Hessische Schweiz bei Meinhard ist die Bezeichnung eines im Jahr 1989 ausgewiesenen Naturschutzgebiets auf dem Höhenzug der Gobert im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis. Es grenzt teilweise an den thüringischen Landkreis Eichsfeld. Den Beinamen „Hessische Schweiz“ verdankt die Gegend ihrer landschaftlichen Schönheit und vermutlich auch dem teilweise alpinen Charakter der Felsbereiche. Die höchsten Erhebungen, Hörne und Hohestein bieten mit ihrer Horizontlinie und den aus den Wäldern ragenden, weit sichtbaren hellen Felswänden eines der augenfälligsten Landschaftsbilder des Unteren Werraberglands.
In dem Naturschutzgebiet sollen die Buchenwälder auf den Plateaulagen oberhalb von Hitzelrode und ein Kalkquellsumpf in einem kleinen separaten Bereich nördlich von Motzenrode erhalten und gesichert werden. Große Teile der Waldgebiete werden seit Ende der 1980er Jahre nicht mehr forstlich genutzt und bleiben sich selbst überlassen. In diesem prozessgeschützten Bereich soll ein Naturwald entstehen, in dem alle Entwicklungsstufen von der Verjüngung bis zur Zerfallsphase nebeneinander zu finden sind. Gemeinsam mit dem benachbarten Naturschutzgebiet „Kalkklippen südlich des Iberges“ wurde die Hessische Schweiz als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet „Kalkklippen der Gobert“ in das europaweite Netz besonderer Schutzgebiete „Natura 2000“ integriert. Die westliche Hälfte des Naturschutzgebiets gehört außerdem auch zu dem dreiteiligen Vogelschutzgebiet „Felsklippen im Werra-Meißner-Kreis“. Das Naturschutzgebiet Hessische Schweiz bei Meinhard besitzt eine Größe von 241,67 Hektar, hat die nationale Kennung 1636019 und den WDPA-Code 163663.Naturschutzgebiet „Hessische Schweiz bei Meinhard“. In: Weltdatenbank für Schutzgebiete; abgerufen am 13. Mai 2022.
Lage Das Naturschutzgebiet befindet sich auf dem felsigen und bewaldeten Muschelkalk-Höhenzug der Gobert und erstreckt sich entlang der Landesgrenze zu Thüringen. Geprägt wird die Landschaft von den markanten Erhebungen des Hohesteins, mit 569 Metern nach dem Hohen Meißner der höchste Berg im nordöstlichen Hessen, der Hörne (522,7 m), der Hohen Bahn (509,6 m) und den offenen Felshängen. Das Schutzgebiet liegt im „Geo-Naturpark Frau-Holle-Land“ und wird in der naturräumlichen Gliederung Deutschlands des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg der Teileinheit „Gobert“ (483.10) im „Allendorfer Wald“ (483.1) zugeordnet. Sie sind Teile des „Oberen Eichsfelds“ (483.1-3) in der Haupteinheitengruppe der „Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens“ (483). Der gesondert liegende Kalkquellsumpf nördlich von Motzenrode, in der Teileinheit des „Südlichen Gobertvorlands“ (358.52), wird dem „Unteren Werrabergland“ (358) in der Haupteinheitengruppe des „Osthessischen Berglands“ zugerechnet.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung. nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg. Administrativ gehört das Naturschutzgebiet zu den Gemarkungen von Hitzelrode und Motzenrode der Gemeinde Meinhard und der Stadt Bad Sooden-Allendorf.
Geschichte des Gebiets Ein im Jahr 2007 gefundener Klingenkratzer aus Feuerstein an einem Wurzelteller belegt, dass sich schon in der Jungsteinzeit Menschen auf der Gobert aufgehalten haben.
Die Wallanlage auf dem Hohestein ist eine, noch heute erhaltene, weitere Siedlungsspur. Wall- und Grabenreste eines Nord-Süd verlaufenden ca. 650 m langen, bis zu zehn Meter breiten und bis zu drei Meter hohen Abschnittswalls mit vorgelagertem Doppelgraben riegeln den Nord-Süd-Grat des Hohesteins, mit der höchste Berg der Gobert, östlich ab und bilden so eine klumpfußähnliche Anlage von etwa 12 ha Größe; im Norden, Westen und Süden begrenzen steile natürliche Abbruchkanten die ehemals besiedelte Anlage. Der Wall ist noch heute Teil einer Gemarkungsgrenze. Der Name Brandwall stammt von einer Schicht gebrannten Lehms, die an der Walloberseite zutage tritt. Vermutlich wurde die Befestigung durch Feuer zerstört. Die durch den Wall geschützte Anlage war über die Späthallstatt- bis Frühlatènezeit besiedelt. Archäologische Grabungen in der Anlage und Profilschnitte durch den Wall ergaben Keramikfunde sowie Tier- und Menschenknochen und weisen auf diese Besiedlung hin.Jens Schulze-Forster, Mathias Seidel: Der sogenannte Brandwall auf dem Hohestein bei Meinhard-Motzendorf, Werra-Meissner-Kreis, Hessen: Vorbericht der Grabung 1988. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. 20, 1990, S. 53–60.Hessische Naturwaldreservate im Portrait. Hohestein, Hessenforst, Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA), Göttingen 12/2007, S. 6 f. Die keltische Anlage war damit Teil von nahezu 80 Höhenbefestigungen dieser Zeit im späteren Bundesland Hessen (siehe auch: Liste vor- und frühgeschichtlicher Wallanlagen in Hessen).
Aus der frühen Zeit nach Beginn der Zeitrechnung des Gebiets ist nur sehr wenig bekannt. Es wird vermutet, dass in den Rodungsphasen im frühen Mittelalter im Bereich des Hohesteins Dörfer entstanden, die später alle wüst fielen. Noch erkennbare Ackerterrassen im Wald und Lesesteinhaufen zeugen von einer ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzung. Auch das große Vorkommen des Kleinen Immergrüns auf der Gobert kann mit einer früheren Zeit in Verbindung stehen. Ursprünglich von den Römern eingeführt, erfolgte seine Ausbreitung fast ausschließlich über den Menschen und als Kulturreliktpflanze zeigen ihre Wuchsorte noch heute die Lage ehemaliger Burgen und Siedlungen an.
Seit dem 16. Jahrhundert gehörten die Wälder verschiedenen Adelsgeschlechtern, bis im Jahr 1596 die Burg Fürstenstein und mit ihr die Ländereien auf dem Hohestein in den alleinigen Besitz der Diede zum Fürstenstein kamen. Die Einwohner von Hitzelrode waren zu Hand- und Spanndiensten, Fruchtzins und Abgaben in Naturalien aller Art für den Lehnsherren verpflichtet. Zu den Nutzungsrechten, die ihnen zugesprochen waren, gehörten die „Hude- und Weidegerechtigkeit“ und das Sammeln von Futterlaub. Die Beziehungen zwischen den Hitzelrödern und ihren Lehnsherren müssen sehr konfliktreich gewesen sein, wie eine im Staatsarchiv Marburg liegende Aktensammlung aus dem 18. Jahrhundert mit Klagen der Bauern gegen die Herren von Diede belegt.
Nach dem Aussterben der Diede zum Fürstenstein im Jahr 1807 wechselte das Gebiet im 19. Jahrhundert mehrfach den Besitzer, bevor es ab 1910 dem Baron Ludwig Knoop, einem Großkaufmann aus Bremen gehörte. Dieser ließ das Gebiet mit einem zweieinhalb Meter hohen Gatter umschließen und setzte dort Hirsche ein, die in Eisenbahnwaggons aus Ungarn kamen. Der „Park für Edelwild“ erfreute sich so hoher Beliebtheit, dass sogar die Post während der Brunft Autofahrten zum „Hirschbrüllen“ auf die Gobert organisierte, wie der Schriftsteller Manfred Lückert in seinem Buch „Auf dem Eichsfeld“ schrieb. Die durch die Überhege bedingten Schälschäden sind noch an den älteren Bäumen zu erkennen.
Im Jahr 1928 gelangte der Wald in den Besitz der Familie von Lüninck, die in dem Bereich des späteren Grenzstreifens ein Sägewerk errichteten, das mit von Pferden gezogenen Wagen über Feldbahngleise aus den Wäldern mit Langholz beliefert wurde. Von dem, im Zusammenhang mit der innerdeutschen Grenze 1945 eingestellten Betrieb, sind nur noch die Fundamente erhalten. Das Land Hessen erwarb 1985 den Teil des Lüninckschen Waldbesitzes, in dem das Naturwaldreservat ausgewiesen werden sollte.Büro für angewandte Ökologie und Forstplanung (BÖF): Grunddatenerfassung zum FFH-Gebiet Nr. 4726-350 „Kalkklippen der Gobert“.Dirk Schreiber, Walter Keitel und Wolfgang Schmidt: Historischer Überblick. In: Hohestein. Waldkundliche Untersuchungen. S. 21 f.Hohestein. In: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Göttingen und Landesbetrieb Hessen-Forst Kassel (Hrsg.): Hessische Naturwaldreservate im Portrait. 2007 und 2012 (nw-fva.de) abgerufen am 13. Mai 2022.
Geologische Bedeutung mini|Die Horizontlinie über dem Werratal und Burg Fürstenstein bilden Gobert, Hörne und Hohestein Der gesamte Bergstock der Gobert wird aus Unterem Muschelkalk aufgebaut, dem auf dem Plateau eine Decke des Oberen Wellenkalks aufgelagert ist. Das Gestein wurde in der Trias, vor rund 200 Millionen Jahren, in einem Flachmeer abgelagert und durch quartären Löss in unterschiedlicher Mächtigkeit überdeckt. Die Muschelkalkhöhen an der Werra sind eine der westlichsten Ausläufer der Muschelkalkplatten, die das Thüringer Becken umranden. Der von dem Leinetalgraben abzweigende Eichenberg-Gotha-Graben trennte die Gobert dem ursprünglich zusammenhängenden Gesteinsverband der Randplatten des Obereichsfelds und schuf mit ihr einen über 500 Meter hohen Zeugenberg-Komplex. Die heutige Oberflächengestalt, der durch Buchten und tief eingeschnittene Täler stark gegliederte Schichtstufenlandschaft, formten Massenverlagerungen und Erosion.
Massenbewegungen können sich besonders in niederschlagsreichen Zeiten ereignen, wenn Regenwasser in den Klüften und Spalten der verhältnismäßig verwitterungsbeständigen Kalkschicht versickert und auf die Röt-Formation des Oberen Buntsandsteins trifft, die den Muschelkalk unterlagert. Das tonige Röt quillt auf und wird fließfähig. Dadurch wird der über dem Röt liegende Muschelkalk instabil und gerät in Bewegung. Die Felsbereiche, die sich dabei ablösen, rutschen auf dem breiartig gewordenen Röt allmählich talabwärts und lassen Schluchten entstehen. Diese ermöglichen ein verstärktes Versickern von Niederschlägen, die den Massenverlagerungsprozess beschleunigen. Von den steilen Abbruchkanten können Muschelkalk-Schollen als Bergsturz herunter kippen oder auf dem wasserundurchlässigen Untergrund als Bergrutsch den Hang hinab gleiten. Die mit diesen Vorgängen verbundenen geomorphologischen Kleinformen wie hangparallele Spalten am oberen Steilhang, abgerutschte Kalkschollen am Mittelhang und Schuttströme und Fließzungen am Unterhang, sind im Gebiet an vielen Stellen zu beobachten.
Diese Felsbereiche, die für das Werraland kennzeichnend sind und durch Bergrutsche und bergsturzartige Abbrüche des Muschelkalks entstanden, sollen in Deutschland nirgends so häufig vorkommen wie in dem Bereich der westlichen Umrandung des Thüringer Beckens, zu der neben der Gobert auch der Ringgau und die Wanfrieder Werrahöhen zählen. Sie gelten als die größten aktiven Bergsturzgebiete Hessens. Die letzten Bergstürze ereigneten sich hier im Jahr 1956 am Schickeberg, im südlicher liegenden Naturschutzgebiet „Boyneburg und Schickeberg bei Breitau“ und 1985 am Nordhang der Hörne. Künftige weitere Abbrüche sollen sich durch tiefer werdende Bodenspalten schon andeuten.Marcus Schmidt: Lebensräume und Arten. In: Naturschutzgebiete in Hessen, Band 3. S. 23 f.
Vegetation Den größten Teil der Flächen bedecken Wälder, die den Lebensraumtypen „Waldmeister-Buchenwald“ und „Mitteleuropäischer Orchideen-Kalk-Buchenwald“ zugeordnet werden. Der Waldmeister-Buchenwald weist in weiten Teilen der Hessischen Schweiz einen Hallenwaldcharakter auf, mit der Rotbuche als dominierender Baumart. Stellenweise deuten höhere Anteile der Baumarten Hainbuche, Eiche und Esche auf die früheren Nutzungsformen als Niederwald- oder Schirmschlagbewirtschaftung hin. In der Krautschicht kommen Bodenfrische anzeigende Arten wie Gefleckter Aronstab, Gewöhnliche Goldnessel und Wald-Flattergras vor. Auch die Charakterarten dieses Waldtyps Waldgerste, Zwiebel-Zahnwurz, Waldmeister und Einblütiges Perlgras sind häufig vertreten. Die Orchideen-Buchenwälder, die sich auf den wärmebegünstigten Lagen der Hängen entwickelt haben, werden forstwirtschaftlich nicht mehr genutzt. In ihrem Unterwuchs auf den flachgründigen Kalkverwitterungsböden wachsen aus floristischer Sicht bemerkenswerte Arten, von denen sich viele auch durch ihre Schönheit auszeichnen. Zu ihnen gehören die Orchideen Frauenschuh, Weißes, Rotes und Schwertblättriges Waldvöglein, Fliegen-Ragwurz, Stattliches und Purpur-Knabenkraut, Müllers Stendelwurz, Rotbraune und Breitblättrige Stendelwurz.