurde Citizen Science vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften betrieben, deren Forschungen weniger von aufwändigen und teuren technischen Apparaturen abhängig sind als die naturwissenschaftliche Forschung. Angesichts von technischen und sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung wurden von interessierten Bürgern, die sich z. B. in Initiativen organisierten (Neue Soziale Bewegungen), gesellschaftlich relevante Fragen in Bereichen wie Umweltverschmutzung und Naturschutz oder zur Lokalgeschichte und Alltagskultur aufgeworfen, denen sich dann unter anderem bürgerschaftlich getragene Geschichtsvereine und -werkstätten zuwandten.

Im Zuge der kommunikativen Vernetzung durch das Internet, der Zunahme an sozialen Netzwerken, einem Pervasive computing und der Entwicklung und Verbreitung von Mikroelektronik wird die Ausübung einer Bürgerwissenschaft immer einfacher: Je mobiler und kleiner die technischen Geräte werden (IR-Spektrometer, Mikroskope, Tomographen, schnell verfügbare Karten und Luftbilder etc.), desto einfacher handhabbar sind sie für den Bürger.