Reinhard Haller (* 25. September 1951 in Mellau, Bregenzerwald) ist ein österreichischer Psychiater, Psychotherapeut und Sachbuchautor. Außerdem ist er als forensisch-psychiatrischer Gerichtsgutachter bekannt. Er verfasste unter anderem Gutachten über den Sexualmörder Jack Unterweger, den NS-Arzt und späteren Gerichtsgutachter Heinrich Gross und den Briefbombenattentäter Franz Fuchs sowie die Täter des Amoklaufs von Winnenden und des Messerattentats in der BH Dornbirn.Philosophicum Lech: Kurzbiografie von Reinhard Haller

Von 1983 bis 2017 war Haller Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene in Frastanz, einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit Schwerpunkt Suchtkrankheiten, und der zugehörigen Drogenstationen „Carina“ und „Lukasfeld“ sowie der Beratungsstellen „Clean“. Seither ist er weiter als Gutachter, Berater, Autor und Vortragender tätig. Mehrere seiner Sachbücher zu psychologischen Themen standen über Monate an der Spitze der Sachbuch-Bestsellerlisten.

Werdegang Von 1971 bis 1976 studierte Reinhard Haller Medizin und von 1977 bis 1983 absolvierte er die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie. 1994 folgte die Habilitation an der Universität Innsbruck zum Thema „Psychische Störung und Kriminalität“.

1983 wurde Haller zum Chefarzt der Stiftung Maria Ebene, des Vorarlberger Behandlungszentrums für Suchtkranke, ernannt.Funktion Stiftung Maria Ebene. Website Stiftung Maria Ebene, gesichtet 20. August 2014. Seine entwickelten Therapiekonzepte betrachten Süchtigkeit nicht als isolierte Störung, sondern als Symptom zugrunde liegender biopsychosozialer Probleme und verfolgen einen integrativen Therapieansatz.Therapiekonzept der Stiftung Maria Ebene (abgerufen am 24. Februar 2015)

Seit 1983 ist Haller als Sachverständiger für Forensische Psychiatrie vereidigt und in dieser Funktion für verschiedene in- und ausländische Gerichtshöfe, Staatsanwaltschaften, Anwälte und Versicherungen tätig.https://www.opfer-schutz.at/kommission/haller.html

Von 1990 bis 2019 war Haller Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung. Er entwickelte mehrere Drogenkonzepte für das Land. So fungierte er als Sachverständiger für Fragen der Suchtprävention, -behandlung und -rehabilitation im Schwerpunktbereich der illegalen Drogen. Haller organisierte Aufbau und Weiterentwicklung des umfassenden Suchtbetreuungsnetzes in Vorarlberg.

Von 1990 bis 2007 leitete Haller das Universitätsinstitut für Suchtforschung der Psychiatrischen Universitätsklinik Innsbruck. Dort lehrt er bis heute. Haller hatte eine Gastprofessur an der Universität Klagenfurt.Programm 2015: Universitätslehrgang Suchtberatung und Prävention, gesichtet 20. August 2014

1990 gründete Haller mit der Werkstatt für Suchtprophylaxe („Supro“) die erste Suchtpräventionsstelle Österreichs. Kampagnen wie „Kinder stark machen“ oder „Mehr Spaß mit Maß“ gehen auf Haller zurück. In den letzten Jahren, in denen Haller bei der „Supro“ war, schuf er ambulante und stationäre Behandlungskonzepte für Spielsüchtige, Internetsüchtige, Kaufsüchtige und Nikotinabhängige.

Haller ist verantwortlich für die postpromotionelle Zusatzausbildung „Forensische Psychiatrie“ der Österreichischen Ärztekammer. Sie hat das Ziel, die Qualität von forensisch-psychiatrischen Gutachten zu erhöhen sowie geltende Standards zu vereinheitlichen, insbesondere im Bereich der Prognostik. Österreichische Ärztezeitung vom 10. April 2014

Seit 2006 war Reinhard Haller Präsident der Neuen Kriminologischen Gesellschaft. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des im Dezember 2010 gegründeten oberösterreichischen Think Tanks Academia Superior.https://www.academia-superior.at/die-menschen-dahinter#wissenschaftlicher_beirat

Haller ist Mitglied mehrerer Opferschutzkommissionen, so jener des Österreichischen Skiverbands und der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft („Klasnic-Kommission“), die Entschädigungen für Missbrauchsopfer kirchlicher Institutionen regelt.Unabhängige Opferschutzkommission

Haller wirkt im Leitungsgremium (Bruderschaftsrat) der Bruderschaft St. Christoph am Arlberg mit, welche unverschuldet in Not geratene Familien und Personen unterstützt. Außerdem engagiert sich Haller in mehreren Wohltätigkeitsorganisationen, unter anderem als Obmann des Fördervereins zum Bildungshaus Batschuns.Bildungshaus Batschuns

Basierend auf der Grundidee seines Buches Die Macht der Kränkung schrieb Agnes Pluch das Drehbuch zur ORF/ZDF-neo-Serie Am Anschlag – Die Macht der Kränkung von Regisseur Umut Dağ.

Aufsehenerregende Gutachten Gutachten über Jack Unterweger 1994 wurde Haller zum psychiatrischen Gutachter im Schwurgerichtsprozess gegen Jack Unterweger, dem ersten großen europäischen Prozess gegen einen mutmaßlichen sexuellen Serienmörder, bestellt. Unterweger lehnte psychiatrische Untersuchungen vorerst kategorisch ab. Im Verlauf des Prozesses erklärte er sich schließlich zu Befragungen durch Haller bereit.

Haller stellte fest, dass Unterweger an keiner Geisteskrankheit litt, wohl aber am Syndrom des malignen Narzissmus. Dieses erstmals vom austro-amerikanischen Psychoanalytiker Otto Kernberg (1985, 1996) beschriebene Störungsbild, bestehend aus narzisstischer Persönlichkeitsstörung, antisozialem Verhalten, ichsyntoner Aggression und Sadismus sowie einer ausgeprägten paranoiden Haltung, ließ sich bei zahlreichen Massen- und Serienmördern feststellen.

Unterweger, der 1976 wegen eines sadistischen Sexualmordes zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden war und sich im Gefängnis zum Schriftsteller empor gearbeitet hatte, wurde 1990 als der österreichische Rehabilitationsfall schlechthin vorzeitig entlassen. Danach tötete er laut Gerichtsurteil innerhalb von eineinhalb Jahren elf Prostituierte in Europa und den USA, bekannte sich jedoch nie schuldig. Bei der psychiatrischen Untersuchung konnte Haller zahlreiche Elemente des malignen Narzissmus und eine für Serientäter typische entwicklungs- und lebensgeschichtliche Konstellation nachweisen.„Das Böse beginnt dann, wenn der Mensch sich nicht in andere hineinfühlt“. Reinhard Haller im Gespräch mit Ulrike Timm in Deutschlandradio Kultur vom 2. April 2012, abgerufen am 3. April 2012.

Gutachten über „Bombenhirn“ Franz Fuchs Der kriminologisch und psychiatrisch Aufsehen erregende Politattentäter Franz Fuchs verweigerte sich lange Zeit einer psychiatrischen Begutachtung. Haller schaffte es schließlich, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Fuchs hatte von Dezember 1993 bis Dezember 1996 in Österreich und Deutschland sechs Briefbombenserien initiiert und drei Sprengstoffattentate verübt, welche insgesamt 35 Verletzte und 4 Todesopfer forderten.https://www.falter.at/falter/2015/02/03/was-von-oberwart-bleibt/ Zu den Anschlägen, die durchwegs gegen Personen und Institutionen mit Engagement in Ausländerfragen gerichtet waren, hatte sich damals in zahlreichen Schreiben eine Gruppierung namens BBA ("Bajuwarische Befreiungsarmee") bekannt. Als Motiv für die Verbrechen wurden die angeblich drohende Überfremdung Österreichs und die Gefahr des Niedergangs der deutschsprachigen Volksgruppe genannt.https://www.vorarlbergernachrichten.at/politik/2015/02/04/ein-mahnmal-gegen-fremdenhass.vn

Fuchs geriet zufällig in eine polizeiliche Verkehrskontrolle, fühlte sich ertappt, flüchtete aus seinem Auto und versuchte sich durch Zündung einer mitgeführten Rohrbombe zu töten. Er verlor dabei beide Hände und verletzte die ihn verfolgenden Polizeibeamten. Im Vorverfahren zeigte er sich sehr kooperativ, gab eine Fülle von (selbstbezichtigendem) Insiderwissen preis, bezeichnete sich als Mitglied der BBA, ließ allerdings bis zuletzt offen, ob er als Einzeltäter oder in Gemeinschaft mit weiteren Personen gehandelt hatte. Der Teilnahme an der Schwurgerichtsverhandlung entzog er sich konsequent durch anhaltendes Brüllen ausländerfeindlicher Parolen, was regelmäßig den Ausschluss von den Sitzungen zur Folge hatte. Das Gericht, welches von einer Einzeltäterschaft ausging, verurteilte ihn zu lebenslanger Haft und wies ihn in eine Anstalt für (zurechnungsfähige) geistig abnorme Rechtsbrecher ein. Dort gelang es ihm trotz Amputation beider Unterarme und fehlender prothetischer Versorgung, sich in einer intensiv überwachten Zelle zu erhängen.

Diagnostisch stellte Haller in seinem Gutachten eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit schizoiden, paranoiden, fanatischen und narzisstischen Anteilen fest. Der schon als Kind einzelgängerische, extrem intelligente (IQ 149) Mann hatte sich nach zahlreichen beruflichen und privaten Enttäuschungen völlig zurückgezogen und richtete sein ganzes Leben auf die anfangs fanatische, später wahnhaft werdende Idee aus, Österreich vor einer drohenden Überfremdung schützen zu müssen. Er entwickelte einen psychodynamisch auch als Selbstbestrafung zu interpretierenden Verfolgungswahn, der letztlich zu seiner Verhaftung führte.Die Attentate des Franz Fuchs – 25 Briefbomben, zwei Rohrbomben, tt.com vom 4. Februar 2015

Haller wies in mehreren späteren Publikationen auf die verblüffende Ähnlichkeit zum Fall des "Unabombers" Theodore Kaczynski hin. Er beschrieb die Bombenattentate als einen einmaligen Fall der Kriminalgeschichte, in dem alle Rollen eines Verbrechens – vom Täter über die Ermittler bis zum Richter und Henker – von einer einzigen Person wahrgenommen werden.

Hallers Rolle im Verfahren gegen Franz Fuchs fand Niederschlag im Einpersonenstück Der Patriot des Dramatikers Felix Mitterer und in der preisgekrönten Filmdokumentation Franz Fuchs – ein Patriot von Elisabeth Scharang.

Umstrittene Gutachten Haller wies stets auf die großen gutachterlichen Probleme bei der Beurteilung von NS-Tätern hin, da hier der Experte unter enormen öffentlichen Druck gerät."Talk im Hangar", Servus TV, vom 11. Mai 2012

Gutachten über NS-Euthanasie-Arzt Heinrich Gross Nach der Weigerung zahlreicher Sachverständiger, die Beurteilung des österreichischen Euthanasiearztes Heinrich Gross zu übernehmen, übernahm Haller das Gutachten. Er bejahte in einem ersten Gutachten (Aktenzahl 23 b Vr 12100/97, Landesgericht für Strafsachen Wien) dessen Zurechnungsfähigkeit und Einvernahmefähigkeit. Dadurch wurden alle Ermittlungen erstmals möglich.

Bei einer neuerlichen Untersuchung kurz vor der Verhandlung im März 2000 wies Haller auf die zwischenzeitlich eingetretene vaskuläre Demenz von Gross hin. Infolge dieses Gutachtens wurde das Verfahren gegen Heinrich Gross im Jahre 2000 nicht wieder aufgenommen. Zwei Experten äußerten Bedenken an Hallers Methoden und Befund: Der Psychiater und Gerichtssachverständige Peter Stastny und der Psychologe und Sachverständige Klaus Burtscher, welcher allerdings mit einem Unterlassungsurteil belegt wurde und die wesentlichen Vorwürfe gegen Haller öffentlich widerrufen musste. Stastny stellte zum Gutachten fest:

Nachdem Gross im Anschluss an das Verfahren ausführliche Interviews über den Zweiten Weltkrieg gab, verschärfte sich die öffentliche Diskussion um den Fall und die Gutachten. In den nachfolgenden zivilrechtlichen Verfahren kamen die Gerichte nach Einholung internationaler Gutachten allerdings zum Schluss, dass psychologische Tests lediglich austauschbare Hilfsbefunde seien, mit denen weder psychiatrische Diagnosen gestellt noch rechtsrelvante Gutachtensfragen beantwortet werden könnten und dass die von Haller verwendeten Methoden dem State of Art der Forensischen Psychiatrie entsprachen.

2001 untersuchte Volker Dittmann, Ordinarius für Rechtsmedizin und forensische Psychiatrie an der Universität Basel, Gross aufs Neue. Er bestätigte Hallers Beurteilung.Gutachter-Konflikt geht weiter.’’ auf orf.at, 11. April 2012. Gesichtet am 12. Juni 2013. DiePresse.com: Justiz: Zweifel an Gross-Gutachten. Artikel vom 9. August 2010.„Der Standard“ vom 4. Dezember 2002 Anfragebeantwortung von Justizministerin Karin Miklautsch Nach dem Tod des Beschuldigten im Jahr 2005 wurden im April 2006 sämtliche Verfahren gegen ihn eingestellt."Prozessbeschreibung" Gesichtet am 30. Juli 2014