mini|317x317px|Schema der Dickdarmanatomie: (1) Aufsteigender Grimmdarm (Colon ascendens) (2) Querverlaufender Grimmdarm (Colon transversum) (3) Absteigender Grimmdarm (Colon descendens) (4) Sigma (Colon sigmoideum) (5) Mast- oder Enddarm (Rectum) und Anus. Es fehlt die Markierung für den in der linken unteren Bildhälfte befindlichen Blinddarm (Caecum) mit anhängendem Wurmfortsatz (Appendix).

Als Darmkrebs oder Darmkarzinom bezeichnet man alle bösartigen (malignen) Tumoren (Neubildungen) des Darmes. Die kolorektalen Karzinome, das sind die Karzinome des Dickdarms (Dickdarmkarzinome) bzw. des Grimmdarms (Kolonkarzinome) und des Mastdarms (Rektumkarzinome), machen dabei mehr als 95 % der bösartigen Darmtumoren aus.

Darmkrebs ist in Deutschland bei Männern die dritthäufigste, bei Frauen die zweithäufigste Krebserkrankung, an der mehr als fünf Prozent aller Deutschen im Laufe ihres Lebens erkranken. Kolorektale Karzinome verursachen zunächst sehr selten Symptome, sie entstehen fast immer aus anfangs gutartigen Darmpolypen. Die Heilungschancen durch Operation und Chemotherapie mit 5-Jahres-Überlebensrate bei ca. 60 % im Mittel hängen entscheidend vom Krankheitsstadium ab, in dem der Darmkrebs entdeckt wird. Die Krankenkassen übernehmen in Deutschland für alle Versicherten ab 50 Jahren im Abstand von jeweils mindestens zehn Jahren die Kosten einer Darmspiegelung („Vorsorge-Koloskopie“), um durch Entfernung etwaiger Polypen dem kolorektalen Karzinom vorzubeugen. Die Wartezeit von zehn Jahren bezieht sich nur auf Patienten mit unauffälligem Ergebnis und Beschwerdefreiheit.

Tumorarten und Verteilung 85 bis 90 % der bösartigen Darmtumoren sind Adenokarzinome des Dickdarmes, die sich aus den Drüsen der Darmschleimhaut ableiten. Oft finden sich bei Entdeckung des Tumors bereits ein zentrales Geschwür (Ulcus) und ein Gewebsuntergang (Nekrose). Histologisch kommen neben Adenokarzinomen vor allem muzinöse Adenokarzinome (5 bis 10 %) und Siegelringkarzinome (1 %) vor.

Andere bösartige (maligne) Erkrankungen des Darms wie die meist niedrigmalignen Karzinoide, vor allem im Wurmfortsatz und im Dünndarm, Leiomyosarkome und gastrointestinale Stromatumoren (GIST), die sich aus der glatten Muskulatur bzw. dem Bindegewebe der Darmschleimhaut ableiten, sind selten und machen zusammen weniger als 2 % aller Darmkrebsfälle aus. Deshalb wird im Folgenden nur auf das Adenokarzinom des Blinddarms (Caecum), Grimmdarms (Colon) oder Enddarms (Rectum) eingegangen, das in der medizinischen Fachwelt als kolorektales Karzinom bezeichnet wird.

Die einzelnen Darmabschnitte sind ungleich häufig betroffen, 60 % der Tumoren befinden sich im linken Anteil des Dickdarms (jenseits der linken Colonflexur) und 25 % im Caecum und dem übrigen rechten Dickdarm. Von den linksseitigen bösartigen Dickdarmtumoren sind etwa 55 % in der Sigmaschlinge (Colon sigmoideum) und im Rectum lokalisiert.

Vorkommen In den Industrieländern hat die Anzahl der Darmkrebsneuerkrankungen seit den 1970er Jahren deutlich zugenommen. Mit einer jährlichen Anzahl von Neuerkrankungen (Inzidenz) in Höhe von weniger als 20 bis 70 pro 100.000 EinwohnerGerd Herold und Mitarbeiter: Innere Medizin 2020. Selbstverlag, Köln 2020, ISBN 978-3-9814660-9-6, S. 490. ist der Darmkrebs eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen in Mitteleuropa. Die weltweite Inzidenz wird auf eine Million Neuerkrankungen pro Jahr geschätzt. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen, dies betrifft vor allem Rektumkarzinome oder Mastdarmkarzinome (Geschlechtsverhältnis 60:40).

In Deutschland ist Darmkrebs sowohl bei den Neuerkrankungen als auch beim Krebstod bei Männern wie Frauen unter den drei häufigsten Krebsformen. Hierbei werden zwei Drittel im Colon entdeckt, ein Drittel im Rektum. Mehr als 65.000 Menschen erkrankten im Jahre 2008 in Deutschland an Darmkrebs, davon 35.350 Männer und 30.040 Frauen; 2016 waren es 32.300 Männer und 30.040 Frauen. 90 % der kolorektalen Karzinome treten nach dem 55. Lebensjahr auf. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 72 Jahren (Männer) und 76 Jahren (Frauen). Das Risiko für Deutsche, in ihrem Leben an Darmkrebs zu erkranken, beträgt bei Männern 1:17, bei Frauen 1:20. Für Frauen und Männer liegen die relativen 5-Jahres-Überlebensraten um 63 % bzw. 62 %.

Von 1000 Menschen im Alter zwischen 45 und 75 Jahren haben etwa 10 einen unentdeckten Darmkrebs, bei 300 finden sich zumeist gutartige Polypen im Darm.Werner Bartens: Ruhe für den Bauch. In: Süddeutsche Zeitung, 18. September 2008, S. 16

Darmkrebsdiagnosen bei den jüngeren Altersgruppen haben zugenommen. Seit den 1990er Jahren hat sich die Zahl der Betroffenen zwischen 20 und 29 Jahren etwa verdreifacht, aber auch die Zahl der Patienten zwischen 30 und 49 Jahren hat kontinuierlich zugenommen. Weil auch lang andauernde Symptome oft nicht mit der schweren Krankheit in Verbindung gebracht werden, wird die Diagnose bei den jüngeren Erkrankten häufig erst in einem späten Stadium gestellt.

Seit den 1990er Jahren nahm die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms bei jüngeren Erwachsenen weltweit deutlich zu, wobei in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen eine besonders starke Steigerung verzeichnet wurde; die zugrundeliegenden Ursachen für diese Entwicklung sind weitgehend unbekannt, weshalb ein multidisziplinärer Forschungsansatz zum besseren Verständnis der Pathogenese dieser Erkrankung erforderlich ist.

Risikofaktoren Die wichtigsten Risikofaktoren sind Übergewicht und Rauchen, danach Bewegungsmangel und ballaststoffarme Ernährung. Darüber hinaus spielt das Vorkommen von Dickdarmpolypen eine große Rolle, da diese häufig entarten können. Weniger häufige Risikofaktoren sind eine allgemeine genetische Prädisposition (Familienmitglieder mit Darmkrebs in direkter Linie haben ein etwa dreifach erhöhtes Erkrankungsrisiko) sowie spezifische genetische Syndrome, die mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Darmkrebs einhergehen (Familiäre adenomatöse Polyposis, Lynch-Syndrom).

Ebenfalls mit einem erhöhten Entartungsrisiko (fakultative Präkanzerose) behaftet ist die Colitis ulcerosa, insbesondere bei Befall des gesamten Dickdarms. Auch Patienten mit Morbus Crohn tragen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein geringfügig erhöhtes Darmkrebsrisiko.

Ernährung Vom Vorhandensein dieser Syndrome abgesehen, gilt eine Fehlernährung als Risikofaktor für Darmkrebs. Aufgezählt werden eine übermäßige Zufuhr von Nahrungsenergie Alkoholkonsum fettreiche Ernährung fleischreiche Kost ein geringer Gehalt an Ballaststoffen der Nitratwert im Trinkwasser Je höher der Nitratwert im Trinkwasser, desto höher das Darmkrebsrisiko. Ein Risikoanstieg ist bereits bei Nitratkonzentrationen zu verzeichnen, die deutlich unter den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten liegen.

Der Konsum von rotem Fleisch (etwa Rind, Schwein, Lamm) oder verarbeitetem Fleisch (etwa Wurst) erhöht das Darmkrebsrisiko.

Bis vor kurzem stand der Mangel an ballaststoffreicher Kost nur im Verdacht, das Darmkrebsrisiko zu erhöhen. Dies konnte aber in einigen Studien nicht sicher erhärtet werden. Im Rahmen der EPIC-Studie wird seit 1992 das Essverhalten von über 500.000 anfangs gesunden Teilnehmern aus zehn europäischen Ländern untersucht. Außerdem werden deren Gewicht, Größe und Körperfettverteilung registriert und Blut abgenommen. Seit 15 Jahren werden alle neu aufgetretenen Krebsfälle und andere chronischen Krankheiten erfasst und mit den Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil assoziiert. Im Lauf der Jahre konnten so immer mehr Erkenntnisse über die Zusammensetzung einer „gesunden“ Ernährung gewonnen werden, die einen potenziellen Schutz vor Krebs und anderen Erkrankungen bieten könnten. Im April 2007 zogen Wissenschaftler der Studienzentren am Deutschen KrebsforschungszentrumDKFZ in Heidelberg und am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIFE) in Potsdam-Rehbrücke Bilanz: Eine hohe Ballaststoffaufnahme ist mit einem verminderten Darmkrebsrisiko verbunden. Wer seinen täglichen Konsum von 15 auf 35 g steigert, kann sein Risiko um 40 % senken. „Wer viel rotes Fleisch (auch Rindfleisch) und Wurstwaren isst, hat ein erhöhtes Risiko für Magen- und Dickdarmkrebs (Dickdarmkarzinom). Mit 100 g mehr rotem Fleisch pro Tag steigt das Risiko um 49 %, ein Plus an 100 g Wurst lässt es wohl um 70 % ansteigen.“Abgewandelt zitiert nach Was schützt vor Krebs und Diabetes?, MMW-Fortschr. Med., Nr. 24/2007, 149. Jg., S. 16, dort zitiert nach „EPIC-Symposium“, Berlin, 25. April 2007

2020 konnte eine Gruppe der TU Kaiserslautern und der Universitätsmedizin Mainz zusammen mit Forschern der Universitäten Konstanz und Potsdam nachweisen, wie Häm-Eisen aus rotem Fleisch gesunde Darmzellen schädigt und so Darmkrebs auslösen kann. So fördert Häm-Eisen die Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies, welche DNA-Schäden verursachen.Seiwert N et al.: Heme oxygenase 1 protects human colonocytes against ROS formation, oxidative DNA damage and cytotoxicity induced by heme iron, but not inorganic iron. Cell Death Dis 2020; 11(9): 787.

Eine 2025 veröffentlichte Nature-Communications-Studie über 12.251 Darmkrebsfälle bei 542.778 Frauen zeigt, dass Alkoholkonsum und der Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch das Darmkrebs-Risiko erhöhen, während eine höhere Aufnahme von Kalzium (etwa mit Milch) das Risiko deutlich senkt. Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass Kalzium eine zentrale Rolle im Schutz vor Darmkrebs spielt, indem es krebserregende Substanzen im Darm binden und so potenzielle Schädigungen der Darmschleimhaut vermindern könnte.K. Papier, K. E. Bradbury, A. Balkwill und andere: Diet-wide analyses for risk of colorectal cancer: prospective study of 12,251 incident cases among 542,778 women in the UK. In: Nature Communication. 16, 2025, S. 375 ff. doi:10.1038/s41467-024-55219-5.

Eine prospektive Auswertung der PLCO-Studie erfasste den Alkoholkonsum in vier Altersabschnitten (18–24, 25–39, 40–54 und ≥55 Jahre) und berechnete daraus eine durchschnittliche lebenszeitliche Trinkmenge ab dem 18. Lebensjahr bis zum Studieneinschluss.O’Connell, C. P., Berndt, S. I., Chudy-Onwugaje, K., Kunzmann, A., Huang, W.-Y., Barry, K. H., & Loftfield, E. (2026). Association of alcohol intake over the lifetime with colorectal adenoma and colorectal cancer risk in the Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial. Cancer, e70201. https://doi.org/10.1002/cncr.70201 Zur Einordnung der Trinkmuster wurden geschlechtsspezifische Grenzwerte entlang der US-Ernährungsempfehlungen verwendet (Frauen höchstens ein, Männer höchstens zwei alkoholische Getränke pro Tag). Bei aktuell Trinkenden war ein lebenszeitlicher Durchschnitt von mindestens 14 Getränken pro Woche im Vergleich zu weniger als einem Getränk pro Woche mit einem höheren Risiko für ein kolorektales Karzinom verbunden (HR 1,25; 95-%-KI 1,01–1,53). Die stärkste Assoziation zeigte sich für Rektumkarzinome (HR 1,95; 95-%-KI 1,17–3,28). Ein durchschnittlicher Konsum von sieben bis unter 14 Getränken pro Woche war in derselben Auswertung dagegen mit einem niedrigeren Risiko assoziiert, insbesondere für distale Kolonkarzinome (HR 0,64; 95-%-KI 0,42–1,00). In Splinemodellen ergaben sich nur begrenzte Hinweise auf eine nichtlineare Dosis-Wirkungs-Beziehung. Ein über die Erwachsenenjahre hinweg durchgehend hoher Konsum war im Vergleich zu durchgehend leichtem Konsum mit einem deutlich erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden (HR 1,91; 95-%-KI 1,17–3,12). Eine dauerhaft moderate Trinkmenge war wegen sehr geringer Fallzahlen mit einer breiten Unsicherheit behaftet (HR 2,08; 95-%-KI 0,78–5,57). Bei Personen mit unauffälliger Erstuntersuchung war ein späterer Trinkstopp mit geringeren Chancen für neu entdeckte nicht-fortgeschrittene Adenome assoziiert (OR 0,58; 95-%-KI 0,39–0,84).

Weitere Risikofaktoren